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Texte von Necla Kelek

   

Inhaltsverzeichnis
Die falsche Spur - Sexuelle Gewalt unter Aleviten
Freiheit, die ich meine
Das Minarett ist ein Herrschaftssymbol
Bist du nicht von uns, dann bist du des Teufels
Der Fall Sürücü - Zum Ehrenmord an Hatun Sürücü
Eure Familien, unsere Familien
Die Stereotype des Mr. Buruma
Heimat, ja bitte! - Wie Integration gelingen kann
Scharia, nein! - Die deutschen Türken müssen sich ändern
Sie haben das Leid anderer zugelassen!
Entgegnung - Necla Kelek antwortet 60 Migrationsforschern
Anwälte einer Inszenierung - Islambonus im Ehrenmordprozess?
Islamkonferenz  - Sie wollen ein anderes Deutschland
Muslime missbrauchen Rassismusbegriff
Importbräute für verlorene Söhne
Frauen werden zu Unruhestifterinnen stigmatisiert
Glück gibt es nur ohne den Vater
Das ist eine Art Paschatest - Necla Kelek verteidigt Muslim-Fragebogen
Geschwister-Scholl-Preis an Türkei-kritische Schriftstellerin
Es sind verlorene Söhne - Gewalt in muslimischen Familien
Warum türkische Gemüsehändler mit Sarrazin kein Problem haben
Dr. Necla Kelek's Bericht an die Islamkonferenz
Die Muslime und der Holocaust
Ein Recht auf Minarette? - Gerhard Schröders fauler Friede
Necla Kelek kritisiert Duckmäusertum vor Islam
Ihr habt mit Hass gekocht - Kritik an der Islamkritik (22.01.2010)
Wer schützt die Muslime vor den Islamverbänden? (22.03.2010)
Euphorie der Freiheit (29.03.2010)
Der Islam erniedrigt die Frauen (15.04.2010)
Sexueller Missbrauch in Moscheen (22.04.2010)
Leseprobe aus Necla Keleks Buch „Himmelsreise“ (22.04.2010)
Video-Diskussion zu Necla Keleks Buch „Himmelsreise“ (09.05.2010)
Die Islamverbände sind die größten Integrationsverhinderer (17.06.2010)
Muslime beim Arztbesuch (Chaos der Kulturen) (07.06.2012)
Warum fragt mich niemand, woher ich komme? (21.06.2012)
Necla Kelek: Die Anhänger des Fethullah Gülen (15.10.2010)
Die Beschneidung – ein unnützes Opfer für Allah (28.06.2012)
Der Tugendterror der wütenden Salafisten (19.09.2012)
Warum Heinz Buschkowsky Recht hat (28.09.2012)
Die Beschneidung ist ein Akt der Unterwerfung (18.12.2012)
NSU-Opfer: Semiya Simseks Trauer um ihren ermordeten Vater (10.03.2013)
Islam und Sex: Die arabische Lust in allen Details (04.04.2013)
Das Versagen der Islamkonferenz gegenüber Kindern (12.05.2013)
Sozialdemokratischer Kniefall (17.06.2013)
Der politische Islam bleibt eine Gefahr für uns alle (09.07.2013)
Dr. Necla Kelek: Das Kopftuch gehört nicht zu Deutschland! (30.03.2015)
Necla Kelek warnt davor, die muslimischen Flüchtlinge den Islamverbänden zu überlassen (29.09.2015)
Necla Kelek: Deutschland und die muslimischen Zuwanderer (03.10.2015)
Necla Kelek: Flucht: "Diese Frauen sind rechtlich nicht geschützt" (30.10.2015)
Necla Kelek: Anschläge in Paris: Der Islam: Gewalt oder Reform? (17.11.2015)
Necla Kelek: Die Übergriffe von Köln und die Folgen (10.01.2016)
Necla Kelek: "Der Islam schreibt ganz klar vor, dass der Mann über der Frau steht" (15.01.2016)
Necla Kelek mahnt: Ditib wird aus Ankara gesteuert (10.08.2016)
Necla Kelek: Das ist keine Teilhabe, das ist Landnahme (12.12.2016)



Die falsche Spur      Top

Von Necla Kelek - 21.01.2008

Necla KelekAleviten aus aller Welt empören sich über einen deutschen Krimi. Die Gemeinde stilisiert sich als Opfer von Diskriminierung, um unter den muslimischen Vereinen in der Öffentlichkeit ihren Platz zu finden. Dabei entspricht das im Film gezeigte Szenario durchaus der Realität.

Die Aufregung der alevitischen Gemeinde und anderer Migrantenverbände über den "Tatort"-Krimi "Wem Ehre gebührt" macht stutzig - stehen doch Anlass und Aufregung offenbar in keinem Verhältnis. Soll hier durch Empörung über Vorurteile gegenüber Aleviten vielleicht etwas anderes bewirkt werden? Jeden Tag werden im Kino, im Fernsehen und in der Literatur fiktive Verbrechen gezeigt, und wenn wir genau hinsehen, steckt in jeder Biografie eine ganze Welt.

Bei dem Protest geht es um zwei Dinge, die gar nicht Thema des Films waren. Zum einen versucht die alevitische Gemeinde seit langem Anerkennung, vor allem Gleichberechtigung gegenüber den anderen muslimischen Richtungen, den Schiiten und Sunniten, zu erlangen. Und zum anderen wollen die Aleviten - ganz nach dem Motto "Wehret den Anfängen" - verhindern, dass die Binnenverhältnisse ihrer Gemeinschaft, das Verhältnis der Aleviten zu ihren Frauen, die Verhältnisse in ihren Familien an die Öffentlichkeit geraten. Denn die ist nicht anders als bei den Sunniten oder Schiiten.Die Aleviten sind nicht im Koordinierungsrat der Muslime (KRM) vertreten, weil die anderen Verbände sie, bis jetzt, nicht als Muslime akzeptieren und die Aleviten sich bewusst als eigenständige Glaubensrichtung verstehen und sich von ihnen distanzieren.

So ist es ihnen - im Gegensatz zu den anderen Islamvereinen - gelungen, in einigen Bundesländern als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden. Die Aleviten fühlen sich und werden in der Türkei immer schon "kollektiv marginalisiert", das heißt, sie werden ignoriert, verfolgt und ausgegrenzt. Sie unterscheiden sich von anderen Muslimen durch einen anderen Umgang mit Koran und Bibel, verehren den "präexistenten" Ali, folgen anderen Gebetsriten, ihre Frauen tragen kein Kopftuch. Vielen gelten sie deshalb als Musterbeispiel des modernen Islams und der Integration. Den anderen muslimischen Richtungen gelten die Aleviten nicht als "richtige" Muslime, weil sie nicht die "fünf Säulen" des sunnitischen wie schiitischen Islams akzeptieren und praktizieren.

Aleviten verteidigen ihre Ehre

Dass hinter der Aufregung über den "Tatort" mehr stecken muss als die Empörung über einen Film, wird auch schon durch den Aufwand deutlich, mit dem die Aleviten sich selbst in die Öffentlichkeit gedrängt haben. Die Demonstration von 20.000 Leuten ist eine Botschaft an die Politik: Achtung, es gibt viele Aleviten, und die sind bereit, auf die Straße zu gehen, wenn über sie geredet wird. Sie wenden sich gegen das "Anschwärzen", wie das türkische Massenblatt Hürriyet die Darstellung des "Tatorts" nennt, und Verbandssprecher von der Linkspartei bis zur Türkisch-Islamische Union (Ditib) übten Solidarität wegen der angeblichen Ehrverletzung. Bisher waren die Aleviten gewohnt, als die guten oder als die anderen Muslime in Ruhe gelassen zu werden.

Aber nun wird auch über sie in der Öffentlichkeit diskutiert. Und sie zeigen, dass sie, wie andere türkisch-muslimische Männer auch, ihre Ehre verteidigen, wenn es um ihre Töchter und Frauen geht. "Bis zum Tod" war auf einem Transparent in Köln zu lesen. Sie wollen, dass Berichte über ihre Art zu leben weiterhin tabu bleiben. Dabei sollen die Fakten unter den Tisch fallen. Die Aleviten verhalten sich, als wollten sie durch den organisierten Aufschrei die Sache selbst übertönen. Tatsächlich stellen in der türkisch-muslimischen und besonders auch der alevitischen Community Gewalt und sexueller Missbrauch ein ernst zu nehmendes und umfassendes Problem dar.

Alle Untersuchungen, ob in Deutschland oder der Türkei, zeigen, dass in den muslimisch-patriarchalisch geprägten Gesellschaften - eben auch unter Aleviten - sexuelle Gewalt Alltag ist. Das Thema wird seit Jahren tabuisiert. Wer es anspricht, den trifft die Wut, und der wird mit allen Mitteln bekämpft und diffamiert. Der Sexualtherapeut Halis Cicek, selbst Alevit, hat erschütternde Berichte und Lebensgeschichten des sexuellen Leidens veröffentlicht. Das Buch heißt "Resmen irza Gecme" (Die erlaubte Vergewaltigung), ist leider nur auf Türkisch erschienen und schildert die Probleme auch in den alevitischen Gemeinschaften über alevitische Männer.

Darin beschreibt Cicek, dass psychisches Elend, sexuelle Probleme wie Impotenz, Depressionen, Sodomie, Pädophilie, Gewalttätigkeiten vieler durch den Zwang zur Heirat, mangelnde Aufklärung durch die patriarchalisch-religiösen Verhältnisse hervorgerufen und reproduziert werden. Der Vorwurf, Inzest und Inzucht seien unter den Aleviten verbreitet, hat neben der diffamierenden Seite ganz reale Ursachen, die nicht nur im religiösen Bereich zu suchen sind, sondern auch mit der besonderen Situation als Minderheit zu tun haben. Bei Aleviten heiraten überwiegend Cousins und Cousinen ersten Grades untereinander.

Grund dafür ist ihre islamische Tradition. Mohammed verheiratete seine Tochter Fatima mit seinem Neffen Ali, Cousin und Cousine ersten Grades. Sie gelten als Begründer des Alevitentums, und ihr Beispiel ist Vorbild. Alle alevitischen Geistlichen müssen aus dieser einen Familie entstammen. Und es gibt in der Tradition dieser Glaubensrichtung wie auch bei sunnitischen Kurden und Türken in Ostanatolien die Sitte der "Besik kertmesi", der Babyhochzeit. Dabei werden Mädchen bei der Geburt oder kurz danach von den Eltern dem Sohn einer verwandten Familie als Braut versprochen. Die eigentliche Hochzeit wird dann bei Geschlechtsreife vollzogen. Wer das Versprechen nicht einhält, muss mit Zwang bis hin zu Mord und Blutrache rechnen.

Bei meinen Recherchen im Herbst 2007 in den hauptsächlich von alevitischen Kurden und Türken bewohnten Gebieten in Südostanatolien berichteten Frauenorganisationen, dass der "Zwang zur Heirat" für alle gilt, dass aber besonders Kindesheirat und Verwandtenehe immer noch Praxis in den Dörfern und dass sexueller Missbrauch an der Tagesordnung ist, dass fast die Hälfte der Mädchen im Alter von 12 bis 16 Jahren verheiratet werden. Auch die Anzahl der Suizidfälle unter jungen Frauen ist erschreckend hoch.

Die Empörung der sich in Deutschland aufgeklärt und säkular gebenden Aleviten müsste diesen Missständen und den missbrauchten Frauen und Mädchen ihrer Glaubensgemeinschaft gelten. Das wäre die "offene und ehrliche Debatte", die der Vorsitzende der alevitischen Gemeinde Ali Toprak immer fordert. Den anderen muslimischen und türkischen Verbänden ist die Aufregung nur recht, kann man sich wieder mal gemeinsam als Opfer fühlen und gegen die böse deutsche Gesellschaft wettern.

Die böse deutsche Gesellschaft

Man denkt in diesen Fragen gleich: Das Leben der Muslime, besonders ihr Verhältnis zu den Frauen, geht die Deutschen nichts an. Solidarität und gemeinsames Auftreten unter Muslimen und Türken steht wieder, vor allem seit der Wahlkampfdiskussion um die Jugendkriminalität, an erster Stelle der Tagesordnung. Man kämpft dafür, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, um gleichzeitig weiter unbeobachtet "sein religiöses Leben" führen zu können. Deshalb wird man nicht gemeinsam gegen das Gewaltproblem von jugendlichen Migranten tätig, sondern man beklagt die Vorverurteilung der Migranten durch die Politik.

Vor einer Woche hat der KRM zu einer Konferenz geladen, auf der sich die Muslimvertreter vor der Islamkonferenz gegen "Islamophobie" und Ausländerfeindlichkeit positionieren wollen. Zu einem konstruktiven Bekenntnis zur deutschen Gesellschaft konnten sie sich nicht durchringen. Der kleinste gemeinsame Nenner scheint die Ablehnung, die Selbstbeschreibung als Opfer zu sein. Wo Bekenntnis zur Verfassung und Rechtstaat, selbstkritische Prüfung und Diskussion, Diskurs über den Islamismus und die eigenen Probleme gefragt wären, gibt man wieder mal den zu Unrecht unter Generalverdacht stehenden Ausländer. Tatsachen wie Zwangsheirat und Frauendiskriminierung werden als üble Nachrede diffamiert, Religionsfreiheit als Freibrief für unkontrolliertes Handeln verstanden und Kritik als "Islamophobie" abgetan.

Islamverbände, Türkenvereine und Aleviten formieren sich. Sie positionieren sich wieder mal als Opfer der deutschen Gesellschaft. Das ist eine alte und bewährte Masche. Es zeigt aber auch, dass die Migranten- und Islamverbandsfunktionäre nicht in der Lage sind, sich als Teil der deutschen Gesellschaft zu begreifen. Denn dann würden sie anders, nämlich offen mit den eigenen Problemen umgehen und nach gemeinsamen Lösungen suchen. Das ist die eigentliche Nachricht und ein fatales Signal für die Integration.

Die Diskussion über den "Tatort" führte auf die falsche Spur.

NECLA KELEK, geboren 1957, ist Soziologin, Islamkritikerin und Migrationsforscherin. Sie hat über den "Islam im Alltag" promoviert und gilt als eine der streitbarsten Figuren in der Integrationsdebatte. Kelek ist Teilnehmerin in der vom Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) initiierten Islamkonferenz.

Quelle: Die falsche Spur



Freiheit, die ich meine      Top

Von Necla Kelek

15. Dezember 2007 Zurzeit leben etwa fünfzehn Millionen Menschen mit einem anderen als dem deutschen kulturellen Hindergrund in Deutschland, darunter etwa drei Millionen Muslime und von ihnen etwa 2,4 Millionen Menschen türkischer Herkunft. Arbeitsmigration war ein Prozess, der beiden Seiten, der deutschen Wirtschaft und den Migranten, Vorteile brachte, wenn auch die Bedingungen kompliziert waren und die Belastungen ungleich verteilt. Linke und grüne Politik sah und sieht die gewollte Zuwanderung unter anderem immer noch als Mittel der globalen sozialen Umverteilung. Migranten erscheinen als Opfer der internationalen Ausbeutung und sind deshalb zu schützen.

Die Mehrzahl der Zu- und Einwanderer hat sich trotz alledem in die deutsche Gesellschaft integriert oder gar assimiliert. Die deutsche Gesellschaft hat - Fehler und Rückschläge eingerechnet - insgesamt eine große Integrationsleistung vollbracht. Griechen, Italiener oder Portugiesen kamen wie die Türken als Gastarbeiter nach Deutschland. Nicht alle Einwanderergruppen hatten die Neigung, sich in ihre Kultur zurückzuziehen und abzuschotten. Wenn wir von gescheiterter Integration sprechen, müssen wir differenzieren.

Muslimische Enklaven

Das mehrheitlich von Portugiesen bewohnte Viertel in der Nähe der Landungsbrücken am Hamburger Hafen zum Beispiel wird von niemandem als Parallelgesellschaft angesehen, obwohl sehr stark landsmannschaftlich geprägt. Mit seinen Gaststätten, der Musik, den Kultur- und Sportvereinen und der bilingualen Schule bereichert es die kulturelle Vielfalt der Stadt. Hier zeigt sich, dass man die kulturelle Identität bewahren und deutscher Staatsbürger sein kann. Ganz anders die muslimischen Enklaven Hamburg-Wilhelmsburg und Veddel oder bestimmte Viertel in Berlin, in denen Polizistinnen nicht auf Streife gehen, weil sie von den Männern nicht akzeptiert werden, oder in denen arabische Clans mit selbsternannten Friedensrichtern ihre Streitigkeiten untereinander schlichten. Die Menschen sehen sich als Muslim, Türke oder Araber; die eigene Kultur und Religion gibt ihnen Identität - in Abgrenzung zur Mehrheitskultur und nicht als deren Bereicherung.

Wir können davon ausgehen, dass in den nächsten Jahren vor allem in den Großstädten etwa vierzig Prozent der Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund haben. Die aufnehmende Gesellschaft wird nicht auf Dauer die Mehrheitsgesellschaft sein, und wenn sie sich nicht heute auf Werte und Formen des Zusammenlebens verständigt und auch die Einwanderer davon überzeugt, dass die Werte dieser Gesellschaft das menschliche Miteinander zum Wohle des Einzelnen und aller zu regeln verstehen, dann wird unsere Demokratie Schaden nehmen und der gesellschaftliche Frieden gefährdet. Diese Gesellschaft wird sich in Gruppen und Parallelgesellschaften aufspalten. Im Moment will das, glaube ich, niemand.

Freiheit nur für Männer

In diesem Jahr bin ich vierzig Jahre in Deutschland. Die ersten zehn Jahre meines Lebens verbrachte ich in Istanbul und in einem Dorf in Anatolien. Mit neunzehn verließ ich mein Elternhaus, und seit 1994 bin ich deutsche Staatsbürgerin. Ich bin in zwei Kulturen zu Hause, in der türkisch-muslimischen Familie wurde ich sozialisiert, in der deutschen Gesellschaft ausgebildet, lernte den kritischen Blick und den interdisziplinären Diskurs. Für mich bedeutet „Freiheit“ etwas ganz Besonderes. Und auch etwas Neues, denn das, was das deutsche Wort bedeutet - „unabhängig sein“ -, ist in der türkisch-muslimischen Erziehung kein Wert. „Freiheit“ habe ich als Kind nur als etwas Fremdes, den Männern Vorbehaltenes kennengelernt. In der muslimisch-türkischen Gesellschaft wird das Kind nicht zum Individuum, zur selbständigen Person, sondern zum Sozialwesen erzogen, das vor allem zu gehorchen und der Familie, der Gemeinschaft, zu dienen hat. Insbesondere dann, wenn es ein Mädchen ist. Nicht das Individuum, sondern die Gemeinschaft ist in der türkischen, besonders aber in der muslimischen Kultur prägend. Das Kollektiv wird über das Individuum gestellt.

Der Einzelne wird als Teil der Familie, des Clans, des Landes gesehen, und so haben zum Beispiel die Gruppenziele in der türkischen Verfassung eine größere Bedeutung als der Schutz des Individuums. Aus ebendiesem Grund versuchen türkische und muslimische Verbände, auch ihre Interessen als Gruppe durchzusetzen. „Hürriyet“ heißt auf Türkisch Freiheit. Dieses Wort stammt von dem arabischen Begriff hurriya ab, der in seiner ursprünglichen Bedeutung das Gegenteil von Sklaverei meint, und nicht das, was in der westlichen Tradition mit „libertas“ verbunden wird, die Befreiung des Einzelnen von jedweder, auch religiöser Bevormundung. Für gläubige Muslime besteht Freiheit in der bewussten Entscheidung, „den Vorschriften des Islam zu gehorchen“. So wird von den Islamvereinen auch das Grundrecht „Religionsfreiheit“ verstanden, nämlich als Recht, in diesem Land dem Islam gehorchen zu dürfen. Dass diese Auffassung so ganz anders ist als unser europäischer Begriff von Freiheit, markiert die kulturelle Differenz.

Der Gewalt ausgeliefert

Als Jugendliche fragte ich meine Mutter, wann ich frei sein würde, in dem Sinne, wann ich denn für mich entscheiden könne, was ich tun will. Sie antwortete: „Die Freiheit ist nicht für uns gemacht.“ Sie verstand meine Frage im Grunde auch gar nicht. Für sie war „frei sein“ gleichbedeutend mit „vogelfrei“, das heißt ohne Schutz zu sein. „Frei sein“ ist schutzlos, verlassen sein; die Frau ist im Zweifelsfall der Gewalt der Männer ausgeliefert. Die Männer schützen die Frauen vor der Gewalt fremder Männer. Ist der eigene Mann gewalttätig, so ist das Kismet. Männer, das sind in der Lebenswelt der muslimischen Frauen Beschützer und Bewacher. Und Männer sind die Öffentlichkeit, die Frauen deren Privatheit.

Natürlich gibt es Frauen, denen es gelungen ist, sich diesem kulturellen System zu entziehen, weil es den Anforderungen der modernen Gesellschaft und den Wünschen der Frauen in der heutigen Zeit widerspricht. Und zum Glück bietet unsere Gesellschaft diese Möglichkeit. Diejenigen, die es geschafft haben, sich ihre Freiheit zu nehmen, vergessen aber leider allzu schnell die anderen und sprechen von ihrem Freiraum, als sei der für alle selbstverständlich.

Gehorsam als oberstes Prinzip

Wir haben es hier mit einer muslimischen Vorstellungen folgenden Leitkultur zu tun, die als oberstes Prinzip den Gehorsam gegenüber Gott, als seine Stellvertreter aber auch den Staat, die Älteren, die Männer oder auch den Bruder kennt. Der Islam beansprucht als Offenbarungs- und Gesetzesreligion, alle Lebensbereiche zu regeln. Er kennt nicht, wie der Historiker Dan Diner schreibt, den „Prozess ständiger Interpretation, Verhandlung und Verwandlung dessen, was entweder ins Innere der Person verlegt oder nach außen hin entlassen und durch etablierte Institutionen reguliert wird“.

Wir müssen dies vor Augen haben, wenn wir die kulturellen Werte vergleichen. Wir sprechen von unterschiedlichen Dingen, auch wenn wir dieselben Begriffe verwenden. Freiheit, Anstand, Würde, Ehre, Schande, Respekt, Dialog - mit alldem verbinden westlich-europäische Gesellschaften bestimmte Vorstellungen, die von der islamisch-türkisch-arabischen Kultur ganz anders definiert werden. Es müsste so etwas wie ein Wörterbuch Islam-Deutsch, Deutsch-Islam erstellt werden, das diese Differenzen benennt.

Der Mut zur Bratwurst

Ich selbst musste mir meine Freiheit nehmen, sonst hätte ich sie nicht bekommen. Ich war achtzehn Jahre alt, also volljährig und im letzten Ausbildungsjahr zur technischen Zeichnerin, als ich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit allen Mut zusammennahm, um - was ich lange beschlossen hatte - eine Bratwurst zu essen.

Bratwürste aßen nur die gavur, die Ungläubigen, denn sie bestehen meist aus Schweinefleisch - und Schweinefleisch ist haram, verboten. Ich bestellte also die Wurst und erwartete, dass mit dem ersten Biss sich entweder die Erde auftat und mich verschlang oder ich vom Blitz erschlagen wurde. Die Wurst war nicht besonders lecker, aber das Entscheidende war, dass - nichts geschah.

Schwarze Pädagogik

So harmlos sich diese Anekdote anhört, so exemplarisch ist sie für die Sozialisation vieler muslimischer Kinder. Sie werden vor allem mit Mitteln der „schwarzen Pädagogik“, also mit Angst und oft auch mit Gewalt, zu Sozialwesen erzogen, die der Gemeinschaft, sprich den Älteren, gehorsam zu sein haben. Was erlaubt und verboten, was rein und schmutzig ist, das ist genau definiert. Eine Erziehung zu Selbständigkeit und Selbstverantwortung ist nicht vorgesehen.

Freiheit, wie wir sie als selbstverständlich ansehen, macht vielen Frauen Angst. Sie wissen nicht, was es bedeutet, frei und unabhängig zu sein. Wem von Kindesbeinen an eingebleut wird, dass man zu gehorchen hat, und wer nichts anderes sieht als die eigenen vier Wände, der fürchtet sich irgendwann vor eigenen Entscheidungen, und sei es nur, im Wald spazieren oder allein zum Arzt zu gehen. Ich bin deshalb vehement dafür, dass Kinder, ganz gleich woher sie kommen, erst lernen, sich selbst auszuprobieren. Dass sie schwimmen, auf Berge klettern, in Museen und Theater gehen, dass man verhindert, dass sie „freiwillig“ ein Kopftuch aufsetzen, weil sie erst lernen müssen, unabhängig zu werden und selbständig zu denken.

Selbsterfahrung und Selbstständigkeit

Körperliche und geistige Autonomie ist neben einer guten Ausbildung die Voraussetzung für Freiheit. Ich möchte, dass alle Kinder möglichst früh, bereits im Kindergarten mit dieser Kultur der Selbsterfahrung und Selbstständigkeit in Berührung kommen. Sie lernen das nicht bei einer Mutter, die aus Anatolien kommt, kein Deutsch spricht und nichts von dieser Gesellschaft weiß. Im Grundgesetz ist die Erziehung das Privileg der Eltern, aber es gehört für mich auch zu ihrer Pflicht, dies im Sinne der Freiheit zu tun.

Im türkisch-muslimischen Wertekanon spielt der Begriff „Respekt“ eine große Rolle, ein weiteres Beispiel für Kulturdifferenz. Respekt vor dem Älteren, dem Stärkeren, vor der Religion, vor der Türkei, vor Vater, Onkel, Bruder. Wenn ein Abi, ein älterer Bruder, von Jüngeren oder Fremden „Respekt“ erwartet, fordert er eine Demutsgeste ein, die absolute Orientierung auf den hierarchisch Höherstehenden, auf ein patriarchalisches System.

Unterwerfung und Hingabe

Respekt bedeutet deshalb nichts anderes als Unterwerfung - wie auch das Wort „Islam“. Auch „Islam“ bedeutet im Wortsinn Unterwerfung und Hingabe. „Respekt haben“ bedeutet, die gegebenen Machtverhältnisse anzuerkennen, folglich auch das Prinzip dieser Religion zu akzeptieren. Seine Meinung zu sagen ist für ein Mädchen gegenüber einer Älteren oder gar gegenüber einem Mann undenkbar. Die Unterordnung der Frauen in Frage zu stellen ist undenkbar. Ich habe beobachtet, dass Söhne im Alter von vielleicht 12 Jahren mit ihren Müttern zum Einkaufen gingen und das Portemonnaie in der Hand hielten und zahlten, weil der Junge während der Abwesenheit des Vaters als ältester Mann im Haus das Sagen hat. Die Hierarchie ergibt sich nicht aus einer natürlichen Autorität, sondern wird über Alter und Geschlecht definiert, und dies ist gottgegeben.

Gesellschaftlich und im Glauben passiert etwas Ähnliches. Man muss „Respekt“ gegenüber dem Propheten oder der Religion zeigen und darf keine Kritik üben oder Karikaturen zeichnen, weil man als Muslim - und als Ungläubiger schon gar nicht - kein Recht hat, die göttliche Ordnung in Frage zu stellen. Man hat auch kein Recht, überhaupt Fragen zu stellen. Kritische Fragen zu stellen bedeutet zu zweifeln. Zweifel ist Gotteslästerung. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan gebrauchte in einem Interview die Formel „Unsere Religion ist ohne Fehler“. Mit dieser Feststellung befindet sich der türkische Ministerpräsident theologisch wieder im siebten Jahrhundert.

Individualismus als Egoismus

Wenn wir im Westen von „Respekt“ sprechen, meinen wir damit Hochachtung, Rücksicht und auch „gelten lassen“. Man muss sich den „Respekt verdienen“. Dieses Prinzip der Selbstverantwortung ist vielen Muslimen zutiefst verdächtig. Sie halten Individualismus für Egoismus. Wir müssen uns darüber klar werden, wenn wir uns auf unsere Identität als Europäer besinnen, dass die Errungenschaften unserer Kultur und des Miteinander in Frage gestellt werden - nicht durch einen anderen Glauben oder besondere Formen der Spiritualität, sondern durch eine anderes politisches und gesellschaftliches Ideal, durch ein differentes Welt- und Menschenbild. Diese andere Kultur ist aber nicht tolerant, sondern sie klagt unsere Toleranz ein, um sich selbst zu entfalten. Dort wo sie die Mehrheit hat oder Muslime bestimmend auftreten können, verschwinden diese Freiheiten Schritt um Schritt.

Und sie versucht auf vielen Feldern, das „religiöse Leben“ der Muslime als zu akzeptierende Norm zu etablieren und damit das Leben in unserem Land zu entsäkularisieren. Der Kopftuchstreit und Moscheebauten sind nur ein Teil dieses religiös-politischen Kampfes, der von Muslimen unter dem Schleier der Religionsfreiheit geführt wird.

Lange für Verständnis geworben

Es handelt sich bei der Auseinandersetzung mit dem muslimischen Wertekonsens nicht um Probleme, die man nur „erklären muss, um sie zu verstehen“. Lange haben die Integrationsbeauftragten und Islamkundler so gearbeitet, haben sie für Verständnis geworben, um den Muslimen ein „Ankommen“ in dieser Gesellschaft zu erleichtern. Wenn wir aber genau hinsehen, werden wir erkennen, dass wir es mit einem Wertekonflikt zu tun haben. Er berührt die Grundlagen unseres Zusammenlebens und wird Europa verändern, wenn wir uns nicht zu einer eigenen europäischen Identität bekennen.

Dieser Konflikt ist seit einiger Zeit Thema auf der deutschen Islamkonferenz, an der ich teilnehme. Seit fast einem Jahr diskutieren wir mit den Islamverbänden über eine gemeinsame Erklärung zum Wertekonsens. Der strittige Text lautet: „Grundlage ist neben unseren Wertvorstellungen und unserem kulturellen Selbstverständnis unsere freiheitliche und demokratische Ordnung, wie sie sich aus der deutschen und europäischen Geschichte entwickelt hat und im Grundgesetz ihre verfassungsrechtliche Ausprägung findet.“ Die Islamverbände des Koordinierungsrates der Muslime weigern sich bis heute, dieser Formulierung zuzustimmen.

Leere Verfassung

Dass die Funktionäre des Islam dieser so selbstverständlichen Formulierung nicht zustimmen mögen, hat aber einen einfachen Grund: Sie misstrauen den Wertvorstellungen von Freiheit und Selbstverantwortung. Sie sagen, wir stehen zur Verfassung, meinen damit aber nur das Recht auf Religionsfreiheit, meinen ihr Recht als Gruppe, ungestört ihren Glauben zu leben - nicht aber das Recht auf Freiheit von Religion oder die Freiheitsrechte Einzelner. In der Satzung des muslimischen Koordinierungsrates hat man sich auf die Leitkultur „Koran und Sunna“ festgelegt. Diese muslimischen Vertreter akzeptieren die Verfassung, wollen sie aber nicht mit Leben füllen.

Der Islam kennt keine Hierarchie, keinen Klerus, keine verbindliche Lehre, sondern nur die Tradition. Aber selbst der Koran ist in sich widersprüchlich und der Umgang mit ihm unter Muslimen umstritten, und die Sunna, das Vorbild Mohammeds, ist nichts weiter als Tradition und Sitte gewordene Ideologie. Trotzdem spricht jeder Verbandsvertreter für „den Islam“, andererseits hat je nach Lage jedes Problem - vom Terrorismus bis zur gescheiterten Integration - „nichts mit dem Islam zu tun“. Es gibt keine Verbindlichkeit und damit auch keine Verantwortlichkeit in dieser Weltanschauung. „Der Islam ist das, was man daraus macht“, sagt Bassam Tibi. Oder, wie ich es ausdrücke, der Islam ist das, was die Islamfunktionäre jeweils dafür ausgeben.

Nicht integrierbar

Für mich ist der Islam als Weltanschauung und Wertesystem nicht in die europäischen Gesellschaften integrierbar und deshalb generell nicht als Körperschaft öffentlichen Rechts anzuerkennen. Das ist keine Frage des guten Willens. Es fehlen die institutionellen, strukturellen und theologischen Voraussetzungen dafür und seinen Vertretern, mit einem Wort von Habermas, „eine in Überzeugung verwurzelte Legitimation“. Der Islam ist nicht integrierbar, wohl aber der einzelne Muslim als Staatsbürger. Er kann in unserer Gesellschaft seinen Glauben und seine Identität bewahren, denn die europäische Toleranz der Aufklärung begreift die Angehörigen aller Religionen als gleichberechtigt.

Ein grundlegendes Problem des Islam ist die fehlende Trennung von Staat und Religion, die spätestens mit der Einführung der Orthodoxie im Jahr 847 staatliche muslimische Tradition wurde. In den christlichen Gesellschaften fand die Trennung von Religion und Staat im Zuge der Aufklärung statt. Unter Säkularisierung wird die „Verweltlichung“ einer Gesellschaft verstanden. An die Stelle von Gottes Gesetz trat das von Menschen gemachte „Gesetz“, das Recht. An die Stelle des von Gott gewollten Schicksals trat der sein Schicksal selbst in die Hand nehmende vernunftbegabte Mensch. Wahre Aufklärung ist deshalb auch die Aufklärung des Menschen über seine Grenzen und die Erkenntnis, eigenverantwortlicher Gestalter des Diesseits zu sein und nicht Vollstrecker eines jenseitigen Auftrags. Der Glaube wurde dadurch nicht abgeschafft, auch nicht bei den Christen.

Die Soziologin Necla Kelek, geboren 1957, veröffentlichte zuletzt das Buch „Die verlorenen Söhne“.

Quelle: Freiheit, die ich meine



Das Minarett ist ein Herrschaftssymbol      Top

Zum Kölner Moscheenstreit  -  Von Necla Kelek

06. Juni 2007 Ralph Giordano hat einen Fehler gemacht. Er hat sich beklagt, dass Islamorganisationen in Köln eine Großmoschee bauen wollen, obwohl es seiner Meinung nach ein falsches Zeichen für die Integration ist. Und er hat sich darüber mokiert, dass in Köln Frauen im Tschador herumlaufen. Prompt wurde er bedroht und beschimpft, weil er religiöse Gefühle beleidigt habe. Sein Fehler war, dass er es gewagt hat, die religiösen Motive der Moscheebauer in Zweifel zu ziehen. Dafür glaubt man, ihn abstrafen zu dürfen.

Aber Ralph Giordano hat recht. Der Islam ist und macht Politik. Die Kopftücher, die die Gesichter der Frauen einschnüren, und die farblosen Mäntel, die die Körper der Frauen verbergen sollen, sind das modisch Unvorteilhafteste, was Schneider je zusammengenäht haben, nur noch übertroffen vom schwarzen Zelt, dem Tschador: Er macht die Frauen zu einem entpersönlichten Nichts. Als Muslimin verwahre ich mich dagegen, dass diese Frauen solch eine Verkleidung im Namen des Islam tragen. Es gibt dafür keine religiösen, sondern nur politische Begründungen.

Ein sozialer, kein sakraler Ort

Wenn man in Ankara die größte Moschee, die Kocatepe Camii besichtigen will, steht man zunächst vor einem Einkaufszentrum. Man geht durch die Hosen- und Hemdenabteilung des Kaufhauses, bevor man den Aufgang zur Moschee findet. Die riesige Moschee ruht in ihrer ganzen Breite auf einem Geschäft. Das hat Tradition im Islam, war der Prophet doch selbst Kaufmann; auch beruhen viele Praktiken dieses Glaubens auf einem Handel mit Gott. Moscheen, masjids, sind Orte, an denen man sich niederwirft, und sie sind in der islamischen Tradition keine heiligen Stätten, sondern Plätze, an denen sich die Männer der Gemeinde zum Gebet und Geschäft versammeln. Die Moschee ist in der islamischen Tradition ein sozialer und kein sakraler Ort. Mohammed traf sich dort mit seinen Getreuen. Der Koran erwähnt Moscheen nur in einem Vers: „. . . in Häusern, hinsichtlich derer Gott die Erlaubnis gegeben hat, dass man sie errichtet und dass sein Name darin erwähnt wird . . .“ (Koran Sure 24, Vers 36).

Moscheen erfüllten, wie der Islamwissenschaftler Peter Heine in seinem Islam-Lexikon schreibt, administrative Funktionen: „Hier fanden die Sitzungen des Stammesrates statt, und sie waren Versammlungsorte, wenn sich die Männer zu einem Kriegszug aufmachten.“ Im Laufe der Geschichte haben sich zwei Arten von Gebetshäusern herausgebildet. Einmal als Gebetsraum für das tägliche Gebet der Gläubigen, und zum anderen die „Freitagsmoschee“, in der am Freitag gebetet und die Predigt gehalten wird. Freitagsmoscheen hatten seit jeher einen politischen Charakter, dort verkündete der Kalif seine Doktrin. Die Kölner Moschee ist von Größe und Ausstattung her kein Gebetshaus, sondern eine „Freitagsmoschee“.

Sie verstecken sich in Kulturvereinen

Es ist im Prinzip nichts dagegen zu sagen, dass in Deutschland solche Gebäude errichtet werden. Es gibt die Religions- und Versammlungsfreiheit. Aber die islamischen Vereine sind keine anerkannten Religionsgemeinschaften. Sie könnten diesen Antrag jederzeit in den Bundesländern stellen. So wie es die Aleviten - eine Glaubensrichtung, die von anderen Islamvereinen nicht als muslimisch anerkannt wird - erfolgreich getan haben. Dachverbände wie „Milli Görus“ und die von der Türkei gesteuerte „Ditib“ (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) haben das versäumt. Sie bauen erst ihre Moscheen und setzen auf eine politische Anerkennung auf Bundesebene, etwa als Ergebnis der Islamkonferenz. Bis dahin verstecken sie sich in Kulturvereinen und hinter anderen rechtlichen Hilfskonstruktionen. Das erspart kritische Fragen nach Mitgliedern, Finanzierung und dem Einfluss fremder Regierungen auf ihre Statuten.

Moscheen sind selbst nach muslimischer Lesart keine Sakralbauten wie Kirchen oder Synagogen, sondern „Multifunktionshäuser“. Das wird gern verschwiegen. So wie der Islam eben keine Kirche ist. Der Islam begreift sich nicht nur als spirituelle Weltsicht, sondern als Weltanschauung, die das alltägliche Leben, die Politik und den Glauben als eine untrennbare Einheit sieht. Eine verbindliche theologische Lehre gibt es nicht.

Keimzellen einer Gegengesellschaft

In diesem Sinne haben viele Islamvereine in Deutschland die Funktion einer Glaubenspartei, einer politischen Interessenvertretung. Deshalb ist die Frage des Moscheebaus auch keine Frage der Glaubensfreiheit, sondern eine politische Frage. Bau- und Vereinsrecht sind da überfordert. Ein Kriterium für die Erteilung der Baugenehmigung für ein Gebäude eines politischen Islamvereins müsste deshalb die positive Beantwortung der Frage sein: Werden dort die Gesetze eingehalten? Wird, zum Beispiel, dafür gesorgt, dass Frauen nicht diskriminiert werden? Und eine zweite Frage darf und muss gestellt werden: Dienen sie der Integration? Hier sind Zweifel angebracht. So wie in vielen Moscheen in Deutschland der Islam praktiziert wird, erweist er sich als ein Hindernis für die Integration. Diese Moscheen sind Keimzellen einer Gegengesellschaft.

Vor allem die größeren Moscheen in Deutschland entwickeln sich zu „Medinas“. Dort praktizieren die Muslime, was sie das Gesetz Gottes nennen. Dort wird eben nicht nur die Spiritualität gepflegt und sich um das Seelenheil der Gläubigen gesorgt, sondern dort wird das Weltbild einer anderen Gesellschaft gelehrt und ein Leben im Sinne der Scharia praktiziert. Dort üben schon Kinder die Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft, dort lernen sie die Gesellschaft in Gläubige und Ungläubige zu unterscheiden, dass Frauen den Männern zu dienen haben, dass Deutsche unrein sind, weil sie Schweinefleisch essen und nicht beschnitten sind.

Diese Moscheen entwickeln sich zu Zentren, in denen wie in einer kleinen Stadt alle Bedürfnisse abgedeckt werden. So finden sich meist in unmittelbarer Nähe, oft in örtlicher Einheit, die Koranschule, koschere Lebensmittelläden, Reisebüros, der Friseur, das Beerdigungsinstitut, Restaurants, Teestuben und anderes mehr - eben alles, was ein Muslim außerhalb seiner Wohnung braucht, wenn er nicht nur beten, sondern auch nichts mit der deutschen Gesellschaft zu tun haben will.

Das kann kein Integrationsmodell sein

Frauen werden - es soll eine Ausnahme geben - nur in separaten Räumen geduldet. Eine Demokratie, vor allem unsere Gesellschaft lebt aber davon, dass Männer und Frauen gemeinsam in der Öffentlichkeit Verantwortung tragen, sie haben gleiche Rechte, und sie müssen gleich behandelt werden. Die Trennung der muslimischen Gemeinde in die der Männer, die in der Moschee sitzen, beten und ihre Geschäfte machen, und die der Frauen, die in ihre Wohnungen verbannt sind, kann kein Integrationsmodell sein. Wenn über Moscheebau diskutiert wird, muss darum die Frage gestellt werden, welche Möglichkeiten der gleichberechtigten Teilhabe die Frauen haben. Solange aber Moscheen archaische und patriarchalische Strukturen befördern, sind solche Häuser für mich nicht akzeptabel. Und ich verstehe auch die Repräsentanten und Vertreter der meisten Parteien nicht, die Toleranz für die Muslime einfordern und gleichzeitig zulassen, dass Frauen auf diese Art diskriminiert werden.

Muslime beklagen oft, dass sie ihre Gebetsräume in Wohnungen oder stillgelegten Fabriketagen einrichten mussten. Dabei ist dies durchaus nicht unmuslimisch oder diskriminierend. Die Ur-Moschee war Mohammeds Wohnhaus in Medina: ein Hof mit offener Säulenhalle. Erst als der Islam christliche Kirchen eroberte, änderte sich auch die Architektur der Moscheen. Die Kuppel, wie sie jetzt auch den Kölner Entwurf ziert, verdankt ihre Idee dem Rundzelt, aber ihre Durchsetzung der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen. Durch Umwidmung des Kuppelbaus der byzantinischen Hagia Sophia zur Moschee wurde eine christliche Kirche zum Vorbild für die türkische Moschee. Minarett und Kuppel wurden Zeichen osmanischer Herrschaft - auch in Mekka.

Ein politisches Statement des Islam in Beton

Der Entwurf für die Kölner Moschee nimmt diese Tradition des Gestus der Eroberung auf. Eine offene Kuppel mit stilisierter Weltkugel zeigt noch keine Weltoffenheit. Es ist entscheidend, was darunter passiert. Man könnte diese Kuppel und das Minarett auch als Hegemonieanspruch deuten, ganz so wie der Islam sich als „Siegel“, als Vollendung der Religionen begreift und den Anspruch auf Weltherrschaft reklamiert. Jedenfalls steht auch dieser Entwurf in osmanischer Tradition und zielt weder von der äußeren Form, noch von der inneren Funktion her auf Erneuerung oder Integration. Die Architekten haben geliefert, was ihre konservativen Auftraggeber wollten: ein politisches Statement des Islam in Beton. Damit steht der Streit um den Bau der Kölner Moschee in einer Linie mit dem Streit um das Kopftuch. Freitagsmoscheen im Stadtbild sind wie die Kopftücher auf der Straße ein sichtbares politisches Statement. Es soll sagen: Wir sind hier, wird sind anders, und wir haben das Recht dazu. Das haben sie tatsächlich. Nur müssen sie sich dann auch gefallen lassen, dass gefragt wird, was sie mit diesem Recht anfangen und für diese Gesellschaft tun. Oder geht es nur um Abgrenzung?

Die islamischen Organisationen drängen auf öffentliche Anerkennung. Sie wollen mit den christlichen Kirchen gleichgestellt werden. Wie kann man diesen Anspruch besser deutlich machen als mit Steinen, die sagen: Seht her, wir haben auch solche Gebäude wie Christen und Juden? Dass sich gegen eine solche Politik Widerstand erhebt, ist verständlich. Denn die Muslime in Deutschland haben ein großes Problem: das der Glaubwürdigkeit. Wort und Tat liegen zu oft und zu weit auseinander. Öffentlich gibt man sich verfassungstreu, doch was in den Gemeinden gedacht und gemacht wird, das wird verschleiert, dort gibt es keine wirkliche Transparenz.

Anderswo wären muslimische Spenden besser aufgehoben

Mich beschämt, wie sich viele Vertreter der Muslime in Deutschland präsentieren. Es gibt eine Reihe großer sozialer Probleme: mit der deutschen Sprache, in den Familien, mit der Erziehung, in Fragen der Gleichberechtigung. Es gibt das Problem der Jungenkriminalität, der Gewalt in der Familie und mit der Integration. Das sind drängende Fragen, deren Lösung das Engagement und die millionenteuren Spenden der Muslime eher bräuchten als die Demonstration von Stärke durch Repräsentativbauten. Doch immer, wenn diese sozialen Probleme angesprochen werden, wird sofort behauptet, das habe nichts mit dem Islam zu tun. Doch eine Religion, die den Anspruch erhebt, alle Aspekte des öffentlichen und privaten Lebens eines Gläubigen in Vorschriften und Gebote zu fassen - und dies über vierundzwanzig Stunden eines jeden Tages - kann sich nicht bei erstbester Gelegenheit vor den Folgen dieses Anspruches drücken.

Wo ist die Spendenkampagne islamischer Organisationen, die es allen Muslimen ermöglicht, Deutsch zu lernen? Wo sind die Initiativen für frühkindliche Bildung, wo die Aktion für die Gleichberechtigung der Frau? Fehlanzeige. Man hat Geld für Architekten und Anwälte und Beton, man gründet Koordinierungsräte und fordert Anerkennung, ohne auch nur einen Gedanken darauf zu verschwenden, was Muslime für diese Gesellschaft tun könnten und was sie ihr verdanken. Religionsfreiheit zum Beispiel, die den Christen, Aleviten, Aramäern in der Türkei und anderen islamischen Ländern verwehrt wird.

Muslime müssen sich Fragen gefallen lassen

Die Zahl der Sekten und konkurrierender Glaubensrichtungen des Islam ist kaum zu überschauen, doch wird vorgegeben, man trete gemeinsam auf und es wird die taqiyya, die Kunst der Verstellung und des Verschweigens der wahren Haltung gegenüber „Ungläubigen“ praktiziert. Die Initiatoren der Kölner Moschee sind Vertreter der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Was die Ditib in Deutschland vorführt, ist Politik im Auftrag der türkischen Regierung, nicht aber im Interesse der Muslime, die mehrheitlich zu vertreten sie jedoch vorgibt.

Die Organisationen sollten sich deshalb nicht wundern, wenn die Sorge und das Misstrauen wachsen, zumal sie auf Kritik immer wieder beleidigt reagieren. Für unsere westliche Gesellschaft gilt der Satz von Max Frisch: „Demokratie bedeutet, sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen.“ Der Islam ist eine Realität in Deutschland. Und er ist deshalb eine Angelegenheit der ganzen deutschen Gesellschaft. Muslime müssen es sich gefallen lassen, wenn andere sie fragen, wie sie leben wollen und wie sie es mit den Grundwerten dieser Gesellschaft halten. So wie es Ralph Giordano in Köln getan hat.

Quelle: Freiheit, die ich meine



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Zur Integration der Muslime - Von Necla Kelek

25. April 2007 In dieser Woche treffen sich die Vertreter der Islamkonferenz zum zweiten Mal in ihren Arbeitsgruppen. Es geht um die Integration der Muslime und somit um das Verhältnis der Religion, des Islam zur Gesellschaft, um Menschenrechte, die unteilbar sind, auch für muslimische Frauen und Männer. Es wird über europäische Werte wie die Religionsfreiheit gestritten und den säkularen Staat. Die Publizistin und Soziologin Necla Kelek („Die fremde Braut“) setzt sich in ihrer Streitschrift mit den Prämissen auseinander, unter denen diese Gespäche geführt werden. Ohne kritische Auseinandersetzung mit dem historischen Kontext, dem Koran, islamischen Traditionen und Sitten, der Freiheitsfeindlichkeit und dem kollektivistischen Gesellschaftsmodell, das der Islam verfolgt, werde es keine Integration der Muslime in Europa geben. Islamwissenschaftlern wie Tariq Ramadan wirft sie Frauenfeindlichkeit und eine Gegenaufklärung vor, die das Ziel hat, die europäische Moderne zu islamisieren und den Westen zu diffamieren.

In den aktuellen Grenzen der Europäischen Union leben zurzeit mehr als zwanzig Millionen Menschen, zwölf Millionen davon sind Migranten in Westeuropa, die zu den Muslimen gerechnet werden und deren Zahl sich in den kommenden Jahren verdoppeln wird. Erfüllen sich die Wünsche der Türkei, wird der Islam in absehbarer Zukunft ein bedeutender Faktor nicht nur der Außen-, sondern auch der europäischen Innenpolitik sein. Die Auseinandersetzung mit dem, was Islam ist und wie er gelebt wird, berührt also den Kern der europäischen Zukunft.

Der Islam selbst hat in den 1400 Jahren seiner Geschichte in Europa so gut wie keine Wurzeln schlagen können. Der Islam ist eine arabische Religion, auch wenn sie sich universalistisch gibt. Er kennt keine Individualität, sein Menschenbild ist nicht gerüstet für die Moderne, die den selbstverantwortlichen Einzelnen braucht; der Islam verfolgt ein anderes, ein kollektivistisches Gesellschaftsmodell. Der Islam hat nicht nur den Anspruch, ein Glaube zu sein, sondern er steht als Religion für die Einheit von Leben, Glauben, Gesetzen und Politik. Dies widerspricht der Säkularisierung. Der Islam versucht, seine Rechte als Kollektiv von Gläubigen einzufordern, wobei die aufgeklärte Gesellschaft zuallererst das Recht des Einzelnen schützt.

Die militärischen Eroberungszüge scheiterten

Wenn jemand bei uns die Haltung der katholischen Kirche zur Verhütung oder zur Homosexualität kritisiert, würde niemand auf die Idee kommen, dass damit zugleich der katholische Glaube an sich oder die Religiosität Einzelner in Frage gestellt wird. Kritisiert man aber die Haltung der Muslime zu Frauen und nennt man diese unmenschlich, kommt der Einwand, man könne doch den Glauben nicht in Frage stellen. Das ist das Dilemma des Islam: dass er im Persönlichen ein Weg zur Spiritualität sein kann, dass niemand das Erleben des Einzelnen in Frage stellen will, sich aber der einzelne Muslim als ein der Gemeinschaft verpflichtetes Sozialwesen verhält, das die eigene Anschauung für das Ganze hält.

Die ersten beiden großen Versuche des Islam, in Europa Fuß zu fassen, waren militärische Eroberungszüge und scheiterten - im siebten Jahrhundert in den Schlachten von Tours und Poitiers und 1683 vor Wien. Nach seiner intellektuellen Blütezeit im neunten Jahrhundert, als sich Mohammeds Lehre mit der Ratio des Aristoteles zu vereinen schien und die Neugier die Wissenschaften entfachte, gewann der Islam beispielsweise durch den islamischen Gelehrten Ibn Rushd, genannt Averroes (1126 bis 1198), Einfluss auf das christlich-europäische Denken und eröffnete Europa einen Zugang auf das umfassende Erbe der griechischen Philosophie.

Aber spätestens mit Averroes' Niederlage verschwand der Zweifel und damit auch die Innovationskraft aus dem islamischen Denken und führte zu dem beklagenswerten Zustand, in dem sich die islamische Theologie und die Wissenschaften der muslimischen Welt nach Untersuchungen des Arab Human Development Report der Vereinten Nationen auch heute noch befinden. Weder von den militärischen noch von den intellektuellen Niederlagen hat sich der Islam seither erholt. Sie haben vielmehr ein nachhaltiges Minderwertigkeitsgefühl erzeugt, das seine Kompensation im Fundamentalismus sucht.

Der Versuch, die europäische Moderne zu islamisieren

Diese Haltung hat in Europa in Tariq Ramadan, einem Professor für Islamstudien an der Universität Oxford, ihren eloquentesten Fürsprecher. Er versucht die offensichtlichen Niederlagen des Islam in Siege umzudeuten. Ramadan ist ein Vertreter der Antiaufklärung und der Restauration des Islam. Wenn er in seinem Buch „Der Islam und der Westen“ zu dem Schluss kommt: „Die islamische Welt ist eine Welt der Erinnerung“, meint er damit die Haltung, das Streben danach, den Zustand des „Jahrhunderts des Propheten“ Mohammed wiederherzustellen.

Er hält es demzufolge für sinnlos, gar beleidigend, eine Modernisierung des Islam einzufordern, weil die Umma im Medina des siebten Jahrhunderts das Ideal der islamischen Gesellschaft darstellt. Dafür muss er einen großen Teil der islamischen Theologie und Philosophie aus der Geschichte streichen. So kommen in seiner Darstellung der Geschichte des Islam das achte bis elfte Jahrhundert gar nicht vor, weil es ihm offensichtlich nicht passt, was die Mu'taziliiten über die Freiheit des Menschen, die Vernunft und den Glauben mit den Methoden der Rationalität gemeinsam mit Christen erdachten.

Wenn Tariq Ramadan achthundert Jahre später immer noch die Vernunft und den Zweifel aus dem Glauben zu verbannen sucht - „Erforschen, erkunden, verstehen bedeutete niemals, mit Gott in Widerstreit zu treten oder die Spannung des Zweifels über das höchste Wesen und seine Präsenz zu erfahren“ -, dann bewegt er sich auf einer Linie mit dem Ajatollah Chomeini, der sagte: „Wir wollen keine Kopfmenschen.“ Und wie für Chomeini sind auch für Ramadan westliche Werte nichts anderes als Geißeln des Imperialismus:

„Die westliche Lebensweise stützt sich auf und erhält sich durch die Verführung zur Aufstachelung der natürlichsten und primitivsten Instinkte des Menschen: sozialer Erfolg, Wille zur Macht, Drang zur Freiheit, Liebe zu Besitz, sexuelles Bedürfnis usw.“ Obwohl er darüber redet: Zur Integration der Muslime in Europa trägt Ramadan nichts bei, er sagt, es gehe nicht um eine „Integration der Muslime in ihre westliche Umwelt, sondern eine Integration der Umwelt in das ewige Universum der Muslime“. Es ist der Versuch, die europäische Moderne zu islamisieren.

Der „Islam an sich“ soll sauber bleiben

Das Bekenntnis zu westlichen Verfassungen und Gesetzen erscheint in diesem Kontext als Lippenbekenntniss. Wer wie Ramadan sagt: „Der Koran verbietet es, dass eine muslimische Frau einen Nichtmuslim heiratet. Wenn das geschieht, dann können wir sagen, dass die Frau die Gemeinschaft verlässt“. Wer sich dann konsequenterweise nicht zur Ächtung der Steinigung von Frauen bekennen kann, der schließt sich selbst aus dem Diskurs über die Reform des Islam und der europäischen Werte aus.

Das scheint ganz im Sinne einer anderen Reformbewegung des Islam, der von der türkischen Religionsbehörde Diyanet geförderten „Ankaraner Schule“. Den Ankaraner Gelehrten zufolge ist der Koran kein Buch, sondern eine Rede Gottes an eine bestimmte Gruppe von Menschen zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Region. Nur wer die Umstände der Offenbarung kennt - die Geschehnisse um den Propheten Mohammed vor 1400 Jahren -, kann verstehen, was Gott den Menschen mitteilt. Nur zehn Prozent dessen, was der Koran sagen will, stehen im Text, der Rest sei interpretationsbedürftige Geschichte.

Neu an dieser Auffassung und zu begrüßen ist, dass der Koran im historischen Kontext gelesen werden soll. Das war überfällig, für die Rechtsschulen aber stellt diese Auffassung ein Sakrileg dar. Doch ein heiliger Kernbestand bleibt auch in dieser Auffassung. Sie unterstellt, es gäbe eine „wahre“ göttliche Botschaft, einen mythischen Kern, der sich nur verberge und den es zu suchen gelte. Um eine historisch-kritische Annäherung geht es auch den Ankaranern nicht. Eher um eine listige Aussperrung aller Grausamkeiten der islamischen Geschichte und gegenwärtigen Praxis. Der „Islam an sich“ bleibt sauber.

Der Prophet als Freund der Frauen

Mir kommt diese Methode vor, als schäle jemand eine Zwiebel, um ihren eigentlichen Kern freizulegen. Ich fürchte nur, die Häute, der Geruch, der Geschmack, die Tränen waren schon das Eigentliche. Den Islam von den Sitten, den Riten, den Traditionen, der Sunna, den Hadithen, dem historischen Kontext zu befreien und zu hoffen, so auf die eigentliche Offenbarung zu stoßen, scheint mir aussichtslos.

Ähnliche Schwierigkeiten weisen die Argumentationsketten der feministischen Koranauslegung auf, wie sie in den verdienstvollen Büchern von Fatima Mernissi und derzeit auch von Nahed Selim mit ihrem Buch „Nehmt den Männern den Koran!“ entwickelt werden. Beide verstehen sich als Teil einer Frauenbewegung im Islam. Beide wollen den muslimischen Frauen zu ihrem Recht verhelfen und berichten von aufschlussreichen historischen Begebenheiten um den Propheten, seine Frauen und die Deutung von Koran und Hadithen. Fatima Mernissi ist bemüht, den Propheten als Freund der Frauen zu rehabilitieren, und schiebt die Schuld an ihrer Unterdrückung seinen Nachfolgern zu.

Freiheit erlangt, wer sich Allahs Gesetzen unterwirft

Nahed Selim macht deutlich, welche patriarchalischen Interessen hinter einzelnen Geschichten um Mohammed und Aisha verborgen sind, und empfiehlt schlicht, die diskriminierenden Verse des Korans einfach zu ignorieren. Sie schreibt: „Muslimische Frauen von heute brauchen persönliche, intime Interpretationen der Texte, die so weitgehend ihr Leben bestimmen . . . Persönliche Interpretationen, in denen die Frau nicht wie selbstverständlich der geborene Sündenbock der Familienehre ist und dem Fortbestand des Stammes geopfert wird.“

Ihre Empfehlung lautet: jeder Frau ihren Koran. Die Frauen sollten doch einfach bestimmte Verse „vergessen“. Solange sich Frauen in einer ausweglosen sozialen Situation befinden, solange sie „unter“ dem Islam und „unter“ ihren Männern leben, muss alles, was gepredigt und verlangt wird, darauf überprüft werden, ob es überhaupt mit den Lehren übereinstimmt. Diese feministische Interpretation des Korans ist legitim. Aber sie ist nicht die Lösung. Zumindest in Europa haben wir diese Lösung schon - die Gleichberechtigung der Frau und die Trennung von Staat und Religion.

Der Koran, Sure 3, Vers 20 sagt über den Kern des Glaubens: „Ich ergebe mich.“ Stellen wir die Frage: Wann ist der Mensch frei? Das arabische Wort für Freiheit ist „hurriyya“, es meint, erläutert der Historiker Dan Diner, in seiner ursprünglichen Bedeutung einfach das Gegenteil von Sklaverei und nicht die Befreiung des Einzelnen von jedweder, auch jeder religiösen Bevormundung sowie das Recht, sich in die politischen Angelegenheiten einzumischen. Für gläubige Muslime besteht in diesem Sinne Freiheit in der bewussten Entscheidung, „den Vorschriften des Islam zu gehorchen“. Freiheit erlangt, wer sich Allahs Gesetzen unterwirft. Und da Gott auf Erden „vertreten“ wird durch die Väter, die Brüder, die Onkel und so weiter, ist der Gehorsam gegenüber allen Autoritäten des Patriarchats gottgegeben.

Gleiche Würde, nicht gleiche Rechte

Die europäischen westlichen Gesellschaften halten den Menschen für vernunftbegabt und fähig, seine Triebe zu beherrschen. Selbst der Mann, der in der eigenen Wohnung seiner Frau Gewalt antut, muss mit Strafverfolgung rechnen. Wenn die Muslime meinen, die Triebhaftigkeit des Mannes nur dadurch beherrschen zu können, dass man die Frau aus der Öffentlichkeit verbannt oder die Frauen und Töchter unter den Schleier zwingt oder verheiratet, dann widerspricht das den Werten unserer Gesellschaft von der Selbstbestimmung des Menschen.

Der Koran, Sure 4, Vers 34 sagt: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie von Natur vor diesen ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben. Und die rechtschaffenden Frauen sind (Gott) demütig ergeben und geben acht auf das, was den (Außenstehenden) verborgen ist, weil Gott darum besorgt ist, weil Gott darauf acht gibt. Und wenn ihr fürchtet, dass Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!“

Diese und andere Verse, die die Frauen mal freundlicher, mal feindlicher behandeln, beschreiben Frauen nicht als Wesen mit gleichen Rechten, sondern bestenfalls mit gleicher Würde. Die Gesellschaft bleibt vertikal getrennt, in die Gesellschaft der Männer, denen die Öffentlichkeit gehört und die Gesellschaft der Frauen, die ins Haus und unter die Herrschaft der Männer gehören. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau, von manchen Muslimvertretern als selbstverständlich dargestellt, gibt es im Islam nicht. Die ganzen Regelungen des Korans in Bezug auf Scheidung, Kinder, Sexualität stellen die Männer über die Frauen. Gleichberechtigung unter Muslimen gibt es nur in säkularen Gesellschaften und auch nur dort, wo die Muslime selbst sich säkularisiert und keine Parallelgesellschaften gebildet haben.

Zwangsheirat und Jungfernkult

Es gibt Säkularisierung und Gleichberechtigung in keinem islamischen Land, weder in Iran noch in Marokko, noch für große Gruppen von Frauen in der Türkei, offiziell ein laizistischer Staat, in dessen Verfassung die Gleichberechtigung verbrieft ist. Der Islam, seine Traditionen und Riten zwingen die Frauen überall dort, wo der Islam dominiert, in die Apartheid. Deutlich wird das auch in dem von den muslimischen Gemeinschaften in Europa praktizierten „Zwang zur Heirat“ und in dem auf den Propheten Mohammed zurückgehenden Jungfernkult. Der Koran sagt: „Und verheiratet die Ledigen unter euch und die Rechtschaffenden von euren Sklaven und Sklavinnen.“ Das bedeutet in der Tradition des islamischen Lebens, dass die Familie oder ein Vormund (ein männlicher Verwandter), „Wali“, für die Heirat der Kinder verantwortlich sind.

Noch heute gilt in fast 52 Ländern mit muslimischen Ehestandsrecht, dass eine Frau, ganz gleich welchen Alters, ohne Zustimmung ihres Wali nicht heiraten darf. Die Praxis der Zwangsheirat und der arrangierten Ehe widerspricht den europäischen Werten und Gesetzen, wonach niemand zur Ehe genötigt werden darf. Mohammed sagt nach einem Hadith zu einem Mann, der nicht heiraten will: „Dann bist du nicht von unserer Gemeinde, dann bist du ein Bruder des Teufels.“ In Europa muss gewährleistet bleiben, dass jede Frau und jeder Mann frei entscheiden kann, wen, wann und ob er heiraten will. Das aber ist in der muslimischen Gemeinschaft nicht möglich, denn sie sieht in dem Menschen kein Individuum, sondern ein Sozialwesen, das der Gemeinschaft der Muslime, der Umma, verpflichtet ist.

Es geht grundsätzlich um das Selbstverständnis Europas

Am 5. August 1990 unterzeichneten 45 Außenminister der Organisation der Islamischen Konferenz, des höchsten weltlichen Gremiums der Muslime, die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte“. Darin legten Muslime aus aller Welt gemeinsam ihre Haltung zu den Menschenrechten dar. Das Dokument hat keinen völkerrechtlich verbindlichen Charakter, erhellt aber die Haltung des Islam zu den Grundrechten. Die wichtigsten Feststellungen dieser Erklärung stehen in den letzten beiden Artikeln. Artikel 24: „Alle Rechte und Freiheiten, die in dieser Erklärung genannt werden, unterstehen der islamischen Scharia.“

Artikel 25: „Die islamische Scharia ist die einzig zuständige Quelle für die Auslegung oder Erklärung jedes einzelnen Artikels dieser Erklärung.“ Und in der Präambel heißt es: „Die Mitglieder der Organisation der Islamischen Konferenz betonen die kulturelle Rolle der islamischen Umma, die von Gott als beste Nation geschaffen wurde und die der Menschheit eine universale und wohlausgewogene Zivilisation gebracht hat.“

Anders als in demokratischen Verfassungen ist hier nicht vom Individuum die Rede, sondern von der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, vom Kollektiv. In konsequenter Fortsetzung dessen erkennt die Erklärung der Muslime nur jene Rechte an, die im Koran festgelegt sind, und wertet - gemäß der Scharia - nur solche Taten als Verbrechen, über die auch Koran und Sunna gleichermaßen urteilen: „Es gibt kein Verbrechen und Strafen außer den in der Scharia festgelegten“ (Artikel 19). Gleichberechtigung ist in dieser Erklärung nicht vorgesehen, dafür soziale Kontrolle und Denunziation legitimiert, wie Artikel 22 deutlich macht: „Jeder Mensch hat das Recht, in Einklang mit den Normen der Scharia für das Recht einzutreten, das Gute zu verfechten und vor dem Unrecht und dem Bösen zu warnen.“ Das ist eine mittelbare Rechtfertigung von Selbstjustiz.

Wenn wir also über den Islam in Europa reden, müssen wir ganz grundsätzlich über das Selbstverständnis Europas reden. Bei der geforderten Anerkennung der „Kultur des Islam“ geht es um Freiheit, Säkularisierung und um Menschenrechte. Können wir, wie Tariq Ramadan fordert, es den Muslimen überlassen, „selbst zu entscheiden“, was Integration für sie heißt?

Quelle: Bist du nicht von uns, dann bist du des Teufels



Der Fall Sürücü - Zum Ehrenmord an Hatun Sürücü      Top

Sie zahlt den Preis für unsere Freiheit - Von Necla Kelek

24. April 2006 Es ist von einem Fall geglückter Integration zu berichten. Der Mord an Hatun Sürücü konnte nur aufgeklärt werden, weil ein achtzehnjähriges türkisches Mädchen und dessen Mutter den Mut aufbrachten, nicht zu schweigen. Die Rede ist von Melek, der Zeugin der Anklage. Sie braucht seitdem Polizeischutz, muß unter fremdem Namen leben und konnte den Gerichtssaal nur mit schußsicherer Weste betreten. Melek hat mit ihrer Aussage die Ermittlung gegen die drei Brüder Sürücü ermöglicht und dem Mörder das Geständnis abgetrotzt. Melek hat persönliche und gesellschaftliche Verantwortung übernommen; ohne sie wäre der Mord unaufgeklärt geblieben.

Wer bei Meleks mehr als zehnstündiger Befragung durch die Verteidiger dabei war und erlebt hat, wie diese mit sich wiederholenden Fragen versuchten, die Zeugin in Widersprüche zu verwickeln und unglaubwürdig zu machen, der konnte meinen, dabei sei es nicht um die Aufklärung einer Mordtat, sondern um die Verschleierung von Motiven gegangen. Die Verteidiger verfolgten eine Strategie, der das Gericht und die Staatsanwaltschaft nichts entgegenzusetzen hatten. Es wurde der unreife und reuige Einzeltäter präsentiert, die Tatbeteiligung der Brüder bestritten. Das einzige Risiko dieser Prozeßstrategie waren die Angeklagten selbst. Jede Antwort, jede Nachfrage hätte diese Strategie des Schweigens gefährdet. Deshalb wurde selbst das Geständnis Ayhan Sürücüs von seinem Verteidiger verlesen.

Das Vorgehen war auf das genaueste abgestimmt

Jeder Angeklagte hat das Recht auf einen Verteidiger. Aber ob es der von Anwälten hochgehaltenen „Standesehre“ entspricht, wenn sich Ayhans Verteidiger in der Verhandlung von seinem Mandanten umarmen läßt und schließlich das Urteil mit der Familie wie einen Sieg feierte, mögen die Juristen unter sich ausmachen. Wenn man die Anwälte im Gerichtssaal agieren sah, konnte man den Eindruck haben, sie verteidigten nicht Mordverdächtige, sondern sich selbst gegen eine absurde Unterstellung. Sie versuchten das Bild einer intakten Familie zu zeichnen, mit dem geständigen Mörder als schwarzem Schaf.

Und es zeigte sich, daß das Vorgehen aller Familienangehörigen im Prozeß auf das genaueste abgestimmt war. Bis hin zur Nebenklage, die von der Schwester Arzu mit ihren Anwälten und einem „Berater“ vertreten wurde. Alle Familienangehörigen schwiegen im Prozeß - das ist ihr gutes Recht -, bis auf die, die Entlastendes vorbringen wollten, wie die Frau des Angeklagten Alpaslan, die ihrem Mann ein Alibi gab. Doch niemand aus der Familie rührte auch nur einen Finger für Hatun. So wie man jetzt, da der Prozeß zu Ende ist, zuweilen den Eindruck bekommen kann, nicht nur die Familie, sondern auch Teile der Öffentlichkeit atmeten auf, daß vermeintlich alles wieder seine Ordnung hat. Für die tote Hatun scheint es mancherorts weniger Mitgefühl zu geben als für ihre befreiten Brüder. Hatun, eine von fünfundvierzig in Deutschland hingerichteten Frauen und Männern, die in den letzten zehn Jahren im Namen der Ehre sterben mußten. Ihre Schwester Arzu bemerkte vor der Presse: „Meine Schwester ist im Paradies. Ihr geht es gut.“

Muslimisch-archaische Parallelwelt ohne eigenständiges „Ich“

Die Anwälte sagten, die Weltanschauung der Angeklagten stehe nicht vor Gericht, und versuchten mit diesem Argument zu verhindern, daß die Ursachen der Tat ans Licht kamen. Sie haben damit alles dafür getan, die Tat und den Tod einer jungen Frau zu verharmlosen. Sie machten ihren Job und sich gleichzeitig zu Anwälten der Scharia, ganz im Sinne des Imams von Izmir, der spöttisch über die rechtschaffenen Deutschen sagte: „Mit euren Gesetzen werden wir euch besiegen.“

Diese Strategie der Verteidigung entsprach dem Ansatz des Gerichts, das keinen Präzedenzfall schaffen wollte, sondern voraussetzte, daß selbstverantwortliches Handeln des einzelnen grundsätzlich außer Frage stehe. Aber damit war in diesem Fall der Sache nur unzureichend beizukommen. Es gibt auch in unserer Gesellschaft, mitten in Deutschland, Menschen, die nach anderen Regeln leben, als es das Individualstrafrecht vorsieht. Sie leben in einer muslimisch-archaischen Parallelwelt, in der es ein vom Familienverband losgelöstes „Ich“ gar nicht gibt.

Der Sohn ist dem Vater, dem älteren Bruder, dem Onkel sowie Gott gegenüber zu „Respekt“, sprich Gehorsam, verpflichtet. Die Männer sind für „namus“, für die Ehre der Töchter und Schwestern verantwortlich, sie kontrollieren die Frauen im Namen der Familie. Diesem Islam fehlt das Konzept der entscheidungsfähigen, moralisch verantwortlichen Person vollkommen. Und nach dieser Lesart des Korans ist die Tat nicht verwerflich, denn so wie Hatun lebte, verstieß sie gegen den Koran und die Tradition. Die Sure 24 „Das Licht“, Vers 2, lautet: „Wenn eine Frau und ein Mann Unzucht begehen, dann verabreicht jedem von ihnen hundert (Peitschen-)Hiebe! Und laßt euch im Hinblick darauf, daß es (bei der Scharia) um die Religion Gottes geht, nicht von Mitleid mit ihnen erfassen, wenn ihr an Gott und den jüngsten Tag glaubt!“

Zeigt sich hier vielleicht die Legitimation der Tat?

Und so hätte das Gericht, wenn es sich genauer mit der Tat und den Motiven beschäftigt hätte, durchaus mit den Mitteln der Strafprozeßordnung zu weiteren Erkenntnissen kommen können, als nur den reinen Tathergang zu rekonstruieren. Vielleicht hätte es mit Hilfe von Sachverständigen die Strukturen, das Welt- und Menschenbild solcher Communities aufzeigen sollen und der Sozialisation der Angeklagten nachgehen müssen, um die Tat verstehen zu können. Ayhan gestand, daß er hoffte, den Sohn Hatuns vor dem schlechten Einfluß seiner Mutter bewahren zu können. Er wollte den Sohn in die Familie zurückholen, damit er muslimisch erzogen werden könne. Dieser Bemerkung wurde im allgemeinen Entsetzen über den Hergang der Tat keine besondere Bedeutung beigemessen. Woher stammt dieses Weltbild von „rein“ und „unrein“ bei einem Jungen, der in Berlin aufgewachsen ist?

Jetzt meint die ältere Schwester Arzu, das „sahib cikmak“, Besitzansprüche auf das Kind geltend machen zu können. Zeigt sich in dieser Bemerkung neben der vermeintlichen „Ehre der Familie“ vielleicht ein Motiv oder die Legitimation der Tat? Kinder aus einer geschiedenen Ehe gehören in dieser religiös-archaischen Welt immer dem Mann beziehungsweise seiner Familie. Spätestens mit dem siebten Lebensjahr - nämlich dann, wenn die religiöse Erziehung beginnt - soll der Sohn in der Familie des Vaters sein. Da es sich bei dem Vater von Hatuns Sohn um einen Cousin handelt, in diesem Fall also der Familie Sürücü.

Sollte Hatuns Sohn vor dem Unglauben bewahrt werden?

„Wenn der Sohn mit fünfzehn immer noch kein Muslim ist, trägt der Vater die Schuld“, sagte mir ein Hodscha, als ich ihn zu den Erziehungsaufgaben eines Vaters befragte. Hatun hatte, weil kein muslimischer Mann sie beaufsichtigte, in dieser Welt kein Recht auf das Kind. Und aus diesem Umstand wird vielleicht auch der Zeitpunkt der Tat erklärbar. Hatun lebte bereits einige Jahre allein mit ihrem Sohn. Ihre Familie hatte sie verstoßen, und für Alpaslan war sie bereits „gestorben“. Da war der kleine Sohn namens Can, was „die Seele“ oder „Leben“ bedeutet, aber noch kein religiöses Subjekt. Erst mit zunehmendem Alter wurde die Frage, ob er muslimisch erzogen wird, für die Gläubigen in der Familie drängender. Mußte Hatun vielleicht nicht nur sterben, weil sie „wie eine Deutsche“ lebte, sondern auch, weil sie einen Sohn hatte, der davor bewahrt werden sollte, ein Ungläubiger zu werden?

Ritualmorde folgen einem bestimmten Prinzip. Je jünger ein Mitglied der Familie ist, desto weniger „saygi“, „Achtung“ steht ihm zu und desto unangenehmer sind die Aufgaben, die er verrichten muß. Besonders dort, wo die Gefahr besteht, daß der Staat archaisches Verhalten sanktioniert, wird immer der jüngste Sohn „geopfert“ und ein älterer, „wertvollerer“ verschont.

So gibt der Täter der Familie ihr Gesicht zurück

Nachdem Ayhan seine Schwester aufgefordert hatte, um Vergebung für ihre Sünden zu bitten, schoß er ihr „alnindan vurmak“, von Angesicht zu Angesicht in die Stirn. Dieses Vorgehen kommt bei fast allen sogenannten „Ehrenmorden“ zur Anwendung, denn damit gibt der Täter der „yüzsüz aile“, „der gesichtslosen Familie“, „das Gesicht“ zurück. Aber solche Zusammenhänge wurden vom Gericht nicht hinterfragt.

Unser Strafrecht kennt weder Rache noch Vergeltung, es kennt zum Glück auch keine Sippenhaft. Ayhan wurde wegen Mordes zu neun Jahren und drei Monaten Jugendstrafe verurteilt, seine Brüder Alpaslan und Mutlu mangels Beweisen freigesprochen. Für seine Kumpels auf Neuköllns Straßen und im Gefängnis ist Ayhan wohl ein „yigit“, ein Held. Im Prozeß trug er die goldene Uhr, die ihm sein Vater kurz nach der Tat vermachte. Melek wird sich ein Leben lang verstecken müssen. Sie zahlt den Preis für unsere Freiheit.

Die Soziologin Necla Kelek veröffentlichte zuletzt das Buch „Die verlorenen Söhne - Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes“.

Quelle: Der Fall Sürücü



Eure Familien, unsere Familien      Top

Necla Kelek zur Integration.

23. Februar 2006 Ein Jahr nach dem Erscheinen hat „Die fremde Braut“ von Necla Kelek eine heftige Kontroverse über die Ausländerintegration und deren Erforschung ausgelöst. Kritiker werfen der 1957 in Istanbul geborenen, in Deutschland ausgebildeten Autorin vor, sie arbeite unwissenschaftlich und schüre Vorurteile. Mitte März erscheint Necla Keleks neues Buch „Die verlorenen Söhne“.

F.A.Z.: Frau Kelek, Sie haben Ihre Familie in den Mittelpunkt Ihres Buches „Die fremde Braut“ gestellt. Warum?

Ihre Geschichte ist exemplarisch für die Entwicklung der Türkei seit 1923, aber auch für die Migration in Deutschland. Sie fängt an, als der Traum von der Republik in das private Leben meiner Familie einzog, die sich langsam aus dem Kollektiv, das der Islam prägt, zu lösen beginnt. Ich beschreibe Menschen, die die individuelle Freiheit entdecken, die versuchen, selbst über ihr Leben zu bestimmen.

Ich wollte erklären, wie es zu diesem Bruch mit dem Kollektiv, der Umma, kam. Meine Kindheit in Istanbul war wunderbar, wir schwärmten für Amerika, für diese Filme, diese Musik, diese Autos. Aber vor allem für die unendliche Freiheit des Individuums. Mein Vater gehörte zu jener Aufbruchsgeneration, die sich davon anstecken und wegen dieses Traums das Dorf verließ. Meine Eltern waren Anhänger von Kennedy und Atatürk. Aber das ist lange vorbei.

Und heute?

Die Illusionen, die meine frühe Kindheit prägten, sind mit der millionenfachen Binnenmigration, vom Dorf in die Stadt erstickt. Sollte ich heute ein Resümee ziehen, würde ich sagen: Die Dörfer mit ihren islamischen Traditionen haben die Städte erobert, auch Istanbul. Nicht mehr der einzelne trägt für seinen Lebensweg die Verantwortung, sondern wieder das islamische Kollektiv.

Während der ersten Jahre, die Ihre Familie in Deutschland lebte, schien das noch anders zu sein. Wie erklären Sie sich diese Umkehr?

Der kulturelle Hintergrund, die Religion, ist inzwischen viel entscheidender geworden als sozioökonomische Ursachen. Der Islam spielt heute eine größere politische Rolle, als viele wahrhaben wollen, und er regelt auch den Alltag: wie gelebt, was gedacht und was abgelehnt wird - Unreine zum Beispiel, zu denen für viele Türken die Deutschen gehören, die sie verachten.

Existiert denn nur dieser traditionelle Dorfislam, oder gibt es auch liberalere Spielarten?

Natürlich. Der Islam war auch für meine Familie eine Bereicherung in diesen Jahren, als sich die Türkei öffnete, doch nicht das Bestimmende, so wie heute, wo die politische Dimension dazugekommen ist. Religion ist eigentlich Privatsache, aber der Islam darf nicht nur als persönlicher Glaube diskutiert werden. Er muß politisch gesehen werden, er ist Politik. Der gewaltige Demonstrationszug durch Istanbul zum Beispiel gegen die dänischen Karikaturen, da brüllten und schrien die radikalen Nationalisten gemeinsam mit den Islamisten. Das ist Islam-Faschismus. Und doch freut sich der deutsche Radio-Reporter über diese „friedliche“ Demonstration, weil keine Botschaft brannte.

Haben Sie das früher anders wahrgenommen? Oder haben sich die Verhältnisse verändert?

Meine Auseinandersetzung mit dem Islam begann schon 1988 mit meiner Diplomarbeit. Ich stellte die These auf, daß die türkisch-muslimische Frau - wegen der Stellung der Frau im Islam - sich nicht wie andere Migrantinnen integrieren kann in Deutschland. Die Frau existiert eigentlich gar nicht als Mensch in diesen Glaubensvorschriften. Sie kommt auf die Welt, um den Mann auf das Paradies vorzubereiten, sie hat ihm zu dienen und Kinder zu gebären.

Wird der Glaube denn auch auf diese Weise in Deutschland praktiziert?

Natürlich, das habe ich erlebt, und wer sehen will, kann es jederzeit sehen. Das war nicht nur so auf dem Dorf bei meiner Großmutter, sondern in der gesamten, wenn auch kleinen türkisch-muslimischen Welt, in der ich groß geworden bin und die nur ein exemplarisches Beispiel für andere, hier etablierte Parallelwelten ist. Nur ganz zu Beginn, als meine Familie neu in Deutschland war, hatten wir noch Kontakte zu Deutschen, spielte das Kopftuch keine Rolle, war nur die Erziehung sehr traditionell. Aber das hat sich rasend schnell geändert.

In Ihrem Buch „Die fremde Braut“ erzählen Sie, wie Sie Ihrer deutschen Lehrerin unter Tränen gestehen, daß sie nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen, weil Ihre Eltern das so beschlossen. Die Lehrerin glaubte sie zu beruhigen, als sie versprach, sie werde Ihre Eltern nicht ärgern...

Das war ein furchtbarer Schlag. Ich kam ja überhaupt schlecht mit auf der Oberschule, aber meine Eltern interessierte das wenig. Ich gehöre zu dieser zweiten Generation, von der viele glauben, die habe es noch so gut gehabt. Aber vielen Kindern ging es wie mir, die Väter sparten, es ging ihnen um ihre Häuser in der Türkei, nicht um uns. Nicht einmal ihren Lohn durften die meisten Frauen behalten, die Töchter sowieso nicht.

Haben die Deutschen darauf nicht reagiert?

Ich mußte schon als Schulkind begreifen, daß es Freiheiten gibt, die für Deutsche selbstverständlich sind, für solche wie mich aber nicht gelten. Und daß die Deutschen, nicht nur die Lehrerin, das genauso wie meine Eltern sahen. Diese Spaltung in Die und Wir, das ist die kritische Debatte, die ich jetzt zu führen versuche. Denn ich habe ein ähnlich gespaltenes Leben geführt, eines, das ich mit deutschen Freunden lebte, und ein türkisch-muslimisches. Wenn ich meine Großmutter besuchte, habe ich mich gekleidet wie die anderen, die Tanten bedient und mich verhalten wie alle.

Und ich habe auch hingenommen, daß meine dreizehnjährige Cousine einem fremden Mann versprochen wurde, aber nicht in die Schule durfte. Ich habe also genau das gemacht, was ich von den Deutschen gelernt habe: Das kann man von muslimischen Türken nicht verlangen, die sind noch nicht soweit, die hatten noch keine Aufklärung! Wenn ich im Radio höre, warum man verstehen soll, daß ein Film wie „Tal der Wölfe“ Erfolg hat - weil „die“ eben so sind -, dann glaube ich, daß diese Haltung immer noch sehr verbreitet ist.

Sind wir blind gegenüber dem, was sich vor unseren Augen abspielt?

Nein, aber wir unterschätzen die Macht der Kultur und Politik des Islam. Man kann hier dreißig Jahre mitten in einer deutschen Großstadt leben, ohne sein anatolisches Dorf im Geiste auch nur einen Tag verlassen zu müssen. Und es wird von der Mehrheit akzeptiert, daß die Emanzipation der europäischen Gesellschaft, und seien es nur die in den siebziger Jahren errungenen Frauenrechte, für andere mitten unter uns nicht unbedingt gelten muß. Das gilt als kulturelle Differenz, zuweilen offenbar schützenswerter als Menschenrechte. Und weil es einige geschafft haben, werden die Mißstände in der Parallelwelt einfach hingenommen. Mißstände, die ich in meinen Büchern anprangere, vor allem das erschreckende Defizit an individueller Freiheit für viele Migranten, Jungen wie Mädchen.

Warum hat die Freiheit nicht die Verführungskraft entwickelt, die wir ihr gern zuschreiben?

Weil die Kulturbarriere zu hoch ist. Wir vergessen, daß sehr viele muslimische Migranten in Kollektiven leben, deren Weltbild der Islam ist. Was wir liebevoll Großfamilie nennen, lebt nach anderen Regeln, es gibt keine individuelle Freiheit, kein Ja oder Nein zum Kopftuch, zu importierter Braut oder Bräutigam. Wer dieses Kollektiv verläßt, begeht Verrat. Das wagen nicht viele, und weder die Schulen noch die Arbeits- oder Sozialämter senden so starke Signale aus, daß sich das ändern könnte. Ich habe in meinen Interviews mit muslimischen Jugendlichen gefragt: Habt ihr deutsche Freunde? Nein, war die häufigste Antwort, die haben keinen Stolz, keine Ehre. Meine Hoffnung, das werde sich erledigen, weil die Moderne ihre Kraft entfaltet, habe ich verloren. Wir können die Entwicklung doch sehen, spätestens seit den neunziger Jahren. Ich habe viele Interviews nach zwei Jahren wiederholt. Die Haltungen hatten sich noch verfestigt.

Man hat versucht, gegen Sie und andere Autorinnen eine Kampagne zu inszenieren. Warum?

Meine Kritiker blenden die soziale Wirklichkeit aus, und aus politischen Gründen lassen sie den Islam und seine Wirkungsmacht außer acht. Aber es gibt andere Forschungsansätze, die durchaus den Nachweis erbringen, warum es einen auffälligen Zusammenhang zwischen islamischer Religiosität und Gewaltbereitschaft bei jungen Türken gibt. Die politische Dimension des Islam ist in unserer Gesellschaft angekommen, das ignorieren diese Leute. Es geht um einen Richtungsstreit. Hinter den Kulissen werde ich mit übler Nachrede überzogen, meine Kritiker wollen die Deutungsmacht behalten. Aber die soziale Realität läßt sich nicht wegforschen.

Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, Vorurteile zu schüren und zu übertreiben.

Ich übertreibe nicht. Aber im kulturalistischen Verständnis meiner Kritiker sind Diskussionen über Mehrehen, den Zwang zur Heirat, der auch die arrangierten Ehen umfaßt, undenkbar. So habe ich das ja auch an der Hochschule erlebt, so wird Migrationsforschung immer noch betrieben: Arbeitet mit positiven Beispielen, denkt an die positiven Ressourcen! Probleme gibt es überall, im Leitbild vom positiven Aufstieg stören sie nur. So werden hierzulande auch Lehrer ausgebildet - das wirkliche Leben an Schulen dürfte sie schnell überfordern.

Die Fragen stellten Regina Mönch und Heinrich Wefing.

Quelle: Eure Familien, unsere Familien



Die Stereotype des Mr. Buruma
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Von Necla Kelek

05.02.2007. Der Islam ist nicht so stark in sich differenziert, wie es Ian Buruma in seiner Antwort auf Pascal Bruckner behauptet: Im Gegenteil - er ist eine drückende soziale Realität, kodifiziert in der "Kairoer Erklärung der Menschenrechte", die von 45 muslimischen Staaten unterzeichnet wurde und die die Scharia zum Maßstab macht.

"Hättest du doch geschwiegen, Ian Buruma" möchte man dem Autor bei Lektüre seiner Antwort auf Pascal Bruckners Essay "Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus der Antirassisten?" zurufen. Hier fühlt sich einer ertappt und seine Erwiderung führt ihn, trotz gegenteiliger Beteuerung, nur noch weiter in den Sumpf des Kulturrelativismus. Wäre Mr. Buruma mit seiner Meinung allein, könnte man es dabei belassen und dem interessierten Leser stattdessen Bruckners Artikel, eine Antwort auf Timothy Garton Ash, zur Lektüre empfehlen. Aber sowohl Ash wie Buruma sind in ihrer Argumentation durchaus repräsentativ, geradezu exemplarisch in ihrem politisch bedenklichen Kulturrelativismus.

Beide benutzen gern Stereotype. Das erste Stereotyp lautet: Der Islam ist anders. Buruma schreibt: "Der Islam, der in Java praktiziert wird, ist nicht derselbe wie in einem marokkanischen Dorf, im Sudan oder in Rotterdam." Das mit den Unterschieden mag im Detail stimmen, im Grundsatz nicht. Für Buruma aber taugen schon die Details, um zu einer ebenso vernichtenden wie falschen Kritik auszuholen: Man könne nicht, wie Ayaan Hirsi Ali es tue, generelle Aussagen über den Islam treffen. Eine ziemlich verblüffende Aussage aus dem Munde eines Mannes, der Wissenschaftler am Bard College in New York und Professor für Demokratie und Menschenrechte ist. Mr. Buruma versucht mit seinem kleinen Satz die Auseinandersetzung mit dem Islam auf ein persönliches Problem von Ayaan Hirsi Ali zu reduzieren.

Der Islam ist soziale Realität. In seinen Schriften und in seiner Philosophie vertritt er über alle Unterschiede hinweg ein geschlossenes Menschen- und Weltbild. Nehmen wir zum Beispiel die Frage der Menschen- oder Frauenrechte. In der sind sich die Muslime durchaus einig. Am 5. August 1990 unterzeichneten 45 Außenminister der Organisation der Islamischen Konferenz, dem höchsten weltlichen Gremium der Muslime, die "Kairoer Erklärung der Menschenrechte" (hier als pdf). Darin legten Muslime aus aller Welt gemeinsam ihre Haltung zu den Menschenrechten dar. Das Dokument soll das Pendant zur Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte der Vereinten Nationen sein. Es hat keinen völkerrechtlich verbindlichen Charakter, erhellt aber die globale Haltung des Islam zu den Grundrechten. Es ist ein Minimalkonsens und kein Extrem und deshalb besonders aufschlussreich.

Die wichtigsten Feststellungen dieser Erklärung stehen in den letzten beiden Artikeln:
Artikel 24: Alle Rechte und Freiheiten, die in dieser Erklärung genannt werden, unterstehen der islamischen Scharia.
Artikel 25: Die islamische Scharia ist die einzig zuständige Quelle für die Auslegung oder Erklärung jedes einzelnen Artikels dieser Erklärung."

Und schon in der Präambel heißt es, im Gegensatz zur Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte der Vereinten Nationen: "Die Mitglieder der Organisation der Islamischen Konferenz betonen die kulturelle Rolle der islamischen Umma, die von Gott als die beste Nation geschaffen wurde und die der Menschheit eine universale und wohlausgewogene Zivilisation gebracht hat...".

Anders als in demokratischen Verfassungen ist hier nicht vom Individuum die Rede, sondern von der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, vom Kollektiv. In konsequenter Fortsetzung dessen erkennt die Erklärung der Muslime nur jene Rechte an, die im Koran festgelegt sind und wertet - gemäß der Scharia - nur solche Taten als Verbrechen, über die auch Koran und Sunna gleichermaßen urteilen: "Über Verbrechen oder Strafen wird ausschließlich nach den Bestimmungen der Scharia entschieden." (Art. 19)

In Artikel 2 d) der Kairoer Erklärung heißt es: "Das Recht auf körperliche Unversehrheit wird garantiert. Jeder Staat ist verpflichtet, dieses Recht zu schützen, und es ist verboten, dieses Recht zu verletzen, außer wenn ein von der Scharia vorgeschriebener Grund vorliegt." Das wäre zum Beispiel der Fall nach Sure 17, Vers 33: "Und tötet niemand, den zu töten Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid! Wenn einer zu Unrecht getötet wird, geben wir seinem nächsten Verwandten Vollmacht zur Rache", heißt es im Koran. Was ist das anderes als eine von den muslimischen Außenministern abgesegnete Lizenz zur Blutrache?

Gleichberechtigung ist in dieser Erklärung nicht vorgesehen, sondern es heißt in Art. 6: "Die Frau ist dem Mann an Würde gleich" - an "Würde", nicht an Rechten, denn so der Koran, Sure 4, Vers 34: "Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie von Natur vor diesen ausgezeichnet hat" und damit sind sie zu sozialer Kontrolle und Denunziation legitimiert, wie Artikel 22 der Kairoer Erklärung deutlich macht: "Jeder Mensch hat das Recht, in Einklang mit den Normen der Scharia für das Recht einzutreten, das Gute zu verfechten und vor dem Unrecht und dem Bösen zu warnen." Das ist der Koran, verkündet im siebten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung und heute noch für Muslime verbindlich.

Und so geht es weiter in der Kairoer Erklärung: Der Islam gilt als die wahre Religion, niemand habe das Recht, die in ihm festgehaltenen Gebote "ganz oder teilweise aufzuheben, sie zu verletzen oder zu missachten, denn sie sind verbindliche Gebote Gottes, die in Gottes offenbarter Schrift enthalten und durch Seinen letzten Propheten überbracht worden sind." Jeder Mensch sei "individuell dafür verantwortlich, sie einzuhalten - und die Umma trägt die Verantwortung für die Gemeinschaft." Das ist nicht nur eine Absage an die Menschenrechte, sondern auch eine mittelbare Rechtfertigung von Selbstjustiz. Mr. Buruma kennt das Problem, er hat in seinem Buch "Murder in Amsterdam" über einen solchen Fall von Selbstjustiz geschrieben.

Die islamischen Staaten haben diese Erklärung als Selbstvergewisserung ihrer Geschlossenheit formuliert. Sie ist darüber hinaus auch politisches Programm, mit dem die kulturelle Identität der islamischen Kultur gegen die kapitalistische Globalisierung verteidigt werden soll. Zur Basis dieser kulturellen Identität wird die Scharia erklärt. Das zu kritisieren, soll ein persönliches Problem von Ayaan Hirsi Ali sein?

Aber Mr. Buruma hat noch weitere Stereotype im Köcher. Das nächste lautet: Der Islam ist eine Religion wie jede andere oder alle Religionen sind gleich (schrecklich). Diesmal geht es gegen seinen Kritiker Pascal Bruckner. Mr. Buruma schreibt: "In einem weiteren typischen Fall von Übertreibung und assoziativer Anschuldigung erwähnt Bruckner die Eröffnung eines islamischen Krankenhauses in Rotterdam und für muslimische Frauen reservierte Strände in Italien. Ich verstehe nicht, warum es soviel schrecklicher sein soll als die Eröffnung koscherer Restaurants, katholischer Krankenhäuser oder für Nudisten reservierte Strände…."

Ich kann Ihnen sagen, Mr. Buruma, warum der für muslimische Frauen reservierte italienische Strand schrecklicher ist. Anders als beim koscheren Essen oder einer krankenhausreifen Grippe geht es beim Strand um eine von den Muslimen angestrebte Veränderung. Der politische Islam will, mit dem Kopftuch, mit der geschlechterspezifischen Trennung öffentlicher Räume die Apartheid der Geschlechter in den freien europäischen Gesellschaften etablieren.

Ein muslimisches Krankenhaus unterscheidet sich grundsätzlich von einem katholischen Krankenhaus. In einem muslimischen Krankenhaus werden die Patienten nach Geschlechtern getrennt - Männer dürfen nur von Männern behandelt werden, Frauen werden nur von Frauen behandelt. Muslimische Krankenschwestern waschen zum Beispiel keine männlichen Patienten, sie fassen sie noch nicht einmal an. In Deutschland häufen sich die Klagen von Ärzten über muslimische Männer, die immer öfter zu verhindern trachten, dass ihre Frauen in Krankenhäusern von Ärzten behandelt oder auch nur untersucht werden. 

Ich weiß von Müttern, die nur in Begleitung ihres Sohnes zum Arzt dürfen. In islamischen Krankenhäusern wird der Ehemann entscheiden, ob ein Kaiserschnitt durchgeführt wird oder ob sich seine Frau nach vier Geburten sterilisieren lassen darf - in Le Monde gab es hierzu jüngst eine bestürzende Reportage. Und in der türkischen Zeitung Hürriyet wurde kürzlich berichtet , dass sich eine Radiologin in Istanbul aus religiösen Gründen weigerte, einen jungen Mann zu untersuchen, der am Unterleib verletzt war. Das ist schrecklich, Mr. Buruma.

Die Nächstenliebe ist der islamischen Religion genauso fremd wie die Seelsorge. Aber das ist ein anderes Thema. Ich halte es für geschmacklos, die Arbeit von katholischen Nonnen durch diesen "Religionen sind alle gleich"- Relativismus zu denunzieren. Offensichtlich weiß Mr. Buruma nicht, wovon er spricht, wenn er vom Islam spricht. Es geht den islamischen Betreibern von Stränden, von Krankenhäusern oder Moscheen nicht um humane Anliegen, es geht auch nicht um religiöse Kategorien, sondern es geht darum, die vertikale Trennung von Männern und Frauen in den demokratischen Gesellschaften zu etablieren.

Das dritte Stereotyp von Buruma lautet: Islamkritiker sind Denunzianten. Buruma schreibt, die "Denunziationen" Hirsi Alis seien wenig "hilfreich". Ob für ihn historisch belegte Fälle, wie die Heirat Mohammeds mit der sechsjährigen Aishe, die er dann mit neun beschlafen hat, auch unter die "wenig hilfreichen Denunziationen" fallen würden? Hirsi Ali jedenfalls erzählt in ihrem Buch "Ich klage an" davon, um daran die in der Nachfolge Mohammeds sich entwickelnde Sexualmoral des Islam als "Jungfrauenkäfig" zu kritisieren. Nach Mr. Burumas Auffassung sollte sie das nicht tun, denn als "bekennende Atheistin" - nächstes Stereotyp - könne sie ohnehin nicht zur Reform des Islam beitragen. Wiederum eine erstaunliche Auffassung eines für Menschenrechte und Demokratie zuständigen Wissenschaftlers.

Kulturrelativisten wollen nichts mehr von arrangierten Ehen, von Ehrenmorden (allein in Istanbul im letzten Jahr 25 Tote) und anderen Menschenrechtsverletzungen hören. Sie sind ihnen lästig. Oder wie ist das gemeint, wenn Mr. Buruma schreibt: "Den Islam zu verurteilen, ohne seine Variationen in Betracht zu ziehen, ist zu unüberlegt." Nun, was die Missachtung von "Variationen" anbetrifft, dürfte sich für Mr. Buruma in der muslimischen Welt ein weites Feld eröffnen: Was ist - um nur ein Beispiel unter vielen möglichen Beispielen zu nennen - mit den Frauen in über 60 Ländern, in denen das Gesetz der Scharia herrscht, die nicht ohne Wali, das heißt ohne die Genehmigung eines Vormund, heiraten dürfen? Wo ist die Vielfalt, Mr. Buruma?

Mr. Buruma lobt sich dafür, dass er die Welt der südkoreanischen Rebellen kennt. Die Welt der Muslime scheint ihm fremd, die Werte der westlichen Gesellschaft relativ. Er fürchtet - Pascal Bruckner sei Dank - mit Recht um seine intellektuelle Reputation. Dass er diese in seiner Replik auf Kosten von Ayaan Hirsi Ali zu retten versucht, macht die Sache nicht besser. Misslungen, Mr. Buruma.

Necla Kelek, geboren 1957 in Istanbul, hat in Deutschland Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema "Islam im Alltag" promoviert. Sie forscht zum Thema Parallelgesellschaften und berät unter anderem die Hamburger Justizbehörde zu Fragen der Behandlung türkisch-muslimischer Gefangener. Necla Kelek unterstützt eine aktuelle Gesetzesinitiative in Baden-Württemberg, Zwangsheiraten unter Strafe zu stellen. Sie hat zwei Bücher veröffentlicht: "Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" (2005) und "Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes" (2006).

Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.

Quelle: Die Stereotype des Mr. Buruma



Heimat, ja bitte!     Top Wie Integration gelingen kann: Ein Plädoyer für klare Regeln – und für eine gemeinsame Zukunft von Deutschen und Einwanderern

Die deutsche Gesellschaft hat mit dem Zuwanderungsgesetz – wenn auch spät – den Migranten ein Angebot zur Aufnahme in diese Gesellschaft gemacht. Seit Anfang des vorigen Jahres kann jeder Einwanderer bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen deutscher Staatsbürger werden. Aber wer Bürger dieses Landes werden will, sollte Grundsätzliches über das Leben dieses Landes wissen, seine Regeln und Gesetze akzeptieren und sich zur Verfassung dieses Landes bekennen. Es gibt keinen Automatismus, Deutscher zu werden, das Angebot ist vielmehr an die Zustimmung zu der Grundordnung gebunden, die sich dieses Land selbst gegeben hat.

Man kann die Migranten in Orientierungskursen auf ihre Staatsbürgerschaft vorbereiten; aber die Bundesrepublik ist mehr als die Summe ihrer Gesetze, Verordnungen und Institutionen. Sie ist ein Stück von Europa und seiner Geschichte. Und Europa ist eine durch die Erfahrungen von Kriegen und Krisen, von Aufklärung und Vernunft, von Freiheits- und Emanzipationskämpfen zusammengewachsene Gemeinschaft. Mit einem islamischen Welt- und Menschenbild, das, über Jahrhunderte hinweg »versiegelt«, wie Dan Diner es formuliert, von Generation zu Generation weitergereicht wird, hat diese nicht viel gemein – in den grundlegenden Prinzipien sind beide unvereinbar.

Viele der traditionell gläubigen Muslime gehen davon aus, dass die im Koran niedergelegten Offenbarungen des Propheten Gottes Wort sind, Gesetzeskraft haben und gegenüber den von Menschen gemachten Gesetzen eine »überlegene Wahrheit« darstellen. Viele glauben, sie könnten auch in Europa nach dem Gesetz des Islams, nach der Scharia, leben. Die Scharia aber kollidiert mit säkularen Rechtsnormen. Sie ist ein Vergeltungsrecht, das körperliche Schmerzen für ein Vergehen verlangt. Wer Ehebruch begeht, ein so genanntes Hadd-Vergehen, verletzt Gottes Recht.

Mit den Schuldigen gibt es laut Sure 24, Vers 2, kein Mitleid, hundert Peitschenhiebe oder Steinigung als Vergeltung gibt der Koran vor. Die Tötung eines Menschen hingegen – auch Mord – gehört nicht zu den Kapitalverbrechen, sondern zu den Qisas-Vergehen, den Verbrechen mit der Möglichkeit der Wiedervergeltung: »Ihr Gläubigen! Bei Totschlag ist euch die Wiedervergeltung vorgeschrieben: ein Freier für einen Freien…« (Sure 2, Vers 178). Und so reißt die Blutrache bis heute ganze Familien in den Abgrund.

Ohne die Ächtung der Scharia und des Prinzips der Vergeltung sind alle Bemühungen um Integration der Muslime zum Scheitern verurteilt.

Durch eine falsche Integrationspolitik, die ihre Herkunftsidentität stärkte, fühlen sich selbst türkische Migranten, die schon Jahrzehnte hier leben und einen deutschen Pass haben, immer noch als Türken. Sie gehören nirgendwo richtig dazu – für das Land, aus dem sie kommen, sind sie die »Deutschländer«, und zu dem Land, in dem sie leben, wollen sie nicht gehören. Diese ungeklärte Identität trägt zum Rückzug in die eigene Community, in die »Parallelgesellschaft« bei. Wer seinen Kindern nach 30 Jahren Aufenthalt in Deutschland immer noch die Türkei als die wahre Heimat verkauft, wer ihnen die Maxime en büyük türk, »Der Türke ist der Größte«, vorlebt, der diskreditiert seinen eigenen Lebensweg als Irrtum.

Wer als Migrant gekommen ist, muss Deutschland als seine »wahre Heimat« annehmen. Er muss aufhören, die Deutschen als Fremde zu sehen, deren Sitten und Gebräuche er verachtet; er muss lernen, sich mit diesem Land auseinander zu setzen, und er muss respektieren, dass auch ein Migrant vor Einmischungen in seine »Angelegenheiten«, vor Kritik nicht gefeit ist. »Es ist völlig in Ordnung, dass Muslime, dass alle Menschen in einer freien Gesellschaft Glaubensfreiheit genießen sollten«, schreibt der Muslim Salman Rushdie.

»Es ist völlig in Ordnung, dass sie gegen Diskriminierung protestieren, wann und wo immer sie ihr ausgesetzt sind. Absolut nicht in Ordnung ist dagegen ihre Forderung, ihr Glaubenssystem müsse vor Kritik, Respektlosigkeit, Spott und auch Verunglimpfung geschützt werden.« Diesen selbstbewussten Umgang mit den Errungenschaften der Aufklärung wünschte ich den Muslimen, aber auch ihren selbst ernannten Verteidigern, die auf Kritik reagieren, als würde damit ein Dschinn, ein böser Geist, losgelassen.

Wir dürfen die Migranten, ihr Verhältnis zu ihren Söhnen und Töchtern, ihre Einstellung zu Glauben und Religion, zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nicht länger unter Naturschutz stellen. Migranten sind nicht per se »Opfer«. Mit ihnen auf gleicher Augenhöhe zu verkehren heißt, sich überall dort einzumischen, wo sie den »Geist der Gesetze« dieser Republik verletzen, aber auch jede vormundschaftliche Politik aufzugeben, die sie zu Mündeln degradiert. Niemand kann ihnen die Verantwortung für ihr eigenes Leben abnehmen. Wir müssen alles tun, um sie vor der Willkür, besonders auch der ihrer eigenen Väter, zu schützen, aber wir sollten aufhören, sie als Bedürftige zu sehen. Wir müssen sie anspornen und fördern, aber wir müssen auch etwas von ihnen fordern.

Ich möchte, dass die Integration gelingt, dass wir gemeinsam diese Gesellschaft gestalten. Viele Migranten, das ist mir bewusst, fühlen sich überfordert. Sie wollen von der Gesellschaft, von den Deutschen, von den Behörden in Ruhe gelassen werden, um nach ihren Traditionen und religiösen Vorstellungen leben zu können. Aber es sind gerade diese archaischen Traditionen, die einem freien Leben im Wege stehen. Kinder von Migranten sind Kinder dieser Gesellschaft, ihre Not und ihr Scheitern trifft uns alle. Den Söhnen fehlt oft der Mut und auch die Perspektive, sich aus den Verstrickungen der Tradition zu lösen. Dabei müssen wir ihnen helfen. Und das fängt mit ganz einfachen Dingen an:

Jedes Kind muss vor Gewalt geschützt werden. Körperliche Züchtigung ist in Deutschland verboten und muss geahndet werden. Wer Kindesmisshandlung nicht anzeigt, macht sich unterlassener Hilfeleistung schuldig. Gewalt gegenüber Kindern und Frauen ist, so zeigen Untersuchungen, unter Migranten ein häufig auftretendes Problem. Kinderärzte, Kindergärten und Schulen müssen darüber gezielte Aufklärung unter Eltern, Schülern und Lehrern betreiben, und sie sollten jede Möglichkeit der Kontrolle zum Schutz der Kinder wahrnehmen. Beschneidung ohne medizinische Indikation ist eine Körperverletzung und nicht zulässig.

Gewalt, Rassismus, diskriminierendes Verhalten werden nicht geduldet – weder gegen Migranten noch von ihnen. Schulen sollten entsprechende Schulverfassungen formulieren, auf die sich alle Beteiligten verpflichten. Besonders Jugendliche sollten durch Kampagnen über ihre Rechte informiert werden. Es muss verhindert werden, dass 16-jährige Schülerinnen in den Sommerferien in der Türkei gegen ihren Willen verheiratet werden und aus Deutschland verschwinden.

Die Schule ist generell als deutscher Sprach- und Kulturraum zu begreifen; es wird Wert darauf gelegt, dass während der Schulzeit, auch auf dem Schulgelände, Deutsch gesprochen wird. Die Migrantenkinder haben oft keinen anderen Ort als die Schule, um die deutsche Sprache zu sprechen und die deutsche Kultur kennen zu lernen. Ziel ist es, möglichst früh sprachliche Defizite abzubauen und Deutsch als Umgangssprache der Kinder zu etablieren. Gute Deutschkenntnisse sind Voraussetzung für einen Schul- und Integrationserfolg. In einer von Eltern, Schülern und Lehrern gemeinsam beschlossenen Hausordnung einer überwiegend von Migrantenkindern besuchten Schule im Berliner Stadtteil Wedding steht: »Die Schulsprache unserer Schule ist Deutsch, die Amtssprache der Bundesrepublik Deutschland. Jeder Schüler ist verpflichtet, sich im Geltungsbereich der Hausordnung nur in dieser Sprache zu verständigen.«

Kindergärten mit Sprachförderung, Vorschule und Sprachtests werden vom fünften Lebensjahr an obligatorisch; Sexualkunde-, Schwimm- und Sportunterricht sind Regelunterricht. Eine Befreiung aus religiösen Gründen wird abgelehnt. Die Schule muss als »Integrationsagentur« verstanden werden, die die Kinder auf ein selbstbestimmtes Leben in dieser Gesellschaft vorbereiten soll.

Jede Frau, jeder Mann muss das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob sie oder er heiraten will, wann und wen. Um Zwangsehen zumindest zu erschweren, wird eine Familienzusammenführung erst vom 21. Lebensjahr an zugelassen. Es wird verstärkt darüber aufgeklärt, welche Gesundheitsrisiken Ehen zwischen Cousin und Cousine für die Nachkommen haben. Elternschulen unterrichten Väter und Mütter in der Kinderpflege und -erziehung. Schwangerschafts- und Babykurse sollen junge Migrantenmütter und -väter auf die Geburt vorbereiten.

Die Mehrehe wird geächtet. In den Sozialversicherungssystemen werden entsprechende Regelungen geschaffen, die eine Unterstützung der Polygamie verhindern. Polygamie ist ein Grund, die Aufenthaltsgenehmigung zu entziehen.

Der organisierte Islam hat eine besondere Verantwortung für die Integration. Auch an ihn sind Forderungen zu richten:

Koranschulen müssen ihr Programm und ihr pädagogisches Konzept öffentlicher Kontrolle zugänglich machen; Unterricht und Predigten müssen in deutscher Sprache erfolgen; Männern und Frauen ist gleichberechtigter Zutritt zu allen Veranstaltungen zu gewähren; die Betreiber von Moscheen haben ihre Satzung und ihre Finanzen offen zu legen; Moscheevereine verpflichten sich, ein Angebot für Sprachförderung anzubieten; Hodschas haben neben Sprachkenntnissen auch Kenntnisse in Landes- und Gesetzeskunde nachzuweisen.

Ich plädiere für diese klaren Regeln, statt die Integrationspolitik weiterhin dem Zufall zu überlassen – wohl wissend, dass die politischen Vertreter der Migrantenorganisationen und ihre Freunde diese Vorschläge mit Entrüstung zur Kenntnis nehmen werden und sich gegen jeden »Generalverdacht« und gegen jede »Gängelung« der Muslime und Migranten wehren werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, wenn wir die Söhne und Töchter der Migranten nicht verlieren wollen. Wir brauchen ihre Talente und Tatkraft für unsere gemeinsame Zukunft.

Sich an die Arbeit der Integration zu machen bedeutet nicht, seine Muttersprache zu vergessen, seine Identität zu verraten oder seinen Glauben aufzugeben. Bis heute berührt mich nichts so sehr wie meine türk halkmüzigi, türkische Volksmusik, ich esse immer noch nur zu gern meinen Döner und tanze leidenschaftlich gern tscherkessische Tänze – so wie ich Latte Macchiato, Grünkohl, Bach und Jazzrock schätzen gelernt habe. Kultur ist ein ständiger Lernprozess, eine sinnliche Erfahrung, die anderes hören, anderes sehen, anderes schmecken, anderes fühlen lässt – eine Erweiterung für alle.

Es kann nicht darum gehen, Identitätspolitik zu betreiben, wie es die türkisch-muslimischen Vereine immer noch gern tun. Es kann nicht darum gehen, normativ für alle Türken und Muslime zu definieren, was es heißt, »türkisch« oder »muslimisch« zu sein, wie die Gesellschaft den Türken zu begegnen hat und was die Türken selbst zu tun und zu lassen haben. Verräterisch sind Formeln wie »wir Türken« oder »wir Muslime«, sie erheben immer noch das »Türkentum« und das »Muslim-Sein« zur kollektiven Identität.

An dem »Sprachenstreit« auf deutschen Schulhöfen wird deutlich, dass die Auseinandersetzung um die Integration erst jetzt begonnen hat. Jeder in dieser Gesellschaft hat das Recht, Türke, Deutscher, Muslim, Christ oder etwas anderes zu sein. Als Individuum kann er frei wählen, seine Integration als Türke oder Türkin, als Muslim oder Muslimin muss daran keineswegs scheitern – wohl aber, wenn er sich zurückzieht auf die kollektive Identität. Ein Einzelner kann integriert werden, ein Kollektiv nicht.

Viele Söhne haben sich verloren, weil sie den Gesetzen der Väter folgen. Sie imitieren ein Ideal oder spielen eine Rolle, die sie im Leben scheitern lässt. Macht nichts, wird ihnen beigebracht, die Familie sorgt für dich, sie schützt dich, die Familie ist das, woher du kommst, was du bist, wohin du gehen wirst. Sie ist alles, was du hast. In Wahrheit ist die Familie ein Kontrollsystem, in dem das Wort der Väter Gesetz ist und die Söhne die Rolle der Wächter über Frauen und Kinder spielen.

Sie sind Mitglied eines fest gefügten Ensembles, das ein Stück mit festgelegten Rollen aufführt, auf einer Bühne, die sie nicht erbaut haben, mit Texten, die ihnen vorgegeben werden. Ihre Zuschauer sind die Mitglieder der Umma, der Gemeinde. Sie achten darauf, dass keiner das Theater verlässt. Aber auf eine Teilhabe an der Welt außerhalb des Theaters sind die muslimischen Söhne ohnehin nicht vorbereitet. Dafür taugt das Repertoire nicht, das sie erlernen müssen. Macht nichts, wird ihnen beigebracht, denn – »Alles ist vorherbestimmt«, so hat der Hodscha bei meinem Moscheebesuch gepredigt. »Nur Gott kennt unser Schicksal«, warnt der Vorbeter, »wollt ihr euch in Gottes Handwerk einmischen?«

Niemand hat den »verlorenen Söhnen« beigebracht, Fragen zu stellen, an Autoritäten zu zweifeln; niemand hat sie gelehrt, sich fremden Einflüssen zu öffnen, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen. Sie bleiben Fremde in einem fremden Land, eingeschlossen in eine versiegelte Welt.

Der türkisch-muslimische Mann in Deutschland wird, wenn er sich dem Leben, der Liebe und der Freiheit aussetzt, seinem eigenen Empfinden nach zunächst »verlieren«. Er wird die Welt künftig mit seiner Frau und seinen Kindern teilen müssen. Mit Widerspruch und Kritik wird er leben müssen, denn seine Auffassung wird nur noch eine Meinung unter mehreren Meinungen sein, kein Gesetz. Er wird sie begründen müssen und nicht mehr mit Gewalt durchsetzen können. Glauben werden ihm nur die, die keine Angst vor ihm haben, sondern ihm vertrauen.

Geliebt wird er nur werden, wenn er selbst lieben kann. Und das heißt auch, die Söhne und Töchter loslassen zu können, sie in »die Fremde« ziehen zu lassen. Sie dafür zu lieben, nicht zu strafen, dass sie andere werden, als ihre Väter und Mütter gewesen sind. Sie bleiben die Kinder ihrer Mütter und Väter, was immer auch passiert, und eines Tages werden sie heimkehren, als Menschen mit einer eigenen Geschichte, ihrer Geschichte.

Es ist ein ganz anderes Leben, als der türkisch-muslimische Mann es kennt. Vielleicht ist es nicht das Paradies, aber es ist ein Leben, das auch ihn selbst reicher und freier machen wird.

Necla Kelek steht seit einigen Wochen im Mittelpunkt einer scharfen Debatte über Immigranten in Deutschland. Nachdem sie in ihrem Bestseller »Die fremde Braut« die Zwangsehe angeprangert hatte, kritisierten Migrationsforscher in einem offenen Brief (ZEIT Nr. 6/06) Keleks Methoden als »unwissenschaftlich« und deren öffentliche Wirkung als »besorgniserregend«. In diesen Tagen erscheint nun das neue Buch der 1957 in Istanbul geborenen Soziologin. Unter dem Titel »Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes« (Kiepenheuer & Witsch, Köln 224 S., 18,90 Euro) porträtiert Kelek türkisch-deutsche Väter, Söhne und Brüder. Wir drucken einen Auszug mit den Schlussfolgerungen der Autorin.

Quelle: Heimat, ja bitte!



Scharia, nein!     Top

Die deutschen Türken müssen sich ändern

Leyla Sahin hat verloren. Am 10. November wies der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ihre Klage ab, mit der die 32-jährige Medizinstudentin feststellen lassen wollte, dass sie 1998 zu Unrecht von der Universität in Istanbul ausgeschlossen wurde, weil sie sich weigerte, ihr Kopftuch abzulegen.

Seit Jahren versuchen Muslime mit Unterstützung ihrer Organisationen vor deutschen und anderen europäischen Gerichten, ihre Lebensweise durchzusetzen. Sie klagen gegen das Kopftuchverbot, gegen Teilnahme ihrer Töchter an Schwimmunterricht und Klassenreisen, fordern das religiöse Schächten ein. Auch in der Türkei, wo es seit 1925 verboten ist, in öffentlichen Gebäuden religiöse Kleidung zu tragen, versuchen die Religiösen die Trennung der Geschlechter und die Prinzipien der Scharia, des islamischen Rechts, Stück für Stück wieder im Alltag zu etablieren.

Da die Verfassung der Türkei in diesem Punkt nicht zu ändern ist, es sei denn die Regierung wollte sich den Unmut der Europäer einhandeln, probierten die Religiösen es über den Umweg des Europäischen Gerichtshofs. Nichts wäre ihnen lieber gewesen, als wenn das Gericht das Kopftuchverbot an türkischen Universitäten gekippt hätte. Dann hätten sie die türkische Verfassung ändern können mit dem Hinweis: Europa verlangt es von uns.

Nun aber ist der Ärger groß, und Ministerpräsident Tayyip Erdog˘an ist entsprechend ungehalten. Am Rande einer Nato-Tagung Mitte November in Dänemark sagte er der Zeitung Hürriyet zu dem Urteil: »Das Gericht hat kein Recht, zu diesem Thema etwas zu sagen. Das steht nur der Ulema zu.«

Die Ulema, das ist der Rat der islamischen Rechtsschulen, der über die richtige Anwendung der Scharia wacht. Für Erdog˘an stehen die islamischen Rechtsgelehrten offenbar über dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Eine Trennung von Staat und Religion, ein Grundpfeiler der türkischen Republik, scheint es für Erdog˘an nicht zu geben. Der Weg der Türkei nach Europa könnte sich auch als Zug des unaufgeklärten Islams gegen die westliche Lebensweise entpuppen. Dabei hatte der Weg der Türken nach Europa vor 40 Jahren ganz anders begonnen.

Der Aufbruch von Anatolien über Istanbul nach Deutschland war für mich und für meine Familie – deren Schicksal in vieler Hinsicht ganz typisch für die türkische Entwicklung und den Migrationsprozess ist – der Weg vom Kollektiv des Familienclans zur Kleinfamilie, von der Vormundschaft in die Freiheit, von der Tradition in die Moderne, vom Sozialwesen zum Individuum. In den türkischen Städten, in denen die Industrie aufblühte, wuchs mit ihr auch das Bürgertum, das die neuen Freiheiten annahm und genoss. Gleichzeitig verfielen die ländlichen Strukturen, und allmählich begann eine Binnenmigration aus allen ländlichen Gebieten in die großen Städte, vornehmlich nach Istanbul. Auch meine Eltern folgten diesem Zug und zogen an den Bosporus.

Das erste Mal in ihrem Leben waren mein Vater und meine Mutter für sich selbst verantwortlich, entschied nicht die Großfamilie für sie. Meine Mutter, die noch verheiratet worden war, ohne gefragt zu werden, und die, wäre sie im Dorf geblieben, ihr Leben lang der Schwiegermutter hätte dienen müssen, war plötzlich auf sich selbst gestellt, musste allein einen Haushalt führen. Die Macht der Umstände machte aus ihr und den vielen Frauen, die auf ähnliche Weise in die Stadt kamen, selbstständige Frauen, die eher dem Vorbild von Doris Day und Jackie Kennedy nacheiferten.

Mein Vater ging als einer der ersten »Gastarbeiter« nach Deutschland. Er ging als Republikaner, als Anhänger Atatürks, er wollte die Chance des »Wirtschaftswunders« nutzen. Viele schlugen diesen individuellen Weg ein. Ihn zu gehen ist Voraussetzung für die Moderne, in der jeder Einzelne Rechte und Pflichten wahrnimmt, Verträge abschließt und nicht als Mitglied einer Gruppe, einer Familie auftritt. Nur wer in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst und sein Handeln zu übernehmen, wird gesellschaftlich erfolgreich agieren, sich zurechtfinden können. Jene, die dies begriffen, haben Europa als Chance genutzt.

Jedoch: Die ersten Migranten blieben nicht allein. Im großen Stil wurden in Anatolien Arbeitskräfte angeworben, sie wohnten in Deutschland dann in Heimen unter einfachsten Bedingungen. Männer und Frauen blieben dabei getrennt wie im anatolischen Dorf. Es sollte ja nur ein Provisorium für zwei, drei Jahre sein. Aber es kam anders. Die Gastarbeiter holten ihre Familien nach, sie entschlossen sich, in Deutschland zu bleiben, wurden Einwanderer, ohne dass die Politik darauf reagierte.

Vielleicht hat sie es nicht einmal richtig registriert. Doch mit den Verwandten kamen auch die muslimisch-türkischen Familientraditionen nach Deutschland. Die Frauen, die in die Moderne aufgebrochen waren, wurden heim ins Haus geholt. Es wurde kein Deutsch mehr gelernt, es wurde türkisch gesprochen, muslimisch gelebt. »Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, sondern in eine Familie«, sagte mir einmal eine »Importbraut«, die seit zehn Jahren in Deutschland lebt.

An der ländlichen Türkei hatte sich schon Atatürk die Zähne ausgebissen. Hier gelang der Weg in die Moderne nicht, auch weil die ökonomischen Voraussetzungen fehlten. Die traditionell muslimisch-türkische Kultur, das komplexe System von Glaubensvorstellungen, Bräuchen, Sitten blieb unangetastet. Das Leben ging weiter wie seit Jahrhunderten.

Wozu Bildung? Sie leben in Deutschland einfach wie in ihrer dörflichen Welt.

Das galt auch für die Binnenmigranten, die aus den Dörfern nach Istanbul gingen: Landarbeiter ohne Land und Arbeit, die ihre Sitten mit nach Istanbul und später nach Deutschland nahmen. Sie hatten von der Moderne nichts zu erwarten. Und von ihnen wurde auch nichts anderes erwartet, als dass sie die einfachen Arbeiten tun sollten, für die sich die Deutschen zu schade geworden waren. Ihnen konnte es ziemlich gleich sein, wo sie lebten – ob in Istanbul oder in Iserlohn, sie waren auf jeden Fall die Verlierer der Entwicklung. So hielten sie sich an das, was ihnen blieb: an ihre Traditionen und in immer stärkerem Maße an den Glauben mit seinen festen Lebensregeln und der dem Islam innewohnenden Schicksalsgläubigkeit.

Der Islam wurde – auch mit finanzieller Unterstützung durch die türkische Republik und aus Saudi-Arabien – wieder identitätsstiftend. Hinzu kam ein Gefühl, mit dem Erstarken des politischen Islams seit 1979 erst im Iran, später dann in der Türkei, endlich auf der Seite der moralischen Sieger der Geschichte zu stehen. So blieben die patriarchalischen Familien- und Dorfstrukturen unangetastet.

In einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums im Jahr 2004 wurden 150 türkische Frauen befragt, jede zweite gab an, ihr Ehepartner sei von den Eltern ausgesucht worden, jede vierte kannte den Partner vor der Ehe nicht, und zwölf der 150 Frauen fühlten sich zur Ehe gezwungen. Ich selbst habe als junges Mädchen in Deutschland miterlebt, wie eine Freundin in der Nachbarschaft über zehn Jahre lang im Haus festgehalten wurde. Dieses Mädchen durfte nicht zur Schule, weil ihre Eltern arbeiteten und sie auf den jüngeren Bruder aufpassen musste. Mit 16 Jahren wurde sie in die Türkei geschickt und dort verheiratet.

Diese Mentalität, das Festhalten am türkisch-muslimischen Common Sense in der Fremde, führt zu der Situation, die wir heute in Deutschland bei mindestens der Hälfte der hier lebenden Türken beobachten. Sie leben in der Moderne, sind dort aber nie angekommen. Sie leben in Deutschland nach den Regeln ihres anatolischen Dorfes. Sie haben sich in ihren Glauben, in ihre Umma, eine Parallelwelt, zurückgezogen und erhalten diese, indem sie ihre Kinder mit Mädchen und Jungen ihrer alten Heimat Ehen schließen lassen.

Die Folgen sind dramatisch. Mangelnde Selbstverantwortung zieht auch mangelnden Bildungswillen nach sich. Wenn Eltern davon ausgehen, dass sie ihre Tochter mit 16 Jahren verheiraten, warum sollten sie ihr Kind dann das Abitur machen lassen? Mangelnde Verantwortung für die Zukunft, mangelnde Investition in die Bildung ihrer Kinder reproduzieren immer wieder den eigenen sozialen Status. Und so relativiert sich auch die Mär von der türkischen Familie, in der alle so gut aufgehoben sind.

Es ist in vielen Fällen ein Kontrollsystem, in dem die älteren Männer bestimmen, was die Familienmitglieder zu tun und zu lassen haben. Dort herrscht das Prinzip des Respekts und der Ehre, ein Jüngerer hat dem Älteren nicht zu widersprechen, und die Frauen sind die »Ehre«, sprich Besitz der Männer, sie haben in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Es ist kein System der Fürsorge, sondern eine Besitzanzeige.

Keine guten Voraussetzungen für eine Demokratie, denn sie braucht mündige Bürger. So ist letztlich an der Frage der Gleichberechtigung der Frau die Integration einer großen Zahl von Türken in Deutschland gescheitert. Diese Erkenntnis ist umso bitterer, weil in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vielfältige Initiativen staatlicher, politischer und sozialer Politik darauf gerichtet waren, die Stellung der Frau zu verbessern. In der türkisch-islamischen Welt ist der Mensch ein Sozialwesen, das der Gemeinschaft gehört.

Aus der Vorstellung der Umma, der Glaubensgemeinschaft, leitet sich ein soziales Konzept von Gemeinschaftlichkeit ab, das der Gemeinschaft den Vorrang vor dem Individuum gibt und damit im Gegensatz zum Bild von der Einzigartigkeit des Individuums in Gesellschaften christlicher Prägung steht. Der Christenmensch wurde durch die Entdeckung des Gewissens zum verantwortlichen Einzelnen. Wer Verantwortung trägt, kann auch schuldig werden.

Eine weitere zivilisatorische Errungenschaft ist die Regelung des gesellschaftlichen Lebens durch demokratische Entscheidungen über Gesetze. Nicht Gott, sondern die Menschen machen die Gesetze. Sie gelten für alle. Die Rechtsschulen des Islams akzeptieren dies nicht, für sie steht Gottes Offenbarung im Koran, und der ist heilig. Die traditionell-gläubigen Muslime gehen davon aus, dass Gott selbst der Gesetzgeber ist, dass seine im Koran niedergelegten Offenbarungen Gesetzeskraft haben und es keinen »säkularen« Lebensbereich gibt.

Viele glauben, sie könnten auch in Europa nach dem Gesetz des Islams leben. Die Scharia bestimmt bis heute die Erziehungsidee vieler muslimischer Menschen. Sie geht davon aus, dass der Islam »Hingabe« oder auch »Unterwerfung« bedeutet. Die Scharia ist ein Vergeltungsrecht, das körperliche Schmerzen für ein Vergehen verlangt. Der politische Islam versteht sich blendend darin, Grundrechte wie das der Religionsfreiheit unserer Gesellschaft zu benutzen, um seine kollektivistischen Ideen unter dem Schleier der Persönlichkeitsrechte durchzusetzen. Die Debatte um das Kopftuch ist dafür nur ein Beispiel.

Meine Hoffnung: Ich erlebe täglich, wie Frauen die Chance der Freiheit ergreifen

Die türkische Regierung hätte über ihr Amt für Religion die große Möglichkeit, das dringend nötige Reformwerk – die öffentliche Abwendung von den Prinzipien der Scharia – anzustoßen. Dazu könnte auch gehören, dass die nach Deutschland entsandten Imame Deutsch lernten und die im Zuwanderungsgesetz vorgesehenen Orientierungskurse besuchten. Auch hier steht die Reformwilligkeit der Türkei auf dem Prüfstand. Wer, wenn nicht eine islamisch geprägte Regierung könnte kraft Amtes eine Reform des Islams hin zu mehr persönlicher Freiheit befördern? Es geht auf dem Weg nach Europa nicht darum, »Türken-Politik« oder »islamische Politik« zu betreiben, sondern am gemeinsamen europäischen Haus zu bauen.

Ich habe die Hoffnung, dass die in Deutschland lebenden Muslime und Türken erkennen, welche Möglichkeiten und persönlichen Sicherheiten ihnen eine säkulare Gesellschaft bietet. Ich erlebe jeden Tag, wie türkische Frauen den Mut fassen und die Freiheit als ihre Chance ergreifen, ein gleichberechtigtes Leben zu führen. Diese Frauen brauchen Ermutigung und Unterstützung. Die Akzeptanz der Gleichberechtigung von Mann und Frau und die grundsätzliche Distanzierung von der Scharia sind Grundvoraussetzungen für ein gemeinsames Europa.

Anders als meine Eltern und meine Geschwister bin ich in Deutschland geblieben. Mein Vater, von uns der Erste, der hierher gekommen war, kehrte auch als Erster wieder in die Türkei zurück. Ihm ist es trotz guten Willens nicht gelungen, seine Freiheit zu nutzen. Ich will nicht behaupten, dass der individuelle Weg einfach ist. Er fordert den Einzelnen in seiner ganzen Persönlichkeit.

Necla Kelek promovierte über das Thema »Islam im Alltag«. Sie forscht zum Thema Parallelgesellschaften. Für ihr Buch »Die fremde Braut« wurde ihr am 14. November 2005 der Geschwister-Scholl-Preis verliehen.

Quelle: Scharia? Nein!



Sie haben das Leid anderer zugelassen!     Top

Eine Antwort auf den offenen Brief von 60 Migrationsforschern: Sie ignorieren Menschenrechtsverletzungen, weil sie nicht in ihr Konzept von Multikulturalismus passen

In meinem Buch Die fremde Braut habe ich aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland berichtet, über Zwangsheirat, arrangierte Ehen und Frauen geschrieben, denen ihre Familien die elementarsten Rechte verweigern. Das Buch hat eine heftige öffentliche Diskussion ausgelöst, weil es gegen eines der bestgehüteten Tabus der türkischen Gemeinschaft verstieß – es machte das Schicksal der gekauften Bräute öffentlich, die mitten in Deutschland ein modernes Sklavendasein führen.

Jetzt werfen mir 60 Migrationsforscher unter anderem aus Instituten in Hamburg, Köln und Essen vor, ich hätte mit meinem Buch die Beachtung bekommen, die eigentlich ihnen zustehe. Sie kritisieren, ich hätte »Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt«. Ich empfehle ihnen Besuche von Schulen, Beratungsstellen, bei Frauenärzten oder in Moscheen – dort können sie, wenn sie die Sprache der Frauen sprechen und Zugang zu ihnen finden, erfahren, dass es in diesem Land verbreitet Zwangsheirat, Gewalt in der Ehe, Vergewaltigungen und sogar die Mehrehe gibt.

Dass kurdische Familienväter minderjährige Nichten nach Deutschland holen, sie als ihre Töchter ausgeben – natürlich Kindergeld beziehen – und mit ihnen in Polygamie leben. Und ich empfehle aktuell die Lektüre der Studie des Frauenberatungszentrums Selis des Stadtrats von Batman in Ostanatolien von Ende Januar 2006. Dort wird berichtet, dass 62 Prozent der Frauen von Familienmitgliedern verheiratet wurden, ohne dass sie vorher nach ihrer eigenen Meinung gefragt wurden. Alles »Einzelfälle«?

Werner Schiffauers Studie Die Migranten aus Subay , in der er anhand von acht Schicksalen über die Türken in Deutschland Schlüsse zieht, war ein Meilenstein der Migrationsforschung. Schiffauer hat damit die qualitative Migrationsforschung auf einen neuen Stand gebracht. Seine grundlegende These allerdings, dass der Weg in die Moderne unaufhaltsam mit einer Ablösung der Einwanderer von ihrer Herkunftskultur und ihrer Neuorientierung an den Werten der westlichen Gesellschaft verbunden sei, ist inzwischen von der Realität widerlegt worden.

Forschung heißt auch, Ergebnisse durch Beobachtung in Frage zu stellen

Die politisch Aufgeschlossenen sind nur allzu gern Schiffauers These gefolgt, die Integration der Türken und Muslime erledige sich gleichsam »von selbst«. Nicht die Integration schien das »Problem« zu sein, sondern die Befürchtung, die Migranten könnten in diesem Anpassungsprozess an die Moderne ihre Identität verlieren. Auch ich bin anfangs dieser These gefolgt und habe die »kulturelle Dimension des Muslim-Seins« ebenso sträflich unterschätzt wie die Macht des islamischen Weltbildes. Als ich 1995 in Berlin versuchte, kopftuchtragende junge Türkinnen zu interviewen, musste ich selbst in Kreuzberg lange suchen, um überhaupt die eine oder andere ausfindig zu machen.

Gehen Sie heute zum Kottbusser Tor in Kreuzberg: Sie werden eher Probleme haben, muslimische Frauen ohne Kopftuch zu finden. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren genau hingesehen, habe mit einigen meiner Interviewpartner wiederholt gesprochen, die Veränderung in der türkisch-muslimischen Community registriert und dabei dazugelernt. Nach meinem Verständnis macht erst das seriöse Forschung aus: die Bereitschaft, die eigenen Ergebnisse durch genaue Beobachtung auch wieder infrage stellen zu lassen.

Der Vorwurf, angeblich »Einzelfälle« zu Verallgemeinerungen »aufzupumpen«, ist auch noch deshalb besonders absurd, weil die Mit-Initiatorin dieses offenen Briefes an mich, Yasemin Karakasoglu, in ihrer Dissertation auf über 400 Seiten die Ergebnisse ihrer Befragungen von 15 muslimischen, kopftuchtragenden Pädagogikstudentinnen ihres Instituts auswertet. Sie kommt zu dem Schluss, dass das Kopftuchtragen junger muslimischer Frauen viele »Facetten« habe und das Kopftuch ein Zeichen des neuen Selbstbewusstseins junger Musliminnen ist, dass sie die »glücklichen Töchter Allahs« sind. Diese Erkenntnis qualifizierte Frau Karakasoglu sogar zur Gutachterin vor dem Verfassungsgericht.

Kurios an dem Vorwurf, ich könne keine empirischen Daten vorlegen, ist ferner, dass gerade meine Kritiker aus der gut ausgestatteten Welt der öffentlich finanzierten Migrationsforschung kommen. Auch die Ergebnisse, die der Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer in einer empirischen Studie über Gewaltbereitschaft muslimischer Jugendlicher (Verlockender Fundamentalismus, 1997) vorgelegt hat, passten ihnen nicht ins multikulturelle Konzept. Anstatt inhaltliche Ergebnisse auf den Tisch zu legen, kaprizieren sie sich auf persönliche und wissenschaftliche Diskreditierungen – alles nur, weil ihnen die Richtung nicht passt. Dabei hätten die Institutsleiter, C3- und C4-Professoren, in den vergangenen Jahrzehnten Zeit, Mittel und Assistenten gehabt, die Fragen von Zwangsheirat, arrangierten Ehen, Ehrenmorden und Segregation sowohl quantitativ wie qualitativ zu untersuchen.

Die 60 Migrationsforscher hätten die Fragen stellen können, die ich gestellt habe. Sie hätten auch andere Frage stellen können. Sie haben es nicht getan, weil solche Fragen nicht in ihr ideologisches Konzept des Multikulturalismus passen und weil sie die Menschenrechtsverletzungen nicht sehen wollten und wollen. Damit haben sie aber auch das Tabu akzeptiert und das Leid anderer zugelassen.

Die Unterzeichner bestreiten nicht die Existenz von Zwangsehen, sehen dieses Phänomen aber als eine Art »Heiratsmarkt«, der sich der europäischen Abschottungspolitik verdankt. Gibt es also keine Zwangsheirat in Anatolien? Hat Europa eine Bringschuld gegenüber Ländern, die der EU beitreten wollen? Oder ist es nicht umgekehrt so, dass bestimmte Bedingungen in diesen Ländern erfüllt sein müssen, bevor sie der EU beitreten können?

»Wenn es keine transparenten Möglichkeiten für Einwanderung gibt«, so schreiben die Migrationsforscher, »nutzen die Auswanderungswilligen eben Schlupflöcher.« Soll das heißen, die Europäer sind für die Menschenrechtsverletzungen in Kurdistan und für den Zwang zur Ehe im Islam verantwortlich? Ist also das Brechen von Gesetzen vor einem solchen Hintergrund durchaus legitim? Ebenso wenig bestreiten die Unterzeichner die Existenz von Ehrenmorden, doch »dafür gibt es bekanntlich Gesetze«, schreiben sie. Damit ist das Thema für sie erledigt.

Integrationspolitik darf keine Probleme wegidealisieren

Für mich offenbaren die Forscher in solchen Aussagen ein merkwürdiges Demokratieverständnis und ein merkwürdiges Selbstverständnis ihrer eigenen Arbeit. Offensichtlich verstehen sie ihren Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung und zur Integration nicht so, dass solche kriminellen Praktiken verhindert werden. Sie wollen sie bestenfalls »in ihrem Entstehungskontext« erklären können. Ich habe ein anderes Verständnis von meiner Aufgabe als Migrationsforscherin. Ich möchte mit meinen Arbeiten zur Integration beitragen und habe deshalb auch keine Probleme damit, mit dem Innenminister der Bundesrepublik, dem Bundesamt für Migration und anderen Stellen zusammenzuarbeiten.

Die 60 Migrationsforscher werfen mir eine unseriöse Vorgehensweise vor, sind sich aber selbst nicht zu schade für den Versuch, mich und andere zu diskreditieren – und damit die ersten Ansätze einer anderen Integrationspolitik in Deutschland. Und mit Seyran Ates und Ayaan Hirsi Ali denunzieren sie Autorinnen, die ihr Leben riskieren, um die Gewalt gegen Frauen zu beenden.

Vielleicht haben die Unterzeichner auch nur Angst um ihre Forschungsmittel. Sie kommen nicht mehr unwidersprochen damit durch, vom unaufhaltsamen Weg der Migranten in die Moderne zu sprechen. Sie merken, dass vielleicht endlich die ersten Ansätze einer realistischen Integrationspolitik betrieben werden, die die real existierenden Probleme nicht mehr wegidealisiert, sondern anzugehen versucht. Zu einer solchen Politik aber hat ihre Forschung nichts beizutragen.

Quelle: Sie haben das Leid anderer zugelassen



Entgegnung     Top

Necla Kelek antwortet auf eine Petition von 60 Migrationsforschern zur deutschen Integrationspolitik und die Kritik an ihren Büchern über den Islam

In meinem Buch Die fremde Braut habe ich aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland berichtet, über Zwangsheirat, arrangierte Ehen und Frauen geschrieben, denen ihre Familien die elementarsten Rechte verweigern. Das Buch hat eine heftige öffentliche Diskussion ausgelöst, weil es gegen eines der bestgehüteten Tabus der türkischen Gemeinschaft verstieß – es machte das Schicksal der gekauften Bräute öffentlich, die mitten in Deutschland ein modernes Sklavendasein führen.

Jetzt werfen mir 60 Migrationsforscher aus Instituten in Hamburg, Köln und Bielefeld vor, ich hätte mit meinem Buch die Beachtung bekommen, die eigentlich ihnen zustehe. Kurios daran ist, dass gerade diese Kritiker aus der gut ausgestatteten Welt der öffentlich finanzierten Migrationsforschung kommen. Sie hätten in den vergangenen Jahrzehnten Zeit, Mittel und Gelegenheit gehabt, die Frage von Zwangsheirat, arrangierten Ehen, Ehrenmorden, Segregation und dem Islam zu untersuchen. Sie hätten die Fragen stellen können, die ich gestellt habe. Sie haben es nicht getan, weil solche Fragen nicht in ihr ideologisches Konzept des Mulitkulturalismus passte. Damit haben sie aber auch das Tabu akzeptiert und das Leid anderer zugelassen.

Die Unterzeichner bestreiten nicht die Existenz von Zwangsheiraten, sehen diese aber als eine Art “Heiratsmarkt“, der sich der europäischen Abschottungspolitik verdankt. Gibt es also keine Zwangsheirat in Anatolien? Hat Europa eine Bringschuld gegenüber Ländern, die der EU beitreten wollen? Oder ist es nicht umgekehrt so, dass bestimmte Bedingungen in diesen Ländern erfüllt sein müssen, bevor sie der EU beitreten können?

„Wenn es keine transparenten Möglichkeiten für Einwanderung gibt,„ so schreiben die Migrationsforscher, “nutzen die Auswanderungswilligen eben Schlupflöcher“. Das soll doch wohl heißen, die Europäer sind für die Menschrechtsverletzungen in Kurdistan und für den Zwang zur Ehe im Islam verantwortlich. Die Unterzeichner bestreiten keineswegs die Existenz von Ehrenmorden, doch „dafür gibt es bekanntlich Gesetze“. Für mich offenbart sich darin ein merkwürdiges Selbstverständnis der unterzeichnenden Migrationsforscher. Offensichtlich verstehen sie ihren Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung und zur Integration nicht so, dass solche kriminellen Praktiken verhindert werden, sondern sie wollen sie bestenfalls „in ihrem Entstehungskontext“ erklären können.

Da habe ich in der Tat ein anderes Verständnis von meiner Aufgabe als Migrationsforscherin. Ich möchte mit meinen Arbeiten zur Integration beitragen und habe deshalb auch keine Probleme damit, mit dem Innenminister der Bundesrepublik, dem Bundesamt für Migration und anderen Stellen zusammenzuarbeiten. Und wenn sie kritisieren, ich hätte „Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt“, dann empfehle ich Ihnen Werner Schiffauers Studie Die Migranten aus Subay , in der er anhand von acht Schicksalen über „die Türken in Deutschland“ Schlüsse zieht. Ein Standardwerk Migrationsforschung.

Nach Max Weber ist alles Handeln „Mittel zum Zweck“. Ich verstehe deshalb auch, dass sich die 60 Migrationsforscher die Mühe machen, einen Brief zu schreiben. Sie haben Angst um ihre Forschungsmittel, sie merken, dass sie nicht mehr unwidersprochen vom unaufhaltsamen Weg der Migranten in die Moderne schwätzen können, denn inzwischen hat auch der letzte Bürger, Politiker und Entscheidungsträger gemerkt, dass diese Institute der Integrationspolitik seit Jahren einen Bärendienst erweisen.

Für mich sind es gerade diese Migrationsforscher, die seit 30 Jahren für das Scheitern der Integrationspolitik verantwortlich sind. Die Politik hat viel zu lange auf sie gehört. Die Unterzeichner beanspruchen, sich „auf Erkenntnisse zu stützen“, die „auf rationale Weise gewonnen wurden“: auf den Tisch damit!

Quelle: Entgegnung

Petition von 60 Migrationsforschern



Anwälte einer Inszenierung     Top

Die Verteidiger der angeklagten Brüder im Berliner Ehrenmord-Prozess versuchen milde Strafen zu erhalten. Verständlich. Doch sie sollten deutlich machen, dass kein Islambonus verteilt, sondern die Werte der Zivilisation verteidigt werden

Die drei Männer sitzen lässig auf ihren Stühlen, die Füße des einen ragen weit unter dem Tisch hervor, ein anderer öffnet seine Aktentasche und holt sich ein Getränk heraus, der Höfliche stellt seinen Stuhl so, dass er den Richter ansehen kann. Die Männer strahlen eine Selbstzufriedenheit aus, die fast mit Händen zu greifen ist. Und sie sind auch rein optisch die ideale Besetzung. Der Draufgänger mit dem Stoppelschnitt, der Schwiegermutter-Typ mit lockigem Haar und Brille und der Fuchs, der die Fäden zieht. Es sind die Anwälte der drei Brüder Sürücü, die angeklagt sind, gemeinsam ihre Schwester Hatun ermordet zu haben.

Die drei Angeklagten sitzen hier im Oberlandesgericht Berlin-Moabit hinter Panzerglas, dessen spiegelnde Scheiben sie wie ein Schleier verbirgt. Das ist den Anwälten sicherlich recht, denn die Angeklagten sind das einzige Sicherheitsrisiko in diesem Prozess. Ein falsches Wort von ihnen könnte die hübsche Verteidigungsstrategie durcheinanderbringen. Die Angeklagten reden deshalb auch nicht selbst und lassen ihre Anwälte Erklärungen abgeben und ankündigen, fortan zu schweigen. Der Anwalt des jüngsten Angeklagten liest ein Geständnis vor: "Ich habe meine Schwester getötet.

Ich habe die Tat allein begangen." Er habe den Lebenswandel der Schwester missbilligt, würde die Tat jetzt bereuen. Damals sei er zu unreif gewesen, um zu begreifen, was er tat. Der Anwalt redet von der Sorge um die Familie, der fünfjährige Sohn der Schwester könne auf die schiefe Bahn geraten, empört sich über ihren Lebenswandel und als sie ihm auch noch sagt, dass sie selbst entscheide, mit wem sie ins Bett gehe ("Ich ficke mit wem ich will", soll Hatun gesagt haben) lässt er den Angeklagten gestehen: "Das war für mich zu viel, ich zog die Pistole und schoss."

Für mich klingt dieses Geständnis wie die Phantasie eines oberschlauen Juristen: "Lass mich mal machen. Ich weiß, was das Gericht hören muss, um ein mildes Urteil zu fällen."

Der Richter fragt nach, ob dieses Geständnis von ihm sei, denn es ist zu offensichtlich, dass sowohl die Diktion wie der Inhalt nicht vom inzwischen 20-jährigen Täter stammen kann. Auch bei dieser Antwort ist der Anwalt schneller als sein Mandant und mit einem Lächeln verteilt er das schriftlich vorliegende Mordgeständnis. Es enthält alles, was nicht mehr zu bestreiten ist (den Mord) und was strafmildernd wirken kann (Unreife, Reue, Einsicht). Die Anwälte der Brüder, der Brillenträger mit dem lockigen Haar für den Brillenträger, der Fuchs für den mutmaßlichen Drahtzieher, verlesen Erklärungen, die eine Tatbeteiligung bestreiten, ja sie versuchen ein Bild einer Familie zu zeichnen, die sich auseinandergelebt hat.

Und doch scheint das Vorgehen aufs Genaueste miteinander abgestimmt, bis hin zur (sicher durch Prozesskostenbeihilfe finanzierten) Nebenklage, die von einer Schwester der Ermordeten vertreten wird und offensichtlich den vorrangigen Zweck verfolgt, der Familie den ständigen Zugang zum Prozess zu ermöglichen. Wenigstens machen die aufmunternden Blicke der verschleierten Schwester Richtung Anklagebank nicht den Eindruck, dass sie noch eine Rechnung mit den Brüdern offen hat.

Die Anwälte werden vermutlich beantragen, für den jüngsten Bruder das Jugendstrafrecht anzuwenden. Dann würde er zu höchstens acht bis zehn Jahre Jugendstrafe verurteilt werden und seine Brüder straflos davonkommen. Die Anwälte präsentieren einen Einzeltäter, um von der gesellschaftlichen Dimension des Falls abzulenken. Das ist einfach, denn deutsche Juristen, auch Staatsanwälte und Richter sind Spezialisten im Individualstrafrecht, für sie ist das selbstverantwortliche Handeln des Einzelnen Grundlage ihres Weltbildes.

Wir haben es aber inzwischen auch in Deutschland in muslimischen Communities mit einem ganz anderen Menschen- und Weltbild zu tun. Diese Menschen leben nicht nach den zehn Geboten oder den Prinzipien unserer Verfassung. Diese Werte sind ihnen unbekannt und widersprechen ihrer Kultur. Sie leben in einer muslimisch-archaischen Parallelwelt, in denen sie den vermeintlichen Gesetzen der Scharia folgen.

Zunächst bedeutet das, dass nach Auffassung dieser Muslime - und die Familie Sürücü stellt sich in allen bekannten Details als strenggläubig dar - es ein vom Familienverband losgelöstes "Ich" gar nicht gibt. Der Sohn ist dem Vater, dem älteren Bruder, Onkel oder Gott zu "Respekt", sprich Gehorsam, verpflichtet. Die Männer sind für die Töchter und Schwestern, die "Ehre der Familie" verantwortlich. Sie kontrollieren die Frauen im Namen der Familie. Dem Islam fehlt das Konzept der entscheidungsfähigen, moralisch verantwortlichen Person vollkommen. In diesem Weltbild gelten die von Allah über Mohammed den Menschen gegebenen Gesetze vor allen anderen. Darauf gründet sich nach Auffassung der Muslime die unerschütterliche Autorität der Scharia. Und nach dem Koran ist das, was die Brüder Sürücü getan haben, nicht verwerflich. Sexualität ist nach muslimischer Auffassung nur innerhalb der Ehe zulässig. Alles andere ist Unzucht und die kennt im Koran kein Mitleid.

So wie Hatun lebte, verstieß sie nach dieser Auffassung gegen den Koran. Sure 24 "Das Licht", Vers 2: "Wenn eine Frau und ein Mann Unzucht begehen, dann verabreicht jeden von ihnen hundert (Peitschen-)Hiebe! Und lasst euch im Hinblick darauf, dass es (bei der Scharia) um die Religion Gottes geht, nicht von Mitleid mit ihnen erfassen, wenn ihr an Gott und den jüngsten Tag glaubt!" Der Mörder nannte in seinem Geständnis seine Schwester mit dem Kosenamen Aynur, was soviel wie "Licht" oder "so hell wie der Mond" bedeutet. Und in Sure 17, Vers 32 heißt es: “Und lasst euch nicht auf Unzucht ein! Das ist etwas Abscheuliches – eine üble Handlungsweise! 33: Tötet niemand, den zu töten Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid.“

Und Sure 4, 18: „Diejenigen (gemeint sind die Frauen) haben keine Vergebung zu erwarten, die schlechte Taten begehen und darin verharren.“ Nach Auffassung der Scharia gehört die Tötung eines Menschen – auch der vorsätzliche Mord – nicht zu den Kapitalverbrechen, weil hier nicht Gottes Recht, sondern nur menschliches Recht verletzt wurde. Ehebruch wird allerdings unter die Hadd -Vergehen, die Kapitalverbrechen eingeordnet, während Mord zu den Qisas -Vergehen, den Verbrechen mit Wiedervergeltung gehört.

Die Anwälte werden sagen, die Weltanschauung der Angeklagten stehe nicht vor Gericht. Sie werden versuchen zu verhindern, dass die Ursachen der Tat ans Licht kommen, weil der Prozess dann möglicherweise schlecht für ihre Mandanten ausgeht. Sie verhelfen so vielleicht dem Mörder und seinen mutmaßlichen Komplizen zu vorzeitiger Freiheit, sie verharmlosen aber im Namen der (Rechts-)Freiheit den Tod einer jungen Frau. Sie machen ihren Job und gleichzeitig sich selbst zu Anwälten der Scharia, ganz im Sinne des Imams von Izmir, der spöttisch über die rechtschaffenden Deutschen sagte:

„Mit euren Gesetzen werden wir euch besiegen.“  Dieser Prozess könnte ein Lehrstück werden, um der um sich greifenden Praxis der „Ehren-“ oder „Schandemorde“ Einhalt zu gebieten. Nämlich in dem sich das Gericht dazu bekennt, gründlich nicht nur Umstände, sondern auch die Hintergründe und Ursachen der Tat zu ergründen. Es würde vielen Frauen zukünftig das Leben retten, wenn klar wird, dass diese Gesellschaft keinen Ausländer- oder Islambonus verteilt, sondern die Werte der Zivilisation verteidigt. Die Anwälte können ihren Teil dazu beitragen indem sie die Angeklagten auffordern, für sich selbst zu sprechen.

* Die Autorin lehrt Migrationssoziologie an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik in Hamburg.

Quelle: Anwälte einer Inszenierung



Islamkonferenz  - Sie wollen ein anderes Deutschland     Top
Sie versteht sich als Unabhängige, als säkulare Muslimin: Necla Kelek

14. März 2008 Lieber Herr Alboga, lieber Herr Köhler, lieber Herr Kizilkaya und lieber Herr Yilmaz vom „Koordinierungsrat der Muslime“, Ihre beständigen Angriffe auf uns, die säkularen Muslime, Ihre andauernde Negation unseres Muslimseins, Ihre unsägliche Taktiererei, Ihr auf nichts gründender Hochmut haben uns gezeigt, dass mit Ihnen kein Staat zu machen ist. Jedenfalls keiner, der unseren Vorstellungen von Demokratie und Säkularität entspricht. Wir haben Ihnen und Ihren Verbänden viel zu lange die Deutungshoheit überlassen, was muslimisches Leben in Deutschland ist.

Ich spreche hier als Unabhängige, als säkulare Muslimin, aber ich weiß, dass viele Menschen, in diesem Plenum und anderswo, derselben oder ähnlicher Meinung sind. Ich erlaube mir deshalb, einige Feststellungen im Plural zu treffen.

Was ist Ihr Verständnis von Islam und Demokratie

Die Vertreter des „Koordinierungsrates der Muslime“ (KRM) haben während der letzten anderthalb Jahre nichts Substantielles zur Debatte über unser Verfassungs- oder Werteverhältnis beigetragen. Kein Islamgelehrter dieser Seite trat auf, um sein Verständnis von Islam und Demokratie darzulegen. Es war ernüchternd, feststellen zu müssen, dass der organisierte Islam in Deutschland offenbar nicht in der Lage oder willens ist, solche Fragen zu erörtern, sondern immer nur bekundete, was der Islam alles nicht ist. Es macht den Eindruck, dass die Verbandsfunktionäre diese Islamkonferenz als einen Ort ansehen, wo sie einen Vertrag über das ungestörte religiöse Leben der Muslime und ihre staatliche Anerkennung aushandeln können. Aber wir sind in dieser Konferenz zum Glück nicht auf einem Bazar, auf dem die Bundesrepublik und ihre Werteordnung zur Debatte stehen.

Ich möchte hier, stellvertretend für die nichtorganisierten Muslime in diesem Land, sagen, dass wir es Ihnen nicht länger überlassen, in der Öffentlichkeit zu vertreten, wie und was der Islam in diesem Land sein kann. Mit Ihnen, das ist die Konsequenz der letzten dreißig Sitzungen der Arbeitsgruppen, scheint es keinen Konsens geben zu können. Sie wollen offenbar ein anderes Deutschland als wir.

Ein Bekenntnis zu Deutschland

Für uns ist Deutschland das Land, das unseren Kindern zur Heimat geworden ist und in dem wir friedlich und in Freiheit leben. Dieses Bekenntnis zu Deutschland beruht auch darauf, weil dieses Land uns allen gestattet und ermöglicht hat, aus freien Stücken und ohne Bevormundung zu werden, was wir sind: Volkswirte, Ärzte, Schriftsteller, Lehrer, Professoren, Politiker, Ingenieure, Unternehmer, Facharbeiter - und dies alles ohne Integrationskurse und Sprachhilfe. Allein, weil wir zeigen durften, was in uns Gastarbeiter- und Migrantenkindern steckt: der Wille und die Fähigkeit zum Erfolg!

Wir wollen daher selbstbewusst den Grad und die Form unserer Religiosität selbst bestimmen und dort, wo sie sich kollektiv manifestiert, mitbestimmen, wie diese Religiosität zum Ausdruck gelangt. Wir lehnen es ab, immer wieder gerichtlich die Grenzen der deutschen Verfassung und der deutschen Rechtsprechung auszuloten.

Als deutsche Bürger leben

Wir wollen nicht auf eine muslimische Identität reduziert werden, sondern an den Werten Deutschlands teilhaben, in dem wir diese Werte als die unseren anerkennen und im wahrsten Sinn des Wortes als deutsche Bürger leben. Wir wollen nicht, dass junge Frauen und Männer, mit Berufung auf Tradition und den Islam, nicht frei entscheiden können, ob, wann und wen sie heiraten. Wir sind gegen Import- und Ferienbräute, weil damit jungen Menschen die Selbstbestimmung verweigert und die Integration immer wieder unmöglich gemacht wird.

Wir wenden uns gegen jegliche Form der Legitimierung von Gewalt - sei es in der Erziehung, der Ehe oder in der politischen Auseinandersetzung. Es beschämt uns, dass Gewalt gegen Frauen ein islamisches Problem ist; es beschämt uns, dass Gewalt gegen Kinder ein islamisches Problem ist; es beschämt uns, dass Gewalt gegen Andersgläubige ein islamisches Problem ist. Und es beschämt uns, dass dies von den Islamverbänden geleugnet wird.

Wer darf die Muslime in Deutschland vertreten?

Wir wollen, dass unsere Kinder an den Schulen dieses Landes einen Religionsunterricht erhalten, der sich in nichts von dem Religionsunterricht für Kinder anderer Konfessionen unterscheidet. Wir wollen nicht, dass Islamvereine wie zum Beispiel die Milli Görus mit der Regierung von Nordrhein-Westfalen oder anderswo definieren, welche Rolle der Islam in der Schule zu spielen hat. Wir wollen an Schulen weder das Kopftuch noch Gebetsräume, noch dass an Ramadan von Kindern gefastet wird. Es kann nicht sein, dass, von Moscheen unterstützt und Behörden gebilligt, in deutschen Städten Scharia-Richter sich anmaßen, zivil- und strafrechtliche Belange zu regeln, die eindeutig dem Gewaltmonopol des Staates vorbehalten sind.

Es widerspricht unserem Verständnis von der Souveränität unseres Landes, dass Religionsvereine wie die Ditib, die politisch, organisatorisch und finanziell von ausländischen Regierungen und Organisationen abhängig sind, für die deutschen Muslime sprechen und maßgeblichen Einfluss auf die Innen- und Integrationspolitik unseres Landes haben. Wir bedauern, dass Moscheen oft Ausgangspunkt einer Selbstausgrenzung und Fixpunkte einer Parallelgesellschaft sind. Es fehlt die Offenheit und Transparenz, die Vertrauen entstehen lassen.

Wir bedauern, dass die Verbände den Islam in Deutschland selbst um das nötige Vertrauen bringen. Dazu gehört, dass die Verbände die Finanzierung der 187 geplanten Moscheeneubauten mit einem Geheimnis umgeben. Stimmt es, was der Herr Innenminister in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ auf die Frage, wer die Kölner Moschee finanziert, feststellt: „Wenn der Verein Ditib die Moschee baut, kommt das Geld vom türkischen Staat.“ Ich frage Herrn Alboga, wer finanziert die Ditib und die Kölner Moschee? Ich frage Herrn Köhler, war es der Bruder des Herrschers von Dubai, der die Frankfurter Abu-Bakr-Moschee finanziert hat?

Es fehlt die Offenheit und Transparenz

Innerhalb von achtzehn Monaten haben die Vertreter des religiösen Koordinierungsrates nur einen einzigen Satz (!) aus eigener Feder beigesteuert, dafür aber, sprichwörtlich in letzter Minute, Änderungen verlangt, die juristisch zwar unbedenklich sind, aber uns deutlich vor Augen führen: Sie wollen oder können nicht verstehenn, worum es geht. Durch die europäische Geschichte der Aufklärung ist ein Wertekanon entstanden, der sich auch, aber eben nicht nur in der Verfassung spiegelt.

Wir leben in einem säkularen Gemeinwesen, das Staat und Religion trennt. Dem Einzelnen verschafft es die Luft zum Atmen, die „innere Freiheit“, die geschützt ist wie unsere Grundrechte. Das ist mit Koran und Sunna nicht auf einer Ebene zu sehen. Zum einen, weil deren Lehre den Menschen diese Freiheit nicht gewährt, sondern Vorschriften macht. Aber vor allem, weil diese Werteordnung die moralische Verfassung Europas darstellt. Das ist der elementare Unterschied, der den „Scharia-Islam“ , wie Professor Tilman Nagel es formuliert hat, von den Säkularen trennt.

Eine demokratisch legitimierte Vertretung

Navid Kermani hat im vergangenen Mai die deutschen Muslime aufgerufen, sich eine demokratisch legitimierte Vertretung zu schaffen. Doch hat der Koordinierungsrat, der eine Minderheit vertritt, bisher nichts getan, sich mit uns, den Säkularen, der unorganisierten Mehrheit, zu verständigen. Warum sagen uns die Islamverbände nicht einfach, was wir schon immer wussten: Sie lehnen letztlich die Werteordnung Deutschlands ab. Dieser endlose Streit über Selbstverständliches hat auch sein Gutes. Wir wollen weitermachen, und wir können uns nicht von den Ewiggestrigen aufhalten lassen. Ich möchte darum einige Punkte zur Diskussion stellen:

1.Die Deutsche Islamkonferenz sollte sich ein öffentliches Forum im Internet geben, damit die Unterschiede zwischen Religiösen und Säkularen öffentlich diskutiert werden können.

2.Das Resümee der Konferenz sollte ins Türkische übersetzt werden, damit die Debatte auch in die türkischen Gemeinden getragen wird.

3.Wir brauchen die intellektuelle Debatte über einen säkularen Islam und die Probleme der Muslime in Deutschland. Lassen Sie uns diese Auseinandersetzung öffentlich führen.

4.Die wissenschaftlich rationale Auseinandersetzung und Forschung mit und über den Islam aus theologischer und religionssoziologischer Sicht sollte gefördert werden, damit der Islam aus der intellektuellen „Versiegelung“ befreit wird.

5.Lassen Sie uns eine Kampagne für die Rechte der muslimischen Frauen und Mädchen initiieren, die junge Frauen darüber aufklärt, dass es nicht im Sinn der Integration und eines säkularen Islam ist, junge Menschen nicht selbst entscheiden zu lassen, ob, wann und wen sie heiraten.

6.Lassen Sie uns unsere Kinder zu selbständigen und selbstverantwortlichen Bürgern erziehen. Klären wir sie über die Religionen auf, doktrinieren sie aber nicht in Koranschulen.

7.Wir brauchen die finanzielle und organisatorische Unabhängigkeit der deutschen Muslime.

8.Die in Deutschland aktiven muslimischen Verbände sollten über eine freiwillige Prüfung ihrer Organisations- und Finanzverhältnisse durch eine unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nachdenken.

9.Ich fordere die Islamverbände und auch die Säkularen auf, die einmalige historische Chance nicht zu verspielen, auf dieser Konferenz, im öffentlichen Diskurs, den Islam mit der Moderne und der Demokratie zu versöhnen.

Die Soziologin Necla Kelek, säkulare Muslimin, sitzt in der Arbeitsgruppe „Deutsche Gesellschaftsordnung und Wertekonsens“ der Islamkonferenz.

Quelle: Sie wollen ein anderes Deutschland

Siehe auch: Dr. Necla Kelek's Bericht an die Islamkonferenz



Muslime missbrauchen Rassismusbegriff      Top

Der menschliche Makel

Die Muslimverbände bagatellisieren nicht nur den Rassismus-Begriff, sie schlagen auch Kapital aus dem Schreckenswort. Es wird zum Knüppel gegen Kritik und verschleiert eigene Ressentiments. VON NECLA KELEK

Der Mensch wird als Muslim geboren, wenn nicht, macht ihm der Islam das Angebot, diesen menschlichen Makel durch Übertritt zu tilgen. Jedes Kind mit einem muslimischen Vater ist nach islamischem Brauch per Geburt Muslim, denn Muslimsein ist in den Augen der Gläubigen die natürliche Form des Menschseins. Austreten kann man aus dieser Religion nicht, es sei denn, man nimmt den Tod mit anschließender Höllenfahrt in Kauf.

Necla Kelek wurde 1957 in Istanbul geboren. In Deutschland hat sie über das Thema "Islam im Alltag" promoviert. Sie ist Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und engagiert sich gegen Zwangsheirat.

Der Einzelne ist per Geburt Muslim, wie ein anderer große Ohren oder blonde Haare hat. Eine Entscheidung über diesen Zustand steht ihm nicht zu, er ist sozusagen von Gott gegeben. Ihn wegen dieser Besonderheit oder dieses Stigmas zu kritisieren, ist deshalb diskriminierend, weil Muslimsein das eigentliche menschliche Privileg ist und ein Muslim nichts dafür kann, dass er Muslim ist.

So jedenfalls erscheint das schlichte Argumentationsmuster des Koordinierungsrats der Muslime (KRM), der Dachorganisation der Islamverbände in Deutschland, und des Interkulturellen Rats, eines Zusammenschlusses von Gewerkschaftern und anderen "Antirassisten", zu sein. Sie rufen ab heute zu "Internationalen Wochen gegen Rassismus" auf: "Islamfeindlichkeit ist die gegenwärtig an meisten verbreitete Form von Rassismus in Deutschland", lassen sie verlauten.

Nun könnte man sich über die Schlichtheit der Argumentation lustig machen (es würde wohl wiederum den Vorwurf des Rassismus nach sich ziehen), wenn die Sache nicht so politisch irre wäre. Irre, weil hier die Spitzenorganisation des Islam in Deutschland die Muslime zu Opfern von Rassismus stilisiert, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie gefährlich es ist, Begriffe auf diese Weise zu bagatellisieren. "Unter Islamfeindlichkeit verstehen wir", so im Aufruf der Organisatoren "wenn Muslime herabwürdigend beurteilt und Diskriminierungen befürwortet werden".

Das Kopftuchverbot für Lehrerinnen zum Beispiel wird in diesem Sinne als Diskriminierung gewertet und ist somit rassistisch. Der Versuch, den Diskurs über Wesen und Alltag des Islam, seiner Sitten und Auswüchse zu verhindern, indem man Kritik oder Ablehnung als "rassistisch" diskriminiert, zeigt wie weit die Islamverbände und die sogenannten Antirassisten ideologisch argumentieren. Das Schreckenswort "Rassismus" wird zum Knüppel gegen Kritik.

In den türkischen Zeitungen und dem inzwischen inhaltlich von der AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, AK Parti (Deutsch: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, eine islamisch-konservativ ausgerichtete politische Partei in der Türkei)) dominierten staatlichen Rundfunk TRT (Türkiye Radyo ve Televizyon Kurumu) werden täglich ausführliche Berichterstattungen über die angeblichen Diskriminierungen der Muslime, besonders in Europa, gesendet. Der Ton gegenüber Deutschland und Europa wird zunehmend anklagender, es scheint ein gezieltes Interesse daran zu bestehen, die Muslime aus der europäischen Gemeinschaft auszugrenzen. Täglich führt man den Landsleuten vor: Seht her, man will euch nicht.

Islamfunktionäre, die einerseits in allen möglichen staatlichen Gremien und Konferenzen sitzen und die Integrationspolitik mitbestimmen, beklagen sich wortreich darüber, in Europa ausgegrenzt zu werden.

Die türkische Tageszeitung Hürriyet schreibt täglich darüber, wie schrecklich es den Türken und Muslimen in Deutschland geht, gibt aber gleichzeitig Tipps, wie man nach Deutschland kommen kann, ohne einen Deutschkurs zu belegen. Nämlich: Man wird schwanger. Es gibt im Türkischen ein Sprichwort, das lautet: "Die Katze, die nicht ans Futter kommt, sagt, es sei verdorben." So kann man sich auch einem Dialog entziehen, indem man Kritik zu Beleidigungen umdeutet und der Bevölkerung ein Feindbild suggeriert, weil die eigenen Konzepte scheitern.

Da solche Kampagnen aus der Türkei über den regierungstreue türkischen Islamverband Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.) nach Deutschland transportiert werden, macht es Sinn, dass sich der KRM (Koordinationsrat der Muslime), in dem die Ditib großen Einfluss hat, sich an solchen "Rassismus"-Kampagnen beteiligt.

Irre ist es auch, weil KRM und Interkultureller Rat dann wiederum aus "rassistischer" Diskriminierung (öffentliches) Kapital zu schlagen versuchen. Rassismus ist wie Nazismus und Antisemitismus das Schlüsselwort, um zum Beispiel öffentliche Gelder zu akquirieren. Wer es schafft, Rassismus, Antisemitismus und Islamkritik und -feindlichkeit in einem Atemzug zu nennen, der steht kurz davor, seine Koranschulen und Moscheeführungen mit Mitteln aus den Fonds gegen Rechtsradikalismus zu finanzieren.

Es gibt einige Projekte, die gegründet wurden, um Aufklärungsarbeit gegen Rassismus zu leisten, die werden auf diese Weise "umgewidmet". Veranstalter, die Fortbildung in Sachen Antifaschismus anbieten, erweitern ihr Geschäftsfeld auf den Bereich "Islamophobie". Gern betonen die Muslime in diesem Zusammenhang (in anderen weniger) die Nähe zu den Juden. Man empfiehlt in dem Aufruf "abrahamische Teams aus Juden, Muslimen und Christen" in die Universitäten und Schulen zu schicken, damit sie verkünden können: "Islam bedeutet Frieden und freiwillige Hingabe an Gott."

Es wird mit Schlagworten wie "Völkerverständigung und Toleranz" versucht, einen "Schulterschluss der Opfer gegen Rassismus und Diskriminierung" herzustellen, wo es gar keine ursächliche Übereinstimmung gibt, weil die Ausgangslage grundverschieden ist. Nach dem Motto "Wir glauben alle an den einen Gott und werden von den Deutschen diskriminiert" wird eine Pseudo-Solidarität postuliert.

Natürlich müssen wir über Rassismus in Deutschland sprechen und gegen Diskriminierung vorgehen. Aber die Islamverbände sollten dabei zunächst vor der eigenen Tür kehren und kritisch hinterfragen, wie manche, angeblich so tolerante und friedliebende Muslime über die Deutschen denken. Wer mitbekommt, wie eine Gruppe muslimischer Jungen und Mädchen, Männer und Frauen unter sich über deutsche Mädchen, die Deutschen oder die Juden reden, dem wird es schlicht die Sprache verschlagen über die Ablehnung und die Verachtung, die ihm entgegenschlägt.

Nicht nur die Ausbrüche der Familie des Schwesternmörders Obeidi nach der Urteilsverkündung in Hamburg werfen ein grelles Licht auf diese Weltsicht. Eine Kampagne gegen Rassismus und Nationalismus in den Reihen der Islamverbände, eine Aufarbeitung des Verhältnisses zu Christen, Juden und "Ungläubigen", die Klärung der Verhältnisse zu den Deutschen, den Minderheiten in den Herkunftsländern, all das wäre ein Thema nicht nur für Wochen, sondern für Generationen.

Quelle: Muslime missbrauchen Rassismusbegriff



Importbräute für verlorene Söhne     Top

Von Henryk M. Broder

Necla Kelek sorgte mit ihrem Buch "Die fremde Braut" für erbitterte Diskussionen unter deutschen Migrationsforschern. In Berlin stellte die Soziologin gestern ihr neues Werk vor - ein Plädoyer für die "Befreiung des deutsch-türkischen Mannes". Neuer Streit ist programmiert.

Ein Wort sagt mehr als tausend Bilder. Am Anfang waren es "Fremdarbeiter", die in das Deutsche Reich verschleppt wurden, um in der Rüstungsindustrie und anderen kriegswichtigen Bereichen der deutschen Wirtschaft auszuhelfen. Das Wort ist inzwischen vollkommen out, nur Oskar Lafontaine greift gelegentlich darauf zurück, meint es aber nicht so. Dann kamen die "Gastarbeiter", die beim Aufbau des zerstörten Landes gebraucht wurden, aber nicht zum Bleiben animiert
werden sollten.

Und nun, da sich die Einsicht langsam durchgesetzt hat, dass Deutschland entgegen allen Beteuerungen doch ein Einwanderungsland ist, reden alle von "Menschen mit Migrationshintergrund". Gemeint sind natürlich nicht Friesen, die nach Bayern umziehen, sondern vor allem Türken, die nach Deutschland gekommen und hier geblieben sind.

"Menschen mit Migrationshintergrund", das klingt einerseits wertneutral, signalisiert zugleich einen erheblichen Beschäftigungs- und Subventionsbedarf. Und so ist rund um die "Menschen mit Migrationshintergrund" eine ganze Industrie von "Migrationsforschern" entstanden, die sowohl die objektiven Lebensumstände wie die subjektive Befindlichkeit der "Migranten" untersuchen, ohne die Worte "Ausländer", "Inländer" oder "Einwanderer" zu gebrauchen.

Besonders günstig ist die Situation für Kultur-Ethnologen. Mussten sie früher in ferne Länder reisen, brauchen sie heute nur um die Ecke zu gehen, in eine Gegend, die von "Menschen mit Migrationshintergrund" bewohnt wird, um den Gegenstand ihres Interesses zu finden. Die Feldforschung findet vor der eigenen Haustür statt.

Wie absurd die Situation ist, konnte man vor kurzem erleben, als 60 überwiegend deutschstämmige Migrationsforscher ohne eigenen Migrationshintergrund über die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek hergefallen sind. Sie hatte es
gewagt, in ihrem Buch "Die fremde Braut" auf die Situation der türkischen Frauen in Deutschland aufmerksam zu machen, ohne pauschal "die Gesellschaft" für deren Nöte verantwortlich zu machen. Allein schon Keleks Verweis auf patriarchale
Strukturen in den "Migranten"-Familien wurde von der Berufsgenossenschaft der "Migrationsforscher" als diskriminierend, wenn nicht gar als rassistisch bewertet.

Nun liefert Necla Kelek den Rohstoff für die Fortsetzung der Debatte. Ihr neues Buch heißt "Die verlorenen Söhne" und will ein "Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes" sein. Gestern stellte sie es im Berliner Maxim-Gorki-Theater vor. Es sei, sagte "Zeit"-Redakteur und Moderator Jörg Lau, "eine Streitschrift, eine Ethnografie, ein Bildungsroman", geschrieben von einer Frau, die sich selbst "unter Mühen von der Herrschaft des Vaters befreit hat".

Kelek, 1957 in der Türkei geboren, schreibe über "seelische, geistige und kulturelle Obdachlosigkeit", über junge Männer, die ein "Leben zwischen Freibad, Koran und Herumhängen in der Clique" leben und es nicht wagen, gegen die Autorität der Väter zu rebellieren, die vor allem eines wollen: "Dass ihre Kinder genauso werden wie sie." Denn die Familien "sind Kontrollsysteme, in denen das Wort der Väter Gesetz ist". Die jungen Männer lassen sich mit "Importbräuten" zwangsverheiraten, sie lernen es nicht, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Die Eltern schaffen es nicht, "ihre Kinder in die Moderne zu entlassen". Die Folgen sind katastrophal, das Elend wird in den Familien reproduziert.

Die anschließende Diskussion litt unter zwei Handicaps. Erstens waren diejenigen, über die gesprochen wurde, nicht da, zweitens wussten diejenigen, die da waren, alles besser. "Sie bestätigen die Vorurteile und tragen dazu bei, dass die Migranten noch weniger Chancen haben", empörte sich ein Mann. "In der Türkei gibt es mehr C-3-Professsorinnen als in Deutschland", behauptete eine Frau, worauf Necla Kelek erwiderte: "In der ganzen Türkei gibt es so viele
Professoren wie in Hamburg."

Eine "deutsch-deutsche Mutter" berichtete von einer "irritierenden Erfahrung", die sie bei einem Elternabend gemacht habe, nämlich, dass sich die türkischen Mütter und Väter nicht an der Diskussion beteiligten. Wie üblich wurde nach den "Ursachen für die Integrationsprobleme" gefragt und die eine oder andere Lösung angeboten. Eine Frau schlug die Bildung von "Männergruppen" vor. "Die Söhne sollten mit den Vätern reden."

Und da sich diesmal alles um "die verlorenen Söhne" drehte, wurde ein wichtiger Punkt nicht einmal angesprochen: dass es muslimische Frauen sind, die derzeit die heftigsten Debatten auslösen, weil sie einen klaren Blick für die Situation und keine Angst haben, ausgegrenzt zu werden, da sie es schon sind. Frauen wie die Niederländerin Ayaan Hirsi Ali, die Kanadierin Irshad Manji, die Amerikanerin Wafa Sultan und die Deutsche Necla Kelek, eine Hand voll Dissidentinnen und Ketzerinnen, die sich nicht nur gegen ihre Familien behaupten mussten, sondern auch gegen eine große Koalition aus Ignoranten und Gutmenschen, die den Diskurs bestimmen wollen. Freilich: Jeder soziale und kulturelle Dammbruch fängt mit winzigen Haarrissen an. Es geht nicht anders.

Alles ist nur eine Frage der Zeit. Und deswegen irrte sich die nette Berlinerin, die von der Diskussion mehr erwartet hatte: "Man regt sich uff und hat nischt davon."

Quelle: Importbräute für verlorene Söhne



Frauen werden zu Unruhestifterinnen stigmatisiert     Top

Necla Kelek zum Kopftuch-Streit

Das Kopftuch muslimischer Frauen sei eine "Art Branding, vergleichbar mit dem Judenstern", hat Alice Schwarzer in einem "FAZ"-Interview erklärt. Die Autorin und Frauenrechtlerin Necla Kelek teilt diese Einschätzung. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über Gründe und Folgen von Verschleierung.

Frage: Frau Kelek, Alice Schwarzer hat in einem Zeitungsinterview erklärt, das Kopftuch stigmatisiere muslimische Frauen zu Menschen zweiter Klasse - ähnlich wie im Dritten Reich der Judenstern. Teilen Sie diese Auffassung?

Necla Kelek: Frau Schwarzer hat vollkommen Recht: Mit dem Tragen eines Kopftuchs werden Frauen zu sexualisierten Wesen reduziert, anstatt gleichberechtigte Menschen zu sein. Frauen müssen sich zudecken, damit die Männer nicht unruhig werden. Sie verhüllen sich nicht für Gott, sondern weil Männer ihrer Triebe nicht Herr werden. Die Aussage, die dahinter steckt, lautet: Jede Frau, die kein Kopftuch oder keinen Tschador trägt, bringt Unruhe in der Öffentlichkeit. Frauen werden als Unruhestifterinnen stigmatisiert und haben einem einzigen Mann zu gehören. Das Recht auf Selbstbestimmung wird ihnen damit genommen.

Frage: Gibt es nicht auch Frauen, die sich freiwillig für das Tragen eines Kopftuches entscheiden?

Kelek: Wenn Menschen sich freiwillig zu einem faschistischen System bekennen, dort glücklich und davon überzeugt sind, dann kritisieren wir das doch auch und sehen den gesellschaftlichen Kontext. Wir fragen uns etwa: Was bewirken diese Neonazi-Gruppen? Und eine Frau, die Kopftuch tragen will, flaggt für eine islamistische Partei. Auch wenn sie sich selbst dafür entschieden hat, sagt sie damit, dass die Frauen Sexualwesen sind. Das tut sie vielleicht nicht bewusst, weil sie keine Soziologin ist. Meine Aufgabe und die von Alice Schwarzer ist es deshalb einen gesellschaftlichen Kontext herzustellen. Seit 1979 wissen wir, was das Tragen eines Kopftuchs bedeutet. Als die islamistische Revolution im Iran begann, mussten die Frauen sich verschleiern. Das ist immer das erste, was die Islamisten tun.

Frage: Gegner eines Kopftuchverbots führen immer an, dass es keine allgemeingültige Interpretation dessen gibt, was es für die Einzelne bedeutet, ein Kopftuch zu tragen. Sie widersprechen dem?

Kelek: Ja, im gesellschaftlichen Bild gibt es eine allgemeingültige Bedeutung. Nach der Scharia hat die Frau sich zu verschleiern, weil der Mann seine Triebe nicht beherrschen kann und er sich versündigt, wenn er sie anguckt. Wenn sie sich dafür entscheidet und sagt: Ja, ich bin ein Wesen, das die Männer zur Unruhe treibt und sich bedeckt, akzeptiert sie das doch. Bewusst oder unbewusst. Ich sage nicht, dass die Frauen das wissentlich machen. Meine ganzen Bücher drehen sich darum, dass die betroffenen Frauen durch ihre Sozialisation keine andere Alternative haben. Ihnen wird gesagt, sie seien Unruhestifterinnen und dürften nicht in die Öffentlichkeit.

Frage: Es ist in der letzten Zeit häufiger vorgekommen, dass sich ganz junge Mädchen aus scheinbar aufgeklärten Familien dafür entschieden haben, Kopftuch zu tragen - obwohl ihre Mütter es nicht machen. Was bedeutet das?

Kelek: Nicht jeder Junge, der ein Hakenkreuz malt, ist ein politisch überzeugter Neonazi. Vielleicht will er damit nur seine Eltern, seine Lehrer provozieren. Das mag sein. Nicht jedes Mädchen, das ein Kopftuch trägt, ist eine Islamistin. Vielleicht will sie sich damit nur abgrenzen. Von den Eltern, von den Deutschen, von den Ungläubigen. Auch das mag sein. Im Kern ist es aber eine politische Bewegung. Seit 1979 ist das Kopftuch eine Flagge der Islamisten. Wer sich dem anschließt - egal aus welchem individuellen Grund - entscheidet sich politisch - für eine politische Marke. Auch diese jungen Mädchen. Es ist ein Zeichen dafür, dass sie meinen: Die Frau hat in einer anderen Gesellschaft zu leben.

Frage: Hat sich in den letzten Jahren etwas an der Art der Verhüllung geändert?

Kelek: Seit Tayyip Erdogan 2003 türkischer Ministerpräsident ist, gibt es eine neue Form der Verhüllung auch bei türkischen Migrantinnen in Deutschland - die langen Mäntel und die Kopftücher. Das kommt ganz klar von den islamistischen Parteien. Wer sich in der Türkei so verhüllt, der wählt auch die AKP. Das ist so.

Frage: Was bedeutet es für Frauen, sich zu verschleiern?

Kelek: Zunächst einmal heißt es, dass sie alles dafür tun muss, dass ihr Körper in der Öffentlichkeit nicht gesehen wird - mit Auswirkungen auf die gesamte Kommunikation. Auch Alice Schwarzer fragt ja: Wie soll man mit einer verschleierten Frau reden? "Von Angesicht zu Angesicht" ist vor diesem Hintergrund ein bedeutsamer Begriff. Man muss einen Menschen sehen, um mit ihm persönlich kommunizieren zu können. Sich zu verschleiern ist ja auch eine Körpersprache -beziehungsweise eben keine: Sich nonverbal zu verständigen geht für verschleierte Frauen nicht - denn sie schließen sich aus der Öffentlichkeit aus.

Frage: Inwiefern?

Kelek: Verhüllte Frauen nehmen nicht mehr an den Errungenschaften der Menschlichkeit teil. Sie dürfen ihren Körper nicht erfahren, nicht schwimmen, nicht turnen, nicht am Biologieunterricht teilnehmen, werden ihrer Sexualität beraubt. Wenn diese Frauen sich dann persönlich sagen: "Ich mache das doch alles freiwillig", ist das auch ein Muster, das wir aus extremistischen Gesellschaften kennen.

Frage: Umgekehrt gefragt: Was ändert sich konkret für eine Frau, die sich dafür entscheidet, das Kopftuch abzulegen?

Kelek: Plötzlich wird sie wieder eins mit der Natur - spürt den Wind und die Sonne. Es ist ein unglaubliches Gefühl für diejenigen Frauen, die dann Schwimmen gelernt haben - plötzlich können sie eine Naturgewalt beherrschen. Eine Frau, die im Wasser nicht ertrinkt, kann sich auch in einer Krise über Wasser halten: Die Redewendung "Sich über Wasser halten können" hat in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung. Dazu muss man etwas können und wenn den Frauen verboten wird, etwas zu können, will man sie weiter in der Abhängigkeit halten.

Das Interview führte Anna Reimann

Quelle: Frauen werden zu Unruhestifterinnen stigmatisiert



Glück gibt es nur ohne den Vater     Top

Necla Kelek über das Leid türkischer Söhne und die blinden Flecken der Migrationsforschung

Michaela Schlagenwerth

Frau Kelek, Ihnen wird vorgeworfen, das Leben der türkischen Migranten in Ihren Büchern zu verzerren und zu skandalisieren. Was antworten Sie darauf?

Ich versuche darzulegen, was ich in der Migrantengesellschaft in Deutschland täglich sehe. Was dort stattfindet, ist der Skandal - nicht, dass jemand die Zustände öffentlich macht. Ich bestreite doch nicht, dass es auch einen aufgeschlossenen türkischen Mittelstand gibt. Aber mein Thema sind die Verlierer, die, die es nicht geschafft haben. Man wirft mir vor, ich spräche nur von Ausnahmen. Aber man muss sich nur die Statistiken anschauen, dann weiß man, das ist falsch. Die Mehrheit ist nicht in diesem Land angekommen. Nur ein Drittel der hier geborenen muslimischen Kinder spricht überhaupt deutsch! Jede zweite Mutter, die ihr Kind in die Schule schickt, ist eine Importbraut.

Sie zeichnen ein Bild vom Kreuzberger Prinzenbad, als würden sich dort nur türkische Rowdies tummeln. Tatsächlich sind dort viele türkische Bikini-Schönheiten anzutreffen. Darunter gläubige Mosleminnen, die fünf Mal am Tag beten.

Gläubige Mosleminnen im Bikini? Wer hat Ihnen denn das erzählt?

Die Mädchen selbst.

Die führen dann wohl ein Doppelleben. Natürlich gibt es Türken, die Moderne und Glauben für sich vereinbaren, die ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Ich behaupte, dass die Mehrheit genau das nicht geschafft hat. Und denjenigen, die da herausgekommen sind, werfe ich vor, dass sie sich für dieses Problem nicht interessieren, dass sie keine soziale Verantwortung übernehmen.

Dass viele muslimische Mädchen strengen Regeln unterworfen sind, wird öffentlich diskutiert. Weniger Aufmerksamkeit erhielten deren Brüder, denen ein relativ freies Leben erlaubt schien. Sie zeigen in Ihrem Buch ein ganz anderes Bild.

Ja, und es muss in der Öffentlichkeit besprochen und diskutiert werden, was diese Kinder zu erleiden haben, wie viel Gewalt ihnen zugefügt wird, was für eine Verantwortung ihnen aufgebürdet wird, wie verloren sie sind. Sie müssen auf die Ehre der Schwestern, der Mutter, der Schwägerinnen aufpassen. Ein 21-Jähriger, der wegen eines Mordes zehn Jahre Haft bekommen hat, sagte zu mir, der von ihm getötete Mann habe seine Schwägerin belästigt. Der Vater kam nachts zu ihm, gab ihm eine Pistole und sagte: "Du weißt, was du tun musst." Als ich ihn fragte, "Warum hast du nicht einen Moment an dein eigenes Leben gedacht?", kam als Antwort: "Hätte ich meinen alten Vater losschicken sollen?"

Er hat die Frage gar nicht verstanden. Es handelt sich um einen schönen, ungemein liebenswerten Menschen, aber er ist unfähig ein persönliches Verantwortungsgefühl für die Tat zu entwickeln. Sein Leben gehört nicht ihm selbst, sondern der Familie. So war es mit einer Ausnahme bei allen Gefangenen, mit denen ich gesprochen habe. Sie sind Extremfälle, aber sie spiegeln die fatale Grundstruktur, die in der türkischen Migrantengesellschaft ständig reproduziert wird. Diesen Kindern ist es nicht erlaubt, Unabhängigkeit zu erlernen, Selbstverantwortlichkeit zu entwickeln. Selbst im Gefängnis sind sie nicht im Stande sich zu fragen: Habe ich etwas Falsches getan?

Gleichzeitig bietet die Familie auch Sicherheit und Geborgenheit, ein stabiles soziales Netz.

Das ist nicht sozial, das ist Sippenhaft. Und wenn in einer Sippe etwas schief läuft, schauen die Nachbarn weg. Wenn, wie ich es in meinem Buch beschreibe, der Vater seinem kleinen Sohn zur Strafe, weil er ihn bestohlen hat, heißes Öl über die Hand gießt und ihn zum Krüppel macht, denken die Nachbarn, was für ein grausamer Vater, wie furchtbar. Aber sie zeigen den Vater nicht an, sie kritisieren ihn nicht einmal öffentlich. Er ist der Vater, es ist sein Recht.

Ihnen wurde von Migrationsforschern vorgeworfen, dass Sie aus Interviews, die Sie schon in Ihrer Doktorarbeit ausgewertet hatten, nun auf einmal entgegen gesetzte Schlüsse ziehen.

Als ich 1997 meine ersten Interviews mit jungen Muslimen auswertete und von neonazihaften Entwicklungen sprach, hat mir mein Professor deutlich gemacht: So etwas darfst du hier nie wieder sagen. Es gibt in meiner Doktorarbeit auch kritische Töne, aber ich habe meine Ergebnisse den Vorstellungen des Instituts angepasst. Ich habe nicht geglaubt, dass etwas anderes durchgeht. Natürlich war ich verunsichert und habe mich zum Teil auch überzeugen lassen, vor allem von Werner Schiffauer, dessen Publikationen ich verschlungen habe. Ich finde nach wie vor vieles davon richtig.

Sie haben sich für die Konfrontation entschieden. Warum?

Ich brauchte Distanz. Die Haltung vieler Migrationsforscher ist: Wir wollen keine Vorurteile schüren, wir wollen nicht verurteilen, wir wollen nicht diskriminieren. Um nicht zu stigmatisieren versucht man immer das Positive zu sehen. Der Preis für diese Haltung ist, dass sie das Leid zulässt. Zwangsverheiratung, Gewalt, Familienstrukturen, die den Kindern nicht erlauben, sich zu selbstständigen Menschen zu entwickeln, werden letztlich verharmlost.

Als Sie und Ihre Cousine in einer Disko gesehen wurden, hat man die Cousine in die Türkei zwangsverheiratet. Fühlten Sie sich in Ihrer Jugend selbst bedroht?

Es gibt die Sache mit meinem Vater. Ich habe ihm nicht mehr gehorcht, als ich siebzehn war, und er hat uns daraufhin verlassen. Er hat mir damit die Freiheit geschenkt. Er wusste, er kann die Familie nicht mehr steuern, und statt von seinem Thron herunter- zusteigen, sich anzupassen und mit uns zu leben, ist er weggegangen und ich habe ihn nie wieder- gesehen. Als er gegangen ist, haben mein Bruder und ich über Wochen in allen Zimmern, selbst im Bad das Licht angelassen, als Feier, weil der Vater fort ist. Wie traurig, das der eigene Vater weggehen muss, damit man glücklich sein kann. Darum geht es doch, die Väter müssen sich ändern.

Ist das der Konflikt, den die meisten Jugendlichen nicht bewältigen? Sie wünschen sich mehr Freiheit, aber am Ende fügen sie sich, weil sie ihre Familie nicht verlieren wollen?

Ja. Ich hätte das auch nicht so leben können, wenn nicht der Rest der Familie zusammengehalten hätte. Meine Mutter hat mich und meinen kleinen Bruder sehr unterstützt. Mit ihr zu brechen, das hätte ich nicht gekonnt. Woher soll dann noch die Kraft kommen, das Selbstbewusstsein? Ich wünsche mir sehr, dass sich die Mütter auf die Seite ihrer Kinder stellen, dass sie dem Vater den Gehorsam verweigern, dass sie ihn dazu bringen, zu begreifen, dass er nicht Herrscher, sondern Teil der Familie ist.

Das Gespräch führte Michaela Schlagenwerth.

Necla Kelek

Die Hamburger Soziologin machte mit einem Buch über Zwangsheiraten ("Die fremde Braut") 2005 Schlagzeilen.

58 Wissenschaftler, darunter Migrationsforscher, griffen Kelek im Februar in der "Zeit" an: Sie bediene anti-muslimische Klischees.

Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes. Kiepenheuer & Witsch (208 S., 18,90 Euro).

Quelle: Glück gibt es nur ohne den Vater



Das ist eine Art Pascha-Test     Top


Die Soziologin Necla Kelek verteidigt den Muslim-Fragebogen in Baden-Württemberg

Seit Wochen wird über einen Fragebogen diskutiert, mit dem das baden-württembergische Innenministerium die Gesinnung der Muslime überprüfen will, die eingebürgert werden möchten. Sie haben das Innenministerium bei der Entwicklung des Fragebogens beraten. Was war Ihnen wichtig?

Das Innenministerium hat mir die Fragen geschickt und wollte meine Meinung wissen. Ich fand die Fragen in Ordnung. Schließlich hat der deutsche Staat ein Recht zu erfahren, was in den Köpfen der Leute vor sich geht, die eingebürgert werden wollen. Denn wer die Werte nicht akzeptiert, die sich in unserer Verfassung widerspiegeln, kann doch kein Deutscher werden, glaubte ich zu wissen.

Die Verfassung schreibt aber nicht vor, wie Eltern mit ihrem Kind umzugehen haben, das homosexuell ist. Der Fragebogen will aber genau das wissen. Das geht den Staat doch gar nichts an.

Doch. Einer der Pfeiler unserer Demokratie ist doch das Selbstbestimmungsrecht eines jeden, also auch homosexueller Kinder gegenüber Eltern. Außerdem will man mit den Fragen gezielt herausfinden, wie Muslime zu Dingen stehen, die in ihrer Heimat verboten sind. Dort werden Homosexuelle mitunter gesteinigt.

Viele Fragen zielen auf das Selbstverständnis der Männer ab. Warum?

In traditionellen muslimischen Familien haben Männer das Sagen und üben Gewalt aus, wenn man ihnen nicht folgt. Der Fragebogen ist eine Art „Pascha-Test“.

Muslime kritisieren, dass sie unter Generalverdacht gestellt würden. Auch Innensenator Ehrhart Körting hat den Fragebogen als diskriminierend zurückgewiesen. Verstehen Sie das?

Nein, denn Muslime, die nach westlichen Werten leben – und nur ihnen werden die Fragen fremd vorkommen – müssen sich nicht angesprochen fühlen. Außerdem sollen die Fragen nur im Verdachtsfall gestellt werden. Wenn Sie an den Fall Kaplan denken, dann ist es sogar notwendig.

Auch deutsche Familienväter würden unter Verdacht geraten, würde man ihnen diese Fragen stellen. Auch hier gibt es welche, die ihren Töchtern keine freie Berufswahl gestatten, auch unter Deutschen gibt es Antisemiten.

Aber darum geht es doch hier nicht. Wenn ich einen Muslim, der Deutscher werden will, nach seinen Kenntnissen über die Verfassung frage, muss ich doch nicht gleich jeden Deutschen befragen. Dass es Neonazis gibt, ist ein Problem. Aber ein ganz anderes. Wenn alles gleich in einen Topf geworfen wird, können wir doch gar nichts mehr problematisieren.

Vielleicht ist ein bürokratischer Fragebogen das falsche Mittel?

Es ist ja kein Fragebogen, den man ausfüllen muss. Es ist ein Gesprächsleitfaden, eine Hilfe für die Beamten in den Behörden, die keine multikulturelle Kompetenz besitzen, die nicht wissen, was zum Beispiel Ehre für einen türkischen Mann bedeutet. Viele Beamten ahnen gar nicht, dass es etwa muslimische Männer gibt, die drei Ehefrauen haben oder Ehrenmorde gutheißen. Und die einen Pass bekommen haben, weil sie die Formalien erfüllt haben. Den meisten Deutschen ist es doch egal, wer den deutschen Pass bekommt.

Hat Sie die Kritik an dem Gesprächsleitfaden überrascht?

Sie hat gezeigt, dass Muslime unter Naturschutz stehen. Nicht mal fragen ist erlaubt. Aber offenbar empfinden tatsächlich viele die Fragen als nicht konstruktiv. Das sollte man ernst nehmen. Schließlich wollen wir ja, dass sich die Leute mit Deutschland identifizieren. Deshalb sollten wir den baden-württembergischen Leitfaden weiterentwickeln – zusammen mit denen, die Kritik geübt und vielleicht bessere Ideen haben, wie man ein Einbürgerungsgespräch führen könnte.

Quelle: Das ist eine Art Pascha-Test



Geschwister-Scholl-Preis an Türkei-kritische Schriftstellerin     Top

Zivilcourage, Mut, mit dem Schreiben Wahrheit aufdecken, Partei ergreifen für die Sprachlosen und dafür selbst ein Risiko auf sich nehmen - das alles trifft in besonderem Maße auf die türkisch-deutsche Autorin Necla Kelek (48) zu. In ihrem Buch "Die fremde Braut" (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 267 Seiten, 18. 90 Euro) thematisiert die Soziologin auf höchst eindrucksvolle Weise die Zwangsheirat türkischer Mädchen, den Im- beziehungsweise Export der Töchter, die schleichende Islamisierung. Für dieses Wagnis wird Necla Kelek in diesem Jahr mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Am 14. November wird der mit 10 000 Euro dotierte Preis des Börsenverbandes des Deutschen Buchhandels, Landesverband Bayern, und der Stadt München an die Autorin überreicht.

"Manchmal verstehe ich die Deutschen nicht, besonders wenn sie alles verstehen." Ein Satz aus Ihrem Buch "Die fremde Braut". Verstehen Sie die deutsche Jury, die Ihnen jetzt den Geschwister-Scholl-Preis zuerkannt hat?

Necla Kelek: Also mich hat diese Auszeichnung irgendwie schon überwältigt. Ich habe nicht im Entferntesten damit gerechnet. Als ich den Namen Scholl hörte, waren meine Gedanken sofort bei Sophie Scholl. Ja, ich bin überwältigt.

Der Preis zeichnet einen Autor auch für seine Zivilcourage aus. Brauchten Sie besonderen Mut, dieses Buch zu schreiben?

Kelek: Nachdem mein Vater uns verlassen hatte und zurück gegangen ist in die Türkei, hatte ich mich auf einen schweren Weg begeben. Das war mein erster Kampf. Und dafür brauchte ich Mut: meine Familie von mir zu überzeugen. Aber ich musste doch warten, bis mein Vater gestorben war, um dieses Buch schreiben zu können.

Zum einen hilft Ihr Buch dem deutschen Leser, die gesellschaftlichen Traditionen der Türkei zu verstehen; zum anderen aber trägt es dazu bei, unsere so genannte Toleranz, die oft nichts weiter als Bequemlichkeit ist, zu überprüfen. Welchen Zweck verfolgen Sie mit der "Fremden Braut"?

Kelek: Genau diese falsche Toleranz aufzubrechen. Überall bin ich in Deutschland dagegengestoßen. Was war das für ein Kampf auf der Universität! Ich habe mich immer geschüttelt vor dieser "Toleranz". Das ist nicht Toleranz, das ist Ignoranz. Es geht ihnen nur um sie selbst, nicht um die soziale Realität. In Deutschland wird von Reformen in der Türkei gesprochen, aber seit 1923 gab es dort keine so große Islamisierung wie jetzt. Ich weiß nicht, wo die Reformen sind. Als ich 1967 die Türkei verlassen habe, war sie eine Republik. Heute ist sie ein islamistisches Land. Istanbul hat jährlich eine Million Zuwanderer vom Land. Sie tragen die alten Traditionen in die Stadt, und von dort werden sie nach Deutschland gebracht . . .

Haben Sie nicht manchmal Angst?

Kelek: Nein. Die hatte ich, während ich das Buch schrieb. Jetzt nicht mehr.

Immerhin aber gab es kürzlich eine regelrechte Kampagne gegen Sie in der Deutschland-Ausgabe der türkischen Tageszeitung "Hürriyet".

Kelek: Diese Zeitung ist wie die türkischen Männer, sie arbeitet mit Strafe und Gnade. Aber es ist so: Wenn man ein Problem anspricht, ist es immer so, als sei man gleich ein Feind der ganzen Türkei.

Es existiert der Vorwurf, Ihr Buch sei dem guten Zusammenleben von Türken und Deutschen nicht förderlich, vielmehr bestätige es vorhandene Vorurteile.

Kelek: Ganz im Gegenteil. Endlich wird gemeinsam darüber diskutiert, dass wir Parallelgesellschaften haben. Es ist doch an der Zeit, dass wir darüber sprechen: Wollen wir miteinander leben oder nebeneinander? Es muss darüber geredet werden: Täglich entstehen hier Moscheen, überall. Damit sind wir Türken kulturell abgestempelt, denn es gibt keine türkischen Literaturhäuser oder Kulturzentren. Nur Moscheen.

Sie arbeiten an einem neuen Buch?

Kelek: Ja. Es geht - und das ist auch der Titel - um die "Verlorenen Söhne", um die Erziehungskonzeption für die türkischen Jungen.

Sie schreiben in den autobiografischen Passagen der "Fremden Braut" über die Reise, die Sie als Zehnjährige allein mit Ihrer Schwester von Istanbul nach Deutschland machten: "In München mussten wir umsteigen und standen dort wie bestellt und nicht abgeholt auf dem Bahnsteig" - bis sich schließlich ein Bahnwärter erbarmte . .  Hätten Sie sich jemals träumen lassen, eines Tages ausgerechnet in dieser Stadt ausgezeichnet zu werden?

Kelek: Nein, niemals. Aber es ehrt mich sehr. München ist so schön. Und ich war immer sehr traurig, dass mein Vater uns 1967 nicht da hingebracht hat, sondern irgendwo in die Pampa bei Hannover.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

Quelle: Geschwister-Scholl-Preis an Türkei-kritische Schriftstellerin



Es sind verlorene Söhne - Gewalt in muslimischen Familien     Top

Hatun Aynur Sürücü wurde ermordet, weil sie "wie eine Deutsche lebte". Die Betroffenheit über die Gewalt in muslimischen Familien ist groß. Aber: Was treibt junge muslimische Männer zum Mord an ihren Nächsten? Unter welchem Druck stehen sie, welcher Moral sind sie verpflichtet? Eine kennt sich aus: die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek. Sie sagt: "Sie kennen die Liebe nicht"

Interview: Jan Feddersen und Martin Reichert

taz: Frau Kelek, an welcher Macht ist Hatun Aynur Sürücü gescheitert?

Necla Kelek: An der ihrer Familie. Auch ein sozial aus der Unterschicht stammender Mann versucht sehr früh zu heiraten und eine Familie zu gründen. Mit ihr hat er dann einen, seinen Ordnungsstaat gegründet. Und je mehr Söhne er hat, desto stärker wird sein Staat, nach innen wie nach außen.

Ist das Familienoberhaupt, der Staatspräsident weniger wert, wenn er nur Mädchen gezeugt hat?

Nur Töchter als Kinder? Ha! Dann hätte er keinen Staat. Seinen Staat bildet er mit seinen Söhnen, die Hauptaufgabe dieser Staatsmitglieder ist es, die Ordnung so aufrechtzuerhalten, dass die weiblichen Mitglieder im Haus unter Kontrolle sind. Über die bestimmen sie dann: etwa, ob sie zur Schule gehen dürfen oder nicht.

Warum sind Mädchen weniger wert?

Weil sie für die Männer auf die Welt kommen. Das ist ein muslimischer Gedanke. Die Frau ist die Sünderin, die ihn verführt hat zum Ungehorsam gegenüber Gott. Sie ist jene, die beim Mann den Trieb weckt, dafür muss sie zahlen.

Was war die Sünde der Hatun Aynur Sürücü?

Dass sie ihre Familie verlassen hat und damit genau die Ordnung, die in diesem Haus herrschte, durchbrochen hat. Sie hat den Männern damit bewiesen, dass sie versagt haben.

Worin, bitte?

Dass sie nicht einzusperren war - und der Macht des Vaters und der Brüder getrotzt hat.

Die Männer der Familie Sürücü müssen dies als tiefe Kränkung empfunden haben.

Ja, und der Vater macht natürlich seine Söhne verantwortlich: Habe ich euch so erzogen, dass ihr versagt und nicht auf eure Schwester aufpasst? Sobald er seine Söhne bekommen hat, kann er sich zurückziehen. Er geht in ein Männercafé. Das heißt: Ich habe meine Macht weitergegeben.

Aber müsste es für die Brüder nicht unerträglich sein, die eigene Schwester prügeln, gar töten zu müssen?

Sie wissen ja nicht, dass sie etwas Schlimmes tun, denn es gilt ja das Gesetz der Väter.

Aber Geschwister haben doch eine Bindung …

… sie kennen sich doch kaum. Das Mädchen wird rasch Teil der Frauengesellschaft. Der Junge jedoch muss draußen sein, bestehen, sich raufen. Und dann kommt er nach Hause, wird bedient, Hausschuhe werden ihm herangebracht, ganz wie dem Vater. Was ihn am meisten verletzt, ist, wenn das Mädchen sagt: Ich mache, was ich will.

Ist er dann kein Mann mehr?

Ja, und er schämt sich auch vor dem Vater: dass der arme Vater so leiden muss.

Geht es also immer um Liebe zum Vater?

Liebe? Nein. Es geht nie um Liebe, wie wir sie verstehen. Es geht hier um die Herstellung von Ordnung. Liebe gibt es im Islam nur zu Gott. Gott liebt man, aber Ordnung hält man.

Eine Tragödie für die Brüder?

Nein, denn sie mögen die Schwester nicht, wenn sie in der Öffentlichkeit mit einem Mann - einem deutschen außerdem - sich küsst. Sie fühlen sich von morgens bis abends persönlich von ihr beleidigt, da baut sich solch ein Hass bei ihnen und Angst bei den Schwestern auf.

Kennen diese Jungs Liebe?

Liebe? Ja. Die Liebe zur Mutter ist unendlich. Für die Liebe zur Mutter würden sie ihr Leben geben.

Wir meinten Liebe im Sinne von Verliebtheit.

Nein, das können Sie vergessen. Sich verlieben heißt sich verlieren. Das versucht man zu vermeiden, indem man eine Wildfremde holt, die er nicht bestimmt hat. Genau, um diese Liebe zu vermeiden, denn dann würde sich das Paar verselbstständigen, sie wären dann ein Bund - ein Nebenstaat quasi.

Ist deshalb türkische Musik oft so traurig?

Volkslieder kann ich nicht ertragen, ich breche immer in Tränen aus. Allein wenn ich darüber erzähle …

warum?

Weil sie von der Sehnsucht nach dieser Liebe erzählen, die man nicht haben darf: O Falke, sie haben sie mir genommen / Nun ist sie die Braut eines anderen / O Falke, nimm mich mit fort, ich kann es nicht ertragen

Die Liebe ist unmöglich?

Ja, denn Liebe ist Freiheit. Zur Liebe gehört dazu, dass man verletzt wird, weil der Geliebte auch weggehen kann. Vor diesem Ausgeliefertsein, vor diesem Gefühl versucht man sich immer zu schützen, hart zu werden. Es geht hier nicht um Liebe, sondern darum, dass wir dieses Leben bestehen, dass wir Gott gehorchen. Außerdem gehört die Liebe ja eigentlich der Mutter, und die fühlt sich dann verraten, wenn er sagt: Du, ich liebe jetzt Aysche.

Ungütige Härte: Wer streichelt diese Jungs eigentlich?

Die Mutter. Aber wenn die Jungs älter werden, hört das auf. Das würde der Vater schon nicht erlauben, weil die Söhne sonst nicht groß und stark werden und sein Erbe antreten.

Die Mütter machen das mit?

Der Frau, den Müttern, Tanten und Töchtern, wird suggeriert, dass sie keine Rechte hat, dass sie ein Teil des Systems ist, dem sie sich unterzuordnen hat. Sie wird natürlich erst verwöhnt, auch vom Vater. Aber sobald sie in die Pubertät kommt, ist Schluss damit, dann muss er sie disziplinieren, weil er dann Angst hat, sie könnte ausarten. Er muss ihr dann Härte zeigen.

Wie erleben türkische Jugendliche ihre Sexualität?

Sexualität? Die Hochzeitsnächte sind, wenn es Zwangsheiraten waren, gesellschaftlich organisierte Vergewaltigungen. Der Mann wird auf diese Nacht hin erzogen, er hat ein paar Stunden Zeit, die gesamte Hochzeitsgesellschaft steht vor der Tür, und das blutige Laken muss präsentiert werden

Der Mann steht offenbar unter mächtigem Druck.

Grauenhaft! Und das geht dann so, dass er, mir haben ja so viele Frauen davon erzählt, der springt da halt auf sie und muss es hinter sich bringen. Den Beweis antreten. Da habe ich gehört, dass sich die Frau dann schneidet, irgendwo Blut tropfen lässt, mit einem Messer rangeht und sich aufschlitzt, weil er es nicht kann. Sie ist ja dafür zuständig, dass er als Mann dasteht.

Auch allein verantwortlich?

Immer. Nur sie hat einen Ruf zu verlieren. Sonst heißt es: Ach, dein Mann konnte dich nicht einmal schwängern.

Gibt's denn eine Vorstellung von Spaß, Befriedigung in der Sexualität?

Habe ich von niemandem gehört. Als ich vierzehn Jahre alt war, sagte mir meine Tante: Er kommt und entleert sich. Wenn du dich nicht bewegst, dich steif machst und deine Hände zu Fäusten, dann ist er ganz schnell fertig. Wenn du dich zu sehr bewegst, dann wird er sich lange an dir aufhalten.

Ist der weibliche Orgasmus, ist der Spaß ihrer Frauen eine Dimension unter türkischen Männern?

Kein Thema, ach was. Er muss doch nur kommen!

Schön scheint das nicht, auch nicht für die Männer.

Nein, sie sind für mich die verlorenen Söhne, auch was die Integration angeht. Sie werden zu einem bestimmten Typen gemacht, zu einem Wesen, das ihrem Ich nicht entspricht. Sie werden in diesem Wir groß und sind gleichzeitig von der Nestwärme ausgeschlossen.

Inwiefern?

Die meisten sagen mir, wenn sie die Schule nicht schaffen, und sie sind ja generell schlechter als die türkischen Mädchen in der Schule: Wo hätte ich denn meine Schulaufgaben machen sollen, ich habe ja zu Hause keinen Platz. Tagsüber gehört das Haus den Frauen, nachmittags treffen sie sich zum Tee, die kleine Schwester bedient sie dabei. Da kann der kleine Junge nicht einfach aus der Schule kommen und sich dazwischen setzen. Der stört, der muss raus.

Deprimierend.

Meinen eigenen Bruder habe ich ab 16 nicht mehr gesehen. Er hätte ja nicht mal Besuch mit nach Hause bringen dürfen, weil ich ja da war. Er wurde schon verspottet, weil er mit 15 immer noch zu Hause rumhing.

Das heißt, bildungspolitisch sind diese Jungen verloren?

Was ich erfahren hab, ist das: Wenn eine Schule bis vier Uhr nachmittags geöffnet hat, wird das vor allem von türkischen Mädchen und Jungen in Anspruch genommen. Die Mädchen müssten sonst zwei Stunden mehr putzen oder ein Kind betütteln.

Die sind froh, aus diesen familiären Zwängen herauszukommen?

Alle Kinder, die ich befragt habe, sagen: Hier in der Schule bin ich zu Hause, hier werde ich verstanden. Zu Hause ist das Mädchen die Putzfrau, und der Junge ist auf der Straße.

Um noch einmal über Sexualität zu sprechen: Sprechen die Jugendlichen über Begierde, über die Sinnlichkeit zwischen den Geschlechtern?

Wenn das so wäre, würde man die Frauen ja nicht unter das Kopftuch stecken. Man beschützt die Frauen vor den Blicken der Männer, damit diese Gedanken nicht aufkommen. Die Frau wird ja als ein abstraktes Wesen für Beischlaf und Reproduktion gesehen, idealtypisch trifft man sich in der Hochzeitsnacht und überlässt sie dann sich selbst. Wie er das macht, ist ihm überlassen, zärtlich oder schnell. Begehren? Das sind alles europäische Gedanken.

Haben Sie nicht Angst, dem Rassismus Vorschub zu leisten?

Das ist für mich so absurd, dass ich nicht einmal weiß, was ich sagen soll. Ich spreche hier von Menschenrechtsverletzungen, von Unfreiheit, von Menschen, die ihre Leben nicht leben können. Dieses zu verschweigen, ist für mich Rassismus.

Sie antworten sehr erregt. Gibt es denn keine Hoffnung?

Mich berührt der Fall der ermordeten Hatun Sürücü zutiefst. Ich gehe regelmäßig zum Prozess - und ich lass mir von den "Ehrenmördern", die ich für mein neues Buch befrage, berichten. Ich will verstehen.

Was?

Woher die Gewalt rührt. Hatun Sürücü darf nicht umsonst gestorben sein.

Quelle: Es sind verlorene Söhne



Warum türkische Gemüsehändler mit Sarrazin kein Problem haben 
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Von Necla Kelek

Necla Kelek22.10.2009: Die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek unterstützt die Kritik von Bundesbankvize Thilo Sarrazin an der verfehlten Ausländerintegration in Berlin. Migrantenverbänden, Politikern und „Gutmenschen“ wirft sie vor, die Augen vor den Problemen zu verschließen.

Thilo Sarrazin redet Tacheles. Er analysiert in einem Interview mit der Kulturzeitschrift „Lettre-International“ die Lage Berlins, benennt Filz, Korruption und Schlamperei, lobt und tadelt Migranten, fragt nach Ursachen und bietet eine Gesamtschau der Berliner Misere, die ich so noch von niemandem gelesen habe. Ich würde mir diesen klaren Blick auch von manchen verantwortlichen Politikern wünschen.

Sarrazin macht das nach meinem Empfinden nicht aus Übermut, sondern aus Sorge um Berlin. Sein Ton ist eigen, seine Bilder sprechend, die Analyse allerdings alarmierend. Wie sich durch Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am letzten Wochenende herausstellte, kannte sein Primus inter pares im Vorstand der Deutschen Bank, der Vorsitzende Axel Weber, den Text und distanzierte sich erst, als er bereits im Druck war. Eine Kabale um Macht und Einfluss im Vorstand der Währungshüter.

Türkenvereine sind beleidigt

Obwohl Sarrazin der Berliner Politik insgesamt gehörig die Leviten liest, heulten nicht seine Parteifreunde auf, sondern die üblichen Verdächtigen. Die Migrantenorganisationen und die Fraktion der Gutmenschen.

Was hatte Sarrazin gesagt? Unter anderem wiederholte er die aus Integrationsberichten und Studien bekannten Tatsachen, nach denen, vor allem türkische und arabische Migranten schlechter integriert sind, dass sie dies oft selbst zu verantworten haben, weil sie ein anderes Lebensmodell verfolgen als die Mehrheitsgesellschaft. Er sagte: „Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt hat keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel.“

Die Gemüsehändler jedenfalls waren nicht beleidigt, denn sie gehören zu den Gewinnern der Migration, sie versorgen sich und ihre Familien selbst und sind nicht auf staatliche Leistungen angewiesen. Die sich davon ertappt, neudeutsch: „diskriminiert“, gefühlt haben, waren nicht jene, die die Misere zu verantworten haben, sondern reflexhaft die Türkenvereine und ihre Verbündeten, die Teil der Misere sind. Sie rufen „Haltet den Dieb“, sind beleidigt, geben sich als Opfer, in der Hoffnung, nicht über den Diebstahl reden zu müssen.

„Opferanwalt“ ist eine Paraderolle der Sprecher der türkischen und muslimischen Lobby, die ihre Stellung mithilfe der Politik und dem Integrationsplan zu einem subventionierten Mandat machen konnten. Die Empörung der Islamisten vom „Muslimmarkt“ unterscheidet sich in Ton und Inhalt kaum von der Fraktion der „Linken“, der Türkenverbände und des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland, der im Übereifer Sarrazin sogar mit Hitler verglich.

Alle bezeichnen sie die Äußerungen als „rassistisch“, wobei die Islamisten mit der Kritik am weitesten gehen, sie bezichtigen den Banker des „hasserfüllten Herrenmenschendenkens“. Und der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, der sich gern gemeinsam mit Islam- und Türkenfunktionären als Opfer der deutschen Gesellschaft präsentiert, und die sich dafür gegenseitig als Dialogpartner loben, ist unterwegs, die Ehre der Migranten zu retten. Kein Vergleich ist ihnen zu absurd, keine Keule zu groß, nach dem Motto, wer am lautesten schreit, hat recht.

Nebenbei schützen sie durch dieses Ablenkungsmanöver ihre Geldgeber in Senat und Opposition vor der Blamage, die der ehemalige Finanzsenator seinen Kollegen bereitet hat. Und natürlich liegt die Ursache für die Misere der Migrantenjugend, der schlechten Ausbildung, der parallelen Strukturen nach dieser Auffassung nicht auch in der Verantwortung der Migranten und deren kultureller Bestimmtheit, sondern ausschließlich in der verfehlten deutschen Sozial- und Bildungspolitik. Der Staat als Leistungslieferant, der Migrant als Mündel, der keine Verantwortung hat, sondern Integration ganz nach Belieben konsumiert. Die Vertreter dieser Richtung sind froh, nicht über die Fakten reden zu müssen, sondern Solidarität mit den diskriminierten Eltern der „Kopftuchmädchen“ üben zu können.

Bürgergesellschaft erschüttert

Sarrazins Interview hat diesen Schleier wieder einmal gelüftet. Die Bundestagsparteien hatten ja im Wahlkampf ein stilles Übereinkommen, nicht über Integration oder Islam zu diskutieren. Roland Koch hatte sich an dem Thema die Finger verbrannt, das wollte von Linkspartei bis CSU niemand riskieren. Jetzt ist das Thema wieder da und wird uns begleiten.

Ich wundere mich, dass die deutsche Gesellschaft so wenig Selbstbewusstsein zeigt, offen über die damit verbundenen Probleme sprechen zu wollen. Das in Jahren mühsam aus Zielen, Werten und Tugenden und der Aufarbeitung der eigenen Geschichte erarbeitete Selbstwertgefühl, das Haus unserer Bürgergesellschaft, wird erschüttert, wenn jemand mal die Tür laut zuschlägt. Die demokratische Öffentlichkeit verliert sich – wie der Kulturanthropologe René Girard feststellt – in einer Art „depressiver Erschöpfung“ über die gesellschaftlichen Hypotheken, die man sich aufgebürdet hat. Politik gestaltet nicht mehr, sondern moderiert und übt sich darin, möglichst keine Fehler zu machen.

Themen, die Ärger machen können, wie Integrationsfragen werden peinlichst vermieden oder in der Islamkonferenz relativiert. In einer Empfehlung der Konferenz erkennt man Elemente der Scharia, des islamischen Rechts, als „religiöses Leben“ an und begründet dies mit „Pragmatismus“. Die deutsche Politik scheint der Probleme überdrüssig und überlässt das Feld in diesem Fall der kulturellen Konkurrenz von Türken- und Islamfunktionären, die sich als Opfer darstellen und Themen tabuisieren wollen.

Dabei wird übersehen, dass es sich hierbei tatsächlich um einen Kampf um die Deutungsmacht handelt. Kritik an Religion oder Grundrechtsverletzungen durch Migranten sollen wieder ein Tabu werden, man bemüht dafür Begriffe wie „Islamophobie“ und gründet staatlich bezahlte „Antidiskriminierungsvereine“, die alles, was unter der Decke gehalten werden soll, mit dem Rassismusvorwurf belegen. Das spielt den „Depressiven“ in die Hände, denn so brauchen sie sich um die Ursachen und Folgen von Fehlentwicklungen im Moment nicht mehr zu kümmern.

Wenn von der Bundesregierung fast 200 Millionen Euro im Jahr für Sprach- und Integrationskurse ausgegeben werden (und einige Islam- und Türkenvereine damit nicht schlecht verdienen) und es gleichzeitig kaum Kontrollen der Qualität und des Erfolgs dieser Maßnahmen gibt, fragt man sich, was die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung mit dieser Haltung bezwecken. Wenn man den Erfolg will, muss man auch die Lernleistung der Teilnehmer einfordern, sie nötigenfalls kontrollieren und bei Verweigerung sanktionieren. Wenn man allerdings nur Symbolpolitik betreibt, dann schreibt man einen Bericht, rühmt sich für die Maßnahmen und lässt Allah einen feinen Mann sein.

Wenn man will, dass die Migrantenkinder Deutsch lernen, dann muss man die Vorschulpflicht einführen und Kindergeld einbehalten, wenn die Kinder nicht zur Schule kommen. Wenn man nicht will, dass die Integration auch in der 4. und 5. Generation immer wieder von vorn beginnt, dann muss man endlich das Gesetz gegen Zwang zur Ehe auf den Weg bringen. Vor vier Jahren stand ein Gesetz gegen Zwangsheirat schon einmal im Regierungsprogramm, jetzt wahrscheinlich wieder.

Aufregung über den Ton

Wenn von der Öffentlichkeit kein Druck kommt, wird nichts geschehen. Nennt dann jemand wie Sarrazin die Missstände beim Namen, meldet sich das schlechte Gewissen. Man regt sich über den Ton und nicht über die Fakten auf. Aber die soziale Realität lässt sich auf Dauer nicht wegempören und mit einem „Aber bitte nicht in diesem Ton!“ beschwichtigen. Der Lack der Schönrednerei blättert schneller ab, als gestrichen werden kann.

Wer die klaren Worte Sarrazins für Hetze hält, muss sich fragen lassen, ob er die Fakten kennt oder nicht längst aufgegeben hat. Ich kann mir nur wünschen, dass die künftige Bundesregierung nicht in den Fehler verfällt, vor lauter Sucht nach Erfolgen, vor lauter „best practice“ die realen Probleme unter den Teppich des sehr lobenswerten Integrationsplans zu kehren, sondern auch mal nachsieht, welche Maßnahmen sinnvoll sind und zum Erfolg führen, und mit welchen nur Lobbyisten alimentiert werden.

Und noch etwas hat die „Causa Sarrazin“ gezeigt: Wie schnell gewisse Kreise bereit sind, das Grundrecht auf Meinungsfreiheit infrage zu stellen. Wenn es gelänge, einer spitzen Zunge und einem selbstbewussten Mann wie Sarrazin den Mund zu verbieten, fragt man sich, wer dann noch den Mut haben wird, sich überhaupt zu äußern? Sarrazin redet Tacheles, es ist sein gutes Recht. Zumindest das sollten wir verteidigen.

Necla Kelek (51) kam mit ihrer Familie 1966 aus Istanbul nach Deutschland. In Hamburg studierte sie Volkswirtschaft und Soziologie. 2001 promovierte sie zum Thema „Bedeutung islamischer Religiosität für die Lebenswelt türkischstämmiger Schülerinnen und Schüler“. Die „islamisch geprägte Parallelgesellschaft in Deutschland“, die sie als „falsch verstandene Toleranz“ entschieden ablehnt.

Quelle: Warum türkische Gemüsehändler mit Sarrazin kein Problem haben



Ein Recht auf Minarette? - Gerhard Schröders fauler Friede      Top

Von Necla Kelek

11. Dezember 2009: Der bekannteste weise Narr der islamischen Welt ist Nasreddin Hodscha. Er soll im dreizehnten Jahrhundert in Anatolien gelebt haben, und man erzählt sich unter Türken noch heute seine Geschichten. Eine geht so: Nasreddin betrat ein Teehaus und verkündete: „Der Mond ist nützlicher als die Sonne.“ Die Leute waren erstaunt und fragten, warum. „Weil wir in der Nacht das Licht nötiger brauchen.“

Gerhard Schröders Artikel zum Schweizer Minarettverbot erinnert mich mit seinen luziden Erkenntnissen über den Islam an diesen weisen Mann. Der frühere Bundeskanzler schreibt vom Mond: „Der Islam ist keine politische Ideologie, sondern eine friedliche Religion. Das lehrt der Koran.“ Und als Beweis legt er eine falsche Spur: „Es waren keine islamischen Staaten, die die beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts verbrochen worden.“ Das mit den Weltkriegen hat ja auch niemand behauptet, aber was ist mit dem heiligen Krieg, der seit seiner Erfindung im siebten Jahrhundert die Hälfte der damals bekannten Welt unter sein Schwert brachte und erst tausend Jahre später von den Polen vor Wien 1683 gestoppt werden konnte? Lehrte das der Koran?

Zweierlei Maß

Tilman Nagel und Bassam Tibi, zwei hervorragende Islamexperten unserer Zeit, forschten und lehrten in Schröders Nähe, in Göttingen. Sie hätten es ihm besser erklären können als ich: Der Islam ist Hingabe an den einen Gott. Er ist Glaube, Kultur, Weltanschauung und Politik. Seine Lehre kennt keine Trennung von Staat und Religion. Er ist unbestritten auch eine politische Ideologie, auch wenn Schröder das vom Tisch wischen will. Es gibt säkulare aufgeklärte Muslime, aber der Islam selbst kennt bisher keine Aufklärung, relativiert Menschenrechte unter den Vorgaben der Scharia, dem islamischen Recht, wie auch aus der Kairoer Erklärung der islamischen Staaten hervorgeht.

Was Schröder über den Minarettstreit schreibt, ist schlicht diskriminierend - für säkulare Muslime hier und zum Beispiel in der Türkei. Er beschreibt die Werte der Demokratie und Aufklärung ganz richtig als „universell“, und gleichzeitig dürfe das nicht bedeuten, „kulturelle und religiöse Unterschiede beseitigen zu wollen.“ Ja, was denn? Es geht bei der Auseinandersetzung mit dem Islam doch gerade um die Grundfragen, um die Freiheit des Einzelnen, die religiös und kulturell zum Beispiel durch den Zwang zur Heirat eingeschränkt werden, und um die Freiheit von religiöser Bevormundung. Schröder legt zweierlei Maß an und relativiert.

Kalkulierte Relativierung

Da sind die Europäer, die die Aufklärung für sich gepachtet haben, und auf der anderen Seite die Muslime, die noch nicht soweit sind, von denen man nicht verlangen kann, dass sie die Menschenrechte achten und zulassen mögen, dass man Kirchen in ihrem Land zulässt. Schröders Männerfreundschaft mit Erdogan und die Hoffnung auf Demokratie in allen Ehren, aber die Frauen in der Türkei werden unter der AKP-Regierung immer weiter gesellschaftlich an den Rand, also ins Haus gedrängt. Nur noch jede vierte Frau ist erwerbstätig. Vor Erdogan war es noch jede Dritte. Aber das scheint Schröder nicht so wichtig, bei dem die „seltenen Fälle von Zwangsehen“ und das „Kopftuchverbot“ angeblich für das schlechte Image der Muslime herhalten müssen. Den Alltag der Muslime scheint der „Zeit“-Autor nur aus den Nachrichten zu kennen.

Seine Haltung ist die eines Machtmenschen, der Probleme relativiert und Werte formuliert, wenn sie ins politische Kalkül passen. Diese Haltung hat nicht nur die Sozialdemokratie und die Sozialarbeit jahrzehntelang auch in der Integrationspolitik vor sich hergetragen. Die muslimischen Migranten, so wurde unterstellt, sind noch nicht soweit, wir können von ihnen nicht zuviel Eigenverantwortung verlangen.

Abgrenzung zur Zivilgesellschaft

Die Muslime haben ein Recht auf Moscheen und Minarette. Die Volksabstimmung in der Schweiz über ein Verbot war ein Bocksgesang, ein tragischer Entscheid. Kaum ein Schweizer bestreitet nämlich das Recht der Muslime, ihre Religion zu leben, und wohl jeder gesteht den Schweizern zu, zu entscheiden, wie sie miteinander leben wollen. Tragisch ist die Situation dadurch, dass auf legitime Weise über eine Sache entscheiden wurde, um die es gar nicht ging. Muslimorganisationen, die türkische Regierung und jetzt auch Schröder meinen, es sei über Religionsfreiheit abgestimmt worden, eine Minderheit werde diskriminiert. Solche Schweizkritiker üben sich im Fremdschämen für das Volk und Europa. Tatsächlich wollen sie nicht über den Islam diskutieren, sondern wie immer über Europas Schuld.

Auch in Deutschland stellen Islamvereine Anträge für den Bau von Moscheen, es sind 150 Moscheen mit und ohne Minarett in Planung oder Bau. Es sind meist Repliken trivialisierter osmanischer Sinan-Moscheen mit Kuppel und Minarett, ganz so wie sie zehntausendfach in Anatolien stehen, wahrlich keine „architektonischen Wunderwerke“. Auch architektonisch findet eine Integration nicht statt. Nur in den wenigsten Fällen erfährt man etwas darüber, was in den Moscheen geschehen soll, wer sie finanziert. Meist werden nicht sakrale Räume, sondern Islamische Zentren geplant. Die muslimische Gemeinschaft hat mit einer zivilen Bürgergesellschaft Probleme. Ein offener Dialog über das, „was“ der Islam ist, findet nämlich selbst in der Islamkonferenz nicht statt, sondern nur darüber, „wie“ eine Gruppe von Muslimen ihn leben will, zum Beispiel mit Moscheen und Kopftüchern, mit den Symbolen Halbmond und Schwert.

System und Glaube

Der eigentliche „Hinterhof“ ist die Abgrenzung gegenüber der offenen Zivilgesellschaft. Das Misstrauen der Schweizer gegenüber den Moscheevereinen rührt auch aus der Konspiration, die in den Moscheen gepflegt wird. Selbst die Schweizer Regierung weiß nicht, was in den Moscheen gepredigt wird. Von den Muslimen erfahren das die Schweizer sowenig wie die Deutschen. Aber läuft sicher auch unter Religionsfreiheit.

Dass der Islam ein „System“ ist und nicht nur der Glaube an den einen Gott, will auch Schröder nicht verstehen, und wieder sind es die Europäer und ihre Medien, die sich ändern sollen, die die Muslime mit „verändertem Blick“ betrachten müssen. Mit dieser wieder nur an den Westen gerichteten Aufforderung fällt der Altkanzler uns säkularen Muslimen im Streit mit den Wächtern des Islam in den Rücken. Ich kenne mich nicht mit Gasleitungen aus, deshalb schreibe ich auch nicht darüber. Ich schreibe über den Islam und der ist, Gerhard Schröder möge es mir glauben, nicht das, was man im Schatten des Halbmondes sieht. Als anatolische Migrantin möchte ich mit dem Staatsmann, die Weisheit Nasreddins teilen: Der Hodscha setzte sich immer verkehrt herum auf sein Reittier, weil er nicht in dieselbe Richtung wie sein Esel gucken wollte.

Die Soziologin Necla Kelek veröffentlichte zuletzt das Buch „Bittersüße Heimat: Bericht aus dem Inneren der Türkei“.

Quellen:
Gerhard Schröders fauler Friede
Gerhard Schröder kritisiert Schweizer Minarettverbot
Gerhard Schröder: Minarettverbot ist Versuch einer Ausgrenzung



Necla Kelek kritisiert Duckmäusertum vor Islam      Top

06.01.2010: Nach dem Attentatsversuch auf den dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard spricht die Berliner Soziologin Necla Kelek von Duckmäusertum in Deutschland vor islamistischer Gewalt. Es sei schon bitter, wie sich manche Medien winden, „wenn es schlicht darum geht, das Recht auf Meinungsfreiheit und das Leben eines Mannes zu verteidigen“, sagt die türkischstämmige Autorin im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Kelek verweist auf nur spärliche Reaktionen nach dem gescheiterten Anschlag eines mutmaßlichen Islamisten.

Die mit dem Geschwister Scholl Preis ausgezeichnete Frauenrechtlerin („Die fremde Braut“) fordert die Muslime in Deutschland auf, sich vorbehaltlos zur Bürgergesellschaft zu bekennen: „Es gibt keinen anderen Weg, außer man setzt auf Konfrontation.“

Frage: Bislang gibt es in der deutschen Öffentlichkeit nur wenige Reaktionen zu dem Attentatsversuch auf Westergaard. Wie erklären Sie sich dieses Schweigen. Versagt die westliche Öffentlichkeit?

Kelek: „Inzwischen scheint man in gewissen Kreisen offenbar nur noch froh zu sein, dass die Bomben nicht explodieren und Dänen axtfeste Türen bauen. Es breitet sich gegenüber dem Islam eine „Duck and cover“-Mentalität (ducken und verstecken) aus wie einst im Kalten Krieg. Damals empfahl man der Bevölkerung bei einem Atomschlag, sich die Aktentasche über den Kopf zu halten. Ich vermisse die, die wie Voltaire sagen: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“

Frage: Es fehlt an klaren Positionen?

Kelek: „Der von islamischen Führern seit über einem Jahrzehnt mit dem Tod bedrohte Schriftsteller Salman Rushdie hat angemerkt: „Es ist völlig in Ordnung, dass Muslime wie alle Menschen in einer freien Gesellschaft Glaubensfreiheit genießen sollten. Es ist völlig in Ordnung, dass sie gegen Diskriminierung protestieren, wann und wo immer sie ihr ausgesetzt sind. Absolut nicht in Ordnung ist dagegen ihre Forderung, ihr Glaubenssystem müsse vor Kritik, Respektlosigkeit, Spott und auch Verunglimpfung geschützt werden.“ Der Mann hat Mut, im Gegensatz zum Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, der in seinem mentalen Panikraum angesichts des versuchten Attentats auf Kurt Westergaard meint, über die Qualität der Mohammed-Karikatur philosophieren zu müssen.“

Frage: Das klingt hart...

Kelek: „Es ist schon bitter, wie sich manche Medien selbst dann, und natürlich höchst differenziert, winden, wenn es schlicht darum geht, das Recht auf Meinungsfreiheit und das Leben eines Mannes zu verteidigen.“

Frage: Befürchten Sie, dass der Anschlag wie eine Projektionsfläche für die Ängste auch vieler Deutscher gegenüber dem Islam wirken könnte, und wie sollten die islamischen Institutionen reagieren?

Kelek: „Die Islamvereine reden immer von „dem Islam“, wenn es um das Recht auf Religionsunterricht, das Kopftuch, das Schächten und Minarette und Moscheen geht, also um das, was sie als „ihr religiöses Leben“, ihre Symbole bezeichnen. Sie vergleichen sich gern mit den Juden und deren Verfolgung und denunzieren inzwischen mit Hilfe deutscher Islamversteher kritische Stimmen als rassistisch. Das ist ein reines Ablenkungsmanöver und lächerlich. Aber wenn Terroristen Bomben legen oder Attentate im Namen der Religion verüben, wenn Väter ihre Töchter im Namen der von Stamm und Religion propagierten „Ehre“ töten, dann hat das nach Meinung derselben Leute „nichts mit dem Islam“ zu tun. Das ist bigott.“

Frage: Verurteilen Sie jetzt den Islam pauschal oder die fundamentalistischen Islamisten?

Kelek: „Der Münchner Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samed vergleicht in der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel vom 5. Januar den Islam treffend mit der Droge Alkohol. In geringen Mengen und in der entsprechenden Qualität genossen kann diese wie jede andere Droge helfend, gar erhellend sein, unkontrolliert konsumiert macht sie irre, süchtig und ist ein Gift.“

Frage: Wie wird ihrer Einschätzung nach der Anschlag auf Westergaard von in Deutschland lebenden Muslimen empfunden: Scham und Wut darüber, was im Namen des Islams geschieht, oder möglicherweise klammheimliche Genugtuung?

Kelek: „Die Mehrzahl der Muslime in Deutschland hat mit Islamisten und mit den Islamvereinen nichts zu tun. Sie sind nicht organisiert und verabscheuen die Taten und deren Ideologie. Und haben sich von dem, was als Islam propagiert wird, gelöst. Ihr Islam ist kulturelle Identität, vielleicht Glaube.“

Frage: Und die Minderheit der Muslime?

Kelek: „Moscheen bauen die Konservativen, sie betreiben auch die Koranschulen, in denen sie nicht nur den Koran auswendig lernen. Das sind nicht mehr als zehn Prozent der Muslime, aber die sind gut organisiert und bekommen Geld und Anleitung aus dem Ausland. Diese Verbände vertreten den politischen Islam, sie sind meist konservativ, propagieren die Scharia, die islamische Lebensweise und wollen im Prinzip eine andere Gesellschaft. Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber die Täter, von denen wir sprechen, nennen sich Muslime. Und die meisten kommen aus dem Umfeld von Moscheen oder Islamvereinen. Das ist ein ernstes Problem der islamischen Gemeinschaft, das sich nicht mit „Wir haben damit nichts zu tun“ abtun lässt, denn alle berufen sich auf die Scharia, den Weg der Rechtleitung.“

Frage: Hat der Westen eine Bringschuld, rücksichtsvoller gegenüber dem Islam zu sein, und hat die islamische Welt eine Bringschuld, Fanatiker zu ächten?

Kelek: „Der Islam hat ein Problem. Er will Leitkultur sein und nicht nur das Leben der Muslime regeln, sondern auch bestimmen, wie sich die übrige Gesellschaft gegenüber den Muslimen zu verhalten hat. Der Islam trennt zudem nicht Religion und Politik, ist also nicht säkular. Gleichzeitig hat diese Weltanschauung aber keine einheitliche Lehre davon, was diesen Glauben überhaupt ausmacht. Er ist alles und gleichzeitig nichts. Ein Gespenst. Der Islam ist in diesem Sinne verantwortungslos, weil der Gläubige nur Allah gegenüber verpflichtet ist.“

Frage: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie?

Kelek: „Deshalb muss die Zivilgesellschaft mit ihren Gesetzen, Regeln und Werten dieser Bewegung demokratisch die Grenzen aufzeigen. Und eine lautet: Religion ist Teil unserer Freiheit, sie steht aber nicht über der Verfassung. Die Muslime müssen sich von der Scharia lösen, sie müssen den politischen Islam ächten und sich vorbehaltlos zur Bürgergesellschaft und deren Rechte und Pflichten bekennen. Es gibt keinen anderen Weg außer man setzt auf Konfrontation.“

Quelle: Necla Kelek kritisiert Duchmäusertum vor Islam

Zu dem Attentat auf Kurt Westergaard: Hier ist Mohammed



Der Islam erniedrigt die Frauen     Top

Interview: Necla Kelek warnt vor einer Verharmlosung orthodoxer Muslime

15.04.2010: Die türkisch-deutsche Soziologin Necla Kelek (52) zählt zu den renommierten Islamkritikerinnen hierzulande. In ihrem jüngsten Buch warnt sie vehement vor einer Verharmlosung des Islam (Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam. Kiepenheuer & Witsch, 272 Seiten, 18,95 Euro).

Frage: Welche Bedeutung hat der Islam für die Deutschen?

Kelek: Aus der alten Türkenfurcht des christlichen Abendlandes ist in Deutschland früh eine Art Freundschaft entstanden. Wilhelm II. war ausgesprochen islamfreundlich, der den Bau der Bagdadbahn beförderte und der im Ersten Weltkrieg auf die Osmanen als Verbündete gesetzt hat. Mit seiner militärischen Hilfe für die Osmanen ist Deutschland aber auch in den Massenmord an den Armeniern verstrickt.

Frage: Ist das für die heutige Beziehung noch von Bedeutung?

Kelek: Viele wissen das gar nicht mehr; auch nicht in der Türkei. Dort wird immer noch davon erzählt, was Atatürk alles alleine geleistet und wie er die Republik ausgerufen hat. Welche Beziehungen er dabei insbesondere zu deutschen Offizieren hatte, erfährt man nicht. Er wird einfach als Held und Prophet dargestellt.

Frage: Tun sich die Deutschen bisweilen deshalb so schwer, den Islam auch zu kritisieren?

Kelek: Ich glaube, das hat weniger mit dem Islam zu tun, sondern mehr mit der Haltung einer Gesellschaft, die sich zur Aufgabe gemacht hat, nach den Schulderfahrungen des Zweiten Weltkriegs alles differenzierter zu sehen, also nicht mehr in Systemen zu denken, nicht mehr fremde Kulturen zu diffamieren. Deutschland fühlt sich praktisch für die ganze Welt verantwortlich. Ein Volk, das so viel angerichtet hat, darf sich nach eigenem Verständnis nicht mehr anmaßen, überhaupt irgendeine Kultur noch zu kritisieren. Diese Haltung hat dem Weltfrieden sicherlich gutgetan. Nicht aber den Muslimen, weil muslimische Gesellschaften so etwas wie Selbstkritik nicht kennen.

Frage: Sie allerdings sparen nicht mit Kritik an Ihrer Herkunftskultur.

Kelek: Ich kenne keine andere Kultur, die die Frauen so sehr diskriminiert. Sie haben nach dem Welt- und Menschenbild, das die Männer als ihre Religion produzieren, keine Rechte. Dass die Frauen sich zu verschleiern haben, ist für mich das Erniedrigendste, was es gibt. Die Frau wird aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen, sie hat unsichtbar zu sein. Das ist mehr als rückständig, das ist Apartheid. Für mich ist das nicht zu akzeptieren.

Frage: Die Stellung der Frau im Islam wird vom Koran abgeleitet. Ist das eine Fehlinterpretation?

Kelek: Nein, der Koran ist da eindeutig. Wenn die Frau nicht gehorcht, so heißt es, dann schlagt sie und sperrt sie in die Gemächer. (Sure 4,34)

Frage: Ist es darum so problematisch, dass der Islam keine Theologie kennt?

Kelek: Der historisierende Blick fehlt bis heute. Dass der Koran von einem Menschen vermittelt wurde und nicht direkt von Gott kommt, wird selbst heute nicht hinterfragt. (siehe: Wie entstand der Koran?) Die Texte sind in ihrer rückständigen Form seit Jahrhunderten gelebter Alltag. Wir brauchen die Moscheen aber als sakrale, nicht als politische Räume. Darum mache ich die Islamverbände auch dafür verantwortlich, dass die Integration bis heute nicht geklappt hat. Sie waren es, die schon vor 25 Jahren in den Moscheen einen rückständigen Islam verbreitet haben.

Frage: Was erwarten Sie künftig von der Islamkonferenz unter der Leitung von Innenminister Thomas de Maizière?

Kelek: Sehr viel. Ich finde das Konzept von Thomas de Maizière mit entscheidenden Kernthemen sehr gut: wie etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie die Imam-Ausbildung an deutschen Universitäten, damit wir auch säkulare Vorbeter haben.

Quelle: Der Islam erniedrigt die Frauen



Video-Diskussion zu Necla Keleks Buch „Himmelsreise“     Top

Die türkisch-stämmige Soziologin Necla Kelek gilt als Expertin für islamische Kultur in der westlichen Welt. Über ihr neues Buch „Himmelsreise – Mein Streit mit den Wächtern des Islam“, ihr Engagement und ihr Leben sprach sie gestern Abend mit Alfred Schier im „Dialog“ auf Phoenix. Ihr geht es darum, Parallelwelten in der westlichen Gesellschaft zu verhindern. Der Extremismus und das Auseinanderdriften der Welten machen Kelek wütend, doch „aus der Wut heraus entwickelt sich die Kraft“. Mit dieser Kraft kämpft sie für einen modernen, säkularisierten, am Rechtsstaat orientierten Islam.

Die Diskussionssendung sehen Sie nachfolgend in drei Teilen:

Necla Kelek - Im Dialog 1/3
Necla Kelek - Im Dialog 2/3
Necla Kelek - Im Dialog 3/3

Quelle: „Aus der Wut heraus entwickelt sich die Kraft“



Necla Kelek: Muslime beim Arztbesuch     Top

Necla KelekIch sitze im Wartezimmer der Praxis der einzigen türkischstämmigen Allgemeinmedizinerin in einer deutschen Großstadt. Es warten ausschließlich türkische Patienten in dem hellen, freundlichen Raum mit modernen Möbeln. Über dem Anmeldetresen hängt eine Auszeichnung für die „besten“ Arzthelferinnen der Stadt. Nach mir betritt ein älteres Ehepaar die Praxis. Er, über sechzig, mit Bart und Strickkäppi klar als frommer Muslim ausgewiesen, wie auch seine Frau, die sich mit Kopftuch und langem Mantel gleich auf die linke Seite des Wartezimmers zu den anderen verschleierten Frauen setzt.

Er begrüßt mit einem „Selamün aleyküm“ seine „Brüder“ auf der rechten Seite. Sein Nachbar fragt ihn auf Türkisch: „Warum hat Allah dich hierhergeführt?“ „Ich habe etwas mit dem Magen, und es soll herausgefunden werden, ob es etwas Ernstes ist. Wenn es so ist, soll es wohl so sein.“ „Ja, ja“, sagt sein Nachbar, „wenn Allah es vorgesehen hat, dann kannst du nichts machen.“ „Ja, Allah bilir, nur er weiß es. Allah sei Dank war ich schon drei Mal bei der Hadsch [Pilgerreise nach Mekka]. Was die Ärztin auch sagt, ich bin vorbereitet. Und was führt dich, mein Bruder, hierher?“

„Ach, ich brauche nur eine Spritze“, antwortet der Mann, „ich bin seit drei Monaten bei meiner Tochter zu Besuch. Wir waren bei einem deutschen Arzt, aber der wollte es nur mit Geld machen. Was will er Geld? Es ist doch nur eine Spritze. Wir haben gehört, dass hier eine türkische Ärztin ist. Sie wird es machen, es ist doch nur eine Spritze.“

„Warum bist du hier?“, fragt eine Frau neben mir ihre Nachbarin, die auch mit Kopftuch und langem Mantel im Wartezimmer sitzt. „Ich komme aus einer kleinen Stadt, etwa eine Stunde mit dem Auto von hier, und will zu einer türkischen Ärztin. Die versteht mich. Ich habe ständig Kopfschmerzen, mir ist übel, ich muss mich ständig übergeben. Die anderen Ärzte konnten mir nicht helfen. Vielleicht hilft mir unsere Schwester.“ „Ich brauchte ihr nicht einmal zu sagen, was ich habe“, bestätigt die andere Patientin, „sie hat sofort gesehen, dass mit meiner Schilddrüse etwas nicht in Ordnung ist.“

Die Allgemeinmedizinerin teilt die Praxis mit einem anderen türkischen Arzt. Ich frage sie, was ihre Praxis von einer mit deutschem Arzt und deutschen Patienten unterscheidet. Sie sagt, es ist nicht nur die Sprache, sondern auch das Verhältnis zum eigenen Körper, und wie man damit umgeht. So beschreiben türkische-Patienten Symptome ganz anders als deutsche. Da sagt jemand, „mir ist die Galle geplatzt“, wenn er meint, dass er sich über etwas geärgert hat. Wenn man das nicht weiß, führt das zu Missverständnissen. Es ist der gesamte kulturelle Hintergrund, erläutert sie, und der führe zu spezifischen Krankheiten.

Auffällig viele Frauen zum Beispiel hätten Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen und Depressionen. Sie führt das auf die familiäre Situation zurück. Zum einen sei die Aufklärung über gesunde Ernährung und Hygiene mangelhaft. Kinder würden schon in frühen Jahren ausschließlich zuckerhaltige Limonaden trinken, hätten entsprechend schlechte Zähne und litten häufig an Übergewicht und Bewegungsmangel. Zum anderen würden die Frauen schon in jungen Jahren verheiratet, bekämen früh zwei, drei Kinder und seien an die Wohnung, den Haushalt, gebunden. Während in der Gesamtbevölkerung eine von zwölf Frauen nach einer Schwangerschaft Probleme mit der Schilddrüsenfunktion hätte, sei der Anteil bei türkischen Frauen signifikant höher.

Etwas anderes beunruhigt die Ärztin weit mehr. Immer wieder muss sie Familien besuchen, deren Töchter einen Selbstmordversuch unternommen haben. Die Selbstmordrate bei jungen türkischen Frauen sei unverhältnismäßig hoch. „Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich gerufen wurde und manchmal sogar einen Totenschein ausstellen musste“, sagt sie. Sie kann die Ursachen klar benennen. Zum einen ist körperliche Gewalt in türkischen und vor allem kurdischen Familien an der Tagesordnung. Frauen und Kinder werden wie selbstverständlich geschlagen.

Und je größer der Familienclan, desto mehr verschließt sich die Familie nach außen, was für die Frauen eine besonders enge Kontrolle bedeutet. Und das kann auch sexuellen Missbrauch befördern, ein absolutes Tabu in der türkisch-kurdischen Gemeinschaft, meint die Ärztin. Sie weiß nicht, wie man dem wirksam begegnen könnte, denn wenn man Missbrauch öffentlich mache, werde noch mehr im Geheimen geschehen. Die Situation ist tragisch. (siehe: Sexuelle Gewalt in türkischen Familien)

Da ein Mädchen nach der Vorstellung der Männer als Jungfrau in die Ehe gehen muss, werden die Mädchen meist anal vergewaltigt. Täter können die eigenen Väter, Brüder, Onkel sein. Manchmal über Jahre hinweg. Manche Mädchen reagieren mit Bulimie, Depression oder Suizid, oder sie können aufgrund des Missbrauchs ihren Stuhl nicht mehr halten. Andere entfliehen dem Martyrium, indem sie sich verheiraten lassen. Oder bringen sich eben um.

Die Ärztin will die Frauen nicht ihrem Schicksal überlassen. Sie geht neben ihrer Arbeit in der Praxis in Schulen und Kindergärten, auf Elternabende. „Ich liebe meinen Beruf, aber ich weiß nicht, wie lange meine Kraft reichen wird. Es ist für einen Menschen einfach zu viel, was ich höre, was ich erlebe und was von mir erwartet wird.“

Necla Kelek, Chaos der Kulturen, Köln 2011, S. 122 ff. Wir haben über das neue Buch schon kurz berichtet.

Quelle: Necla Kelek: Muslime beim Arztbesuch

Hier das Interview von Necla Kelek im Domradio:

Fundamentalismus ist kein Zukunftsmodell

Autorin Necla Kelek über Muslime zwischen Aufbruch und Tradition

Die Soziologin Necla Kelek hat sich gegen islamische Verbände gewandt, die sich als Wächter eines konservativen Islam [1] gerierten und Muslime vor allem in der Opferrolle darstellten. Das Unbehagen, das eine Mehrheit der Deutschen mit dem Bild eines traditionell geprägten Islam habe, müsse ernst genommen werden, sagt Kelek im Interview.
[1] In Berlin haben sich gerade die strenggläubigen konservativen Islamverbände gegen die liberalen Islamverbände durchgesetzt. Sie sollen zukünftig den Berliner Senat bei der Integration beraten und erhalten außerdem noch eine große Menge Geld vom Senat (2010 waren es bereits 900.000 Euro). Da kann man die Integration wahrscheinlich abschreiben. Vielmehr werden sich die strenggläubigen Islamverbände damit beschäftigen, wie sie zukünftig noch mehr Macht erhalten und sie Islamisierungs Berlins noch weiter vorantreiben können.
Domradio: Frau Kelek, wann waren Sie das letzte Mal in einer Moschee?

Kelek: Vor kurzem bin ich zwei Monate durch Nordafrika gereist, zuletzt war ich in der Großen Moschee in Casablanca. In Kairo habe ich in der Al-Azhar-Moschee sogar am großen Freitagsgebet teilgenommen.

Domradio: Blicken wir erst nach Deutschland. Die Debatte um den Islam hierzulande ist seit zehn Jahren Dauerthema. Wo stehen wir mittlerweile?

Kelek: Am Scheideweg. Einerseits gibt es immer mehr junge Muslime und Musliminnen, die von Anfang an in diese Gesellschaft hineinwachsen, beruflich aufsteigen wollen und sich mit individualistischen Werten identifizieren. In vielen türkischen Familien ist die Geschlechtergerechtigkeit gewachsen. Das führe ich auch auf diese Dauerdebatte zurück.

Domradio: Und andererseits?

Kelek: ...ist der traditionelle Islam mächtiger geworden. Eine starke Migrantengruppe in den Großstädten wehrt sich gegen jede Öffnung hin zur liberalen Werteordnung. Patriarchat, Machokultur, die Kontrolle über die Frauen werden hier mit aller Kraft verteidigt. Die Heirat mit Ehepartnern aus den islamischen Herkunftsländern erleichtert das noch. Konservative Islamverbände wie Ditib oder Zentralrat der Muslime diffamieren jeden politischen Versuch, diese Milieus aufzubrechen, sofort als islam- und fremdenfeindlich. Sie sehen sich als Wächter des wahren Islam. Leider haben sie sich in den vergangenen Jahren als zentrale Ansprechpartner für den Staat in den Vordergrund gespielt. Auch sie haben von der Islamdebatte profitiert.

Domradio: Die Politik spricht aber auch mit liberalen Muslimen. Und eine Reihe von Politikern von links bis bürgerlich hat selbst einen islamischen Hintergrund. Denken Sie an Grünen-Chef Cem Özdemir.

Kelek: Auch bei ihnen ist der Wille zur Kritik an patriarchalischen Migrantenmilieus nicht sehr ausgeprägt. Es gibt beinahe einen parteiübergreifenden Konsens unter türkischstämmigen Politikern, schnell den Zeigefinger zu erheben und vor „Verallgemeinerung“ und „Klischees“ zu warnen, sobald es um Themen wie Zwangsehe oder Ehrenmorde geht. So sichert man sich zwar sein Wählerklientel, löst aber keine Probleme. Hier muss man die Wurzel bekämpfen: nämlich ein rigides, vormodernes Islamverständnis, das auch Gewalt rechtfertigt. Auch viele deutschstämmige Politiker wollen hier Maulkörbe verteilen. Leidtragende dieser falschen Toleranz sind besonders muslimische Frauen und Mädchen aus traditionellen Familien.

Domradio: Andererseits belegen Umfragen, dass eine Mehrheit der Deutschen den Islam tatsächlich sehr negativ beurteilt. Das Extrem sind Auswüchse wie die rechtsextreme Terrorzelle NSU, die gezielt Muslime tötete.

Kelek: Mich hat die Mordserie sehr schockiert. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich ist. Diese Neonazis sind aber eine kriminelle Minderheit, ihre Taten darf man nicht instrumentalisieren nach dem Motto: Seht her, so etwas ist das Ergebnis, wenn die Gesellschaft ein kritisches Islambild hat. Das Unbehagen der Mehrheit muss ernst genommen werden, sonst erschwert man in Wahrheit die Integration islamischer Migranten.

Domradio: Während der Sarrazin-Debatte beherrschte das Thema Islam doch monatelang die Talkshows...

Kelek: ...allerdings war diese Diskussion überhaupt nicht hilfreich, weil nur über Herrn Sarrazin und einige [vermeintlich] grundfalsche Herleitungen aus seinem Buch gesprochen wurde, nicht aber über Integration und die Auswirkungen eines falschen Islamverständnisses.

Domradio: Kann die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen und die angelaufene islamische Theologenausbildung an mehreren Universitäten viel bewirken?

Kelek: Da habe ich große Hoffnungen. [Ich nicht.] Das staatliche Ausbildungssystem muss den Islam kontrollieren, denn die Moscheegemeinden der Islamverbände haben überhaupt keine Konzepte für eine moderne Vermittlung des Glaubens entwickelt. Ihre Vertreter werden sicherlich über die Uni-Beiräte versuchen, personell und inhaltlich das konservative Lehrgebäude zu installieren. Dann würde sich die islamische Ausbildung in Deutschland nicht von der in Ägypten oder anderen traditionell orientierten Gesellschaften unterscheiden. Das Ganze macht nur Sinn, wenn sich die Korandeutung auf historisch-kritische Methoden einlässt.

Domradio: Was ist der Koran für Sie?

Kelek: Ein Buch, das von Menschen geschrieben wurde und in dem vieles steht, was heute keine Relevanz mehr haben kann, so zu den Themen Frauenrechte und Religionsfreiheit. Der Islam kann sich nur verändern, wenn er sich von der Vorstellung löst, alle Koranverse seien wörtliche Offenbarungen Allahs, die ewig gelten und genau befolgt werden müssen. Religion ist für mich dazu da, den Menschen bei der Suche nach persönlichem Lebenssinn zu helfen. Sie sollte Menschen nicht in Kollektive spalten wie Mann-Frau, Gläubige-Ungläubige. Wer darauf verzichtet, kann im Koran auch Positives finden, was sich mit der Idee menschlicher Freiheit vereinbaren lässt. [Schließlich hat Mohammed ja auch manches aus der Bibel geklaut.]

Domradio: Ein liberales Koranverständnis wird aber nur Erfolg haben, wenn es sich auch in den Kerngebieten des Islam durchsetzt. Haben Sie bei Ihrer Reise durch die Länder des „Arabischen Frühlings“ Ansätze dafür gefunden?

Kelek: In Tunesien und Ägypten versuchen die Vertreter des traditionellen Islam gerade einigermaßen erfolgreich, die revolutionäre Bewegung für ihre Ziele einzuspannen. Doch die Revolutionen waren ja nichts anderes als ein Schrei nach Fortschritt und persönlicher Freiheit, der sich auf Dauer nicht mit dem Islamverständnis dieser Leute verträgt. Ich glaube nicht, dass der Fundamentalismus in Nordafrika das Modell der Zukunft ist. Und ich glaube nicht, dass er es unter den Muslimen in Europa ist.

Das Interview führte Christoph Schmidt.

Hinweis: Das Buch „Chaos der Kulturen“ [eBook] von Necla Kelek erscheint am 12. März im Verlag Kiepenheuer & Witsch zum Preis von 9,99 Euro.

Quelle: Necla Kelek über Muslime zwischen Tradition und Aufbruch

Siehe auch:
Sexuelle Gewalt in türkischen Familien



Warum fragt mich niemand, woher ich komme?     Top

Von Necla Kelek - 21.06.2012

Es sei nicht einfach, hierzulande heimisch zu werden. Und das liege auch an den merkwürdigen Ängsten der Deutschen, meint die Autorin Necla Kelek im Rahmen unserer Reihe zum Nationalgefühl.

Wenn ich manchmal schnell spreche und man mich fragend ansieht, dann merke ich, dass ich auf Deutsch gedacht, aber Türkisch gesprochen habe. So geht es mir auch, wenn ich ein Buch lese. Oft weiß ich nicht: Lese ich gerade Deutsch oder Türkisch? Ich bin in beiden Sprachen Zuhause, wie ich Deutschland und die Türkei liebe und wie meine tscherkessische Tante in Anatolien mit ihren Kindern tscherkessisch spricht, aber die Türkei verteidigt. Mein Vater hat mir 1968 bereits in Istanbul einen Zettel mit der deutschen Nationalhymne in die Hand gedrückt und gesagt: „Wenn du die kannst, bist du drin in Deutschland!“ Damals wollte sie aber niemand hören.

Was ist nötig, wenn man in einem Land ankommen und sich heimisch fühlen möchte? Zu allererst der Wille. Ich wollte ankommen, aber es wurde mir schwer gemacht, weil die Deutschen, die ich damals kannte (und manche von ihnen heute noch) ihr Land selbst nicht mögen. [1]
[1] Diese ablehnende Haltung gegen den deutschen Patriotismus ist auf den übertriebenen Nationalstolz im Dritten Reich zurückzuführen. Als Gegenreaktion wurde jedes patriotische Gefühl in Deutschland vorwiegend von den Linken fast verteufelt. Zur Fußball-Europameisterschaft 2012 kommen die Grünen mit einem Aufkleber daher, auf dem Nationalismus der Kampf angesagt wird. Jedenfalls finden es die Grünen rassistisch, wenn sich Deutsche zur Fußball-EM eine Deutschland-Flagge ans Fahrzeug heften. Andere Linke gehen noch weiter und reißen die Deutschlandfähnchen von den Autos herunter oder weisen Besucher aus dem Lokal, die ein Deutschlandtrikot tragen. Siehe auch: Neukölln verbietet Türken Deutschlandfahne
Während die Konservativen die Gastarbeiterkinder nicht beachteten, sahen Gewerkschafter, die linken Studentenorganisatoren und die APO [Außer-Parlamentarische Opposition, linksorientiert] in uns natürliche Verbündete im Kampf gegen Kolonialismus und deutschen Nationalismus. Sie feierten in uns die PKK [bewaffnete kurdische Arbeiter-Partei], Che Guevara und Al Fatah [bewaffnete palästinensische Befreiungsfront, Arafat]. Sie hielten die Freiheit, die ich persönlich mir so mühsam erkämpfte, für eine kleinbürgerliche Notwendigkeit: selbstverständlich, aber nicht systemrelevant. Sie identifizierten sich weder mit dem Land noch mit der Gesellschaft, sondern mit dem internationalen Proletariat.

Wie gesagt, es wird einem von manchen Deutschen schwer gemacht, sich mit diesem Land zu identifizieren. Vielleicht ist dies auch eine Antwort auf die Frage, warum es mit der Integration von manchen Zuwanderern so schwierig ist. Ich habe vor ein paar Tagen einen klugen Artikel des Pädagogen Eran Yardeni gelesen. Der stellt die Frage der Integration vom Kopf auf die Füße. Er schreibt: „Nicht die Sprache ist der Schlüssel zur Integration, sondern die Integration ist der Schlüssel zur Sprache.“ Will sagen: Nur wer in einem Land ankommen will, wer in und nicht von der Aufnahmegesellschaft leben will, wird sich um Verständigung und Spracherwerb bemühen. Wenn die Bereitschaft zur Integration und die Identifikation mit diesem Land tatsächlich ein Parameter für gelungenes Zusammenleben ist, dann sollten wir auch den Integrationsplan der Bundesregierung vom Kopf auf die Füße stellen.

Die Identitätskrise von Deutschen und Migranten treibt trotz nationalem Glücksgefühl beim Fußball seltsame Blüten. „Woher kommst du?“ Diese harmlose Frage ist im Türkischen so gebräuchlich wie die Frage: „Wie geht's?“ Und doch: Wird sie von einem Deutschen gestellt, fühlt sich die [rumänien-deutsche] Nobelpreisträgerin Herta Müller [lesen lohnt sich, starke Frau], wie sie in einem Essay schreibt, latent ausgegrenzt. Und manche Migrationsarbeiter halten diese Frage sogar für rassistisch.

Sie hören richtig. Auch wenn sie den Namen Zaimoglu wie Zaimogglu aussprechen, also das türkische „g“ nicht als stimmloses „h“ erkennen, sind sie ein latenter Rassist. [2] Ihnen fehlt der Respekt vor der fremden Kultur. „Das ist Rassismus für mich“, behauptet auch ein Berliner Projekt gegen Diskriminierung auf Postkarten und Plakaten, wenn man fragt: „Wo kommst du her?“ Ich dagegen höre die Frage gern. Aber mich fragt niemand, woher ich komme.
[2] Ich bin mir nicht sicher, ob diese Meinungsverschiedenheit etwas mit dem grünen türkisch-stämmigen Schriftsteller Feridun Zaimoglu zu tun hat, mit dem Necla Kelek nicht immer einer Meinung war.
Wie gern würde ich dann von unserem Dorf in Anatolien erzählen, wo jetzt noch Schnee auf den Bergen liegt und unten die Aprikosen reifen. Und wenn ich bald wieder dort bin, werde ich über Berlin berichten, wo auf der Fanmeile Hundertausende Mesut Özil zujubeln.

Ich muss mich von niemandem abgrenzen wie anscheinend die türkischstämmige Journalistin Mely Kiyak [Türkische Journalistin Mely Kiyak muss sich bei Sarrazin entschuldigen]. Sie schreibt in einem wohl launig gemeinten Artikel: „In Deutschland wäscht man sich zu selten [3]. Warum sonst riecht es in den öffentlichen Verkehrsmitteln so scheußlich? Wo doch ein Stück Seife wenige Cents kostet und wochenlang schäumt?“ Das sind zwar Vorurteile pur, fast Rassismus, aber niemand protestiert, denn das kommt von einer Migrantin, einem vermeintlichen Opfer. Und wenn sich das Vorurteil gegen Deutsche richtet, fällt das hierzulande unter Toleranz.
[3] Necla Kelek sagte in einem Gespräch auf der Leipziger Buchmesse über Mely Kiyak: Mely Kiyak schreibt, dass die Türken unten rum sich sogar waschen, während die Deutschen anscheinend nicht. Sie können sogar noch viel besser Deutsch. Sie kennen Goethe, Kant. Also, sie distanzieren sich ja fast von den Deutschen, sind die Neuen, die Besseren und verteidigen jetzt so ein neues Gesellschaftsmodell. Dann hab ich mich so gefragt: Wohin mit den Deutschen eigentlich jetzt aus Deutschland, wenn die Neuen viel besser sind?
Almanlari kim anliya bilir. Verstehe einer die Deutschen.

Necla Kelek, geboren 1957 in Istanbul, kam mit zehn Jahren nach Deutschland und hat in Hamburg und Greifswald Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema „Islam im Alltag“ promoviert. 2005 bis 2009 ständiges Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. Mitglied des Senats der Deutschen Nationalstiftung. Kelek lebt und arbeitet als freie Autorin in Berlin.

Bücher: „Islam im Alltag“ (2002), „Die fremde Braut“ (2005) [gebraucht ab Euro 0,01], „Verlorene Söhne“ (2006) [gebraucht ab Euro 0,89], „Bittersüße Heimat“ (2008) [gebraucht ab Euro 3,50], „Himmelsreise“ (2010) [gebraucht ab Euro 6,11], „Chaos der Kulturen“ (2012) [kostenlose Lieferung - auch als ebook]. Das Buch „Hurriya heißt Freiheit - Die Revolte der arabischen Frauen“ [auch als ebook (Kindle) erhältlich] erscheint im September 2012.

Die Anmerkungen in eckigen Klammern sind vom Admin.

Den Text kann man auch als Audio anhören.

Quelle: Warum fragt mich niemand, woher ich komme?



Necla Kelek: Die Anhänger des Fethullah Gülen (15.10.2010)     Top

Der jüngste Putschversuch in der Türkei geht auch auf die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen zurück. Gülen ist dabei, ein weltweites Netz muslimischer Intelligenz heranzubilden, das einem machtbewussten islamischen Chauvinismus huldigt.

Die Verhaftungen mehrerer pensionierter kemalistischer Generäle als vermeintliche Putschisten in der Türkei Anfang Juli gehen, so vermuten Insider in Ankara, auch auf die Fethullahcis, die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen, zurück. Sie haben inzwischen hohe Positionen, nicht nur in der AKP, sondern auch im Staatsapparat und der Polizei.

Wer ist Fethullah Gülen? Geboren wurde er 1941 in der Nähe der Stadt Erzurum im Osten Anatoliens. Er ging auf die Koranschule, wurde mit achtzehn Jahren Imam der türkischen Religionsbehörde, schloss sich der Nurculuk-Licht-Bewegung des Sufi-Predigers Said Nursi an, kam wegen islamistischer Umtriebe nach dem Putsch 1971 für sechs Monate ins Gefängnis und blieb trotzdem bis nach dem Militärputsch 1981 als Prediger im Staatsdienst. Er gründete dann seine eigene, dem Mystizismus und Sufismus zugewandte Bewegung, die sich auf eine Verbindung von Islam und türkischem Nationalismus, den „Turanismus“, beruft und im Geheimen Welteroberungstheorien verbreitet.

Eine Sekte mit Konzernstruktur

Gülen hat einen weltweiten Verbund von Stiftungen und Schulen gegründet, der vor allem die neue muslimische technische Intelligenz heranbilden soll und wie eine Art Geheimsekte agiert. Deren öffentlicher Arm wird durch auflagenstarke Zeitungen wie die türkische „Zaman“ repräsentiert. Nach außen hin vertritt er eine Art Islam light, nach innen propagiert er einen machtbewussten islamischen Chauvinismus.

Dem Westen gegenüber versucht er zum Beispiel in der „Welt-Ethos“-Bewegung des katholischen Schriftstellers Hans Küng durch Friedensappelle internationales Renommee zu erlangen. Er vertritt jedoch unverblümt die These von der Überlegenheit des Islams gegenüber jeder anderen Religion. Seine Bewegung ist in Japan über Russland bis Deutschland und in der Türkei aktiv; sie verfügt über Universitäten, Fernsehsender, eine Bank, Versicherungen, Zeitungen, einen Unternehmerverband und Gewerkschaften. Fethullahci, wie sich Gülens Anhänger nennen, haben inzwischen Positionen bis in höchste türkische Regierungskreise.

Eine „unfassbare“ Bewegung

„Die Nurculuk-Bewegung versteht sich als religiöse Reformbewegung, die moderne Technologie und Islam miteinander verbinden will. Mittlerweile gehören der ,Islamischen Gemeinschaft Jama'at un-Nur' (Lichtjugend) bundesweit circa vierzig Medresen, theologische Ausbildungsstätten, an. So zum Beispiel das Feyza-Bildungszentrum Duisburg. Die Zahl der Anhänger dieser Bewegung liegt in Deutschland zwischen fünf- und sechstausend. Eigenen Angaben zufolge soll die Bewegung weltweit circa 1,5 Millionen Anhänger in mehr als sechzig Ländern haben. Die Gesamtleitung liegt bei einer Arbeitsgemeinschaft ,gleichberechtigter Brüder' in Istanbul“ - so schätzt das Bundesfamilienministerium die Situation ein.

1999 wurde in der Türkei eine Rede Gülens bekannt, in der er seinen Anhängern Anleitungen für den Marsch durch die Institutionen gab und sie aufforderte, sich konspirativ zu verhalten, bis die Zeit für die Machtübernahme gekommen sei. Die Rede wurde bekannt, Gülen setzte sich in die Vereinigten Staaten ab, um einer Verhaftung durch das Militär zuvorzukommen. Dort lebt er seitdem. Ganz nach den Regeln der Konspiration hat seine Sekte keine zentrale Organisation. Ein Verbot könnte sie nicht treffen, denn es gibt nur persönliche Verbindungen zwischen den Brüdern und Schwestern. Man arbeitet mit Paten und Bürgen, informell und per Internet. Die Bewegung ist „unfassbar“, wie der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban feststellt.

Diskrete Organisationsformen

Ich selbst habe lange gebraucht, um hinter die Arbeitsweise dieser Organisation zu kommen. Wir hatten vor Jahren eine Austauschstudentin bei uns zu Gast. Die junge Frau hatte in der Türkei Betriebswirtschaft studiert und wollte in Deutschland promovieren. Sie trug weder Kopftuch, noch betete sie oder zeigte sich mir gegenüber an religiösen Themen interessiert. Das Einzige, was sie täglich tat, war, Texte der türkischen Zeitung „Zaman“ online ins Englische zu übersetzen. Ein Studentenjob, wie sie sagte, um ihr Studium zu finanzieren. Aus anderen Zusammenhängen erfuhr ich, dass sie eine Fethullahci ist.

Sie zog dann in eine Studentinnen-WG. Als ich sie dort einmal überraschend besuchte, traf ich auf eine durch und durch islamische Gemeinschaft. Sie reiste für ein paar Tage nach Paris oder mal nach London, immer zu „Freunden“, von denen sie aber auf nähere Nachfrage nichts erzählen konnte oder wollte. Nach einem Jahr heiratete sie plötzlich. Ihr Professor in Istanbul hatte ihr einen Studenten als Bräutigam vermittelt, der ebenfalls zur Bewegung gehörte. Nurculuk arrangierte die Ehe, und ihre Eltern waren einverstanden. Sie ist in die Türkei zurückgegangen und wird an einer Gülen-Schule unterrichten.

Vorgebliche Modernität

Der Ansatz der Bewegung scheint auf den ersten Blick durchaus modern. Es geht darum, dass die Muslime alle Errungenschaften der Wissenschaft in sich aufnehmen, damit sie mit dem Westen konkurrieren können. Daran ist nichts Falsches, und die Bewegung könnte als Vorzeigeobjekt eines Reformislams gelten, der sich ja sonst der Moderne verweigert. Betrachtet man aber die Schriften von Fethullah Gülen, zeigt sich eine zutiefst dogmatische und reaktionäre Denkweise. Er schreibt: „Koran und Hadith sind wahr und absolut. Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie aber eine andere Position einnehmen und von der Wahrheit von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft. Selbst zweifelsfrei etablierte wissenschaftliche Fakten können nicht die Säulen sein, auf denen die Wahrheiten des imam (Glauben) ruhen. Nicht die Wissenschaft lässt die Wahrheit erkennen, sondern der Glaube an Allah, aus der Rechtleitung Gottes . . .“

Diese Art des Denkens führt zu der Erkenntnis, dass im Koran bereits alles steht, dass alles vorherbestimmt ist. So gebe der Koran zum Beispiel Hinweise auf das unsichtbare Wirken dessen, was heute Physik genannt wird: auf Anziehung und Abstoßung oder auch Rotationen und Umbrüche im Universum. Der Beweis laut Gülen ist die 13. Sure, Vers 2 des Korans: „Allah ist es, der die Himmel, die ihr sehen könnt, ohne Stützpfeiler emporgehoben hat.“ Oder Sure 22, Vers 65: „Und er hält den Himmel zurück, damit er nicht auf die Erde fällt, es sei denn mit seiner Erlaubnis.“

Intellektueller Despotismus

Auf die Frage, warum die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse dann nicht von Muslimen stammen, erklärt er, das „Geheimnis des wissenschaftlichen Vorsprungs der islamischen Welt ab dem 12. Jahrhundert“ liege im Islam, weil er das „Gefühl der Armut und Machtlosigkeit vor dem ewigen allmächtigen Schöpfer des Kosmos habe“. Der Rest sei „intellektueller und wissenschaftlicher Despotismus“, westlicher Fanatismus, Kolonialismus et cetera, die die Welt nicht besser, sondern schlechter gemacht haben, weil sie nicht dem Koran folgen.

Das Weltbild Gülens setzt sich aus solchen Argumentationen zusammen. Dass er mit derselben Verve die Existenz von Engeln und Dschinn beweist, ist dann nur folgerichtig. Es sind dieselben Argumente, die vom Scharia-Islam her kennen. Gülen macht nur eines anders als die fatalistisch an die Vorsehung Glaubenden: Er fordert seine Anhänger auf, sich die Welt der Ungläubigen aktiv anzueignen, um sie im Namen des Islams beherrschen zu können. Es geht ihm darum, die gottgewollte und natürliche Herrschaft des Islams über die Welt zu erlangen, weil „sich alles dem Menschen fügen wird, solange dieser sich Allah fügt“.

Warten auf die rechte Stunde

Gülens Gefolgsleute sind die intellektuellen Vordenker der AKP. Sie arbeiten mit dem Wissen des Westens; Freiheit und Demokratie sind dabei Instrumente zur Erlangung und Bewahrung von Einfluss und Macht. Die türkischen Parteien insgesamt sind keine Organisationen von Demokraten, sondern Lobbyisten, die das demokratische System benutzen, um ihre Gruppen- und Einzelinteressen durchzusetzen. Seit Bestehen der Türkischen Republik wurden Dutzende Parteien, Bewegungen oder Orden gerichtlich verboten oder vom Militär zerschlagen. Die AKP muss sich aktuell mit einem Verbotsantrag von kemalistischen Staatsanwälten auseinandersetzen. Die Fethullahcis haben sich auf diese Situation eingestellt, sie arbeiten konspirati und warten, bis ihre Zeit gekommen ist.

Die Arbeit mit Laien, die von der Bewegung bestimmten Lebenspläne der Anhänger, die Verschwiegenheit gegenüber Außenstehenden erinnern in vielen Punkten an das Muster des katholischen Ordens Opus Dei. Auch der Einfluss der Fethullahcis ist nicht zu unterschätzen, denn die überwiegende Mehrheit von ihnen gehört zur jüngeren türkischen Intelligenz. Gülens Bewegung ist die einflussreichste politisch-religiöse Geheimorganisation in der Türkei. Sie wird in den kommenden Monaten ihren Einfluss bei der Auseinandersetzung um die Zukunft des Landes nutzen.

Dass sie gut organisiert und mobilisierbar ist, veranschaulicht eine kleine Geschichte. Die Redakteure des britischen Magazins „Prospect“ wunderten sich, als sie im Juni ihre Internetumfrage zu den „Top 100 Intellektuellen der Welt“ auswerteten: Lagen zu Beginn noch Mario Vargas Llosa, Al Gore und Gary Kasparow Kopf an Kopf mit Noam Chomsky, dem Gewinner der Umfrage aus dem Jahr 2005, änderte sich dies kurz vor Schluss. Da gingen bei der Internetumfrage plötzlich mehr als 500.000 Stimmen ein. Sie stellten die Welt der westlichen Intellektuellen auf den Kopf. Als Top-Intellektueller der Welt gilt seitdem der Türke Fethullah Gülen.

(Necla Kelek, 1957 in Istanbul geboren, ist deutsche Sozialwissenschaftlerin. Schwerpunkt ihrer Forschung ist islamisches Leben im Westen)



Welche islamische Bewegungen, Verbände, Vereine, staatlich gelenkte Institutionen auch immer alle Spektren abdecken, vom vermeintlich moderaten Islam bis hin zum totalitären Gottesstaat; eins haben alle gemeinsam und berufen sich darauf: Den Koran, die Hadithen und die Scharia, in ihren unabänderlichen, zeitlosen und verbindlichen Normungen.

Ob es sich dabei um die Fethullah Gülen Bewegung, IGMG (Millî Görüş), VIKZ, Einladung zum Paradies, oder die von Millî Görüş und der Muslimbruderschaft maßgeblich finanzierte Penzberger Mosche um den Imam Bajrambejamin Idriz handelt und man geneigt ist zu glauben, dass sich alle voneinander gravierend unterscheiden, ist eines sicher. Alle geben sich demselben Ziel hin: Den Islam seiner einzigen wahren Zielsetzung näher zu bringen: Alle anderen Religionen sowie politische und gesellschaftliche Modelle zu ersetzen!

Die Beteuerung, integrationswillig und verfassungstreu zu sein, ist Geschwätz. Der größte Teil der muslimischen Einwanderer war schon längst in Europa und insbesondere in Deutschland angekommen. Dass sie jedoch nicht davor gefeit waren, sich vom Virus des Kollektivhandelns erneut instrumentalisieren zu lassen, beweist ihr Sozialverhalten und die zunehmende „Treu“ zu einer religiös gelenkten, faschistoiden Ideologie.

Der Einwand, man solle den Muslimen erlauben ihre Religion zu leben, egal wo sie sich befinden, und, dass es sich beim Islam lediglich um eine Religion wie alle anderen handelt und Privatsache sei, sollte Lessing und Voltaire lesen.

Na ja, spricht man mit einigen säkularen Türken, die aber rein gar nichts am Hut haben mit dem Islam,  müsste man „Treue“ mit Furcht übersetzen. Die Community ist halt präsent, woll!

Weitere Texte zu Fethullah Gülen sind hier.

Quelle: Islamischer Chauvinismus in neuem Gewand



Die Beschneidung – ein unnützes Opfer für Allah  (28.06.2012)     Top

Beschneidung
Die Beschneidung muslimischer Jungen ist eine ebenso abscheuliche archaische Sitte wie die Genitalverstümmelung bei kleinen Mädchen. Sie ist ein Unterdrückungsinstrument und gehört geächtet.

Ein Junge während seiner Beschneidung: Die Psychiaterin Janet Menage hat den durch die Beschneidung verursachten seelischen Schaden als „gesellschaftlich sanktionierten Missbrauch“ bezeichnet, der eine nachhaltige Traumatisierung hervorrufe „Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit.“ Steht im Grundgesetz Artikel 2. Niemand wird bestreiten, dass die Genitalverstümmelung von Frauen eine abscheuliche Sitte ist. Sie steht bei uns deshalb unter Strafe. [1]
[1] Wann wird die Beschneidung durchgeführt? Im Judentum muss der Eingriff am achten Tag nach der Geburt des Kindes stattfinden. Unter Muslimen gibt es dazu keine klaren Regeln. Traditionell werden muslimische Jungen im Alter von sieben bis zehn Jahren beschnitten.
Das Oberlandesgericht Köln hat nun in einem Urteil die Entfernung der Vorhaut bei Jungen aus religiösen Gründen ebenfalls als Körperverletzung definiert. Jüdische Verbände, Muslimvereine protestieren dagegen, dass die Verfassung Vorrang vor religiösen Riten haben soll.

Pflicht oder bloße Empfehlung?

In keiner Sure des Korans lässt sich ein Hinweis auf das Beschneidungsgebot finden, die Beschneidung gehört zur Sunna, einer nachzuahmenden Gewohnheit, auf jeden Fall ist sie „Pflicht und Voraussetzung für die Gültigkeit des Umkreisens der Kaaba bei der Pilgerfahrt und der Wallfahrt“.

Es gibt einige Hadithe, überlieferte Worte und Taten der Propheten, die zur Begründung dieser „nachzuahmenden Pflicht“ herhalten müssen. Eingefordert wird diese unter Berufung auf Abraham: „Abraham vollzog für sich die Beschneidung, als er im Alter von 80 Jahren war, und bediente sich dazu der Axt.“

Ob die Beschneidung wirklich Pflicht oder bloße Empfehlung ist, darüber gingen die Meinungen unter den Islamgelehrten immer schon auseinander. Die Beschneidung ist ein Brauch wie das Barttragen, mit dem sich Fundamentalisten heute von den Ungläubigen, die Sauberen von den Unreinen, den Nichtmuslimen, abgrenzen.

Mit welcher demonstrativen Pracht das Beschneidungsfest auch früher schon zelebriert wurde, macht der 1829 veröffentlichte Bericht des österreichischen Gesandten Graf Julius von Lezsky deutlich, der die Beschneidung des Sohnes von Murad III. im Jahr 1583 schildert.

Schweigend ertragen

Zu diesem mehrere Tage währenden Volksfest marschierten Legionen von in- und ausländischen Gästen und Würdenträgern am Hof des Sultans auf, die Flotte und die Armee paradierten vorbei, alle Zünfte des Landes präsentierten ihre Künste. Nur der, um den es bei diesem Fest ging, Mohammed, der Sohn Murats des III., kam in der Geschichte kaum vor.

Auch meine Schwester hat ihre Söhne beschneiden lassen, weil es Brauch und Tradition ist. Unbeschnittene Jungen werden in der türkischen Gesellschaft nicht akzeptiert, die Beschneidung gehört zum Muslimsein und unauflöslich zur männlichen Identität. Und diese gewinnt nur, wer Schmerzen ertragen kann.

Wer die nicht aushält, wer nicht bereit zu sein scheint, einen Teil von sich Allah zu opfern, gehört nicht dazu. Der südafrikanische Freiheitsheld Nelson Mandela erzählt in seiner Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“ von seiner eigenen Beschneidung, die unter Beobachtung von Eltern und Verwandten sowie einiger Häuptlinge und ihrer Berater stattfand: „Die Beschneidung ist eine Probe in Tapferkeit und Stoizismus; es wird keinerlei Betäubungsmittel verwendet; ein Mann muss sie schweigend ertragen.“ Im „kritischen Augenblick“, so Mandela, war der Schmerz „so intensiv, dass ich mein Kinn gegen meine Brust presste. Viele Sekunden schienen zu vergehen, bevor ich mich an den Ausruf erinnerte; dann war ich wieder bei mir und rief ,Ndiyindola!' (Ich bin ein Mann!).“

Hinreichend widerlegt

„Aufgeklärte“ Türken führen lieber medizinische Gründe an, die angeblich für eine Beschneidung sprechen. Ein Beschnittener leide nicht an Vorhautverengung, statistisch gebe es weniger Peniskarzinome, die Hygiene falle leichter, und das Risiko der Übertragung des Papillomavirus auf Frauen werde verringert.

Alle diese Argumente sind inzwischen von Urologen hinreichend widerlegt worden, selbst die Mär, dass die Beschneidung keine nachteiligen medizinischen Folgen habe, wird von Ärzten bestritten. „Kurieren durch Amputieren“, so der Kinderarzt und Chirurg Christoph Flechter, „sei so dumm wie der Versuch, einer Nasenentzündung durch Entfernung des Riechorgans beizukommen.“

Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland zahlen für diesen Eingriff nicht. Die in Deutschland lebenden Türken lassen sich dadurch nicht von der Beschneidung abbringen, nicht einmal die säkular lebenden Türken.

Ohne jede Erklärung

Etwa 10.000 muslimische Jungen in Deutschland kommen in jedem Jahr in das Alter, beschnitten zu werden. Das machen türkische Ärzte, aber auch aus der Türkei eingeflogene angelernte Beschneider. Oft aber wird die Beschneidung im Sommerurlaub in der Türkei vorgenommen, da sie ein Familienfest ist.

Auch mich beschäftigen das kulturelle Muster, die Macht der Umma des übergeordneten sozialen Systems, die in diesem Ritus deutlich wird, und die Vorstellung von Männlichkeit, die damit immer wieder fortgeschrieben wird.

Mein kleiner neunjähriger Neffe, der tagelang breitbeinig mit einem weit vom Körper gehaltenen Nachthemd zwischen den Frauen herumlief, entsprach so gar nicht dem männlich-heroischen Bild, das mit der Beschneidung verbunden wird.

Das war kein „Held“, der da auf unsicheren Beinen durch die Gegend wankte, sondern ein gepeinigtes Menschenkind. Zu einer Zeit, wenn der Heranwachsende vielleicht gerade anfängt, seinen Körper zu entdecken, einen eigenen Willen und eigene Vorstellungen vom Leben zu entwickeln, wird seine Persönlichkeitsentwicklung durch eine Lektion gebrochen, die er ohne jede Erklärung erteilt bekommt – dass er sich zu fügen hat, wenn die Erwachsenen ihm Schmerz zufügen, dass Gott ihm Prüfungen auferlegt, die es zu bestehen gilt, oder er ist ein Nichts, weder Muslim noch Mann, noch Teil der Gemeinschaft.

Schändliche Tradition

Was die schändliche Tradition der Beschneidung bei Mädchen anrichtet, darüber wissen wir einiges. Die Genitalverstümmelung von Mädchen ist durch den Paragrafen 242 Strafbesetzbuch verboten. Warum gilt die Beschneidung nur bei Mädchen als Körperverletzung?

Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ist ein Grundrecht, das nicht durch ein wie auch immer begründetes Gewohnheitsrecht, durch eine orientalische Sitte, außer Kraft gesetzt werden darf.

Die Psychiaterin Janet Menage hat den durch die Beschneidung verursachten seelischen Schaden als „gesellschaftlich sanktionierten Missbrauch“ bezeichnet, der eine nachhaltige Traumatisierung hervorrufe.

Die Geborgenheit, die Sicherheit, das Vertrauen, das Kinder in diesem Alter ihren Eltern überwiegend entgegenbringen, wird durch ein anderes „Lebensmuster“ ersetzt – sie empfinden Ohnmacht und Verrat.

Traumata aber sind nicht bewältigbar, sie werden eingefroren und verdrängt. Was nicht der Arbeit der Erinnerung und damit auch der Veränderung zugeführt werden kann, lebt in einem fort und zwingt zur Wiederholung. Das erklärt vielleicht auch, warum diese Tradition immer weiter fortleben kann.

Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin und Publizistin. Von ihr erschien unter anderem: „Die verlorenen Söhne“ (Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes) - 217 Seiten - gebraucht ab 0,88 Euro

Quelle: Die Beschneidung – ein unnützes Opfer für Allah

Siehe auch:
Beschneidung bei Jungen: Blutiger Schnitt aus religiöser Tradition
50.000 Mädchen in Deutschland von Beschneidung bedroht
Beschneidung: Bildung statt Rasierklingen
Beschneidung ist Genitalverstümmelung



Der Tugendterror der wütenden Salafisten      Top

Ausschreitung
Ausschreitungen in Tunis: Den Salafisten war es ein Leichtes, auf einen SMS-Flashmob hin die Stürmung der US-Botschaft zu organisieren

Die Forderung islamischer Fundamentalisten, ihr Glauben müsse vor jeglicher Kritik geschützt werden, geht zu weit. Wir dürfen nicht nachlassen, für die Errungenschaften der freien Welt zu kämpfen.

Die aktuellen Angriffe auf westliche Botschaften in der arabischen Welt sind keine spontanen Proteste religiöser Wutmuslime gegen einen Roman wie „Die satanischen Verse“, dänische Mohammed-Karikaturen oder ein schlechtes Wüstenvideo aus Kalifornien, sondern Teil eines sich ausweitenden Religionskrieges.

Dieser Krieg wird an mehreren Fronten ausgetragen. Die eine Front ist der Bürgerkrieg um die Macht in der arabischen Welt: Sie verläuft zwischen den wahabitischen/salafistischen und moderateren [demokratisch orientierten] Sunniten um die Macht in den einzelnen Staaten. Was als Kampf um Demokratie begann, wurde inzwischen von den Islamisten okkupiert [vereinnahmt]. Eine andere Front verläuft zwischen den Sunniten und Schiiten, zwischen Säkularen, Dschihadisten und Despoten in Syrien [Assad], im Irak und Iran [Khameini].

Alle vereint die gemeinsame Front gegen den äußeren Feind, die Lebenswelt und den Einfluss des „Westens“, repräsentiert durch die USA, und der Kampf gegen Israel. Begleitet und vorbereitet wird dies durch die fünfte Kolonne in diesem Krieg, den sogenannten „Istanbul-Prozess“, ein von den islamischen Staaten beschlossenes und mit über zehn Milliarden Dollar jährlich finanziertes Missionsprogramm, dessen Ziel unter anderem die Kriminalisierung von Kritik der Religion des Islam ist.

Von der Moschee auf die Straßen Tunesiens

Ich war zu Beginn dieses Jahres unter anderem in Kairouan in Tunesien, um mir den „arabischen Frühling“ im Maghreb [1] anzusehen. Kairouan ist Ursprungsort der Fatimiden [2] und mit seinen über 300 Moscheen für die Muslime nach wie vor eine heilige Stadt und Pilgerort. Hier ist ein Gefährte des Propheten begraben, der dessen drei Barthaare bei sich getragen haben soll, Sieben Pilgerfahrten nach Kairouan zählen in der religiösen Arithmetik der Gläubigen so viel wie eine Hadsch nach Mekka.
[1] Maghreb: Tunesien, Syrien, Ägypten, Marokko, Libyen, Mauretannien

[2] Die Fatimiden waren eine ismailitische Dynastie, die von 909 bis 1171 in Nordafrika herrschte. Die Ismailiten gingen aus den Schiiten hervor. Es gab offenbar mit den Schiiten Differenzen wegen der Nachfolge Mohammeds. Das theologische System der Ismailiten ist wesentlich offener als das der meisten anderen Muslime. Die Ismailiten sahen sich, auch aufgrund ihres revolutionären Gebarens, starken Verfolgungen seitens der Sunniten ausgesetzt. Die heute etwa 18 Millionen Ismailiten leben in etwa 25 Staaten, vorwiegend in Indien.
Es ist kein Zufall, dass die Araber aus Saudi-Arabien diese Stadt und die Moscheen des ganzen Landes wieder zum Ausgangspunkt ihrer ideologischen Offensive machen. Sie kommen nicht mit dem Schwert, sondern zunächst mit ihrem Ölgeld, mit dem sie TV-Sender finanzieren und die in Riad [Hauptstadt Saudi-Arabiens] ausgebildeten Prediger unterstützen.

Wir konnten in Tunesien wie schon in Ägypten und später in Marokko beobachten, dass die Fundamentalisten zunächst die Moscheen vereinnahmen und von dort aus ihre Agitation auf die Straße tragen. Mit der Aura des Sakralen lässt sich bei den gläubigen Menschen in Nordafrika hervorragend Politik machen.

Am 20. Mai 2012 versammelten sich in Kairouan die Aktivisten der tunesischen Salafiyya zum „Zweiten Kongress der Partisanen der Scharia“. Der Platz vor der großen Moschee war gefüllt mit Tausenden von Anhängern, vor einer Tribüne veranstaltete man Schwertkämpfe, einen Aufgalopp von Kriegern auf Araberpferden. Es wurden Kriegsgesänge angestimmt und Kämpfer im Outfit afghanischer Taliban bejubelt, sodass die Händler und Besucher der Medina [Altstadt] den Eindruck haben konnten, die Beduinen wiederholten die Besetzung der Stadt, die sie im Jahr 1054 schon einmal überfallen hatten.

Die salafistische Bewegung als Drahtzieher

„Wir haben sie nicht eingeladen“, sagte ein Händler, aber Proteste gegen die ungebetenen Gäste gab es auch nicht. Vor der versammelten Prominenz der zwar immer noch verbotenen salafistischen Bewegung „Hizb Ettahrir“ skandierte die Menge: „Juden, Juden, die Armee des Mohammeds ist zurück!“ und „Wir sind alle Kinder Osamas!“ Gemeint war natürlich Osama Bin Laden. Ein Redner schwor die Menge ein: „Jeder Muslim ist ein Dschihadist, und der Dschihad ist unsere Pflicht.“

Und auf die tunesische Revolte bezogen: „Diese Revolution ist gemacht worden, damit unsere Bewegung an die Macht kommt.“ Es wurden Flugblätter verteilt, auf denen die Teilnehmer ermahnt wurden, nicht mit Journalisten zu sprechen. Man wollte nicht zu früh entlarvt werden. Die „Hizb Ettahrir“ wurde 1953 als Abspaltung von den Muslimbrüdern gegründet, kämpft für die Errichtung des Kalifats, des Gottesstaates auf der Grundlage der Scharia. Ihre Funktionäre sind die Drahtzieher der Proteste.

Die Sturmabteilung des politischen Islam

Ideologisch und theologisch befinden sich die Salafisten im 7. Jahrhundert, was unschwer an ihren Kaftanen, Hochwasserhosen, Bärten und Käppis zu erkennen ist. In ihrer Strategie und Taktik befinden sie sich aber auf der Höhe der Zeit. Ihre „Asabiyya“, das ist die vom großen tunesischen Historiker Ibn Khaldun beschriebene „kollektive Aggressivität“, stellt die tunesische Zivilgesellschaft vor erhebliche Probleme.

Überall, wo sich die demokratische Bewegung zeigt, treten diese Moralterroristen auf. Der Islam-Mob stürmt Theater und Kinos, wenn ihnen ein Film oder Schauspiel nicht gefällt; provoziert Straßenschlachten, wenn in Kunstausstellungen missliebige Werke gezeigt werden; besetzt Universitäten, damit ihre Frauen vollverschleiert studieren können.

Die Salafisten sind die Sturmabteilung des politischen Islam. Sie haben die Moscheen und die Straße erobert, und es war ihnen ein Leichtes, auf einen SMS-Flashmob hin die Stürmung der US-Botschaft in Tunis zu organisieren, bei der es Tote und Verletzte gab. Die tunesische Zivilgesellschaft verfügt noch nicht über die demokratischen Abwehrmechanismen, die Salafisten in die Schranken zu weisen.

Die Polizei ist durch die Kollaboration mit dem Ben-Ali-Regime [ehemaliger tunesischer Präsident, floh im Januar 2011 nach Saudi-Arabien] diskreditiert und steht jetzt unter dem Befehl der islamistischen Ennahda-Regierung, die sich nicht eindeutig von den Salafisten distanziert. Die Demokratiebewegung wird, obwohl sich inzwischen Gewerkschaften und Bürgerrechtler organisieren, durch den Druck des Tugendterrors der Salafisten zerrieben.

Die schlichte Logik der Islamisten

In Ägypten ist der organisierte Zorn gegen die USA willkommene Gelegenheit, von dem Unvermögen der Regierung abzulenken, die Wahlversprechungen nach einem besseren Leben oder wenigstens nach Brot zu erfüllen. Auffällig ist, dass der neu gewählte ägyptische Präsident Mursi und mit ihm alle anderen muslimischen Politiker bis hin zum türkischen Ministerpräsidenten Erdogan immer nur davon sprechen, dass sie dagegen sind, dass „Unschuldige“ bei diesen Protesten zu Schaden kommen.

Gleichzeitig sagen sie und ihre Parteien aber, dass die Beleidigung des Propheten ein zu bestrafendes Verbrechen sei. Schuld haben in dieser Auffassung auch diejenigen, die solche Schmähungen zulassen. Und wer schuldig ist, bestimmen sie im Namen des Islam. In der schlichten Logik der Islamisten also der Westen.

Die eigentliche Provokation ist eine andere

Die Reaktionen vieler Politiker hier, von der Bundesregierung bis hin zu den Moderatoren des ZDF, zielen in Verkennung der tatsächlichen Ursachen, auf Konfliktvermeidung. Das mag für den Moment die Sache beruhigen, ist aber eine Fehleinschätzung. Es wird wieder ein Video, ein Lied, ein Buch geben, über das man sich aufregen wird. Wir können ja nicht zu denken und zu arbeiten aufhören, damit wir die Islamisten nicht provozieren.

Die eigentliche Provokation für diesen Teil der Welt ist nämlich nicht ein Schmähvideo, sondern der Lebensstil, der Erfolg und die Freiheit des Westens, und die eigene Perspektivlosigkeit. Sie verstehen nicht, warum Allah zulässt, dass es den Ungläubigen besser geht als ihnen. [3]
[3] Na, da bin ich ja beruhigt. Dann werden die Muslime wohl niemals herausfinden, warum sie in so vielen Digen so erfolglos sind. Sollte es etwa daran liegen, daß Allah den Muslimen nicht genug Intelligenz gegeben hat? Oder liegt es an der arabischen Kultur? Obwohl der Inzest im Islam verboten ist, ist er in den islamischen Staaten weit verbreitet und niemand unternimmt etwas dagegen.

citizentimes schreibt: „Der häufig auftretende Inzest innerhalb der muslimischen Kultur während der letzten 1400 Jahre hat wahrscheinlich katastrophalen Schaden an ihrem Genpool angerichtet.“ Mochte Allah die Muslime in Wirklichkeit gar nicht? Wollte er sie bestrafen? Hat er ihnen deshalb Mohammed gesandt? ;-(
Forderungen, die zu weit gehen

Als 1989 Salman Rushdie von Islamisten mit einer Todes-Fatwa verfolgt wurde, sorgten in Deutschland einige mutige Verleger und Buchhändler mit dem Verlag „Artikel 19“ dafür, dass „Die satanischen Verse“ trotz Morddrohungen erscheinen konnten. Heute drucken Zeitungen keine religiösen Karikaturen mehr, es sei denn, der Papst ist das Ziel des Spotts. Was wollen wir zukünftig alles nicht mehr tun, um nicht den Zorn von selbst ernannten Gotteskriegern zu provozieren?

Necla Kelek
Salman Rushdie, der heute wieder von einer Fatwa bedroht ist, hat schon vor Jahren die Haltung dazu treffend formuliert: „Es ist völlig in Ordnung, dass Muslime, dass alle Menschen, in einer freien Gesellschaft Glaubensfreiheit genießen sollten. Es ist völlig in Ordnung, dass sie gegen Diskriminierung protestieren, wann und wo immer sie ihr ausgesetzt sind. Absolut nicht in Ordnung ist dagegen ihre Forderung, ihr Glaubenssystem müsse vor Kritik, Respektlosigkeit, Spott und auch Verunglimpfung geschützt werden.“

Necla Kelek (Bild) ist eine deutsch-türkische Soziologin und Publizistin. Von ihr erscheint am 8. Oktober 2012 „Hurriya heißt Freiheit – die arabische Revolte und die Frauen. Eine Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko“ [18,99 Euro], Kiepenheuer und Witsch

Quelle: Der Tugendterror der wütenden Salafisten



Necla Kelek: Warum Heinz Buschkowsky Recht hat     Top

einbürgerung
Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD) überreicht im Rathaus Neukölln einer türkischstämmigen Berlinerin eine Urkunde. [Die Urkunde ist übrigens die deutsche Staatsbürgerschaft. In welcher Form sich eine junge türkischstämmige Migrantin dafür bedankt, kann man sich unten im Video ansehen.]

Der Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky wird wegen seines Buchs „Neukölln ist überall“ angegriffen. Dabei sind seine Forderungen mehr als legitim. Er will, dass sich die Muslime integrieren.

dreißig Jahren Kommunalpolitiker in seinem Berliner Stadtteil Neukölln und seit 2001 Bezirksbürgermeister. Im letzten Jahr wurden er und seine SPD mit 42,8 Prozent wiedergewählt. Das waren mehr als fünfzehn Prozent über dem Landesdurchschnitt seiner Partei.

Die „taz“ erklärt ihn zum „Kultbürgermeister“, die Hinduisten Neuköllns ernannten ihn zum „Maharadscha“ ehrenhalber. Über die Grenzen seines Bezirks hinaus gilt er als Hoffnungsträger, wenn es um Fragen der Integration in Problemkiezen geht.

Er weiß, wovon er spricht

Heinz Buschkowsky, weiß wovon er spricht. Er sagt, was ist – und das in einer Sprache, die die Menschen verstehen. Er geht dahin, wo es weh tut, und wenn nötig, gibt er den Volkstribun. Für mich ist er der letzte Sozialdemokrat seiner Art: ehrlich, authentisch und witzig. Ich gestehe, ich bin ein Fan des Bürgermeisters der Herzen. Ohne ihn würden viele Themen unseres Zusammenlebens unter den Teppich gekehrt.

Genug des Lobes. Jetzt kommt die Arbeit. Der Politiker Heinz Buschkowsky hat ein Buch geschrieben. Es handelt – wie sollte es anders sein – von Neukölln und seinen Problemen. Er beginnt – Profi in Sachen Rhetorik – nicht mit Eigenlob oder einem Skandal, sondern mit all den Gegenargumenten der Kritiker, die ihn wegen seiner Offenheit zum Pauschalierer, Alarmisten oder gar Rassisten machen wollen.

Kein Alarmist

Er nennt die Verantwortlichen in Senat, der Bundespolitik, den Türkenverbänden und Islamfunktionäre nicht mit Namen, sondern er belässt es bei ihrer Funktion. Wen er kritisiert, der bleibt anonym, wen er lobt, bekommt ein Gesicht.

Trotzdem klingt manches Lob, das er für den „Regierenden“ oder den Grünen Özdemir bereithält, so, als würde er diese Politiker daran erinnern wollen, dass sie ihren gelegentlich richtigen Worten im wahren Leben auch Taten folgen lassen sollten. Dem Politiker Buschkowsky ist daran gelegen, „die Verhältnisse“ zu ändern.

Ein Sozi mit Schnauze und Herz

Das unterscheidet ihn, wie im Protokoll eines Gesprächs im Buch nachzulesen ist, von seinem Parteifreund Thilo Sarrazin. Die beiden Sozialdemokraten liegen in der Sache oft gar nicht weit auseinander. Aber der eine möchte Recht behalten, der andere etwas verändern. Dass Buschkowsky sich traut, ein Gespräch mit Sarrazin ins Buch zu nehmen, ist ein Akt besonderer Unabhängigkeit. Die Erwähnung des Namens des Unaussprechlichen kommt in gewissen Kreisen heute schon einer Selbstentleibung gleich. Ich weiß, wovon ich spreche.

Im Buch steht eine Liebeserklärung. Natürlich an Neukölln. Buschkowsky erinnert an die Reize seiner ehemals unabhängigen Stadt und an Friedrich Ludwig Jahn, der 1811 den ersten öffentlichen Turnplatz auf der Hasenheide einrichtete. Die Hasenheide, auf der nach Buschkowskys heute „50 Drogerie-Einzelhändler ihr inzwischen 25-jähriges Dienstjubliäum feiern“. Er umschreibt damit den Umstand, dass der Park von Drogenhändlern okkupiert ist. Buschkowski hat einen Sinn für Humor. Dieser Humor ist elegant und derb zugleich.

Neukölln und seine Probleme

Neukölln hat über 315.000 Einwohner, davon haben 41 Prozent einen Migrationshintergrund. In einigen Schulen im Norden Neuköllns sind über achtzig Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft und von den Erziehungsberechtigten gehen bis zu neunzig Prozent keiner offiziellen Arbeit nach. Dass viele Problemstellungen in Neukölln mit Einwanderern zu tun haben, ist diesem „demografischen Hammer“ geschuldet. Die Ausgangslage macht Neukölln zu einem Labor für alle Fragen des Zusammenlebens und der Integration.

„Neukölln ist überall“, ist ein flotter Titel, gleichzeitig aber die demografische Perspektive deutscher Großstädte, in denen zukünftig fast ausschließlich Kinder nichtdeutscher Herkunft geboren werden. Was wir heute in Neukölln an sozialer Dynamik erleben und erfahren, ist die Zukunft der Republik. Deshalb ist dieses Buch ein Weckruf zur rechten Zeit. Wenn man denn aufstehen will.

Kindergeld nur für Gegenleistungen

Mit der Erfahrung und der intimen Kenntnis eines Weltstadtbürgermeisters erkundet Buschkowsky „die Verhältnisse“ – und die sind nicht selten grotesk und erschreckend. Ausgangspunkt ist für ihn die Lage der Kinder und Jugendlichen.

Er fragt nach ihrer Versorgung, schildert ihre Lebensverhältnisse und was sie daran hindert, erfolgreich in der Schule und im Beruf zu sein. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass viele soziale Defizite nicht an Geld oder mangelnden Chancen liegen, sondern daran, dass die Eltern den Kindern kein Vorbild, keine Hilfe sind und sich einen feuchten Kehricht darum kümmern, wo sie leben, wenn nur der „Knatter auf dem Konto“ ist.

Gegner der sozialen Hängematte

In drastischen Beispielen schildert er, wie sich ganze Gruppen in der sozialen Hängematte von Hartz IV, Grundsicherung und Aufstockung durch Schwarzarbeit einrichten. „Bezahlung nach BAT“, (“Bar auf die Tatze“) nennt er das.

Die Ausnutzung der Sozialgesetze auf Biegen und Brechen, das Einfordern von Rechten, solange sie einem nutzen und die Ablehnung derselben, wenn sie etwas verlangen, das Beharren auf Abgrenzung unter der Tarnkappe der kulturellen Identität. Dieses illoyale Verhalten von weiten Kreisen und die Verantwortungslosigkeit – er betont immer wieder: nicht von allen – treiben Buschkowsky um.

Feindbild Ausländerbeauftragte

Er fragt sich, warum diese Gesellschaft das mitmacht. Er macht dafür auch eine Haltung bei den verantwortlichen Politikers aus, für die er das Weltbild der ehemaligen Ausländerbeauftragten des Berliner Senats (hier nennt er den Namen) Barbara John für typisch hält: Sie hat seiner Meinung nach in Berlin „eine Politik kreiert, nach der ein Ausländer per se ein guter Mensch ist, denn er stellt eine Bereicherung dar.

Ein Deutscher ist per se ein schlechter Mensch, weil er die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust niemals ablegen kann und immer latent ausländerfeindlich bleiben wird.“ Dieses Credo bestimme die Integrationspolitik bis hin zum Integrationsplan der Bundesregierung und habe dazu geführt, dass wir uns um Parallelgesellschaften sorgen müssen.

Anpassung ist Pflicht

Eine dieser „Kulturdifferenzen“, wie ich sie auch bezeichne, besteht in den Weltbildern, die die Religionen verbreiten. Während die Hindus, Buddhisten und auch die Aleviten sich als Teil der Gesellschaft fühlen, hat Buschkowsky bei den arabischen, kurdischen, türkischen Muslimen das Gefühl, dass häufig die Betonung der religiös-kulturellen Identität als Abgrenzungssignal im Vordergrund steht und für Frauendiskriminierung herhalten muss.

Ganz konkret beklagt er vor allem bei diesen Gruppen, dass sie anti-deutsch eingestellt sind und oft den Mindeststandard guten Benehmens vermissen lassen. Buschkowsky erzählt die Beispiele so amüsant, dass sich ein Nacherzählen verbietet. Das muss man lesen.

Vorbild Rotterdam

Es gelingt ihm, auch die übelsten Vorkommnissen so zu erzählen, dass weder jemand bloßgestellt noch auf anderer Menschen Kosten gelacht wird. Dass mir dabei das Lachen manchmal im Hals stecken geblieben ist, liegt an dem harten Kern der Wahrheit, die diese Anekdoten zu schlucken geben.

Ob Neukölln überall ist, wollte Buschkowsky dann doch wissen – und hat über den Tellerrand geblickt. Er reiste unter anderem nach Rotterdam, Oslo, Glasgow. Er traf auf andere, oft ähnliche Verhältnisse, Politiker die auch gern schönreden und sich nicht in die Karten gucken lassen.

Kindergarten als Pflicht

Die Integrationspolitik Rotterdams hat ihn besonders inspiriert. Deren Art, von den Migranten Verantwortung für sich und die Stadt einzufordern und im Gegenzug alles dafür zu tun, sie zu fördern, hält er für beispielhaft. Als er diese Erkenntnisse der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus mitteilen wollte, lehnte diese das mit dem Hinweis ab, dass man „an Reiseberichten keinen Bedarf hat“.

Nach soviel bitterer Analyse klingen auch die von Buschkowsky auf fast 100 Seiten ausführlich vorgestellten positiven Beispiele und Vorschläge letztlich wie eine Rosskur. Er möchte den Kindern gleiche Chancen vermitteln und sieht nur die öffentliche Hand in der Lage, dies zu gewährleisten. Kinder sollen möglichst ab dem 13. Monat in den Hort, dann in den Ganztagskindergarten.

Hassgegner der Liberalen


Schließlich sollte das Kindergeld in Form von Sachleistung an die Eltern weitergegeben werden. Buschkowsky plädiert darüber hinaus für die Ganztagsschule mit intensiver Sprachbetreuung, nötigenfalls bis zum Abitur. Das sei billiger als Jugendarrestplätze, stellt er trocken fest. Er will die Kinder davor bewahren, dass sie durch nicht-sachgerechte Tests frühzeitig abgestempelt werden, und will sie, wenn nötig, durch Wachleute beschützen lassen, damit sie in Ruhe lernen können.

Bei so viel staatlicher Einflussnahme schlucken selbst Sozialdemokraten, und die bürgerlichen Liberalen ducken sich weg. Die einen werden ihm zustimmen – endlich nimmt jemand die Sache in die Hand -, die anderen werden wie üblich reagieren. Denn in deren Verständnis wird Verbindlichkeit als Zwang oder Bevormundung, Beschreibung als Diffamierung, Analyse als Rassismus stigmatisiert.

Keine Parallelgesellschaft

Dabei erscheinen die Vorschläge, von denen viele im Labor der Neuköllner Schulen und Initiativen erprobt sind, als ultima ratio, um das Auseinanderdriften und Abgleiten ganzer Kieze in die Parallel- oder Gegengesellschaft zu verhindern. Aber dazu müsste ein Umdenken stattfinden. Zuallererst bei den Einwanderern selbst und ihren Vertretern und bei den verantwortlichen Politikern.

Doch viele Verantwortliche geben den „Wowereit“, will sagen, sie lassen sich durch schlechte Nachrichten nicht die Laune verderben. Sie agieren nach dem Motto: Mach’ die Vorhänge zu, ich kann das ganze Elend nicht mehr sehen – und kommen erst zum „Karneval der Kulturen“ wieder ans Licht.

Der türkische Nationalismus

Von den Migranten, besonders von den moslemischen Vertretern, ist keine Unterstützung zu erwarten. Ihnen fehlt die Loyalität gegenüber diesem Land. Die Türken-Lobby fühlt sich dafür zuständig, den türkischen Nationalismus zu stärken, oder führt sich als Botschafter des Moslemseins auf, wie der türkische Ministerpräsident Erdogan es von seinen Landsleuten erwartet.

Wer wie viele türkischstämmige Lobbyisten in Vereinen und Moscheen der Abgrenzung seiner Landleute nichts entgegengesetzt, ist mitverantwortlich dafür, was heute auf den Straßen passiert. Die Illoyalen haben in ihren Familien die verlorenen Söhne hervorgebracht, die jetzt in Schule und Beruf versagen.

Türkische Machokultur

Buschkowsky nennt die Gründe: „mangelnde Bildung, eigene Gewalterfahrung, die Machokultur, ständiger Geldmangel gepaart mit religiöser Selbsterhöhung“. Als der Vorabdruck des Buches in der „Bild“-Zeitung erschienen war, fragte ich bei einer Lesung den Vereinsvorsitzenden einer Moschee, was er von der These hält: „Integration ist an erster Stelle eine Bringschuld der Hinzukommenden.“

Er reagierte empört: „Wenn den Deutschen nicht passt, wie wir hier leben, sollen sie doch nach Mallorca gehen.“ Die „autochthonen“ Zuhörer der Veranstaltung zuckten dabei nur resigniert mit den Schultern. Diese Resignation scheint inzwischen von Regierung bis in die letzte Amtsstube Raum zu greifen. Wenn Muslime Botschaften anstecken, weil ein durchgeknalltes Video im Internet erscheint, fühlen sich die Europäer selbst als Provokateure, weil man das nicht verhindern konnte. Kapitulation allerorten.

Ich teile Buschkowskys Brandrede gegen die kampflose Aufgabe unserer Werte. Sein Aufruf, alles dafür zu tun, die vielen Chancen und guten Seiten einer multinationalen, demokratischen Zivilgesellschaft zu nutzen, verdient Unterstützung. Es geht darum, dass Integration keine „Mission Impossible“ wird. Es geht Buschkowsky um die Jugend, unsere Zukunft und um Neukölln. Und jetzt wissen wir: Neukölln ist überall.

Die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelec lebt in Berlin. Im Oktober erscheint bei Kiepenheuer & Witsch ihr Buch „Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen – eine Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko“.

Die Anmerkungen in eckigen Klammern sind vom Admin.

Quelle: Warum Heinz Buschkowsky Recht hat

Meine Meinung: Wieder einmal ein sehr guter Bericht von Necla Kelek. Auf den wichtigsten Punkt ist sie allerdings nicht eingegangen, nämlich auf den Blick in die Zukunft, auf die von ihr angesprochene „Mission Impossible“ [unmögliche Mission], auf das letztendliche Scheitern von Multikulti, auf den Zusammenbruch des Sozialsystems und den damit verbundenen sozialen Unruhen, die bürgerkriegsähnlichen Charakter annehmen werden.

Man braucht sich nur einmal den islamischen Frühling in den nordafrikanischen Staaten anzusehen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was auf Europa, Deutschland und Berlin zukommen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, ob es zehn, zwanzig oder dreißig Jahre dauert. Ich kann natürlich Necla Kelek verstehen, wenn sie auf diese Frage nicht eingegangen ist, wollte sie sich doch auf die Rezension von Heinz Buschkowsky's Buch beschränken.

Mir scheint, die Deutschen sind erst dann zufrieden, wenn Berlin, Bremen, Duisburg, Dortmund, Frankfurt, Köln, Nürnberg und andere deutsche Städte, wie Tripolis, Bengasi, Damaskus, Homs oder Aleppo in Schutt und Asche liegen. Manchmal denke ich, wer so dumm und feige ist, wie die Deutschen, der hat es auch nicht anders verdient.

Der Weihnachtsmann schreibt:

Es liegt allerdings im Wesen des Islam sich nicht zu intergrieren. Vielleicht begreifen das unsere Entscheidungsträger in der Politik, bevor es zu spät ist.

Meine Meinung:

Das Wesen des Islam ist Krieg zu führen, um die Macht über nichtislamische Staaten zu erlangen, seit 1400 Jahren. Terror und Gewalt, Intoleranz und Unterdrückung sind ein wesentliches Element des Islam.

Siehe auch:
Video: Berliner Einbürgerungsfeier endet im Debakel (02:53)
Video: Heinz Buschkowsky bei Maischberger - Sept. 2012 (72:25)
Video: Heinz Buschkowsky bei Anne Will: - Oktober 2011 (75:22)
Video: Heinz Buschkowsky redet Klartext (19:47)
Heinz Buschkowsky: Die bittere Wahrheit über Multi-Kulti
Heinz Buschkowsky: Multikulti ist gescheitert



Necla Kelek: Die Beschneidung ist ein Akt der Unterwerfung     Top

Von Necla Kelek

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Die weltweit am häufigsten durchgeführte Operation ist die Beschneidung der männlichen Vorhaut, auch Zirkumzision genannt. So sind 33 % der männlichen Weltbevölkerung im Alter von 15 oder mehr Jahren beschnitten. Dies geschieht aus medizinischen Gründen, z.B. bei Vorhautenge (Phimose), oder bei Muslimen und Juden auch aus rituellen Gründen. Danach folgt die Operation bei einem Katarakt (des Grauen Stars) mit ca. 600.000 Eingriffen pro Jahr in Deutschland. Man kann also davon ausgehen, daß es in Deutschland mehr als 600.000 Beschneidungen pro Jahr gibt. Ein gutes Geschäft für unsere Ärzte, diese Penis-Verstümmelung.

Der Bundestag hat auf Initiative der Bundesregierung mit Mehrheit das „Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes“ beschlossen. Damit geht für mich ein Stück der aufgeklärten Zivilgesellschaft zu Ende. Es wird fortan legal sein, was bisher undenkbar war, nämlich dass das Grundrecht auf Unversehrtheit der Person einem wie auch immer begründeten religiösen Ritual und dem „Kindeswohl“ geopfert wird. Religionsausübung ist nicht mehr ein Teil der durch die Verfassung garantierten Freiheit, sondern steht trotz aller gegenteiligen Behauptungen fortan über ihr. Das Kindeswohl wird als Verfügungsrecht über das Kind definiert. [1]
[1] Auch der Tierschutz wird der jüdisch-islamischen Religionsfreiheit untergeordnet. So dürfen Tiere geschlachtet werden, ohne sie vorher zu betäuben. Dabei erleiden die Tiere einen qualvollen Tod, indem man ihnen ohne Betäubung die Kehle durchschneidet. Selbst daß die Halal-Schlachtung total unhygienisch und gesundheitsschädlich ist, wird außer Acht gelassen. In Frankreich, wo Halalfleisch bereits viel verbreiteter ist als in Deutschland sterben jährlich Hunderte von Kindern an Halalfleisch.
Die Begründungen für eine Beschneidung von Jungen sind ebenso viel- wie einfältig, ebenso mythisch wie konstruiert. Die Argumentationen des Gesetzgebers interessengeleitet. In der Debatte im Bundestag spielte die muslimische Praxis fast keine Rolle. Es wurde die jüdische Beschneidung diskutiert. Wenn über den Islam gesprochen wurde, dann im Zusammenhang
der „jüdischen und islamischen Tradition“. Kein Wort über die muslimische Praxis, sechs- oder zehnjährigen Jungen in einem Festsaal vor Hunderten von Zuschauern den Penis zuzurichten.

Deshalb auch kein Wort zu den medizinischen und seelischen Risiken der Zirkumzision [Beschneidung] bei Jungen in der Vorpubertät. Es ging darum, wie der FDP-Abgeordnete Stephan Thomae meinte, dass es nicht angehen könne, dass jüdische Jungen durch eine nicht durchgeführte Beschneidung an der kulturellen Identität ihres „eigenen Volkes nicht ganz und gar teilhaben“ könnten. [2] Er traf sich auf einer Linie mit der Linken Luc Jochimsen, die ein Beschneidungsverbot für „Ausgrenzung“ hielt, das sich Deutschland als einziges Land nicht erlauben dürfe. Und der Sozialdemokrat Frank-Walter Steinmeier meinte, dass es wohl zu weit ginge, wenn „wir Deutsche unseren jüdischen Mitbürgern beibringen, was Inhalt von Lebensschutz und Kindeswohl ist“.
[2] Daß man durchaus nicht an jeder jüdischen Tradition festhalten muß, darauf wies der Rechtswissenschaftler Prof. Holm Putzke hin: In der Phoenix-Runde am 04.07.2012 sagte Prof. Holm Putzke von der Universität Passau sinngemäß, daß es in der Bibel [in Alten Testament] Gebote gäbe, die man heute als absurd ansehen würde. So steht in der Bibel die Forderung, daß man Unbeschnittene ausrotten soll. Die Bibel könne also gar nicht als Grundlage gelten, um die jüdische Forderung nach der Beschneidung zu rechtfertigen. [näheres siehe hier]

Es ging bei der Entscheidung im Bundestag in Wirklichkeit gar nicht um die jüdische Tradition, auf die sich auch das Judentum immer wieder berief, sondern es ging den Politikern um die Wählerstimmen der Juden und Muslime. Das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit blieb dabei vollkommen unberücksichtigt. Auch das Recht auf Steinigung hat man im Judentum abgeschafft. Wieso sollte es also nicht möglich sein, die Beschneidung aus Rücksicht auf die körperliche Unversehrtheit des Kindes aufzugeben? Aber zu soviel Humanität ist man weder im Judentum noch im Islam fähig, wie mir scheint aus reinem Machtkalkül.
Der eigentliche Anlass der Debatte, das Urteil des Landgerichts Köln, das die missglückte Beschneidung eines vierjährigen muslimischen Jungen als Körperverletzung beurteilte, wäre von vielen Abgeordneten lieber ungeschehen gemacht worden und war kein Thema. Die religiöse Argumentation der Muslime für die Beschneidung bezieht sich auf die Sunna, die man vereinfacht auch als islamische Moral beschreiben kann, in der Anekdoten aus dem Leben Mohammeds gesammelt sind. Sie ist einer der Riten, die Mohammed in Rückgriff auf Abraham eingeführt hat, um den jüdischen Konkurrenten ebenbürtig zu sein.

Zuallererst ist die Beschneidung ein Akt der Unterwerfung, dem alle Jungen unterzogen werden und dessen Ursprung im pharaonischen Dunkel der Geschichte liegen soll. Die Begründungen für die Beschneidung von Jungen sind zum Beispiel in der in Ägypten verbreiteten schafiitischen Rechtsschule [eine von vier islamischen Rechtsschulen] ganz ähnlich wie die bei Mädchen. Wenn gesagt wird, die Genitalverstümmelung von Mädchen stelle eine Menschenrechtsverletzung dar, die von Jungen aber nicht, dann ist dies kein religiöses Argument, denn was Religion ist und wie sie praktiziert wird, liegt nach Auffassung unseres Parlaments in der Hoheit der Religionsgemeinschaften. Und um Religionsfreiheit geht es doch.

Die Beschneidung von Jungen wird von den Muslimen heute weder bewusst religiös noch hinterfragt vollzogen, sondern als gegeben hingenommen. Ein archaisches Ritual, das Unterwerfung, Identitätsfindung und Abgrenzung gegen die „Unreinen“ symbolisiert. Und wenn in der Debatte vom Einwilligungsgebot der Eltern ausgegangen wird, dann müsste man nachfragen, ob die muslimischen Eltern in ihrer Community überhaupt die Möglichkeit haben, sich gegen eine Beschneidung zu entscheiden.

Meine Erfahrung aus jahrzehntelanger Kenntnis religiöser Praxis sowohl in der Türkei wie in Deutschland sagt mir, dass Muslime, die ihre Söhne nicht beschneiden lassen, ihre Achtung in der Gemeinde verlieren und sozial ausgegrenzt werden. Wenn von den Islamverbänden behauptet wird, so steht es in der Gesetzesbegründung, Beschneidungen muslimischer Jungen würden in Deutschland nicht gegen den Willen der Kinder und ausschließlich von Ärzten durchgeführt, entspricht das nicht der Wahrheit. Dieselben Funktionäre haben vor Jahren so lange behauptet, dass es keine Zwangsverheiratungen unter Muslimen gebe, bis man ihnen das Gegenteil bewies.

Die Jungen werden nicht gefragt, und die Beschneidung wird oft nicht von Ärzten, sondern von aus der Türkei eingeflogenen Sünnetçis durchgeführt, einer Art Friseur mit medizinischer Zusatzausbildung. Dieser Beschneider hat keine religiöse Verankerung wie im Jüdischen der Mohel, die Beschneidung ist kein religiöser Akt, sondern ein gesellschaftliches Ereignis.

Sollte dies zukünftig tatsächlich nur von Ärzten praktiziert werden, wäre das zumindest ein medizinischer Fortschritt. Es werden Wehrlose stigmatisiert und Jungen ungefragt zusätzlich traumatisiert. Die medizinische Unmöglichkeit, die Schmerzfreiheit von Säuglingen bei dem operativen Eingriff zu garantieren, also nach den „Regeln der ärztlichen Kunst“ zu handeln, wird in dem Gesetz großzügig wegformuliert. Die anderen Hilfsargumente, Beschneidung sei aus hygienischen Gründen sinnvoll, sind in diesem Zusammenhang zu vernachlässigen.

Geradezu grotesk ist das Argument der Bundesjustizministerin, man müsse die Beschneidung legalisieren, weil sonst ein Beschneidungstourismus einsetzen würde. Vielleicht sollte die für diese Fragen verantwortliche Vertreterin der Exekutive einmal mit dem Finanzminister reden, dass der doch die Fahndung nach Steuersündern einstellen möge, weil dadurch Steuerflucht unnötig werde.

Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, aus einer orthodoxen jüdischen Familie stammend, wurde selbst beschnitten, hat aber strikt abgelehnt, das bei seinen Kindern zu vollziehen. Er hielt religiöse Zwangsrituale schlicht für Neurosenfabriken. Umso erstaunlicher ist, dass sich aufgeklärt gebende Publizisten mangels anderer Argumente die religiöse Mystik und natürlich auch die jüngere Geschichte bemühen [Holocaust an den Juden], um die Beschneidung zu rechtfertigen.

Der Historiker Michael Wolffsohn hat gegen die Orthodoxen angemerkt, dass es für eine Religion in einer modernen aufgeklärten Gesellschaft andere Formen der Aufnahme, Identitätsfindung und des Ritus geben sollte. Schließlich habe man
es im Judentum auch geschafft, das Menschenopfer in ein Tieropfer zu überführen, ohne Schaden zu nehmen. Einige Juden praktizieren selbst bereits die „Brit Schalom“, die symbolische Form der Beschneidung. Eine solche Modernisierung muss von den Gläubigen selbst kommen, der Staat kann hier in die eine oder andere Richtung die Weichen stellen.

Der von der Bundeskanzlerin in diesem Zusammenhang gebrauchte Satz („Jüdisches und muslimisches religiöses Leben in Deutschland muss möglich sein“) weist in die Vergangenheit und wird seine fatale Wirkung erst nach dem Beschluss des Bundestags entfalten. Die Abgeordnete der Grünen, die ehemalige Integrationsbeauftragte Marieluise Beck, hat dies denn auch in einer Zwischenfrage formuliert. Sie bat den Berliner Justizsenator Thomas Heilmann um Zustimmung, dass Religionsausübung zu den Bedingungen der Religionsgemeinschaften akzeptiert werden sollte. Sie plädiert für das „Recht auf Differenz“, also im Klartext letztlich auch für die Akzeptanz der muslimischen Apartheid von Frauen [Aufhebung der Gleichberechtigung von Mann und Frau], weil sie zum religiösen Leben zu deren Bedingungen gehört.

Mit welcher Begründung will man zukünftig, um nur einige Fragen zu benennen, das Tragen des Kopftuchs an Schulen und Behörden untersagen, wie sich zu Fragen des Schächtens oder der Polygamie verhalten? Ich bin sicher, die Juristen in den Islamvereinen spitzen schon die Stifte. Die Grube, in die die Politik mit dieser Argumentation fallen wird, hat sie mit diesem Gesetz selbst ausgehoben.

Die Hilfsverben des Rechts, wie sie von der Bundeskanzlerin, ihrer Justizministerin [Leutheusser-Schnarrenberger] und Politikern aller Parteien bemüht worden sind, werden ihre Wirkung entfalten. Aber vielleicht ist gerade diese postsäkulare [nach-säkulare] Wende ja gewollt, vielleicht will man über den Hebel der Stärkung des religiösen Lebens der Gesellschaft wieder so etwas wie Mores [Anstand, Benehmen, Moral] lehren. Der CSU-Abgeordnete Norbert Geis beschwor in der Debatte gar einen rechtsfreien Raum für Eltern, und sein Fraktionskollege Johannes Singhammer freute sich bereits über die Rückkehr der Religion. Vielleicht, und das scheint mir eher der Fall, ist diese praktische Toleranz um des lieben Frieden willens ja alles, was man noch aufbringt. [3]
[3] Ich würde eher sagen, sie sind Anzeichen völliger Unwissenheit über die islamische Religion unserer Volksvertreter. Mit anderen Worten, wir werden von Trotteln regiert, die sich nicht die geringste Mühe geben, sich sachkundig zu machen, wenn sie nicht ohnehin bestochen sind. Oder sie nicken einfach ab, weil sie nicht den Charakter haben, gegen den Strom zu schwimmen.
Man weiß selbst nicht mehr, was man will, und legt sich deshalb weder mit den jüdischen noch mit den muslimischen Funktionären an, nicht mit Israel und der islamischen Welt. Außerdem stehen Wahlen vor der Tür, und Themen wie Religion und Integration sind nun mal keine Wahlkampfschlager. Durch die Fraktionen wurde beschlossen, dass Beschneidungen „rechtgemäß“, also vom Grundgesetz gedeckt sind. Auch der Grüne Volker Beck spricht davon, dass Eltern [von ihren Kindern] „vor den Kadi“ gestellt werden könnten. Beck meinte sicherlich den Richter und nicht den Kadi, den islamischen Scharia-Richter.

Es geht tatsächlich nicht um Kriminalisierung, aber es gibt in der juristischen Methodologie feine Abstufungen, wie ein gesellschaftlicher Konsens formuliert wird. Eine Vereinbarung kann zum Beispiel rechtswidrig, muss aber nicht unbedingt strafbar sein und verfolgt werden. Man könnte auch etwas dulden, wie wir es aus der Debatte um die Abtreibung kennen. Eine solche Duldung von Beschneidung wäre eine Möglichkeit gewesen, die das vielzitierte Kindeswohl, die freie Ausübung von Religion und die Unverletzlichkeit der Person in der Waage gehalten hätte. Stattdessen hat man sich entschieden, die Vorhaut des Kindes um Gottes willen zu opfern, wenn es die Eltern oder ihre Religion wollen.

Necla Kelek, 54, ist die wohl prominenteste Islamkritikerin in Deutschland. So hat die türkischstämmige Soziologin mit ihrem Bestseller „Die fremde Braut“ [gebraucht: 0,79 Euro bei amazon.de] von 2005 die Zwangsverheiratungen muslimischer Frauen angeprangert.

DER SPIEGEL 51/2012, S. 74/75

Quelle: Necla Kelek: Beschneidung - Akt der Unterwerfung



Islam und Sex: Die arabische Lust in allen Details         Top

Von Necla Kelek

Arabische Frau
Eine arabische Frau im traditionellen schwarzen Hidschab.

Shereen el Feki hat ein Buch über Sex in den arabischen Ländern geschrieben. Von der Ehe bis zur männlichen Prostitution verrät es dem Westen sämtliche Geheimnisse des islamischen Geschlechterlebens. [Ich empfehle, den ersten Teil zu überspringen und hier beginnen zu lesen.]

Im Frühjahr 2011 spürte der deutsche Schriftsteller Navid Kermani [1] auf dem Tahrir-Platz in Kairo die revolutionäre „Zärtlichkeit der Massen“. Nun wird fast täglich über sexuelle Übergriffe, Grabscher und Vergewaltigungen vom Ort der arabischen Freiheit berichtet. Die Journalistin und Immunologin [biologische & biochemische Krankheitsabwehr] Shereen el Feki, in Kanada aufgewachsene Tochter eines Ägypters und einer walisischen Mutter, ist in tausendundeinem Tag vom Tahrir-Platz aus durch Ägypten, dem Maghreb [Tunesien, Algerien, Marokko, Libyen, Mauretanien] und Mittleren Osten gereist, um herauszufinden, ob und wie sich vor und nach dem Sturz der Despoten [Husni Mubarak] das Verhältnis der Männer und Frauen zueinander verhält und verändert hat. Es ist eine Anamnese [Krankengeschichte] des Zustands der Sexualität in der islamischen Welt, wie sie so bisher unbekannt war.
[1] Dr. Navid Kermani ist ein in Siegen geborener Orientalist mit iranischen Wurzeln.
Der Titel des Buches von Shereen el Feki „Sex und die Zitadelle“ bezieht sich auf die von Saladin 1176 [in Damaskus/Syrien geborener Sultan] gegen den Ansturm der Kreuzritter errichtete Festung, die über Kairo thront. Auf Seite 350 erklärt sie dieses Wortbild: „Was die Sexualität anlangt, so könne man meinen, die arabische Welt gleiche einer Zitadelle, einer uneinnehmbaren Festung, deren Außenmauer jeden erdenklichen Angriff auf die Bastion heterosexueller Ehe und Familie abwehrt.“

El Feki beschreibt die Geschlechterbeziehungen dieser in sich und ihrer Kultur geschlossenen arabischen Welt, aber auch die Öffnungen in den Mauern, die sie auf Veränderung hoffen lässt. Aber wie inzwischen fast jeder „im Westen“ ausgebildete Wissenschaftler, der über den Orient und die islamische Welt schreibt, will sie sich zunächst von der unterstellten Bevormundung Arabiens durch die koloniale Sicht distanzieren, um sich nicht dem „Orientalismus“-Vorwurf etwa eines Edward Saids auszusetzen.

Flauberts Gier nach Sex

„Flaubert fickte sich sozusagen nilaufwärts“ interpretiert el Feki denn auch die Tagebuchaufzeichnungen Gustave Flauberts, der 1850 eine Ägyptenreise unternahm, und stellt ihn als einen Sextouristen dar, der weniger an den antiken Tempeln, sondern sich mehr für männliche und weibliche Huren interessierte. Flaubert steht für die koloniale Sicht auf den Orient, und El Feki charakterisiert seine Beziehung zu der Region und ihren Menschen als ein Ausbeutungsverhältnis, während sich, als Gegenbeispiel angeführt, ein islamischer Imam in Paris zu fast gleicher Zeit allein wissenschaftlichen Betrachtungen hingab.

Flaubert markiert die Zeitenwende. Fast 50 Jahre zuvor hatte Napoleon der muslimischen Welt am Nil eine vernichtende Niederlage bereitet. Es dauerte in dieser Betrachtung weitere 50 Jahre, bis auch die Auffassung von Sexualität im Islam kolonialisiert wurde. Weg von der sinnenfrohen Bejahung des Geschlechtlichen „als Gebet“ in der arabischen Welt hin zur Entfremdung vom eigenen Körper und dem Umstand „die eigene Sexualgeschichte nach einer europäischen Vorlage umzuschreiben“. Ob allerdings das Liebesleben in den Harems der Fatimiden, Osmanen und Mamelucken in Ägypten frei war, entzieht sich unserer Kenntnis.

Der Islamismus der Salafisten, Wahabiten und Muslimbrüder im vergangenen Jahrhundert verstärkte diese Regression [Reduzierung], weil er sich von der „Jauchegrube des sexuellen Chaos und moralischen Zerfalls“ absetzen wollte, zitiert el Feki den Gründer der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb. Folgt man seinen Ansichten, dann ist der Zustand des Liebeslebens in der arabischen Welt ein Reflex auf den Kolonialismus.

Sexuelle Zwangsjacke

Für Shereen el Feki hingegen stecken die arabischen Gesellschaften in einer sexuellen Zwangsjacke, die dadurch entstand, dass sich der Islam in allen Bereichen des Lebens drängte. Den gordischen Knoten zerschlagen, „das sexuelle Elend der Massen“ beenden, lässt el Feki einen marokkanischen Soziologen sagen, könne man nur, wenn man wie der Sexualforscher Wilhelm Reich den Kapitalismus und Faschismus als repressives System beim Namen nennt und die Unterjochung bewusst macht, die in islamischen Ländern herrsche. In diesem Sinne hat el Fekis Buch auch einen europäischen Ansatz, denn es beschreibt und macht öffentlich, was als „haram“, als verboten gilt.

Leseempfehlung:

Was Shereen el Feki auf den folgenden über 300 Seiten verdienstvoll beschreibt, ist der „state of sex“ der islamischen Welt. Sie lässt, fast, nichts aus. Sie schreibt über die Ehe, das heißt über „die Sonne, deren Anziehungskraft das Ganze zusammenhält“, über Jungfräulichkeit, Masturbation, Verhütung, Abtreibung, Beschneidung, Prostitution, Homosexualität und Transvestiten. „Wer heiratet, hat die Hälfte dieses Glaubens erfüllt; für die zweite Hälfte fürchte er Gott“ zitiert el Feki den Koran und beschreibt die Ehe als Fundament der arabischen Gesellschaft. Ohne Heirat kein Sex, ist das Credo der Moral des Islam. Nikab, das Wort für Heirat bedeutet auch Geschlechtsverkehr. So ist die durch und durch religiöse Gesellschaft, in der die Religion alles vorschreibt, verbietet, versagt und fordert, recht erfinderisch, was das Heiraten angeht. Üblich ist die von den Eltern, einem Vormund oder Vermittler arrangierte Ehe.

Enzyklopädie der Lust

Solche Instanzen seien nötig, weil sich Jungen und Mädchen im Alltag nicht frei begegnen könnten, die Lebensräume der Männer und Frauen im Alltag traditionell getrennt voneinander sind und unkonventionelle Begegnungen der Geschlechter stets unter dem Verdacht der zina, der Unzucht stehen. Das hat sich in Zeiten von Internet, Handy und SMS zwar gewandelt, aber das Handy, mit dem Aufstände organisiert werden können, ist gleichzeitig auch ein Werkzeug der sozialen Kontrolle durch die Eltern, die ihre Schützlinge beständig anrufen, um zu erfahren, ob sie auch züchtig sind.

Hochzeiten sind Verträge zwischen Familien und teuer. Die Familie des Bräutigams muss nicht nur den Brautpreis finanzieren, sondern auch die Hochzeitsfeier, wobei Feste unter 500 Personen noch als „diskrete Events“ gelten. Weil sich viele Menschen diese Art Feiern nur schwer leisten können, wird in Ägypten inzwischen immer später geheiratet.

Auch aus diesem Grund haben sich religiös legitimierte, zeitlich begrenzte Formen der Ehe entwickelt. Die mut´a-Ehe, eigentlich eine schiitische Form der Ehe auf Zeit, für eine Nacht, eine Woche, einen Sommer, die in Ägypten gern von reichen Arabern praktiziert wird, um im Urlaub junge Mädchen an sich zu binden. Die úrfi-Ehe wiederum ist eine informelle Verbindung, die dazu dient, den Status von Geliebten zu legitimieren. Die misyar-Ehe nicht zu vergessen. Sie ist eine Ehe, die von Reisenden oder Zeitarbeitern geschlossen wird. Tausende Eltern vermitteln ihre meist unter 16 Jahre alten Töchter in „Sommerehen“ mit reichen Ausländern, um ihren eigenen Unterhalt zu finanzieren.

Heimliche Währung Viagra

All diese Formen dienen im Kern dazu, sexuelle Beziehungen auch religiös zu legitimieren. Dabei handelt es sich oft schlicht um von Eltern organisierte und Geistlichen sanktionierte Prostitution. El Feki beschreibt diese Sitten und Traditionen detailliert, schonungslos.

Das Lob des Geschlechtlichen leitet sie aus der islamischen Tradition her und führt als Referenz die „Enzyklopädie der Lust“ von al-Katib aus dem 11. Jahrhundert an. Das wesentlich einflussreichere über Tausend Jahre die islamische Auffassung bestimmende „Buch der Ehe“, das die Männerherrschaft und Geschlechterapartheit [die Frau als williges Lustobjekt des Mannes] zementierte und von al-Ghazali aus derselben Zeit stammt, erwähnt sie leider nicht.

Die Männer stehen ihrer Darstellung nach unter dem Druck, potent zu sein, denn „Impotenz ist laut der Ehegesetze der Scharia ein Scheidungsgrund“. El Feki stellt fest: Viagra und deren Generika [Abwandlungen] sind in der arabischen Welt eine Art „zweite Währung“ geworden. Während also Männer immer können müssen, wird Frauen unterstellt, immer zu wollen. Und so kommt es zu Komplikationen. Da die Frau „die Ehre“ der Familie ist, hat sie sich, von anderen Männern fernzuhalten. Es gibt neben der ehelichen Gewalt und der Übergriffe in der Öffentlichkeit drei große Disziplinierungsmaßnahmen, um Frauen in Schach zu halten: erstens den Schleier, der die Frau vor anderen Männern verbirgt. 90 Prozent der Ägypterinnen sind inzwischen verschleiert.

Werkzeuge der Unterdrückung

Zweitens die trotz Ächtung praktizierte Genitalverstümmelung [Beschneidung], der 90 Prozent der ägyptischen Frauen ausgesetzt sind. Drittens die Kontrolle der Jungfräulichkeit. Shereen el Feki schildert, wie tief die Tradition der Beschneidung unter den ägyptischen Frauen verwurzelt ist. Sie unterhält sich mit einer daya, einer Hebamme, die nicht nur Geburtshelferin ist, sondern auch die Tradition der sexuellen Kontrolle ausübt. El Feki erörtert die Vorgänge um die Beschneidung so, als handele es sich dabei um einen Friseurbesuch.

Ausführlich und nahegehend schildert sie die religiösen und traditionellen Argumente dieser Körperverletzung, die an Frauen von Frauen praktiziert wird, und irritiert mit der Anmerkung, dass die aus dem Westen finanzierten Initiativen gegen Beschneidung vielen Ägypterinnen fremd sind, weil sie meinen, das sei ein Mittel gegen „zügelloses weibliches Verlangen“.

Die dritte Disziplinierungsmaßnahme gegenüber Frauen ist der „Hymenbeweis“, der Jungfräulichkeitstest. Der Mann hat das Recht auf ein uneingeschränktes Sexualleben, schreibt el Feki, aber die Frau muss Jungfrau sein, wenn sie in die Ehe geht. Um überhaupt die Hochzeitsnacht als Unberührte zu erreichen, müssen die jungen Leute sich vorher etwas einfallen lassen, wenn sie Sex haben wollen. Das Durchschnittsalter der Bräute in Ägypten ist inzwischen 24 Jahre, ähnlich in Tunesien.

Analverkehr zur Empfängnisverhütung

„Es wird eine Menge Analverkehr praktiziert,“ berichtet eine tunesische Medizinstudentin. „Offen gesagt, weil die Mädchen glauben, dass sie auf diese Weise ihre Jungfräulichkeit behalten können.“ El Feki lässt mehrere Männer zu Wort kommen, die erst in der Ehe erfuhren, dass „von hinten“ nicht der Weg ist, um Kinder zu zeugen.

Wenn die Jungfräulichkeit auf der Strecke geblieben ist, wird um das Gesicht zu wahren, eine Hymenrekonstruktion beim Gynäkologen vorgenommen. Auch das finden einige Imame akzeptabel, wird doch die Ehre und das Ansehen der Beteiligten damit gewahrt. Und das ist in der islamischen Kultur das Entscheidende.

Die Entjungferung wird dann in traditionellen Familien in der Hochzeitsnacht nicht auf „fränkische Art“, also vom Mann mit seinem Glied, sondern nach „ländlicher Art“ durch die daya, Hebamme, entweder mit dem Finger oder „mit einem mit weißem Tuch umwickelten Rasiermesser,“ vorgenommen, „wobei der Bräutigam zusieht und die Mütter anwesend sind“.

Das ganze Land geht auf dem Strich

„Das ganze Land geht auf dem Strich“ sagt eine von der Autorin als Sexarbeiterin vorgestellte Jihane [arabischer Name]. Prostitution ist in Ägypten und Tunesien verboten, aber männliche wie weibliche „Sexarbeit“ allgegenwärtig. Illegal oder religiös legitimiert in „Sommerehen“. Homosexualität ist sowohl vom Islam wie per Gesetz verboten und durchgehend diskriminiert, aber allgegenwärtig und seit Harun al-Rashids Berichten aus 1001 Nacht in der Kultur vorhanden. Schwul, so ist gängige Auffassung, ist der „passive“, nicht der penetrierende Partner beim Sexualakt.

Das Buch bietet erstmals eine große Zahl von neuen Informationen aus der für Fremde verschlossenen Welt. Es ist ein großes Verdienst der Autorin, dass sie eine Öffnung in die Mauer des Schweigens geschlagen hat und vor allem den Muslimen Material an die Hand gibt, um aus dem Schweigen herauszutreten und die eigene Haltung zu reflektieren.

Necla Kelek
Necla Kelek (Bild links) ist Soziologin und hat zuletzt das Buch „Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen – eine Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko“ veröffentlicht. [Gebundene Ausgabe: 18,99 Euro, als Download (Kindle): 16,99 Euro]

Sie [ Shereen el Feki] beschreibt die prägende Kraft des Islam in Kultur und Tradition, zwar ohne genauer die sich daraus erwachsenen gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die patriarchalischen Strukturen zu benennen, wie etwa den Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Leben. Interessanter wäre die Lektüre noch gewesen, wenn Shereen el Feki ihre Position zu den Debatten moderner arabischer Soziologinnen und Geschlechterforscherinnen wie der Marokkanerin Fatima Mernissi und der ägyptischen Ärztin Nawal El-Saadawi skizziert hätte.

Doch Shereen el Feki geht ihren eigenen Weg. Sie zeigt schonungslos und ehrlich, unter welchen Bedingungen Frauen und Männer miteinander leben und wie ihr Sexualleben in der Realität der Zitadelle aussieht. El Feki hat für uns das Tor zur Zitadelle des Schweigens aufgestoßen. Es wird sich nicht so leicht wieder schließen lassen.

Shereen el Feki: Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt (Aus dem Engl. von Thorsten Schmidt. Hanser, Berlin. 415 S., 24,90 €) - [Kindle Edition (Download): 18,99 Euro]

Quelle: Islam und Sex: Die arabische Lust in allen Details



Das Versagen der Islamkonferenz gegenüber Kindern     Top

Seit Jahren beschäftigen sich muslimische Funktionäre mit Fragen der Religion. Wie die Religion Frauen und Mädchen besser stellen kann, ist ihnen gleichgültig. Damit muss endlich Schluss sein.

Von Necla Kelek

Thema bei der Islamkonferenz ist unter anderem Geschlechtergerechtigkeit im Islam. Im islamischen Geschlechtermodell werden Frauen und Männer unterschiedlich behandelt.

Es ist verräterisch vielsagend, dass die Deutsche Islamkonferenz (DIK) keine Maßnahmen empfiehlt, die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern, sondern sich vorrangig dem Recht der Eltern widmet, deren religiösen Auffassungen durchzufechten.

Offenbar setzt die DIK darauf, die religiösen Gruppen zu stärken, um die Muslime in Deutschland zu befrieden. Die herrschenden Konflikte werden hingegen allenfalls moderiert; es wird Symbolpolitik betrieben. Integration wird als Sozialarbeit verstanden. Dieses Verhalten lässt sich auch während der jüngsten Runde der Islamkonferenz wahrnehmen. Sie hätte eher darüber reden sollen, wie sich die Stellung der Mädchen verbessern lässt. Drei Aspekte halte ich für entscheidend:

1. Das Kopftuch ist ein Stigma

Mädchen vor dem 14. Lebensjahr mit dem Kopftuch in die Schule zu schicken hat nichts mit Religionsfreiheit oder dem Recht der Eltern auf Erziehung zu tun, sondern ist ein Verstoß gegen die im Grundgesetz garantierte Menschenwürde und gegen das Diskriminierungsverbot.

Streng religiöse Muslime und ihre Interessenverbände missbrauchen die in Deutschland durch die Verfassung garantierte Freiheit der Religionsausübung hingegen, um das islamische Geschlechtermodell der unterschiedlichen Behandlung von Männern und Frauen durchzusetzen.

2. Das Kopftuch ist nicht islamisch

Es gibt keine religiöse Verpflichtung, ein Kopftuch zu tragen. Ich kann mich dabei auf den Koran und die Überlieferungen berufen. Man(n) kann so tun, als sei das Kopftuch im Islam religiös geboten, aber der Koran lässt auch andere Interpretationen zu.

Wer das Kopftuch will, ist Traditionalist und interpretiert die Überlieferung im eigenen Interesse. In Deutschland gehört er damit zu der Minderheit von Muslimen, die diese Religion nicht spirituell, sondern als Gesetz begreifen und einen „Scharia-Islam“ vertreten.

3. Ich bin für das Recht auf Kindheit

Kinder haben das Recht, so lange wie möglich an allen Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten der Schulen teilzuhaben. Nur wenn sie sich ohne Bevormundung und Eingrenzung durch religiöse Vorschriften entwickeln, werden sie zu verantwortungsbewussten Mitgliedern der Gesellschaft werden.

Das Recht auf Schulbildung hat Vorrang vor der Religionsfreiheit der Eltern. Auch hier gilt: Religion ist nur Teil der Freiheit, sie kann nicht über der Verfassung stehen. Schulen sind für mich die „Integrationsagenturen“ schlechthin. Hier müssen wir den gesellschaftlichen Freiraum für Kinder schaffen. Hier muss unsere Gesellschaft die Möglichkeit haben, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen.

Die säkularen Muslime sollten sich dagegen wehren, die Interpretation ihrer Religion den anderen [den radikaleren Muslimverbänden] zu überlassen. Was dies bedeutet, kann man an alltäglichen, aber auch an anderen extremen Beispielen erörtern. Alltäglich ist zum Beispiel die Frage, ob „religiöse Regeln“ wie das muslimische Verbot, Schweinefleisch zu essen, Auswirkungen auf das Angebot von Schulkantinen hat. Niemand zwingt einen Vegetarier oder einen Muslim, ein Würstchen zu essen. [1]
[1] Warum wird im Kindergarten und in den Schulkantinen das Schweinefleich abgeschaft? Mit gleicher Berechtigung könnten die Hinduisten fordern, das Rindfleisch abzuschaffen und die Vegetarier fordern, Fleisch ganz abzuschaffen. Es ist eine Unverschämtheit, daß in den Kantinen das Schweinefleich abgeschafft wird. Wenn den Muslimen das Essen nicht passt, dann sollen die doch auf Schweinefleisch verzichten oder woanders essen gehen. Wieso muss sich die Mehrheit eigentlich der muslimischen Minderheit unterordnen? Weil die linken Idioten (Linke, Grüne, Sozialdemokraten) und selbst die Christdemokraten sich lauthals für die Muslime einsetzen. Warum wählt ihr diese Idioten dann noch, sagt unser Hausmeister.
Aber in der Praxis isst dann nicht der eine Lamm- und der andere Schweinewürste, sondern der gemeinsame Akt der Mahlzeit wird unterbunden. Das schweinische Würstchen verunreinigt gleichsam den Ort.

Mit einem „Schweinefleischesser“ darf man sich als Muslim grundsätzlich nicht an den Essenstisch setzen. Ich habe erlebt, dass sich eine muslimische Frauengruppe weigerte, zum Adventskaffee in die christliche Nachbargemeinde zu gehen, weil sie dort etwas essen müsste, das in der „unreinen“ Gemeindeküche zubereitet worden ist. [2]
[2] Am besten, sie gehen dahin zurück, wo sie hergekommen sind. Sollen sie ihren mittelalterlichen Islam doch dort ausleben und in Armut dahinvegetieren. Mann wäre ich froh, wenn wir die Muslime endlich wieder los sind, sagt unser Hausmeister.
Es gibt Schulkantinen, in denen nur noch „halal“, also koschere Speisen angeboten werden und die im Fastenmonat Ramadan den Betrieb einstellen. Kurzum: Die „religiösen Regeln“ werden nicht individuell gelebt, sondern als kollektives Recht in Anspruch genommen. Sollten wir nicht eher eine Grenze zwischen den Wertvorstellungen verschiedener Kulturen und den Grundsätzen des säkularen Rechtsstaates ziehen? Ich glaube schon!

4. Schluss mit den Parallelgesellschaften

Ein anderer Bereich ist das Wirken von Friedensrichtern in den muslimischen Gemeinden. Ihr Wirken ist von der Politik und der Justiz lange ignoriert worden. Erst als der Fernsehjournalist Joachim Wagner seinen profunden Bericht über die islamische Paralleljustiz „Richter ohne Gesetz“ veröffentlichte, gab es einige Debatten.

Schnell ging man aber dazu über, die Angelegenheit kleinzureden. Friedensrichter oder Schlichter seien so etwas wie Mediatoren, die im Zweifelsfall der Justiz die Arbeit abnähmen und zum gesellschaftlichen Frieden beitrügen, hieß es. Was man dabei vergisst: Die Schlichtung oder Urteilsfindung ist eng mit dem Islam verknüpft. [Mit anderen Worten: Männer werden bevorzugt, Frauen haben kaum Rechte.]

Auf Nachfrage geht es bei der Streitschlichtung in der Moschee angeblich nur um Familienangelegenheiten. Aber es gibt ausreichend Belege dafür, dass sich die Vorbeter sowohl in Strafsachen einmischen als auch darum sorgen, dass den Ehrvorstellungen muslimischer Männer Genüge getan wird.

Die Dramatik einer solchen Schattenjustiz scheint in der Politik noch nicht angekommen zu sein. Wenn „dem religiösen Leben“, also der Scharia, faktisch rechtliche Geltung zugeschrieben wird, dann ist es schwierig, sich gegen die Selbstjustiz der Clans zu wehren, auch wenn gebetsmühlenhaft betont wird, dass natürlich das Grundgesetz gilt.

Von den inzwischen über vier Millionen Muslimen in Deutschland leben die meisten nicht in einer Parallelwelt. Sie sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Es gibt Schriftsteller, Filmemacher, Ärzte, Kaufleute, Handwerker et cetera. [3]
[3] Ich vertraue keinem Muslim. Wenn's drauf ankommt, schlagen sich mehr als 90 Prozent von ihnen auf die Seite des Islam, der Scharia. Das geht sogar so weit, daß sie bereit sind Nichtmuslime zu töten, wenn der Imam sie dazu auffordert. Ihr werdet noch an meine Worte denken, sagt unser Hausmeister.
Die meisten von ihnen sind mit der Parallelgesellschaft nicht einverstanden. [4] Ihre Stimmen müssen endlich Gehör finden. Das muss nicht heißen, auf den Islam zu verzichten. Jeder einzelne Muslim, jede einzelne Muslima kann als Bürger oder Bürgerin seinen/ihren Platz in der deutschen Gesellschaft finden, ohne den spirituellen Sinn und die Vielzahl der islamischen Glaubensriten auf- oder preiszugeben. Ich habe die Hoffnung, dass dies gerade in Deutschland möglich ist.
[4] Ob die meisten Muslime mit der Parallelgesellschaft nicht einverstanden sind, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls haben fast alle Muslime, mit denen ich gesprochen habe, den Islam eisern verteidigt. Sie hatten nichts dagegen einzuwenden. Ganz im Gegenteil, ihre Sympathie mit den Islamisten war meist recht groß. Sie würden lieber die Nichtmuslime töten, als den Islam zu kritisieren, sagt unser Hausmeister.
Die Anmerkung in eckigen Klammern sind vom Admin.

Quelle: Das Versagen der Islamkonferenz gegenüber Kindern



Necla Kelek: Sozialdemokratischer Kniefall     Top
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Die Bremer Professorin Yasemin Karakasoglu (Bild links). Peer Steinbrück hat mit Yasemin Karakasoglu eine Wissenschaftlerin in sein Kompetenzteam berufen, die fragwürdige Ansichten zur Integration vertritt.

Die in Bremen lehrende Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakasoglu ist als Migrationsforscherin bekannt und steht nun im Kompetenzteam des Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, und zwar für Bildung und Wissenschaft. Sie gehört dem Sachverständigenrat der deutschen Stiftungen für Integration und Migration an. Erstmals in der Öffentlichkeit trat Karakasoglu im Jahr 2000 als Gutachterin im sogenannten Kopftuchstreit auf. Damals nannte sie die Kopftuchträgerinnen die „glücklichen Töchter Allahs“; ein Kopftuchverbot käme einer „deutschen Fatwa“ gleich. Sie bezog ihre wissenschaftliche Überzeugung aus einer qualitativen Befragung von 25 türkischen Pädagogikstudentinnen.

Als ich fünf Jahre später mit derselben Methode arbeitete und in meinem Buch „Die fremde Braut“ [gebraucht 0,04 Euro] auf das Problem der „arrangierten Ehen“ in der türkisch-muslimischen Gemeinschaft aufmerksam machte, war das für Karakasoglu eines der „reißerischen Pamphlete, in denen eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt werden“.

Mit insgesamt 60 „Migrationsforschern“ veröffentlichte sie in der „Zeit“ unter dem Titel „Gerechtigkeit für Muslime“ ein Traktat gegen mich, Ayan Hirsi Ali und andere, das nach Einschätzung des Journalisten Thierry Chervel [1] „zu den niederträchtigsten Dokumenten der intellektuellen Geschichte der Bundesrepublik“ gehört, weil es nur darauf angelegt war, die Reputation der kritischen muslimischen Frauen zu zerstören. Dass Karakasoglu danebenlag, zeigte die aus dem Buch entstandene Debatte, die der Bundestag mit einem Gesetz gegen Zwangsverheiratung und einer Reform des Zuwanderungsgesetzes beendete.
Thierry Chervel
[1] Thierry Chervel, geboren 1957, hat in Berlin Musikwissenschaften studiert. Er war Redakteur bei der „taz“ (Film, Musik, Tagesthemen), freier Autor bei der „FAZ“ und anderen Zeitungen, Kulturkorrespondent für die „Süddeutsche Zeitung“ in Paris und Redakteur auf der Berliner Seite der „Süddeutschen“. Thierry Chervel ist Mitbegründer des „Perlentauchers“. Er hat auch an der Website für seinen jüngst verstorbenen Vater Marc Chervel mitgearbeitet.
Wenn Karakasoglu jetzt sagt, es sei ihr damals nur um Differenzierung und Klärung des Umstands gegangen, Ehrenmorde und Zwangsheirat hätten nichts mit dem Islam zu tun, dann rechnet sie mit dem kurzen Gedächtnis der Öffentlichkeit, oder sie kennt ihre eigenen Texte nicht. Sie selbst hat damals den Zwang zur Heirat im traditionellen türkischen Milieu verteidigt!

Während die Professorin auch andere Forscher wie den Soziologen Wilhelm Heitmeyer als „rassistisch“ markierte, weil er in einer Studie auf die erhöhte Delinquenz [Straffälligkeit] bei muslimischen Jugendlichen hinwies, suchte sie andererseits die Nähe islamistischer und konservativer Islamfunktionäre und Zeitungen.

Wenn Karakasoglu und mit ihr Steinbrück und die SPD mit dem Stichwort „Partizipation“ der Einwanderungspolitik neuen Schwung verleihen wollen, liegen sie ganz auf der Linie der islamischen und türkischen Lobbyisten. Das passt zur Politik der SPD, deren Vorsitzender in Wahlkämpfen gern von Moschee zu Moschee eilt, um alte Männer zu hofieren, auf dass sie ihr Kreuz auf dem Wahlzettel bei seiner Partei setzen.

Die SPD hat immer auf Emanzipation und Bildung gesetzt. Heute ist stattdessen von Teilhabe, Diversität [Vielfalt] und Vielfalt die Rede, was meint, dass man um des lieben Friedens willen auch antiemanzipatorische und von archaischen Vorstellungen geprägte Gruppen als gleichwertig akzeptiert. Die „Augenhöhe“, von welcher der SPD-Innenpolitiker Thomas Oppermann spricht, ist nur durch den eigenen Kniefall auf den Gebetsteppich zu erreichen. Wie zuletzt die Personalie Karakasoglu zeigt, ist die SPD dazu inzwischen offenbar bereit. [2]
[2] Peer Steinbrück's und Sigmar Gabriel's weitere Kniefälle:
Peer Steinbrück will getrennten Schwimmunterricht für Moslems!
Gabriel will Tagesschausprecherin mit Kopftuch
Will Gabriel (SPD) eine Tagesschau-Sprecherin mit Kopftuch?
Necla Kelek: Streiterin für Frauenrechte: Die Deutschtürkin Necla Kelek ist promovierte Sozialwissenschaftlerin, Publizistin und Frauenrechtlerin. Sie ist vielfach preisgekrönt und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt: „Hurriya heißt Freiheit. Die arabische Revolte und die Frauen – eine Reise durch Ägypten, Tunesien und Marokko“. [gebraucht ab 9,67 Euro]

Quelle: Sozialdemokratischer Kniefall



Der politische Islam bleibt eine Gefahr für uns alle     Top

Monika Maron und Necla Kelek über Freiheit: ob in Ägypten, der Türkei oder Deutschland

Von Andrea Seibel

Necla Kelek Monika Maron
Necla Kelek Monika Maron

Seit Jahren sind sie befreundet und veranstalten einen geistreichen, mittlerweile in Berlin gerühmten politischen Salon: die Schriftstellerin Monika Maron und die Autorin Necla Kelek. Ihr Befremden über vieles, was in Deutschland geschieht, rührt von ihrer beider Herkunft: der ostdeutschen und der türkischen. Wo immer man sich mit beiden trifft, es wird viel diskutiert, aber auch viel gelacht, und geraucht. Auch dies eine Freiheit, auf der Monika Maron besteht.

Die Welt:

Viele, mit denen man spricht, empfinden die Veränderungen in unserem Land frappierend: die Attraktivität Berlins, die Stabilität der Wirtschaft, das Gefühl, ja, wir sind eine Einwanderungsgesellschaft geworden. Integration ist, aller Kritik an Missständen zum Trotz, in unserem Land besser gelungen als in Frankreich oder Großbritannien. Wie sehen Sie das? Vergesst Sarrazin und Buschkowsky?

Monika Maron:

Offenbar habe ich andere, weniger optimistische Gesprächspartner. Mir kommt es vor, als führen wir in einem zwar ziemlich komfortablen Zug, wüssten aber nichts Genaues über den Zustand der Gleise, nicht einmal, ob sie nicht irgendwo auf halber Strecke im Schotter enden. Aus einem geheimnisvollen Grund scheint es aber verboten zu sein, den Zug anzuhalten, um die Lage zu überprüfen. Wir wissen nicht, wohin die unendliche Euro-Rettung uns führt; wir sehen zu, wie nationale demokratische Institutionen Macht und Bedeutung verlieren, ohne dass sie schon eine europäische Entsprechung hätten; ich weiß nicht, wer die chaotische Energiepolitik durchschaut, ich jedenfalls nicht.

Und die Probleme mit der Integration sind offenbar über Nacht verschwunden, wenn man der Berichterstattung trauen würde. Sarrazin wurde so oft zum Rassisten ernannt, bis die Behauptung als akzeptierte Wahrheit galt. Und Buschkowsky hat man seinen Buchtitel als Bumerang an den Kopf geworfen: Neukölln sei eben nicht überall. Die deutsche Öffentlichkeit krankt an Sprech- und Denkverboten. Wer an der Klimapolitik zweifelt, wird schnell zum Klimaleugner.

Wer diese Euro-Rettung und Europapolitik nicht will, gilt als europafeindlich oder nationalistisch, auf jeden Fall als populistisch. Wer den Islam in seiner derzeitigen Verfassung für nicht kompatibel mit einer offenen, demokratischen Gesellschaft hält, wird als islamophob oder sogar fremdenfeindlich diffamiert. Wir leben in einer freien Gesellschaft mit verfassungsrechtlich geschützter Meinungsfreiheit, und ich verstehe nicht, wie ein solches Meinungsdiktat, das ja durch die Bevölkerungsmehrheit nicht gedeckt ist, überhaupt zustande kommen kann.

Necla Kelek:

Monika, das ist nicht neu. Robert Musil [österreichischer Schriftsteller, Philosoph und Theaterkritiker] hat diese Gleichzeitigkeit als "Parallelaktion" im "Mann ohne Eigenschaften" bereits für das Jahr 1913 resümiert. Vieles, vor allem sich Widersprechendes, geschieht gleichzeitig. So auch heute. Einerseits ist die Geschichte der Zuwanderung eine deutsche Erfolgsgeschichte. [?] Über 16 Millionen Bürger nichtdeutscher Herkunft leben in diesem Land. 80 Prozent von diesen Einwanderern haben keine Probleme, können hier eine Zukunft aufbauen und dabei ihre Identität wahren und haben das Land bereichert und weitergebracht. [1]
[1] Wenn ich bedenke, wieviel von diesen Menschen von der Sozialhilfe leben, wie viele von ihnen kriminell sind und wie sie Deutschland langfristig verändern [islamisieren], dann sehe ich das keineswegs als Erfolgsgeschichte, sondern als eine unerwünschte Einwanderung bzw. Besetzung, die von den Linken gewollt wird, um die christliche Kultur und die westliche Zivilisation zu zerstören. Diese unerwünschte Einwanderung wird nicht nur die Sozialsysteme zerstören, sondern sie führt zu einer Zunahme von Gewalt, Kriminalität, zur Verwahrlosung unserer Städte und endet mit großer Wahrscheinlich in einem Bürgerkrieg. [siehe auch: Michael Mannheimer: „Katholizismus ausschalten“].
Niemand verlangt von einem Einwanderer, dass er seine Tradition verleugnet oder aufgeben muss. Diese Traditionen sind aber meist mit den Werten unserer Gesellschaft kompatibel [?], und die meisten haben keine Probleme, einen Platz, eine Nische für sich und ihre Gruppe zu finden.Andererseits ist die Integration gescheitert. Probleme haben diejenigen, die Kultur nicht als Konsens, sondern als Differenz leben wollen. Bestimmte Ethnien, Gruppen und ihre Verbände verfolgen eine andere Agenda, eine Politik des sich Ausgrenzens. Sie haben ein abweichendes Menschen- und Weltbild, haben andere Wertvorstellungen und ein anderes Rechtsverständnis.

Diese Gruppe ist fast ausschließlich im Umfeld der in konservativen Islamverbänden organisierten Scharia-Muslime zu finden. Wir reden bei diesen sich selbst ausgrenzenden Migranten über eine Gruppe von weniger als 1,5 Millionen Bürgern [2]. Gleichzeitig sind dies, zusammen mit den Lobby-Organisationen der türkischen Gemeinde, diejenigen Vertreter, die sich am lautesten als benachteiligt zu Wort melden und selbst den Eindruck erwecken, sie seien arm dran. Allen voran die türkische Lobby. Sie redet nicht von "Integration" oder Multikultur, sondern von "Partizipation", von Teilhabe. Es geht darum, unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit die eigenen Lebensvorstellungen als Gruppe durchzusetzen oder ihre nationale Identität zu pflegen und eine Parallelwelt zu legitimieren.
[2] Gehen wir einmal davon aus, diese Gruppe der Muslime, die sich nicht integrieren möchte, besteht aus 1,5 Millionen Menschen (etwa 2 % der deutschen Bevölkerung). Dann sollten wir nicht vergessen, daß diese Gruppe in Zukunft durch die Geburtenrate immer größer wird. Sind es heute 2 %, so sind es in 20 Jahren vielleicht bereits 20 %. Und wir sollten nicht vergessen, daß sich beim Islam stets die radikale Minderheit durchgesetzt hat. Was das bedeutet, kann sich jeder ausmalen.
Das Konzept der Emanzipation, das im Kern besagt, dass man freie und gleiche Bürger für die Zivilgesellschaft braucht, hat die Politik aufgegeben, auch die Sozialdemokraten. Leute wie Heinz Buschkowsky werden ja, wenn sie Probleme benennen, gemobbt. Und wer Thilo Sarrazin zugehört hat, kommt auf die Isolierstation. Für viele Migrationsforscher, Integrationsbeauftragte und die von ihnen beratenen Politiker ist die Gesellschaft divers, vielfältig, indifferent.

Was aber bedeutet, dass man um des lieben Friedens willen auch anti-emanzipatorische [frauenfeindliche] und von archaischen Vorstellungen, Traditionen und Kulturen geprägte Gruppen als gleichwertig zu akzeptieren hat. Diese Diversität [Forderungen, Sonderwünsche] wird aber ausschließlich von den konservativen Muslimen und ihren Freunden, aber weder von den Polen, den Vietnamesen oder Spaniern verlangt. Man könnte einmal fragen, warum.

Welt:

Und dann blicken wir auf die Salafistengefahr, die radikalisierten Islamisten, die nach Syrien oder Afghanistan fahren und dort kämpfen: Wir denken an die Berliner Rede Obamas, der sagte, dass geheimdienstliche Überprüfung von Daten auch in Deutschland Attentate verhindert hätte, wir denken an die Sauerlandbomber und die jüngsten Durchsuchungen bei Islamisten, die mit Spielflugzeugen [Modellflugzeugen] Anschläge planten, wir sehen den NSU-Prozess mit seinen schrecklichen Verbrechen an einer Reihe von Migranten und fragen uns: Wie bringen wir das zusammen?

Kelek:

Die Salafisten sind die militante Speerspitze des fundamentalistisch-politischen Islam, der ins Mittelalter zurückstrebt. Sie bedrohen unsere Sicherheit im Inneren und wie aktuell auch den Politologen Abdel Hamed Samad in Ägypten mit dem Tod. Der nun abgesetzte Muslimbruder Mursi wollte einen Sprecher von salafistischen Terroristen zum Gouverneur in Luxor machen, und in Tunesien wollen die gleichen Leute das Recht der Frauen auf Scheidung abschaffen.

Wir müssen begreifen, dass von diesen Gruppen ein Krieg gegen den Westen geführt wird. Ein Krieg gegen unsere Werte und unseren Frieden. Diese militanten Islamisten und Dschadisten haben, wie Abdel Hamed Samad sagt, keine andere Ideologie als die Faschisten und Rechtsterroristen. Auffällig ist, dass die konservativen Islamverbände, die gegen den Rechtsradikalismus aufstehen, nichts tun, um in den eigenen Reihen eine offensive Auseinandersetzung mit den Islamfaschisten zu führen. Das ist die pure Heuchelei. Der Grund ist nicht nur ideologischer, sondern auch ganz profan finanzieller Natur. Einige Islamverbände und Moscheebauten erhalten wie die Salafisten ihre Mittel aus den gleichen Quellen. Und die sprudeln in Katar und Saudi-Arabien.

Maron:

Es widerstrebt mir, die Bezeichnung NSU zu benutzen. Drei schreckliche junge Menschen sind jahrelang, getrieben von einem wahnhaften Ausländerhass, mordend durch das Land gezogen. Sie selbst haben sich den bombastischen Namen Nationalsozialistischer Untergrund gegeben, der klingt und klingen sollte, als handele es sich dabei um eine große nationale Bewegung, die es aber nicht war, auch wenn ein Kreis mehr oder weniger aktiver Unterstützer sie umgab. Als die Umstände dieser Taten, vor allem auch das Versagen der Behörden bei ihrer Aufklärung, bekannt wurden, hielt das ganze Land fassungslos und beschämt den Atem an. [3]
[3] Ich bin mir keineswegs sicher, ob die NSU nicht im Auftrag des Verfassungschutzes gemordet hat.
Der Präsident des Verfassungsschutzes trat zurück, Untersuchungsausschüsse wurden einberufen, die Kanzlerin und der Bundespräsident entschuldigten sich öffentlich bei den Familien der Opfer, eine Reform der Ermittlungsbehörden wurde beschlossen. Der Schock sitzt uns bis heute in den Gliedern. Ich halte diese Reaktionen alle für angemessen. Ich hielte es aber auch für angemessen, dass die türkischen Verbände und ihre Repräsentanten unser Entsetzen und unser Mitgefühl zur Kenntnis nähmen, statt uns allen permanente Fremdenfeindlichkeit zu unterstellen und das erschütterte Vertrauen in den deutschen Staat zu beschwören. [4] Wenn es gilt, dass trotz mordbereiter Salafisten und Islamisten die Mehrheit aller Muslime in Deutschland friedlich ist, dann gilt das ebenso für die Deutschen, trotz Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe.
[4] Die Türken hätten genug zu tun, wenn sie sich um die Probleme in der Türkei kümmern würden. Sie haben wirklich keinen Grund, mit dem Finger auf die Deutschen zu zeigen. Wenn es ihnen in Deutschland nicht gefällt, dann sollen sie doch in ihre geliebte Türkei gehen. Ich wäre froh, sie endlich los zu werden.

Und mir sind die Deutschen viel zu friedlich. Sie haben offenbar noch gar nicht begriffen, wie ihre Zukunft an den Islam verkauft wird. Hätten sie es begriffen, dann würden sie keine der etablierten Parteien mehr wählen und sie hätten schon längst zum Generalstreik aufgerufen. Aber sie scheinen wohl erst zu begreifen, wenn die Muslime ihre Forderungen mit Gewalt durchsetzen und dem braven deutschen Michel die Kehle durchschneiden, sagt unser Hausmeister.
Welt:

Wolfgang Schäuble sagte als Innenminister schon 2007, "der Islam ist Teil Deutschlands", und niemand regte sich auf. Wieso dann der Furor rund um Wulff 2010 mit seinem Satz: "Der Islam gehört zu Deutschland"?

Maron:

Wie immer Schäuble seine Aussage gemeint hat, aber die Formulierung "der Islam ist Teil Deutschlands" besagt nicht mehr, als dass der Islam nun in Deutschland eingezogen ist, ob es uns gefällt oder nicht. Der Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" enthält ein Bekenntnis und damit eine Provokation für alle, die im Islam eine unaufgeklärte Religion mit weltlichem und politischem Anspruch erkennen.

Kelek:

Die Muslime gehören ja auch zu Deutschland. Der Islam kann wie zum Beispiel der Buddhismus und das Christentum in Deutschland gelebt werden. Die Toleranz hört aber auf, wo mit dem Recht auf Religionsfreiheit versucht wird, die Dominanz der Religion über die Verfassung zu erlangen. Herr Schäuble hat dies meiner Meinung nach damals auf den anstehenden Diskurs der Islamkonferenz um religiöse Freiheiten bezogen. Wulff hat mit seiner Formulierung hingegen den Eindruck erweckt, diese Auseinandersetzung sei nun beendet. Und das ist sie nun wirklich nicht.

Welt:

Wie empfinden Sie heute Ihre Position? Ihre Mahnungen und anhaltende Kritik an der Unfreiheitlichkeit und Vormoderne radikalreligiösen muslimischen Denkens wird gerne als Islamophobie denunziert. Fühlen Sie sich in Ihrer Position isolierter?

Kelek:

Ganz im Gegenteil! Seitdem ich 2005 mein Buch "Die fremde Braut" [gebraucht 0,06 Euro] veröffentlicht habe, haben einige meiner Analysen und Vorschläge eine gesellschaftliche Debatte ausgelöst und sind direkt oder indirekt in Gesetzesvorhaben, wie im Gesetz gegen Zwangsheirat oder die Einführung einer Altersgrenze bei der Familienzusammenführung, eingegangen. Ich habe erreicht, dass über die Rolle und Funktion des politischen Islam in Deutschland und seiner Verbände kritisch nachgedacht wird. "Islamophobie" ist wie viele ähnliche Begriffe eine Kampfvokabel, mit der Religionskritik als krankhaft und bösartig charakterisiert werden soll.

Dieser Begriff stammt aus Riad [Saudi-Arabien]. Er ist von der islamischen Weltliga und zeigt die große Schwäche der islamischen Theologie. Da man sich inhaltlich nicht auseinandersetzen will, werden kritische Stimmen persönlich diffamiert und ausgegrenzt. Und wenn das nicht klappt, gibt es eine Fatwa [islamisches Rechtsgutachten]. Sieht man allerdings in die Geschichte, so wird man feststellen, dass Zweifel und Kritik vor allem an Religion die Menschheit weitergebracht hat. Das begann in der Antike vor Sokrates, und ohne die Fundamentalkritik Luthers an der katholischen Kirche, ohne Kant und Lessing, ohne Bertrand Russell, um nur einige zu nennen, wäre unsere Welt eine andere, sicher keine bessere.

Der Islam hat das noch vor sich. Ich bilde mir meine Meinung eben nicht nur theoretisch, sondern aus Anschauung vor Ort, Gesprächen mit den Menschen. Vor einigen Monaten galten meine Beschreibungen der Verhältnisse in der Türkei und der Politik Erdogans noch als überzogen und randständig. Heute teilen von Markus Söder bis Cem Özdemir alle meine Einschätzung. Und Claudia Roth, die noch vor Monaten Erdogan am liebsten um den Hals gefallen wäre, musste jetzt bittere Tränen weinen. Gegen Tränengas half die ideologische Brille dann doch nicht.

Welt:

Schauen wir nach Ägypten, Syrien und die Türkei: Die Sprache der Herrschenden ist eine autokratische, die Menschen verachtende, von Verschwörungstheorien durchtränkte. Welchem Land geben Sie die meisten Chancen für eine Weiterentwicklung?

Kelek:

Erdogan wie Mursi sind demokratisch an die Macht gekommen, haben aber ein Problem mit der Bildung eines Rechtsstaates. Und ihr Demokratieverständnis beruht nicht auf Bürgerbeteiligung. Das würde nämlich bedeuten, dass sie akzeptieren, dass der Staat den Einzelnen und den Minderheiten die gleichen Rechte gewährt wie ihren eigenen Wählern. Mursi wurde nun vom Militär entmachtet, aber was kommt? [5] Ägyptens Ausgangslage ist äußerst schlecht. Die Muslimbrüder wurden groß, weil sie mit dem Geld aus Saudi-Arabien Krankenstationen und Armenspeisungen anbieten konnten und die Menschen der Meinung waren, diese Almosen kämen von Allah.
[5] Mein Gefühl ist, daß es auf absehbare Zeit in Ägypten keinen Frieden geben wird. Eines der Hauptprobleme in Ägypten ist die enorme Geburtenrate. Dies führt dazu, daß es viele junge Leute gibt, denen man eine Ausbildung und eine Arbeit geben müsste. So viele Ausbildungs- und Arbeitsplätze kann man aber gar nicht erschaffen, denn dafür ist weder das Geld noch der Bedarf vorhanden. Die Jugend Ägyptens wird also weiterhin in Armut leben und dagegen rebellieren.

Schon Samuel Huntington hatte in seinem Werk „Kampf der Kulturen“ auf dieses Phänomen hingewiesen: „Junge Menschen sind die Protagonisten von Protest, Instabilität, Reform und Revolution.“ Dabei sah auch Huntington den Nährboden für die gewaltbereiten islamischen Fundamentalisten nicht in der Religion selbst: „Ich glaube nicht, dass der Islam per se gewalttätiger ist als irgendeine andere Religion. Entscheidend ist der demografische Faktor. Im Allgemeinen sind die Leute, die andere töten, Männer im Alter zwischen 16 und 30.“ [Quelle] [6]

[6] Ich stimme nicht darin überein, daß der Islam nicht gewalttätiger ist als andere Religionen, daß zeigen allein die über 21.000 Terrorattentate seit dem 11.09.2001. Was aber auch zu bedenken ist, sind die Verwandtenheiraten. In Ägypten heiraten etwa 50 % aller Ägypter innerhalb der eigenen Verwandtschaft. Etwa jeder zweite Ägypter, Iraker, Libyer, Jordanier, Omani, Saudi, Emirati oder Palästinenser entstammt aus einer „Verwandtenehe“. Das Risiko, einen niedrigeren IQ als 70 zu haben, steigt bei solchen Beziehungen um etwa 400 Prozent. Solche Menschen neigen eher dazu ihre Unzufriedenheit mit Gewalt auszutragen.
Nun steht Ägypten vor einer bankrotten Wirtschaft, die Muslimbrüder hatten keinen Plan B. Die Kornkammer Afrikas muss Weizen einführen, den sie nicht bezahlen kann. Im Ölland Ägypten gibt es kein Benzin. Die Kulturschätze wagt sich kein Tourist anzuschauen, weil Salafisten in Oberägypten regieren. Die Jugend hat keine Perspektive, stattdessen versucht man, die Reste der westlichen Kultur wie das Ballett und die Oper abzuwürgen. Die Lage Ägyptens ist desolat. Es ist ein "failed state". Wieder einmal wird der Westen finanziell helfen müssen. [Warum eigentlich? Damit sie uns weiter terrorisieren können?]

Die Entwicklung in der Türkei ist erfreulich und bedrohlich zugleich. Erdogan hat der anatolischen Bevölkerungsmehrheit eine Stimme, eine Identität gegeben, die ihnen von den Kemalisten verweigert wurde. Er hat den Armen Straßen, Wasser und Strom gebracht, das Gesundheitswesen reformiert, die Slums beseitigt. Dafür hat er Rückhalt im größten Teil der 76 Millionen Menschen. Auch bei uns lobt man ihn zu recht für seine wirtschaftlichen Erfolge. Viele übersehen aber, dass dieser Aufschwung nicht aus gestiegener Produktivität, also aus eigener Kraft, sondern über den Konsum und Kredite erkauft wurde.

Noch nie waren der türkische Staat wie die Privathaushalte so hoch verschuldet wie heute. Die AKP [Partei Erdogans] hat die unter den Militärs erstarrte Wirtschaft dereguliert, große Teile der Ressourcen des Landes verkauft und finanziert damit große Infrastrukturmaßnahmen. Erst wurden überall Moscheen gebaut, jetzt Einkaufszentren. Shoppen und Beten scheint das Geschäftsmodell zu sein. Eine innovative Industrie fehlt aber nach wie vor. Auch wenn türkische Politiker anderes behaupten, ohne Europa hat die Türkei keine Perspektive. Die EU sollte deshalb selbstbewusst auf ihren Kriterien bestehen.

Die zivile Opposition in der Türkei muss sich unter diesen schwierigen Bedingungen neu erfinden, wenn der Widerstand von Dauer sein soll. Der stumme Mann vom Taksim-Platz ist ein treffendes Bild vom noch hilflosen Protest dieser anderen Türkei.

Welt:

Der proeuropäische Protest in Istanbul hat die Türkei den Deutschen wieder nähergebracht. Das ist doch gut, oder?

Maron:

Ich hoffe, dass der Konflikt, der zwischen säkularen und konservativ-religiösen Kräften gerade in der Türkei ausgetragen wird, endlich auch die türkische Community in Deutschland ermutigt, ihre unterschiedlichen Positionen offen zu diskutieren. Viele säkulare Türken, Perser und Kurden sehen die Probleme sehr ähnlich wie Necla und ich. Die Annahme, es handele sich hier um Probleme zwischen Muslimen und Deutschen, ist falsch. In der Türkei rebellieren Hunderttausende gegen Erdogans islamisch geprägte Politik, die er über seine Institutionen auch in Deutschland verbreiten lässt. Ich hoffe, dass wir gerade unter den Türken oder türkischen Deutschen in Zukunft viele Gleichgesinnte finden werden.

Welt:

Der Streit dauert ewig: Ist die Türkei Teil Europas oder nicht? Ist eine Aufnahme in die EU reformfördernd oder grundsätzlich falsch?

Maron:

Zwischen 1975 und 2011 hat sich die Bevölkerung der Türkei fast verdoppelt auf knapp 75 Millionen. Die Prognose für 2050 rechnet mit 95 Millionen Menschen. Damit wäre die Türkei das bevölkerungsreichste Land der EU. Im vergangenen Jahr waren Necla und ich in Batman, einer kleinen Stadt in Südostanatolien, wo wir eine Gruppe großartiger Frauen unterstützen. Wer auch nur einen kleinen Einblick gewonnen hat in das Leben jenseits von Istanbul, Ankara oder Izmir, dem fällt es schwer, sich die Türkei als Mitglied der Europäischen Union vorzustellen.

Die Frage ist doch nicht, ob eine Mitgliedschaft die Reformen in der Türkei befördern würde, sondern ob die Mitgliedschaft der Türkei für die EU überhaupt nur zu verkraften wäre. Für eine Mitgliedschaft sprechen offenbar vor allem geostrategische Interessen. Aber schon jetzt, unter den Belastungen der Krise, erweist es sich als Fehler, dass die EU die kulturellen Unterschiede ihrer Mitglieder bisher zugunsten ökonomischer und strategischer Interessen vernachlässigt oder sogar ignoriert hat.

Kelek:

Ich persönlich hoffe, dass die Europäer jetzt endlich aufwachen und erkennen, dass Modernisierung nicht identisch ist mit Demokratisierung. Wir müssen sehen, dass die Türkei in zwei Lager gespalten ist, wie auch die drei Millionen Türkischstämmigen in Deutschland zwei Lager bilden. Die anatolisch [kurdisch] und religiös Geprägten wollen die Islamisierung mithilfe der AKP auch in Europa. Die anderen wollen Europa so, wie es ist. Die Debatte über den politischen Islam muss konsequent weitergeführt werden, weil sie den Kern unserer Freiheit betrifft.

Die Anmerkungen in eckigen Klammern sind vom Admin.

Quelle: Der politische Islam bleibt eine Gefahr für uns alle

Dr. Necla Kelek: Das Kopftuch gehört nicht zu Deutschland!     Top

Dr. Necla Kelek
Entscheid des deutschen Bundesverfassungsgerichts ist falsches Signal

Das Kopftuch und die Freiheit der Frauen

Necla Kelek

Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat kürzlich pauschale Kopftuchverbote für Lehrpersonen in öffentlichen Schulen für verfassungswidrig erklärt – und so dafür gesorgt, dass ein alter Streit wiederaufflammt. – Die Soziologin Necla Kelek nimmt Stellung.

Das deutsche Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat entschieden, dass das Grundrecht auf Glaubensfreiheit es auch Lehrerinnen in öffentlichen Schulen grundsätzlich erlaubt, aus religiösen Gründen ein Kopftuch zu tragen; Verbote dürften nur in konkret zu prüfenden Einzelfällen ausgesprochen werden. Mit seinem Beschluss hat das Gericht in die Debatte darüber, welcher Islam zu Deutschland gehört, eingegriffen. Und es hat, wie Regina Mönch in der „FAZ” schreibt, die Debatte „ausgerechnet in jenen Teil des öffentlichen Raumes verlegt, in dem gerade nicht offen und fair und folgenlos darüber gestritten werden kann: in die Schulen”. Auch Alice Schwarzer in der „Emma” oder Andrea Seibel in der „Welt” empören sich darüber, auf diese Weise ein „Symbol der Unfreiheit” zu legitimieren.

Manche männliche Kommentatoren wie Heribert Prantl („Süddeutsche Zeitung”) sehen es hingegen ähnlich wie Ali Kizilkaya, Vorsitzender des konservativen deutschen Islamrats, der sagte: „Eine kopftuchtragende Lehrerin ist ein positives Rollenmodell für muslimische Mädchen.” Prantl schreibt: „Wenn eine muslimische Lehrerin, die für diesen Staat und seine Grundordnung einsteht, ein Kopftuch trägt – dann ist das eine gute Botschaft.” Vertreter der Linkspartei begrüssen den Richterspruch ebenso wie die Alternative für Deutschland (AfD) als „klug”, während die Sozialdemokraten sich über dessen Einschätzung streiten und die CDU ihn kritisiert.

Schlag ins Gesicht

Für mich ist dieser Entscheid ein Schlag ins Gesicht aller muslimischen Mädchen, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollen. Die Entscheidung ist lebensfremd, weil sie vorgibt, tolerant gegenüber Religionen zu sein, dabei aber den Schutz von Frauen und Kindern vernachlässigt. Es bestärkt die konservativen und reaktionären Kräfte im Islam, die behaupten, das Kopftuch sei die einer muslimischen Frau angemessene oder vorgeschriebene Kleidung. Es ist wie Asche im Mund, aber der Jahrzehnte währende Streit um das Kopftuch ist aus mehreren Gründen eine Art Lackmustest für die Reformfähigkeit des Islams.

Das Gericht mischt sich zudem in die innermuslimische Debatte um die Frage ein, ob die Verschleierung eine Propheten- oder eine Pascha-Tradition ist. Selbst diejenigen, die den Koran wörtlich nehmen, finden im Koran keine eindeutigen Verse für die Verschleierung. Der die Brust schützende Schleier, als nächtlicher Schutz der Frauen des Propheten gegen übergriffige Männer empfohlen, ist längst das Manifest der Apartheid, ein besitzanzeigendes Stück Stoff geworden. Liberale muslimische Frauen in aller Welt wehren sich gegen diese Bevormundung. Doch das Gericht hat sich auf die Seite der konservativen Männer geschlagen und fällt damit diesen Frauen in den Rücken.

Angesichts dessen, dass sich Schüler und Eltern, wie ein anderer höchstrichterlicher Entscheid vor zwanzig Jahren besagt, gegen Kruzifixe an den Wänden von Klassenzimmern aussprechen können, erscheint der neue Karlsruher Beschluss verstörend. Zumal es um einen Ort geht, an dem der Staat Kindern Freiheit, Selbstverantwortung und Gleichberechtigung nahezubringen hat. Die Befürworter des Urteils verweisen auf die vorgebliche Freiheit der Frauen, sich kleiden zu dürfen, wie sie wollen. Sie argumentieren für Toleranz, in Verkennung der autoritativen [autoritären] Texte, der Geschichte und der islamischen Tradition. Das Kopftuch ist in muslimischen Ländern wie Saudiarabien und Iran Zwang und zu keiner Zeit und nirgendwo ein Zeichen von Emanzipation oder Freiheit gewesen.

Wer meint, das Kopftuch sei eine Mode, sollte auch zur Kenntnis nehmen, dass die Befreiung vom Kopftuch in muslimischen Ländern seit mehr als hundert Jahren ein Kampf um Frauenrechte war und ist. Das Kopftuch sei nicht, so Heribert Prantl, „aus gefährlichem Stoff”, sondern nur „ein kleines Bekenntnis, ein religiöses Symbol”. Ja, das stimmt, es ist ein religiöses Symbol, aber nicht annähernd so harmlos, wie Prantl meint. Die negative Wirkung der Verschleierung auf das gesellschaftliche Miteinander wird bagatellisiert, ist aber gewiss. Ich behaupte: Je mehr Frauen Kopftuch tragen, desto weniger werden sie ihr eigenes Leben führen, berufstätig und selbständig sein können. Von den politischen Funktionsträgerinnen, die ihr Kopftuch als Uniform tragen und vor die Gerichte ziehen, einmal abgesehen.

Indizien

Für Deutschland kann ich die negativen Auswirkungen nicht beweisen, weil es keine Studien dazu gibt. Ich kann nur mit einer kleinen Beobachtung dienen. Vor zwei Wochen habe ich in einem Nachhilfeprojekt in Berlin-Neukölln mit einem Dutzend türkischer und arabischer Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren über ihre Zukunftsaussichten gesprochen. Alle gingen noch zur Schule und äusserten den Wunsch, eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Aber fast alle waren sich darüber im Klaren, dass dies nur ein frommer Wunsch bleiben wird.

Sie sahen ihre Zukunft eher so: Sobald sie etwa 16 sind, werden die Väter sie von der Schule nehmen, sie werden einen Cousin oder einen von den Eltern ausgewählten Mann heiraten. Dann werden sie Kinder bekommen und in ein paar Jahren arbeiten gehen müssen, weil das Geld für das Auto, die Wohnung oder die Hochzeit der Schwester oder des Bruders gebraucht wird. Sie werden Kopftuch tragen, weil die Familie es so will, und putzen gehen müssen, weil sie nichts lernen durften. In Neukölln oder im Wedding sind das, wie ich aus langjähriger Beobachtung weiss, die typischen Lebensläufe junger muslimischer Frauen, die in traditionellen Familien leben.

Ein anderes Indiz aus der Türkei. Seit dem Regierungsantritt der AKP stieg die Zahl der kopftuchtragenden Frauen von geschätzt einem Drittel auf zwei Drittel. Gleichzeitig sank die Erwerbsquote von Frauen im gleichen Zeitraum von knapp 50 auf derzeit 22 Prozent. (Zum Vergleich: In der Schweiz lag sie 2012 bei 73,6 Prozent.) Das ist direkte Folge einer Politik, die die Frauen unter den Schleier zwängt und dorthin zurückhaben will, wo sie nach traditionellem Verständnis „freiwillig” hingehört, nämlich ins Haus. Je strenggläubiger die Männer der Familie sind, desto weniger können Frauen ohne die Erlaubnis der Männer das Haus überhaupt verlassen.

Natürlich gibt es Frauen, die das Kopftuch aus Überzeugung, mit Stolz oder aus Tradition tragen. Solange sie es im privaten Rahmen für sich tun, ist das ohne Frage ein Grundrecht. In Deutschland ist man so frei, sich zu unterwerfen. Für andere Frauen erscheint die Verhüllung identitätsstiftend. In ihrer Wirkung ist sie eine Selbstausgrenzung, wie etwa die zurzeit modischen Tattoos es auch sind.

Man will der Umwelt zeigen: Ich bin nicht wie ihr. Bei einigen Frauen macht der zu knappen Jeans und engem T-Shirt getragene „türban” auch nicht den Eindruck, als wollten sich die Trägerinnen schamvoll verhüllen. Im Gegenteil: Die provozierend dekorativen Kopfaufbauten erscheinen wie ein verborgenes erotisches Versprechen einer noch gebändigten Mähne.

Irrtümer

Die Debatte um das Kopftuch im Schuldienst wird seit 1998 vor Gericht geführt. Begonnen hat den Streit die aus Afghanistan stammende Lehrerin Fereshta Ludin, die mit und für Milli Görüs tätig gewesen ist. Der konservative Islamverband versucht systematisch, islamischen Sitten und Regeln auf allen Ebenen eine Art legalen Status zu verschaffen. Ob für das Kopftuch, das Schächten, gegen den Schwimmunterricht für Mädchen, für Gebetsräume in Schulen – stets wird durch die Anrufung von Gerichten versucht, in Musterprozessen religiöse Rechte einzuklagen. Was auf politischer Ebene wie in der Deutschen Islamkonferenz nicht durchsetzbar scheint, wird vor Gericht gebracht. Der Weg scheint lang, aber wie der jüngste Entscheid des Verfassungsgerichts zeigt, erfolgreich zu sein.

Auch auf politischer Ebene kommen die Vertreter des politischen Islams ihrem Ziel allmählich näher. Es ist ihnen gelungen, dass die unabhängigen säkularen Kräfte aus der Deutschen Islamkonferenz entlassen wurden und nur noch die Verbände von der Regierung als Vertreter der Muslime akzeptiert werden.

Die grosse Koalition – besonders die Sozialdemokraten tun sich da hervor – agiert gegenüber den Verbandsvertretern verständnisvoll und wohlwollend. Das ist in der gegenwärtigen Situation, in der der politische Islam auf internationaler Ebene immer aggressiver und bedrohlicher vorgeht – und zum Beispiel in der Türkei islamische Politiker die Demokratie zu erdrosseln scheinen –, verwunderlich.

Es wäre wünschenswert, wenn auch die Sozialdemokraten die unabhängigen muslimischen Kräfte an Universitäten und in der Öffentlichkeit stärkten. Die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU hat realisiert, dass es jetzt darum gehen muss, die muslimischen Kräfte, die eine Reform ihrer Religion einfordern, zu stärken. Sie hat eine Konferenz organisiert, in der unabhängige säkulare Muslime ihre Positionen formulieren können. Durch den Karlsruher Gerichtsbeschluss ist der Kampf gegen das Kopftuch in der Schule wieder auf der Agenda.

Die Verankerung des Kopftuchs im öffentlichen Leben ist für den konservativen Islam von enormer Bedeutung, symbolisiert es doch die Akzeptanz der ungleichen Behandlung von Männern und Frauen durch die westliche Gesellschaft. Und es ist das Zeichen eines anderen Gesellschaftsmodells. Wir sollten diese Auseinandersetzung ernst nehmen und nicht den Irrtum begehen, dies nur als eine Auseinandersetzung um Toleranz und Vielfalt zu deuten. Es geht um die Freiheit von Frauen und den säkularen Staat.

gegendenstrom [#2] schreibt:

Es gibt nur noch islambefürwortende Urteile in Deutschland. Es wird alles getan, damit der Islam in Deutschland fest betoniert wird. Kindergärten, Schulen und Moscheen sprechen Bände. Muß man nicht mehr drüber diskutieren. Das Problem läßt sich nicht mehr friedlich lösen! Die Absichtserklärungen von Pegida in allen Ehren, aber mit diesen Demos werden wir unsere Freiheit nicht mehr zurückbekommen!

Meine Meinung:

Es könnte sein, dass "gegendenstrom" recht hat. Und wenn ich dann noch lese, daß die Deutsche Islamkonferenz alle unabhängigen säkularen Kräfte entlassen hat, so daß nur noch die radikalen Muslime daran teilnehmen, frage ich mich, sind die deutschen Politiker eigentlich alle geisteskrank? Danke liebe linke, rot-grüne und christenhassende (CDU) Volksverräter. Ich wünsche, ihr werdet dafür eines Tages zur Rechenschaft gezogen.

Mir scheint, die Deutschen wachen erst auf, wenn der Dschihad auf den Straßen tobt. Die Franzosen sind offenbar genau so "intelligent". Sie wählen in großer Mehrheit den Christdemokraten Nicolas Sarkozy, der schon einmal große Versprechen abgab und dann kläglich versagte. Die Menschen wollen das, was auf sie zukommt, einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Lieber vertrauen sie den etablierten Parteien, die sie in den Untergang führen.

Mir scheint, die etablierten Parteien, besonders Die Linke, die Grünen und die Sozialdemokraten sind längst von Muslimen unterwandert. Sie setzen sich immer stärker für die Interessen der muslimischen Wähler ein. Dagegen setzen sie sich nur noch bedingt für die Interessen der deutschen Wähler ein, allenfalls für die sogenannten Gutmenschen, die in der Regel keine Ahnung vom Islam haben und die immer noch daran glauben, die Muslime würden sich integrieren. Sie gehören zu den Menschen, die vor der Realität die Augen verschließen, weil sie sie nicht ertragen können. Also belügen sie sich selber und träumen weiterhin ihren Multikultitraum, der früher oder später in einem Albtraum enden wird.

1 [#12] schreibt:

Da Lehrer und Lehrerinnen eine Vorbildfunktion ausüben, kann sich jeder demken, wohin die Reise in deutschen Klassenzimmern zukünftig gehen wird. Die islamischen Mädchen der Klasse werden noch stärker dazu gedrängt, ein Kopftuch tragen zu müssen wie die Kopftuch-Lehrerin, den Rest erledigen die Moslemschüler in der Klasse durch Terror und Gewalt Auch deutsche und nichtmuslimische Mädchen wird man zum Kopftuch zwingen.

Wenn nicht, werden sie gemobbt, sexistisch beleidigt, genötigt, vergewaltigt, und was sonst noch alles der islamischen Tradition entspricht, wenn die Frau nicht tut was der islamische Herrenmensch von ihr verlangt… [1] Wird nicht lange dauern, steht die erste Burka-Lehrerin vorm Verfassunggericht, und klagt ihr Lumpengefängnis [Burka] als “Freiheit” ein, auch wenn niemand sehen kann, wer wirklich unter den Stofflumpen steckt… Deutschland im Schweinsgalopp zum islamischen Staat!
[1] Genau dieser Prozess läuft schon an französischen Schulen. Und daß in Großbritannien etwa 1 Millionen minderjährige Mädchen von muslimischen Sexbanden vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen wurden, dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein.

Frankreich - Prostitution unter Schülern - 5.000 Mädchen betroffen
Necla Kelek warnt davor, die muslimischen Flüchtlinge den Islamverbänden zu überlassen     Top

necla_kelekIn diesem Jahr kommen mindestens 1 Million Flüchtlinge nach Deutschland. Etwa 80 Prozent davon sind Muslime. Die Islamverbände, allen voran DITIB, Milli Görüs und der Zentralrat der Muslime reiben sich bereits die Hände, denn es ist klar, worum es ihnen geht. Es geht ihnen darum, Deutschland weiter zu islamisieren, die Macht der Islamverbände weiter auszubauen und den Einfluss in der Politik weiter zu erhöhen.

Die deutschen Parteien sind allzu bereit, sich den Forderungen der Muslime anzuschließen, denn sie wünschen sich Muslime als Wähler, um ihren Machterhalt weiter zu festigen und auszubauen. Darum sind sie allzu bereit, den Forderungen der Muslime nachzukommen und die Bedenken, die allseits geäußert werden, zu ignorieren.

Und genau vor diesem unreflektierten Verhalten warnte die in Istanbul geborene Sozialwissenschaftlerin und Publizisten Necla Kelek (Bild). Sie forderte, den muslimischen Zuwanderern deutliche Grenzen aufzuzeigen, denn mit ihnen kämen massive "ethnische, religiöse und kulturelle Konflikte" auf Deutschland zu.

Ich kann dies nur bestätigen, denn gestern bewegte ich mich wieder einmal in einer islamischen Parallelwelt, die von Drogen, Kriminalität und religiösem Fanatismus gekennzeichnet ist und war wieder einmal entsetzt. Wenn das das neue Deutschland ist, dann gute Nacht. Der soziale Abstieg Deutschlands schreitet immer weiter voran. Wir holen uns vielfach ungebildete und verrohte Menschen ins Land, die oft ein asoziales Verhalten zeigen, die keine berufliche Perspektive haben, sich auf Kosten des deutschen Steuerzahlers in die soziale Hängematte legen und sich nicht selten durch Drogenhandel, Prostitution, Überfälle, Einbrüche und andere kriminelle Delikte bereichern.

Necla Kelek wies auf die Gewalt in den Flüchtlingslagern hin, die nicht nur zwischen Christen und Muslimen herrscht, sondern auch zwischen verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagte hierzu:

„Nach unseren Erkenntnissen kommt es leider an vielen Orten – nicht nur in Kassel und in Hamburg –  sehr gezielt und gut vorbereitet nahezu täglich zu ethnischen oder religiös motivierten gewaltsamen Auseinandersetzungen.“

„Da dreschen junge, testosterongesteuerte Männer im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander ein. Das sind keine Rempeleien, die der Enge des Raumes geschuldet sind, was daran zu sehen ist, dass die Asylbewerber zum Teil mit Waffen aufeinander losgehen, die sie zuvor aus Möbeln selbst gebastelt haben – in Ermangelung anderer Waffen“.

Diese gewalttätigen Auseinandersetzungen finden oft nicht spontan aus einer aufgeheizten Stimmung heraus statt, sondern sie finden auch ganz gezielt und gut vorbereitet statt. Jetzt finden sie noch innerhalb der Flüchtlingsheime statt, später aber wahrscheinlich auf unseren Straßen und dann gehören bestimmt auch die Deutschen zu den Opfern. Rainer Wendt in den Deutsch-Türkischen-Nachrichten:

„In den Flüchtlingsunterkünften gibt es flächendeckende vorbereitete und organisierte Massenschlägereien und Kämpfe. Wir reden hier nicht nur von Rangeleien, sondern von richtigen Machtkämpfen zwischen verschiedenen Gruppen, die verschiedene ethnische und religiöse Hintergründe haben oder/und Clan-Mitglieder sind. Dabei kommen Waffen zum Einsatz.”

Rainer Wendt weist darauf hin, dass die Migranten ihre ethnischen und religiösen Konflikte nach Europa transportieren. Auf die Frage, ob es Einzelfälle seien oder ob die Zahlen der Gewalttaten zunehmen, sagte er:

„Wir haben Berichte über Attacken von Islamisten gegen Christen mitbekommen. Diese haben sich in den Unterkünften abgespielt. Doch es ist nicht zielführend, wenn wir das Konfliktpotenzial auf die Ethnie oder die Religion eingrenzen. Denn zahlreiche Missbrauchs- und Gewaltakte werden gegenüber Frauen und Kindern verübt. Das berichten insbesondere die Frauenverbände in Hessen und Niedersachsen.”

„Man kann keine bestimmte Ethnie oder Religionsgemeinschaft ausmachen. Die meisten Konflikte finden ohnehin innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft, in dem Fall mehrheitlich Muslime, statt. Wir dürfen nicht vergessen: In den Heimatländern sind die meisten Opfer von Islamisten keine Christen, sondern Muslime. Eine religiöse Trennung ist deshalb nicht zielführend.”

Die Gewalt richtet sich also nicht nur gegen Christen, sondern sie findet auch innerhalb der islamischen Glaubensgemeinschaft und zwischen den verschiedenen Ethnien statt und sie richtet sich auch gegen Frauen und Kinder, die sexuell belästigt, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen werden.

Necla Kelek ist dies natürlich alles bekannt und sie warnt davor, dies so weiter laufen zu lassen, sondern ihm Einhalt zu gebieten. Was mir dabei an Necla Keleks Aussagen nicht so gefällt, ist offensichtlich ihre Annahme und Hoffnung, man könne dies durch gutes Zureden und durch Einsicht bei den Migranten bewirken. Da bin ich nicht ganz so hoffnungsvoll. Was erforderlich ist, sind eindeutige Gesetze, die den Migranten unsere Kultur vermitteln und die aufzeigen, was geschieht, wenn man dagegen verstößt. Was erforderlich ist, ist ein Einwanderungsgesetz, welches die Rechte und Pflichten der Migranten beschreibt.

Necla Kelek weist darauf hin, dass zwei Drittel der jungen Männer, die durch die Flucht nach Europa kommen, jünger als dreißig Jahre sind und häufig den Wunsch haben, Frauen und Kinder ebenfalls nach Deutschland zu holen. Dafür habe ich sogar Verständnis. Aber ich stelle mir die Frage, warum dürfen bei der Familienzusammenführung auch Vater und Mutter, Onkel, Tanten und andere Verwandte ebenfalls nach Deutschland kommen? In Kanada und Australien wird das nur gestattet, wenn die Familien, die ihre Familienmitglieder nachträglich ins Land holen, selber für die Kosten aufkommen und sie nicht die Sozialhilfe in Anspruch nehmen.

Im Vordergrund, steht neben dem Asylgrund, der meistens nicht einmal vorhanden ist, das Interesse des deutschen Staates, Menschen in Deutschland aufzunehmen, die bereit sind, sich zu integrieren, sich an den deutschen Gesetzen zu halten und an den Zukunftsaufgaben mitzuwirken. Mit der Aufgabe, alle Probleme der Welt lösen zu können, wäre Deutschland ohnehin überfordert, obwohl viele Gutmenschen, Flüchtlingsverbände (Pro Asyl, u.a.), Kirchen, karikative Asylverbände und natürlich die Islamverbände dies überhaupt nicht einsehen wollen. Wenn es nach ihnen ginge, sollte jeder willkommen sein, der nach Deutschland möchte. Schließlich leben sie alle gut davon und der deutsche Steuerzahler zahlt bereitwillig.

Necla Kelek weist in ihren Beitrag auch auf die Sozialisation hin und darauf, dass die Migranten mit ganz anderen religiösen, kulturellen und politischen Vorstellungen aufgewachsen sind, die nur entfernt von Selbstbestimmung, Freiheit und einer demokratischen Kultur bestimmt waren. Meist gab es dort keine Gleichberechtigung, keine Toleranz gegenüber anderen Religionen und weder Meinungsfreiheit, noch Pressefreiheit.

„Sozialisiert wurden sie in einem islamischen Land, in dem seit Jahren Krieg herrscht: in Afghanistan seit über dreißig Jahren, im Irak seit über zehn und in Syrien seit fast fünf Jahren. Ihre Sozialisation und kulturelle Prägung ist von Gewalt, der Unterwerfung der Frauen durch die Männer, des einzelnen unter die religiöse Gemeinschaft, die Familie, den Clan geprägt… Einige sind sicher auch vor diesen Plagen geflohen. Aber alle kommen mit einer kulturellen Prägung hierher, die sich von dem libertären Freiheitsbegriff unserer Zivilgesellschaft fundamental unterscheidet.”

Viele Migranten sind durch die Kriege in ihren Ländern traumatisiert. Außerdem kommen sie aus einer Kultur, die einen ganz anderen Umgang mit der Gewalt hat. Das Durchsetzen der eigenen Interessen mittels Gewalt, wird dort viel stärker akzeptiert. Dort wird dann statt zu diskutieren, oft sehr schnell Gewalt angewandt, und zwar sowohl in der Erziehung, als auch gegenüber den Frauen.

Und wenn ich allein diesen Punkt, die Einstellung vieler Muslime zur Gewalt bedenke, dann sehe ich schwarz. Ich glaube nicht, dass es gelingen wird, an dieser Haltung etwas zu verändern. Das haben uns auch die Muslime gezeigt, die schon seit mehreren Generationen in Deutschland leben. Viele schaffen es nicht, sich aus ihrer islamischen Geisteswelt zu befreien. Sie haben den Islam seit ihrer Geburt wie eine Gehirnwäsche aufgesogen, die ihr ganzen Denken und Handeln bestimmen.

Und selbst, wenn sie in ihren Heimatländern bereits begonnen haben, die eigene Kultur und Religion zu hinterfragen, was ja schon ein ganz großer Fortschritt ist, auch dann wird es immer noch schwer, sich in die europäische Kultur und Mentalität zu integrieren. Die ganz große Mehrheit der Muslime wird diesen Schritt nicht schaffen, denn da ist niemand, der ihnen dieses Wissen vermittelt.

Oft fehlt es auch an Intelligenz und Bildung und am Mut, sich aus der islamischen Gemeinschaft zu lösen, die die Menschen wie eine Krake in ihren Armen gefangen hält. Sie bleiben Gefangene ihrer islamischen Geisteswelt. Sie tragen den Islamchip im Kopf, der durch den Koran, die Imame, die Moscheen, die Koranschulen, den islamischen Staat, die islamischen Medien und die islamische Gemeinschaft programmiert wurde.

Necla Kelek weist darauf hin, dass es nicht reicht, die deutsche Sprache zu lernen, was ja immerhin schon ein Fortschritt ist, denn früher lebten viele Muslime jahrzehntelang in Deutschland, ohne kaum ein Wort deutsch zu sprechen.

„Es wird nicht reichen, ihnen die Sprache beizubringen oder zu erklären, wie man im Supermarkt einkauft. Sie müssen lernen, die eigene Freiheit und die der anderen zu respektieren. Sie müssen Gewohnheiten ablegen, sich ändern, wenn sie in dieser Gesellschaft ankommen wollen.”

Was Necla Kelek besonders am Herzen liegt, ist ihre Bitte, man könnte auch sagen, ihre Forderung, diese Aufgabe, nicht den konservativen Islamverbänden zu überlassen, weil von denen nicht zu erwarten ist, dass sie die geschilderten Probleme ernst nehmen, zumal der Vorsitzende des Islamischen Zentralrates, Aiman Mazyek, im Jahre 2011 in einem Welt-Online-Interview, sagte, dass die Scharia und die Demokratie seiner Ansicht nach vereinbar seien.

Necla Kelek forderte sogar dazu auf, die konservativen Islamverbände zu entmachten und die muslimischen Immigranten dem Einfluss der Moscheevereine zu entziehen, denn sie sieht die Islamverbände als islamische Interessenvertreter, die von der  Türkei, Kuwaits, Katar und Saudi-Arabiens finanziert werden. Diese Islamverbände werden versuchen, die neu in Deutschland angekommenen Muslime in ihre Gemeinden zu integrieren, aber nicht in die deutsche Gesellschaft.

„Das bedeutet aber auch, dass die aufnehmende Gesellschaft weiß, was sie will. Dass sie nicht nur die äußeren Grenzen sichert, sondern auch im Zusammenleben Grenzen aufzeigt: Keine Gewalt, keine Diskriminierung Andersgläubiger, keine Frauenapartheid. Regeln und Werte, die uns selbst gelegentlich allzu selbstverständlich erscheinen, die für viele aber neu sind.”

„Wir müssen auch strikt darauf achten, dass die Moscheevereine diese Menschen nicht – unter dem Deckmantel der Hilfe – in ihren alten Mustern des konservativen Islam bestätigen. Wer eine Gesellschaft in Gläubige und Ungläubige teilt, wer nicht kritisch mit dem Gewaltpotential des Islam wie aller Religionen umgeht, der hat im Integrationsplan nichts zu suchen.”

Den Islamverbänden passt diese Meinung Necla Kelek’s natürlich überhaupt nicht. Der Islam-Funktionär Bekir Alboga, Beauftragter für interreligiösen Dialog der „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (Ditib), der dem Dachverband für 900 islamische Ortsgemeinden vorsteht, weist ganz scheinheilig darauf hin, dass die Ditib keineswegs unter der Leitung der türkischen Regierung steht. Wie heißt es doch so schön: „Wes’ Brot ich ess’, des’ Lied ich sing.” Sollte er doch einmal Entscheidungen gegen die türkische Religionsbehörde treffen, dann ist der Geldhahn schneller zugedreht, als er gucken kann.

Und Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Islamischen Zentralrates, der sich natürlich über die islamische Massenimmigration nach Deutschland freut, kann er seine Islamisierungsträume Deutschlands nun wohl noch schneller umsetzen, bezeichnet Necla Kelek gerne als „Einschlägig bekannte Islamhasserin”. Diese Kritik aus dem Munde Mazyek’s ist wohl eher eine Auszeichnung, würde er sich  doch wahrscheinlich jedem Islamkritiker gegenüber so äußern, zumal diese Einstellung ihn daran hindert, sich selber kritisch mit dem Islam auseinander zu setzen. Jedenfalls lehnte Aiman Mazyek es auf Nachfrage der Deutschen Welle (Qantara) ab, sich zu Necla Kelek’s Forderungen zu äußern.

Hier der ganze Gastbeitrag von Necla Kelek bei focus.de: Flüchtlinge müssen sich ändern, wenn sie in dieser Gesellschaft ankommen wollen

Necla Kelek: Deutschland und die muslimischen Zuwanderer     Top

Massen von muslimischen Zuwanderern strömen derzeit nach Deutschland in der Hoffnung, ein besseres Leben zu finden. Bereits vorher gab es Schwierigkeiten mit der Integration. Und was soll jetzt sein?

Im Jahr 2014 wurden in Deutschland etwa 175 000 Asylanträge gestellt. Von den Asylbewerbern waren 72 Prozent Muslime, 66 Prozent Männer und von diesen 68 Prozent unter dreißig Jahre alt. Die Zuwanderer sind also in der Mehrheit junge Männer muslimischen Glaubens. Dieses Geschlechter-Missverhältnis wird nicht so bleiben, denn diese Männer sind im heiratsfähigen Alter, und ihre Frauen oder Bräute könnten darauf hoffen, bald nachzukommen. In diesem Jahr rechnet man mit mindestens 800 000 Asylanträgen.

Diese Art von Familienvereinigung führte bereits vor zehn Jahren zu kaum lösbaren Problemen bei der Integration. Man richtete verpflichtende Deutsch- und Integrationskurse für die Partner ein. Damals kamen 15 000 bis 20 000 Ehepartner und Ehepartnerinnen ins Land, und der Integrationserfolg war trotz dem hochsubventionierten Plan bescheiden.

Nun haben wir es vielleicht mit 500 000 oder einer Million Neuankömmlingen zu tun. Zurzeit bietet das deutsche Bundesamt für Migration 50 000 Plätze in Sprachkursen an. Nur mit einem „Wir schaffen das” ist das nicht getan. Das Geld ist offenbar da, aber weder die Politik noch die Gesellschaft sind auf die Aufgaben vorbereitet. Man kann mehr Betten bauen und mehr Brötchen backen, aber woher will man die Lehrer nehmen?

Es fehlen indes nicht nur die Lehrer, sondern auch die Konzepte. Denn es kann und muss nicht nur um Sprachschulung gehen, sondern auch darum, die Werte unserer Zivilgesellschaft zu vermitteln. Gerade die in einer islamischen Gesellschaft sozialisierten jungen Männer bringen eine andere Kultur mit.

Die Freiheit erlernen

Das Prinzip der Unterwerfung der Frau gegenüber dem Mann, der Herrschaft der Gemeinschaft über den Einzelnen muss kritisch benannt und überwunden werden. Die Muslime müssen unsere Werte akzeptieren lernen. Sie sollen die Freiheit des Einzelnen und das Recht auf Religion ebenso erfahren wie das Recht anderer billigen, frei von Religion zu leben. Gelingt dies nicht, werden sie sich in eine Parallelgesellschaft zurückziehen, wie die Erfahrung zeigt.

Auch Freiheit muss man lernen und nicht nur, wie man einen Asylantrag ausfüllt oder im Supermarkt einkauft. Wir wollen diese Menschen in unserer Mitte aufnehmen, aber gleichzeitig unsere Identität als soziale und demokratische Gemeinschaft bewahren. Dazu gehört, dass die deutsche Gesellschaft sich darüber klar wird, was des Pudels Kern ist. Nur wer eine gefestigte eigene Identität besitzt, kann anderen ein Beispiel sein. Wer aber führt diesen Diskurs?

Revolutionäres Projekt

Ich habe den Eindruck, die „Refugees welcome”-Kampagne ist auch so etwas wie ein nationales Wiedergutmachungsprojekt. Die einen helfen aus Nächstenliebe, andere befürworten den Zustrom von außen, weil sie hoffen, damit endlich die ersehnte Umverteilung ins Werk setzen zu können. Was der Sozialismus nicht geschafft hat, soll dank den Zuwanderern gelingen, nämlich endlich und nachhaltig die sogenannten Reichen zur Kasse zu bitten.

Linke wie Konstantin Wecker würden am liebsten die Grenzen für alle öffnen und reden von der „Kälte des Verstandes” bei jenen, die zweifeln. Solche Argumente verfangen, weil sich auf dem von Medien und Politik aufgetürmten Berg der Moral auch ohne Konzept gut predigen lässt. Wenn es schiefgeht, werden diese Moralbürger schon die Schuldigen finden.

Die Zuwanderung aus dem Nahen Osten und Afrika wird Deutschland verändern. Durch die Schaukelpolitik unserer Regierung ist der Geist aus der Flasche. Allein in der Türkei warten Millionen darauf, nach Europa aufzubrechen [siehe unten]. Sollte sich die Lage der Kurden in der Türkei verschlimmern, werden auch sie sich auf den Weg machen.

Was erwartet die Einwanderer in Deutschland? Verwahrung, Versorgung oder Integration?

Wie das alles ausgehen wird, ist völlig offen. Wettervorhersagen sind im Moment präziser als Prognosen über die Volten [Winkelzüge, unüberlegten Entscheidungen] der Regierung, die sich bald so, bald so nicht entscheiden kann. Es wird viel Geld ausgegeben im Moment, aber einen überzeugenden Plan für die Zukunft hat man nicht.

Necla Kelek, geboren in Istanbul, lebt als Sozialwissenschaftlerin und Publizistin in Berlin.

Quelle: Necla Kelek: Deutschland und die muslimischen Zuwanderer

Meine Meinung:

Was mir an Necla Kelek nicht gefällt, ist, dass sie so tut, als könnte man das Kind noch retten. Ich glaube, sie lebt ein wenig im Wunschdenken. Das mag zwar taktisch klug sein, weil man nicht so aneckt und weniger Angriffsfläche für Kritik bietet. In Wahrheit aber ist das Kind längst in den Brunnen gefallen und zwar einzig und allein aus dem Grund, weil in der momentanen Politik niemand den Arsch in der Hose hat, mutige Entscheidungen zu fällen, die nicht dem politischen Mainstream entsprechen.

Bei der Abschaltung der Kernkraftwerke ging es doch auch. Aber da schwamm man mit dem politisch korrekten Strom. Nun aber blasen solche Weicheier wie Anton der Hofreiter (der hat allerdings nur ein Schaukelpferd) von den Grünen und die linken Deutschlandhasser die Backen auf und Angela Merkel hat nicht den Mut, ihnen den Mittelfinger zu zeigen. Mensch, was wäre das für eine Kanzlerin, wenn sie einmal die deutschen Interessen in den Vordergrund stellen würde und auch Obama und Erdogan, der fleißig an der Vernichtung Deutschlands arbeitet, mal einen kräftigen Tritt in den Hintern geben würde.

Denn erstens haben wir die ganze Flüchtlingsmisere hauptsächlich der Politik des Friedensnobelpreisträgers Barack Hussein Obamas zu verdanken und zweitens schleust der Demokratie- und Christenhasser Recep Tayyip Erdogan die ganzen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten durch die Türkei, um sie über die Balkanroute nach Nordeuropa zu schicken. Dies ist der beste Weg Europa zu destabilisieren und zu islamisieren. Und Angela Merkel hat offensichtlich nicht den Durchblick diese miesen Spielchen von Obama und Erdogan zu durchschauen oder nicht den Mut dagegen etwas zu unternehmen.

Wenn Necla Kelek von Integration spricht, dann sollte sie wissen, dass diese Integration nicht stattfinden wird, weil niemand den Mut hat diese Integration von den Migranten zu fordern und zwar knallhart. Wir sollten uns auch endlich aus der Rolle des wohltätigen Samariters lösen, der den Migranten lebenslängliche Almosen zukommen lässt. Wer nicht in der Lage ist, selber seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, der bekommt das Rückfahrticket und gut is. Wir sollten auch nicht die Frage stellen, was erwarten die Einwanderer von Deutschland, sondern die Frage, was erwarten wir von den Einwanderern, denn wir sind hier nicht beim Wunschkonzert, denn dazu ist die Lage viel zu ernst.

Als ich z.B. am Wochenende in eine Parallelwelt untertauchte, lief mir das ganze Elend (der Abschaum) der dritten Welt über den Weg. Entschuldigt, ich kann es nicht anderes ausdrücken, denn genau dies war mein Eindruck. Diese Menschen werden sich niemals integrieren, sondern allenfalls die Kriminalitätsstatistik bereichern. Was haben diese Menschen hier zu suchen? Warum weisen wir sie nicht umgehend aus? Rückflug im Flugzeug auf nimmer Wiedersehen. Aber unsere Pfeifen von Politiker lassen Hunderttausende dieser Menschen vollkommen unkontrolliert einreisen. Sind die eigentlich geisteskrank? Dann gehören sie in die Irrenanstalt aber nicht in den Bundestag. Und wer ist für diese Politik verantwortlich? Niemand anders als Angela Merkel.

Necla Kelek: Flucht: "Diese Frauen sind rechtlich nicht geschützt"     Top

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Der Islam ist ihr Thema: Die in Berlin lebende Autorin Necla Kelek.

Viele der meist männlichen, meist muslimischen Zuwanderer kommen aus einer Stammes- und Clankultur, in der der Clanchef über die Männer herrscht und Männer über Frauen. Diese Werteorientierung würden die neu zugewanderten Männer nicht von heute auf morgen an der deutschen Grenze ablegen, sagt die Berliner Soziologin Necla Kelek. Sie warnt die deutsche Gesellschaft vor falsch verstandener Toleranz.

Frage: Sie zweifeln daran, dass die Integration rund einer Million meist männlicher, muslimischer Flüchtlinge gelingen kann. Warum?

Necla Kelek: Ich zweifle daran, weil ich die Strukturen, aus denen die muslimischen Flüchtlinge kommen, gut kenne. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan oder Nigeria – mithin aus Diktaturen islamistischer Prägung und aus tribalen Strukturen, nämlich aus Stammes- und Clangesellschaften. Das Konzept der individuellen Freiheit und das Recht auf den Schutz des Individuums kennen diese Länder und die Menschen, die aus diesen Ländern kommen, nicht. Dort herrscht der Mann – von Religion und Tradition legitimiert – uneingeschränkt über die Frau. Und es herrscht die Clangemeinschaft über den Einzelnen. So sind diese Länder strukturiert.

Frage: Ihrer Meinung nach könnte also die Integration vieler muslimischer Männer daran scheitern, dass diese Männer sich im Zweifelsfall islamischen Gesetzen verpflichtet fühlen – und nicht dem deutschen Recht.

Kelek: Sicher werden viele Zuwanderer auch die neue Freiheit, die Deutschland dem Einzelnen bietet, annehmen – vor allem jene Zuwanderer, die gebildet sind. Aber die meisten Flüchtlinge werden es nicht tun – denn die meisten werden nicht in der Lage sein, die Werteorientierung, der ihre Völker seit Jahrhunderten verhaftet sind, an der Grenze abzustreifen. Die meisten Flüchtlinge werden versuchen, ihre traditionelle Werteordnung auch in Deutschland zu leben, indem sie sich auf ihr Recht zur freien Religionsausübung hier in Deutschland berufen. Das wäre nicht neu. So haben das viele muslimische Zuwanderer auch in den letzten Jahrzehnten gemacht. Und dieser Weg führt zwangsläufig in eine Parallelgesellschaft.

Frage: Eine Parallelgesellschaft, in der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nicht existiert.

Kelek: Die Männer sind die Antragsteller auf Asyl. Vermutlich werden die Männer dann auch das Recht auf individuelle Freiheit, das der deutsche Staat ihnen bietet, durchaus in Anspruch nehmen. Ihren Frauen aber werden sie das nicht gestatten. Denn wenn die Männer ihre Frauen nachholen aus den Herkunftsländern, dann sind diese Frauen rechtlich nicht vom deutschen Staat geschützt. Da die nachgeholten Frauen keinen eigenen Asylantrag stellen, sind sie abhängig von dem Mann, der sie nachholt.

Frage: Das müssen Sie mir jetzt näher erklären. Wieso sollte der deutsche Staat die muslimischen Frauen nicht schützen?

Kelek: Wir reden jetzt über die Verhältnisse, die ich schon vor über zehn Jahren in meinem Buch „Die fremde Braut“ beschrieben habe. Das Problem ist, dass die Frauen, die von Männern mit Aufenthaltsrecht im Rahmen des Familiennachzugs ins Land geholt werden, nur eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Rechtlich ist also die Frau an den Mann gebunden, zu dem sie gezogen ist. Die Frau kann sich, zumindest in den ersten drei Jahren, nicht vom Mann trennen – sonst würde sie zurückgeschickt. Sie ist per Gesetz von ihm abhängig. Der Mann entscheidet, ob sie Deutsch lernt, Integrationskurse macht, arbeiten darf.

Frage: Warum kommen denn überwiegend Männer nach Deutschland?

Kelek: Ja, man wundert sich schon, dass aus Ländern, in denen Krieg herrscht, nur überwiegend Männer kommen und sie ihre Familien zurücklassen. Aber Sie glauben doch nicht wirklich, dass die Clans oder Großfamilien den Frauen gestatten würden, nach Deutschland aufzubrechen und Asyl zu beantragen? Nein, da werden die Männer als Scouts vorgeschickt, damit sie dann, wenn sie erfolgreich einen Asylantrag gestellt haben, ihre Familie nachholen. Und da offenbar von deutschen Behörden selbst Imam-Ehen anerkannt werden, kann der Mann eine Frau auch per Telefon heiraten. Imame können Ehen schließen, bei denen keiner der Ehepartner anwesend sein muss.

Frage: Die Aufnahme so vieler Flüchtlinge aus islamischen Ländern in Deutschland wird also dazu führen, dass die islamische Parallelgesellschaft wächst.

Kelek: Ja. Das sehe ich klar voraus. Wir haben jetzt vier Millionen Muslime in Deutschland, etwa zwei Millionen davon leben nach ihren eigenen Gesetzen und Traditionen mehr oder weniger in Parallelgesellschaften, also ohne wirklichen Kontakt zur deutschen Gesellschaft. Um zu verhindern, dass die Parallelgesellschaften mit den neuen Zuwanderern wachsen, bräuchten wir sehr viele Integrationsbeauftragte und sehr gute Lehrer, die die Strukturen in den Herkunftsländern kennen und auch geschlechterdifferenziert unterrichten könnten. Das haben wir nicht.

Frage: Angenommen, Deutschland leistete optimale Bildungs-, Integrations- und Aufklärungsarbeit – könnte dann die Bildung von Parallelgesellschaften verhindert werden?

Kelek: Vielleicht. Wenn tatsächlich jeder zum Integrationskurs verpflichtet würde, würde es vielleicht funktionieren. Wenn Mädchen darin bestärkt würden, Ausbildungen zu machen – auch in anderen Städten, wo der Druck der Familie nicht so stark ist. Wenn wir Patenschaften hätten, wo deutsche Familien muslimische Familien unterstützen und speziell die Mädchen fördern.

Wenn im Rahmen dieser Patenschaften drauf geschaut würde, dass Mädchen selbstständig leben, zur Schule gehen dürfen und nicht in Früh-Ehen gezwungen werden. Ein breites, bürgerschaftliches Engagement und die Bereitschaft auf muslimischer Seite, es anzunehmen, würde also gut helfen. Es wäre der einzige Weg. Aber ich bin skeptisch. Ich habe zu viele Frühehen gesehen, bei denen Mädchen von ihren Familien mit zwanzig Jahre älteren Männern verheiratet werden. Wir haben bei Terres des Femmes gerade eine Kampagne gegen Frühehen gestartet.

Frage: Aus Ihren Worten spricht ein wenig Hoffnung und ganz viel Skepsis, dass Integration, um das berühmte Kanzlerinnen-Wort zu zitieren, zu „schaffen“ ist. Glauben Sie, Deutschland kann diese Integrationsarbeit nicht leisten?

Kelek: Ich sehe nicht, dass wir darauf vorbereitet sind. Es gibt auch bei den Migrationsforschern kaum Konzepte, die differenziert auf die islamische Sozialisation und deren Folgen eingehen – und die Unterdrückung der Frau ist nur eine der Folgen. Es gibt keine Erhebungen darüber, wie Frauen in den Flüchtlingsheimen leben, wie sie hergekommen sind, wie ihre Männer ticken, wie Männer zur Freiheit der Frauen stehen.

Deutschland macht den großen Fehler, dass es den Unterwerfungsanspruch im Islam – Frau unterwirft sich Mann und Mann dem Clan – als zu akzeptierenden Teil einer anderen Kultur sieht, anstatt hier klare Grenzen zu setzen und einzufordern. Da ist die deutsche Gesellschaft zu weich. Man glaubt, sich in „Familienangelegenheiten“ nicht einmischen zu dürfen.

Frage: Ein Fall von falsch verstandener Toleranz? Wir umarmen eine fremde Kultur und übersehen bewusst, dass sie Frauen unterdrückt?

Kelek: Ja, genau.

Frage: Wie wird sich unsere deutsche Gesellschaft ändern durch die Flüchtlinge?

Kelek: Die Deutschen werden versuchen, ihrem eigenen hohen Anspruch gerecht zu werden und alle Zuwanderer zu integrieren. Wenn es dann trotzdem zu Parallelgesellschaften kommt, wird ein Schuldiger gesucht werden. Man wird sagen, es habe an Geld gefehlt oder die Behörden hätten versagt. Keiner wird fragen: „Wollten die Einwanderer sich nicht integrieren? Waren die Konzepte falsch?“ Das wird die Gesellschaft spalten. Ich sehe das so, dass sich Deutschland gerade selbst übernimmt. Frau Merkel und ihre Freunde versuchen, die Probleme der ganzen Welt zu lösen. Daran wird Deutschland scheitern.

Necla Kelek:

Die bekannte Islamkritikerin, Jahrgang 1957, stammt aus Istanbul und zog mit ihrer Familie 1967 nach Berlin. Sie studierte Volkswirtschaft und Soziologie und promovierte über das Thema „Islam im Alltag“. Für ihr Buch „Die fremde Braut; Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“ (2005) wurde Kelek mit dem Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München ausgezeichnet. Neben zahlreichen Artikeln und Aufsätzen hat Kelek mittlerweile sieben Bücher veröffentlicht, die sich alle kritisch mit dem Islam auseinandersetzen. Keleks Hauptthema ist die islamisch geprägte Parallelgesellschaft in Deutschland. Mitverantwortlich dafür sind nach Keleks Auffassung Moscheegemeinden in Deutschland, die einen Islam praktizierten, der nicht integrationsförderlich sei. Kelek ist nicht unumstritten; ihre Kritiker unterstellen ihr „Panikmache“. Text: GRR

Necla Kelek: Anschläge in Paris: Der Islam: Gewalt oder Reform?     Top

Die Moschee sollte, und könnte, nicht nur Ort der Gottesverehrung, sondern auch Hort zivilgesellschaftlicher Werte sein.

Muslime weisen die im Namen ihrer Religion begangenen Gewalttaten entsetzt von sich – aber das allein genügt nicht. Die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek fordert ein zeitgemäßes Glaubensverständnis.

Der Schrecken über die barbarischen Anschläge der Islamisten in Paris sitzt allen in den Knochen, und sofort hört man von sogenannten Islamexperten in den Talkshows, dass dies alles nichts mit dem Islam zu tun habe. So wenig, wie Steinigungen in islamischen Staaten wie Iran und Auspeitschungen in Saudi-Arabien etwas mit dieser Religion zu tun haben könnten.

Öffentlich warnen Schönsprecher davor, diese Taten den Muslimen unterzuschieben. Und man möge auch die Flüchtlinge nicht zu sehr reizen, denn sie würden sich anderenfalls radikalisieren. Der IS wird für verrückt erklärt. Mit Verrückten muss man bekanntermaßen vorsichtig umgehen, sonst werden sie gefährlich.

Offensichtlich will man keine klare Analyse der Verhältnisse, weil die Konsequenzen nicht in die eigene Weltanschauung passen. Man lädt die Religionslehrerin Lamya Kaddor ein [Video], die nicht erkannte, dass in ihrer Klasse [mindestens 5] Schüler waren, die sich auf dem Weg in den Jihad befanden. Nun soll sie erklären, warum der Islam unschuldig ist. Hamed Abdel-Samad hingegen, der gerade eine profunde Arbeit über Mohammed abgeliefert hat und dafür eintritt, dass Muslime sich endlich emanzipieren und für ihre Religion Verantwortung übernehmen, wird übergangen. Man will nicht wissen. Doch deshalb wird alles nur noch schlimmer werden. [1]

[1] Genau dies ist der Denkfehler aller Islamophilen und Islamverherrlicher. Sie glauben permanent den Islam verharmlosen und beschützen zu müssen. Aber gerade diese Rücksicht wird von den Muslimen als Schwäche angesehen und schamlos ausgenutzt. Wenn man erreichen will, dass die Muslime sich in unsere Gesellschaft integrieren, dann muss man Klartext sprechen, dann muss man klipp und klar ansprechen, was wir von den Muslimen erwarten und was sie zu erwarten haben, wenn sie diese Erwartungen nicht erfüllen. Integration ist eine Bringschuld der Muslime und jeder Muslim, der glaubt, er könne der deutschen Gesellschaft seine Forderungen aufzwingen, den sollten wir ganz schnell wieder ausweisen. Er hat in unserer Gesellschaft nichts zu suchen.

Es herrscht in den Medien und in der Politik eine Gesinnungsethik, die einerseits dem eigenen Volk nicht über den Weg traut, anderseits aber von Fremden, die nie auch nur die Spur von religiöser Freiheit erlebt haben, die Heilung des eigenen Schuldgefühls erwartet. Selbstredend ist man gegen den Terror-Islam des IS. Aber praktisch etwas dagegen zu tun, ist nicht angesagt. Im Kern vollzieht die intellektuelle Öffentlichkeit für mich nur das, was Michel Houellebecq in seinem Roman mit „Unterwerfung” beschrieben hat.

Der Islam ist als Religion gescheitert. Und zwar bereits im Jahr 622 in Mekka. Mohammed konnte die Bewohner von Mekka nicht von seinen zum Teil mystischen Offenbarungen [ich würde eher sagen, von seinen Wahnvorstellungen] überzeugen und musste sich nach Medina absetzen. Dort wurde aus ihm ein Kriegsherr und aus seiner Botschaft eine Herrschaftsideologie [Hassideologie].

Er und seine Nachfolger machten sich daran, angeblich in Allahs Auftrag die Welt zu erobern und Gegner zu vernichten. Sie haben das sehr erfolgreich getan, und ihre Ideologie der Herrschaft war lange Zeit siegreich. Der IS macht im Grundsatz nicht viel anderes als die Herrscher Saudi-Arabiens oder Irans: Er benutzt den Koran als Waffe. Der Koran ist ein rauchender Colt.

Muslime in aller Welt sind entsetzt darüber, was in ihrem Namen passiert. Aber sie tun nicht wirklich etwas, um ihren Glauben von der politischen Ideologie zu befreien. Man distanziert sich nicht von Versen im Koran, die zu Mord an Andersgläubigen aufrufen. Es gibt keine Theologie, die die Rolle des Propheten als Kriegsherr hinterfragt. Weil der Islam alles sein kann, ist er das, was in seinem Namen geschieht. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Anders gesagt: Der Islam ist, was er ist, und nicht das, was man über ihn sagt oder sich von ihm erträumt.

Der Islam kann nur zur Religion werden, wenn er sich säkularisiert [wenn er die Trennung von Religion und Politik anerkennt, wenn er sich aus der Politik heraushält]. Wenn er den Glauben nicht zur Machtfrage missbraucht. Es müssten Moscheen entstehen, in denen Männer und Frauen, das heißt Kernfamilien, gemeinsam beten könnten und die Frauen nicht weggesperrt würden. Die Moscheen haben oder hätten die Pflicht, ihre Religion als Teil einer Zivilgesellschaft zu leben.

Solange Moscheen den jungen Männern die Trennung der Gesellschaft in Männer und Frauen vorleben, die Gesellschaft in Gläubige und Ungläubige teilen, verweigern sie sich einer Bürgergesellschaft. Die Muslime müssen diese Glaubens-Revolution selber machen. Und sich und ihren Glauben von den Ideologen, Vorbetern und Funktionären befreien. Sie müssen sich darum kümmern, was in ihrem Namen in den Moscheen passiert. Die europäische Gesellschaft kann und muss dies erwarten können, so wie sie sich selbst eine Aufarbeitung der Diktatur auferlegt hat. [2]

[2] Ich glaube, wir dürfen und können die Liberalisierung des Islam nicht den Muslimen überlassen, denn so eine Liberalisierung dauert Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Wenn wir dem Islam freie Hand lassen, dann wird er sich radikalisieren. Und genau dies wird vermutlich geschehen, wenn wir dem Islam nicht sagen, was wir von ihm erwarten. Mit anderen Worten, wir müssen das Grundgesetz auch auf den Islam anwenden. Wenn man das Grundgesetz ernst nimmt, dann erkennt man, dass der Islam weder mit dem Grundgesetz, noch mit den Menschenrechten vereinbar ist.

Und was machen unsere Politiker? Sie pfeifen kurz gesagt auf das Grundgesetz und lassen sich vom Islam diktieren, welche Forderungen sie zu erfüllen haben. Zum Glück geht man im Zuge der Terrorattentate jetzt dazu über, Hassprediger auszuweisen und Moscheen zu schließen. Man hätte dies schon viel eher tun sollen. Man hätte gar nicht so tolerant mit den Muslimen sein dürfen. Man hätte schon viel früher und viel entschiedener gegen den Islam vorgehen sollen.

Heute noch belügen uns die öffentlich rechtlichen Medien Tag für Tag über den Islam. Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Gibt es wieder einmal eine Diskussion über die Einwanderung oder über den Islam, dann vertreten meist 4/5 der geladenen Gäste eine pro-Islam- bzw. pro-Einwanderungs-Meinung. Und wenn ein islamkritischer Gast eingeladen ist, dann meist auch nur jemand, der eine eher verhaltene Kritik äußert.

Wirkliche Islamkritiker werden erst gar nicht eingeladen. Man würde sie auch gar nicht zu Wort kommen lassen. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind zu islamophilen Propagandesendern verkommen, die die Menschen manipulieren, aber nicht aufklären sollen. Sie sind zu Propagandasender für den Islam geworden.

Sie [die Glaubensrevolution, Reformation] muss sich bis dahin gegen den politischen Islam zur Wehr setzen. Nicht nur mit der Beschwörung der Werte, sondern ganz praktisch. Solange die Muslime diese Aufgabe nicht bewältigen, muss die Religionsfreiheit Grenzen haben. Es bleibt nichts anderes, als ihre Vereine, Moscheen, Koranschulen zu kontrollieren. Die Vereine müssen offenlegen, wer sie finanziert und was dort gepredigt wird. Die Muslime müssen jetzt beweisen, dass sie friedlich sind. Es besteht kein Generalverdacht gegen die Muslime, aber die Unschuldsvermutung gilt auch nicht mehr. [3]

[3] Es hat wenig Sinn, die Koranschulen und Moscheen zu überwachen, wenn in der türkischen und arabischen Fernsehsendern, die die Migranten tagtäglich oft stundenlang konsumieren, das islamische Gift ausgestrahlt wird. Die Dänische Volkspartei hatte einmal den Vorschlag unterbreitet, Parabolantennen zu verbieten. Ich halte dies für eine sehr kluge Entscheidung.

Wenn wir diesen Vorschlag nicht umsetzen und wenn wir nicht viel strenger den Islam kontrollieren, dann bedeutet dies im Endeffekt Bürgerkrieg. Aber unsere linksversifften Politiker, die sich auf die Meinungsfreiheit berufen, auch wenn sie, wie im Fall des Islam faschistisch ist, wird dies wahrscheinlich nicht einmal ins Auge fassen, weil sie keine muslimischen Wähler verlieren möchte, bzw. sie wird erst dann solche Maßnahmen ergreifen, wenn der Terror des Islam sich auch auf deutschen Straßen ausbreitet.

Dr. Necla Kelek ist Sozialwissenschaftlerin und Publizistin. Sie war Lehrbeauftragte für Migrationssoziologie und Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Ferner ist sie Mitglied im Senat der Deutschen Nationalstiftung.

Die Anmerkungen in eckigen Klammern sind vom Admin.

Quelle: Necla Kelek: Anschläge in Paris: Der Islam: Gewalt oder Reform (nzz.ch)

Necla Kelek: Die Übergriffe von Köln und die Folgen     Top

„Kaum einer hat sich Gedanken gemacht, wer da ins Land kommt.”

Köln Silvesternacht 2015/16
 Am Kölner Hauptbahnhof kam es in der Silvesternacht zu sexuellen Übergriffen auf Frauen.

Düsseldorf: Die Silvesternacht in Köln hat die Debatte über die Kriminalität von Ausländern neu entfacht. Sind junge Muslime wirklich gewaltbereiter? Wie sehr ist der kulturelle Hintergrund Auslöser für die Übergriffe auf Frauen? Und wie soll die Gesellschaft damit umgehen? Ein Gastbeitrag von Necla Kelek.

Nachdem inzwischen öffentlich ist, wer die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und anderswo begangen hat, wird auch den zur Zeit verantwortlichen Politikern klar, dass mit den Zuwanderern wie den bereits hier lebenden Migranten auch die ethnischen, religiösen und kulturellen Konflikte aus diesen Regionen in unserem Land angekommen sind.

Nun ist der Schreck groß, und man hat sofort vergessen, was man gestern sagte und neigt zu Überreaktionen. Dieselben Akteure, die noch vor Wochen den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden oder Alice Schwarzer rechtes Gedankengut unterstellten, weil sie auf mögliche Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus hinwiesen, fordern jetzt die "Härte des Gesetzes". Wenn man das positiv kommentiert, könnte man sagen, unsere Demokratie ist lernfähig. Böse formuliert erscheint es so, als wenn einige Verantwortliche schlicht die Panik vor dem eigenen Volk erfasst hat.

Seit Jahren wird zum Beispiel die Polizei auf Deeskalation und politische Korrektheit verpflichtet, und so war es bis dahin offenbar "politisch korrekt", nach der Silvesternacht lieber Tatsachen, wie die Zahl und Herkunft der Tatverdächtigen, zu verschweigen als einen Anruf vom Innenminister zu riskieren. Den Kölner Polizeipräsidenten hat dieses wohlfeile Agieren das Amt gekostet. Aber bei aller Hektik, die jetzt unter den Politikern ausgebrochen ist, ist die Hoffnung gering, dass sich etwas ändern wird.

Das Problem ist nämlich, dass bisher bei aller Bereitschaft und Willkommenskultur sich kaum jemand darüber Gedanken gemacht hat, wer denn da massenhaft ins Land kommt. Es fehlt die Analyse, und deshalb gibt es auch kein schlüssiges Konzept für die Integration. Sprüche von grünen Spitzenpolitikern wie : "Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!" [Kathrin Göring-Eckardt (Grüne)] helfen da nicht weiter, sondern verschärfen nur das Problem.

Bis zu sechshunderttausend junge Männer unter 30 sind im letzten Jahr zu uns geflüchtet. Aufgewachsen sind sie zumeist in islamischen Ländern, in denen seit Jahren Krieg oder eine Islam-Diktatur herrscht und ihnen keine Zukunft oder Sicherheit geboten wurde. Ihre Sozialisation ist von Gewalt, der Unterwerfung der Frauen durch die Männer, von Homophobie und Antisemitismus, von Unterwerfung des Einzelnen unter die religiöse Gemeinschaft, von der Familie, dem Clan geprägt.

Einige der Flüchtlinge sind sicher gerade vor diesen Plagen geflohen. Aber alle kommen mit der kulturellen Prägung eines islamischen Welt- und Menschenbildes hierher, das sich von dem libertären Freiheitsbegriff unserer Zivilgesellschaft fundamental unterscheidet. Es sind verlorene Söhne, die von den Müttern verhätschelt, den Vätern und der Religion bevormundet, in ihren Staaten um Bildung, Sicherheit und Zukunft betrogen wurden und jetzt allein gelassen und frustriert sind.

Jetzt sind sie, die die Hoffnung ihrer Familien mit sich tragen, gefordert, sich in einer fremden Umgebung richtig zu verhalten und zu beherrschen. Frauen, die nachts ohne Begleitung unverhüllt auf der Straße feiern, sind in ihrem Weltbild ehrlos und dürfen bestraft und benutzt werden.

Unsere libertäre Kultur, in der jeder, auch Frauen, machen kann, was er gut findet und man trotzdem Distanz hält, trifft auf ein vormodernes Frauenbild und Frustration bei diesen Männern. Das Ergebnis ist ein Kulturschock, der sich in Gewalt und Übergriffen entladen hat. Wer auch nur ein wenig die Situation in muslimischen Migrantenkreisen kennt, weiß, dass dies kein qualitativ neues Problem ist. Neu ist die Masse und Öffentlichkeit der Taten.

Es wird nicht reichen, diesen verlorenen Söhnen die Sprache beizubringen oder wie man im Supermarkt einkauft. Sie müssen die eigene Freiheit lernen, die der anderen zu respektieren. Sie müssen Gewohnheiten ablegen, sich ändern, wenn sie in dieser Gesellschaft ankommen wollen. Wir müssen die Kulturdifferenz benennen und sagen, was erlaubt und was verboten ist.

Und wir müssen auch dafür sorgen, dass die mit ihnen zu uns geflüchteten Frauen zu ihrem Recht kommen und geschützt werden. Hier sind bereits in den Flüchtlingsunterkünften besondere Schutzräume und Aufklärung für Frauen nötig.

Ich bin sicher, dass dies akzeptiert wird, weil die islamische Kultur von Ge- und Verboten geprägt ist und gelernt wurde, zu tun, was einem gesagt wird. Zunächst sollte es klare Regeln, man kann auch sagen einen Integrationsangebot und -vertrag, geben. [1]

[1] In diesem Punkt kann ich Necla Kelek nicht zustimmen. Wären diese Gebote in islamischen Staaten erteilt worden, dann hätte man sich vielleicht daran gehalten, denn jeder, der sie missachtet hätte, wäre mit empfindlichen Strafen belegt worden. In Deutschland dagegen folgen einer Straftat von Migranten oft keinerlei wirkliche Strafen und wenn, dann sind sie so lächerlich gering, dass die Migranten darüber lachen.

In Leipzig z.B. hat eine Gruppe aus 15 Nordafrikanern eine 31-jährige Frau umkreist und sexuell belästigt, wobei zwei Männer sie sexuell missbrauchten, indem sie ihr zwischen die Beine und ans bekleidete Geschlechtsteil fassten. Und was taten die Richter? Sie bewerteten die Taten nicht als "Sexuelle Belästigung", was eventuell die Ausweisung der nordafrikanischen Sexualstraftäter zur Folge gehabt haben könnte, sondern sie werteten die Tat als "Beleidigung", was wahrscheinlich dazu führt, dass das Strafverfahren eingestellt wird.

So schütz die deutsche Justiz nordafrikanische Sexualstraftäter und liefert Frauen den Sexualstraftätern aus, die davon ausgehen, dass sie für ihre Taten nicht bestraft werden. Die nordafrikanischen Sexualstraftäter werden dies zur Kenntnis nehmen und in vier Wochen, wenn in Köln der Karneval beginnt ausgiebig ausleben.

In Köln und Düsseldorf ist man bereits am überlegen, die öffentliche Sicherheit durch den verstärkten Einsatz von Videokameras zu erhöhen. Aber arabische Sexualstraftäter, die nicht einmal vor ihren Taten zurückschrecken, wenn die Polizei direkt neben ihnen steht, lässt sich auch nicht von Videokameras zurückschrecken. Was sagte einst der dänische Psychologe Nicolai Sennels, der mehrere Jahre als Therapeut mit muslimischen Gefangenen gearbeitet hat.

Nicolai Sennels sagt:

„Während die Aussicht auf Gefängnis Migranten nicht davon abzuhalten scheint, schwere Verbrechen zu begehen, scheinen sie richtig Angst davor zu haben, nicht mehr in unserem Land leben zu dürfen. Das entspricht auch meinen eigenen Erfahrungen von meiner Arbeit mit kriminellen Muslimen: Was sie wirklich fürchten, ist abgeschoben zu werden.”

Mit anderen Worten, nur die unverzügliche Ausweisung von muslimischen Sexualstraftätern wird dazu führen, dass sich wirklich etwas ändert. Das ist im Moment aber politisch unerwünscht und wird von allen etablierten Parteien mehr oder weniger verhindert. Im Gegenteil, 2016 werden weitere Hundertausende bzw, Millionen arabische Migranten nach Deutschland einwandern. Die jetzige Debatte über die Ausweisung von arabischen Sexualstraftätern halte ich für eine Scheindebatte, der keine Taten folgen werden. Sie wird kaum umgesetzt werden. Das einzige, was wirklich hilft, wird sein, allen etablierten Parteien bei der nächsten Wahl, die Stimme zu verweigern und die AfD (Alternative für Deutschland) zu wählen. Nur die AfD wird darauf bestehen, kriminelle Migranten auszuweisen. 

Frauen, ich kann euch nur raten, bleibt beim Kölner Karneval zu Hause, denn niemand wird euch beschützen, weder die Politiker, noch die Polizei und die Justiz erst recht nicht. Die einzigen, die euch wirklich schützen, sind die neu gegründeten Bürgerwehren und die sollten nicht davor zurückschrecken, den bedrängten Frauen zur Hilfe zu eilen.

Die Freiheit ist bei uns ein Grundrecht, aber jeder muss lernen, damit umzugehen und wissen, dass zur Freiheit auch persönliche Verantwortung gehört. Zu sagen, dass sei überflüssig, weil das Grundgesetz doch für alle gelte, ist naiv. Wer seine Rechte und seine Pflichten nicht kennt, wird immer ein Mündel bleiben. Das bedeutet aber auch, dass unsere Gesellschaft weiß, was sie will. Ein Staat definiert sich nicht dadurch, dass er seine eigenen Grenzen sichert, sondern die Gesellschaft im Zusammenleben Grenzen vereinbart und durchsetzt. Es sind Regeln und Werte, die uns selbst gelegentlich allzu selbstverständlich erscheinen und die für viele Neuangekommene neu sind.

Hoffen wir, dass nach den zuerst schönen und jetzt harten Worten unsere Politiker jetzt den Schuss gehört haben. Es ist Zeit für Klartext.

Die türkischstämmige Autorin Necla Kelek (58) ist Sozialwissenschaftlerin, Frauenrechtlerin und Publizistin. Sie war Lehrbeauftragte für Migrationssoziologie, Mitglied der Islamkonferenz. 

Quelle: Die Übergriffe von Köln und die Folgen

Necla Kelek: "Der Islam schreibt ganz klar vor, dass der Mann über der Frau steht"     Top

necla_kelek_deutschlandfunk02.jpgDie Soziologin Necla Kelek beklagt, dass sich Muslime in Deutschland nicht kritisch mit dem Islam auseinandersetzten. Islam-Vertreter hinderten Säkulare an einer Aufklärung darüber, dass der Islam ein Herrschaftssystem sei, in dem der Mann das Sagen habe und die Frau rechtlos sei, sagte sie im Deutschlandfunk. Man könne nicht die Augen davor verschließen, unter welchen Problemen Frauen leiden, wenn dieses System so erhalten bleibe.

Necla Kelek im Gespräch mit Jasper Barenberg.

Im Deutschlandfunk gibt es das Interview auch als Audio zum Anhören (auf das Bild klicken)

Die Soziologin Necla Kelek kritisiert bestimmte Traditionen der islamischen Kultur. Mit Blick auf die Diskussion über die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln sagte Kelek: "Was wir total verkennen und wirklich nicht in die Debatte einbeziehen ist, dass die Frau im Islam rechtlos ist." Der Mann habe das Sagen und bestimmte über ihr Leben. Das werde auch von Männern erwartet.

Das seien Gesetze, die im Koran stünden, betonte Kelek. Die Muslime müssten sich diesem Thema stellen und die Gewaltstellen, die im Koran stünden, zu reformieren. Die Soziologin beklagte, dass es viele Islamverbände und -wissenschaftler in Deutschland gebe, die aber nicht zur Aufklärung beitrugen. "Diese müssten doch Imstande sein, die Zusammenhänge zu sehen und endlich tätig zu werden."

Sie müssten darüber informieren, was der Koran für ein Buch sei. "Ich finde, dass Muslime ein Recht auf Aufklärung haben." Stattdessen hinderten Islamvertreter und -wächter Säkulare wie sie daran. "Solange ich als Muslim nicht denken darf, ist dieses System Islam keine Religion", betonte sie. Die Soziologin kritisierte weiter: "Es gibt ja so etwas wie ein Denkverbot mitten in einer freien Gesellschaft, mitten in einer freien Wissenschaft in Deutschland mittlerweile, so wie es sie in einem islamischen Land gibt."

Das Interview in vollständiger Länge:

Jasper Barenberg: Vielleicht ging es Ihnen nach der Kölner Silvesternacht ja wie dem Kollegen Bernd Ulrich, der in der "Zeit" diese Woche schreibt, dass viele danach zunächst gehofft haben, dass hoffentlich nicht viel passiert ist, dass hoffentlich keine Araber dabei waren und hoffentlich keine Flüchtlinge, und wie sich dann schnell herausstellte, dass in Wirklichkeit viel und Schlimmes passiert war, dass es fast nur Araber waren und unter ihnen nicht wenige Flüchtlinge.

Was also hat Köln verändert, wie es jetzt oft heißt? Eine Antwort lautet wohl, dass wir, wenn wir über die vielen Flüchtlinge sprechen, die zu uns kommen, auch über die Probleme sprechen müssen, die einige von ihnen mitbringen, über Sexismus zum Beispiel.

Am Telefon ist die Sozialwissenschaftlerin und Buchautorin Necla Kelek. Schönen guten Morgen.

Necla Kelek: Guten Morgen.

Barenberg: Frau Kelek, sie haben sich ja schon seit Jahren oft und manchmal auch sehr kritisch über bestimmte Traditionen der islamischen Kultur, der arabischen Kultur geäußert, dort gemahnt und gewarnt, wie sehr das auch Integration und das Zusammenleben hier bei uns behindern kann. Fügen sich diese massiven Übergriffe, die wir in der Silvesternacht erlebt haben, jetzt in gewisser Weise in ein Bild?

Kelek: Ja. Was wir total verkennen und wirklich nicht in die Debatte einbeziehen ist, dass die Frau im Islam rechtlos ist, dass der Mann das Sagen hat über sie und über ihr Leben bestimmt, und das merken wir auch, wenn sie sogar vorm Krieg geflüchtet sind, diese alten Rollen, das was auch von dem Mann übrigens erwartet wird, dass er Herr im Haus ist und dass er über sogar Leben und Tod der Frau entscheiden kann, nicht nur das, dass er auch entscheidet, ob sie sich in dieser freien Gesellschaft integrieren darf oder nicht. Er entscheidet praktisch über alles.

"Wir müssen uns mit dem System Islam auseinandersetzen"

Barenberg: Nun wissen wir auf der anderen Seite, weil Sie sagen, der Islam gibt diese Regeln vor, wir wissen auf der anderen Seite, dass der Islam natürlich auch den Respekt vor Frauen gebietet. Führt da eine direkte Verbindungslinie von der Religion zu dem, was in Köln passiert ist?

Kelek: Ich wehre mich dagegen, den Islam so relativierend zu beschreiben. Wir müssen, wenn wir wirklich genaue Antworten wissen wollen, auch mit diesem System Islam uns auseinandersetzen. Der Islam schreibt ganz klar vor, dass der Mann über der Frau steht und, wenn sie nicht gehorcht, geschlagen werden darf, dass sie verstoßen werden darf, dass sie immer nur mit einem Vormund zum Beispiel rechtsfähig sein kann, und ich könnte das immer weiter fortsetzen.

Das sind Regeln, das sind Gesetze, die im Koran festgeschrieben sind, wo der Mann diese Pflicht hat, Herr über seiner Frau zu sein, und wenn nicht, ist er kein richtiger Mann. Wenn wir das nicht miteinander verknüpfen, dann können wir überhaupt nichts innerhalb des Islams erreichen, dass dieser Islam auch eine Religion im friedlichen Sinne sein kann, dass er in einem säkularen Land was Privates, Spirituelles sein kann.

Die Muslime sind herausgefordert, sich diesen Fragen zu stellen. Weil sie selber doch ein Interesse haben müssten, genau diese Stellen im Koran und auch die Gewaltstellen, die im Koran sind, endlich zu reformieren. Wir haben doch so viele "Islam-Verbände", "Islam-Wissenschaftler", dass die doch im Stande sein müssten, diese Zusammenhänge zu sehen und endlich tätig zu werden.

Barenberg: Wir haben ja in den vergangenen Monaten eine große Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge hier in Deutschland erlebt, viel Wohlwollen, viel Entschlossenheit auch von vielen Freiwilligen, diesen Menschen zu helfen, den Schutzsuchenden zu helfen. Warum, glauben Sie, haben wir uns da in gewisser Weise, wie sich jetzt zeigt, auch Illusionen gemacht über einen Teil der Menschen, die zu uns kommen?

Kelek: Weil eine Diskussion in der Gesellschaft stattfindet, verbindet das bloß nicht mit dem Islam. Alle Menschen, die flüchten, sind Menschen und sie haben Hilfe verdient, Unterstützung verdient und dass sie aufgenommen werden, was ja sehr ehrenwürdig ist und sehr wichtig ist, und ich finde das großartig, wie viele Menschen wirklich ernsthaft auch diese Willkommenskultur nehmen. Aber gleichzeitig können wir doch nicht die Augen davor verschließen, unter welchen Problemen besonders die Frauen und Kinder leiden, wenn dieses Herrschaftssystem so erhalten bleibt.

Dann wird alle Hilfe der Welt nichts nützen, dass wir gemeinsam diese Gesellschaft gestalten können, weil ich gehe ja immer noch davon aus, dass wir in einem Bürgerstaat leben, wo jeder Rechte und Pflichten hat. Nicht nur das Recht hat, versorgt zu werden, sondern auch Pflichten hat. Wie sollen wir der größten Gruppe, die gekommen sind – das sind ja junge Männer. Sie haben keine wirklichen Anleitungen mehr, wie sie aus ihrem Leben jetzt was Vernünftiges, was Legales machen können: Eine Ausbildung, ein friedliches Leben, in Frieden eine Familie zu gründen, und dass er auch eine Chance hat, Bürger dieses Landes zu werden. Wenn wir diese Zusammenhänge nicht sehen, in denen er groß geworden ist, wie sollen wir das schaffen.

"Islam muss Herrschaftssystem genannt werden dürfen"

Barenberg: Es gibt ja viele, die jetzt vor pauschalem Urteil warnen und sagen, das ist nur eine sehr, sehr kleine Minderheit, die sich so verhält. Wie würden Sie sagen, wie wichtig ist es, in diesem Zusammenhang auch im Kopf zu behalten, dass, grob gesagt, im Westen natürlich auch bestimmte Klischees und Stereotype über "den arabischen Mann" als gewalttätigen, triebgesteuerten Mann und so weiter kursieren? Wie muss man da eine Entscheidung treffen? Wie wichtig ist diese Unterscheidung?

Kelek: Sehr wichtig ist, dass wir nicht von "den Muslimen" sprechen, sondern von strukturellen Rahmen, die es in dieser Religion gibt. Das ist ein Herrschaftssystem, dass wir das so nennen dürfen. Die Muslime sind herausgefordert, mit diesen Rahmen, in denen sie selber ja auch verhaftet sind, dass sie sich selber darüber im Klaren sind und eine Möglichkeit der Aufklärung finden, wie sie sich mit diesen Grundlagen, was ihnen vorgegeben wird, in denen sie stecken, auseinandersetzen können. Dazu haben wir doch so viele Wissenschaftler, die eine Pflicht auch haben, die Muslime aufzuklären, was für ein Buch sie da lesen, was sie als heilig sehen, aber wie viele Gewaltstellen dieses Buch auch beinhaltet. Das wissen die meisten Muslime nicht und ich finde, dass die Muslime ein Recht auf Aufklärung haben.

"Islam-Vertreter hindern uns Säkulare an der Aufklärung"

Barenberg: Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat hier bei uns im Deutschlandfunk gesagt, dass man an Studien zeigen kann, dass sich solche archaischen Einstellungen, will ich sie mal nennen, im Verlaufe der Zeit, wenn die Menschen hier in Deutschland leben, geändert haben und auch ändern werden. Schauen Sie auch so positiv und optimistisch in die Zukunft, was die Integration dieser Menschen angeht, wenn wir an das Bildungssystem denken, an Arbeitsplätze, an soziale Zusammenhänge?

Kelek: Nein, das sehe ich nicht. Ich sehe zurück auf die 50 Jahre. Wir haben hier über vier Millionen muslimische Menschen und wir haben Islam-Vertreter und Islam-Wächter, die als Vertreter dieses Herrschaftssystems hier leben und uns daran hindern, uns Säkulare daran hindern, dass wir diese Aufklärung zum Beispiel betreiben. Wir haben Wissenschaft, Orientalistik, Islam-Wissenschaften, die eben nicht diese Fragen stellen dürfen, und solange ich keine Fragen stellen darf, als Muslime nicht denken darf, sehe ich – und dabei bleibe ich -, ist dieses System Islam keine Religion.

Es kann eine Religion werden, wenn ich die Fragen stellen darf und daraus eine friedliche Religion werden kann, eine Religion sein kann, die mir beisteht auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, was ja die Rolle einer Religion ist. Diese Rolle kann dieses System Islam übernehmen, wenn die Muslime das selbst wollen.

Barenberg: Aber kommt es nicht vor allem jetzt auch schon auf Schulen beispielsweise an, wenn es darum geht, das Miteinander hier zu organisieren, weil Sie immer auf die Orientalistik und die Islam-Wissenschaft verweisen? Ist nicht Schule beispielsweise viel wichtiger, und da wird ja nun mal Gleichberechtigung gelehrt?

Kelek: Aber die Ausbildung zur Pädagogin, Sozialarbeiterin, das findet doch alles an Universitäten statt, und ich finde, dass die letzten zehn, 20 Jahre genau dort diese Relativierung stattgefunden hat. Alle Menschen sind gleich, alle Männer sind gleich, aber dass es Phänomene gibt, die in Zusammenhängen mit ethnischen und patriarchalischen und mit vielen kulturellen Dimensionen und einer Religion ja auch verbunden werden, dass wir diese Zusammenhänge nicht lehren dürfen und damit ja auch keine Multiplikatoren haben, die als Aufklärende wiederum diesen neu ankommenden Menschen begegnen.

Es gibt ja so was wie ein Denkverbot mitten in einer freien Gesellschaft, mitten in einer freien Wissenschaft in Deutschland mittlerweile, so wie es das in islamischen Ländern auch gibt. Ich sehe diese Zusammenhänge. Wenn Sie in einem islamischen Land sind, dann sehen Sie, dass es auch keine freie Wissenschaft dort gibt. Es gibt ja nicht mal Untersuchungen der Soziologie, warum es zum Beispiel diese Art von Männergewalt dort in diesen Gesellschaften gibt, weil es keine Analyse gibt.

Barenberg: … sagt die Sozialwissenschaftlerin und Buchautorin Necla Kelek heute Morgen hier im Deutschlandfunk. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kelek. Schönen Tag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Quelle: Soziologin Necla Kelek"Der Islam schreibt ganz klar vor, dass der Mann über der Frau steht"

Necla Kelek mahnt: Ditib wird aus Ankara gesteuert     Top

Deutschland gibt seine Souveränität (Selbstbestimmung, Unanhängigkeit) auf.

kelek-deutschland_souveraenitaetDie fast 900 Imame werden von der Diyanet ausgewählt und für (meist) vier Jahre nach Deutschland delegiert, sie bekommen die Vorlagen und Themen für ihre Freitagspredigten aus Ankara. Bezahlt werden sie wie türkische Auslandslehrer mit circa 2000 Euro im Monat. Meist sprechen sie kein Deutsch oder nur soviel, wie man in einem Sechs-Wochen-Kurs beim Goethe-Institut lernt.

Die türkischen Moscheevereine der Ditib sind faktisch Außenposten des türkischen Staates und die größten organisierten Integrationsverhinderer, weil sie ihrem Finanzier [Ministerpräsident Erdogan] verpflichtet sind.

Als ich 2005 mein Buch „Die fremde Braut“ in einer Ditib-Moschee in Hamburg-Altona vorstellen wollte, versuchte der türkische Religionsattaché die Veranstaltung zu verhindern. Da sich der örtliche Moscheevorsitzende weigerte, der Anweisung zu folgen, wurde die Moschee vier Wochen später kurzerhand geschlossen und der Verein aufgelöst.

An diesem direkten Einfluss hat sich bis heute nichts geändert. Und es ist auch eine Illusion zu glauben, dass die Ditib oder ein anderer Islamverband an deutschen Universitäten ausgebildete Imame in ihren Moscheen akzeptieren werden. Wenn sie nicht bestimmen und kontrollieren können, wie die Imame ausgebildet werden, werden diese nie ein Gebet in einer Moschee leiten. In Deutschland ausgebildete Vorbeter widersprechen dem Selbstverständnis, dass sie dem Glauben und dem türkischen Vaterland verpflichtet sind. [1]

[1] Dass es auch anders geht, hat uns Österreich vorgemacht. Es hat ein neues Islamgesetz verabschiedet, das besagt, dass alle aus der Türkei kommenden Imame ausgewiesen werden und die Finanzierung österreichischer Moscheen durch das Ausland verboten werden soll: Islamgesetz: Erster Imam musste Österreich verlassen Na, siehst du, es geht doch. Und warum ist solch ein Islamgesetz nicht schon lange in Deutschland verabschiedet?

In Deutschland kriecht man den Muslimen immer noch in den Hintern und hat sogar Angst ein Burkaverbot auszusprechen und die doppelte Staatsbürgerschaft abzuschaffen. Schneller könnten wir die undemokratischen Erdogan-Anhänger doch gar nicht los werden, denn die würden mit großer Sicherheit wieder in die Türkei zurückkehren, wo sie auch hingehören. Und die Burka, das Symbol der Frauenunterdrückung und der Unterwerfung hat in Deutschland auch nichts zu suchen. Weg damit. Die islamverseuchte SPD ist doch nur zu feige mitzustimmen, weil sie Angst hat muslimische Wähler zu verlieren.

Hier ausgebildete Imame werde nie ein Gebet in einer Moschee leiten

Am diesem direkten Einfluss hat sich bis heute nichts geändert. Und es ist auch eine Illusion zu glauben, dass die Ditib oder ein anderer Islamverband an deutschen Universitäten ausgebildete Imame in ihren Moscheen akzeptieren werden. Wenn sie nicht bestimmen und kontrollieren können, wie die Imame ausgebildet werden, werden diese nie ein Gebet in einer Moschee leiten. In Deutschland ausgebildete Vorbeter widersprechen dem Selbstverständnis, dass sie dem Glauben und dem türkischen Vaterland verpflichtet sind.

Es ist eine der großen Illusionen deutscher Integrationspolitik, dass sie Einfluss auf die Islam-Verbände nehmen können. Vielmehr werden dort, wo Sozialdemokraten und Grüne in Ländern wie Hamburg regieren, mit diesen Verbänden Staatsverträge geschlossen. Man will sie als Institutionen öffentlichen Rechts anerkennen. Also Verbände, in deren Moscheen Freitagspredigte gehalten werden, wie die in einer Ditib -Freitagspredigt:

„Das Märtyrertum ist im Islam eine große Ehre. Selbst die Paradiesbewohner blicken mit wohlwollendem Neid auf den Rang derer, die ihr Leben für Allah ließen. Eines ist dennoch mit uns: unsere Religion, unser Land, für das sie mit ihrem Blut gezahlt haben und unsere Werte.“ Wer so in einer Moschee predigt, trägt Verantwortung, wenn im Namen der Religion ein Terrorakt ausgeübt wird.

Im Video: Abgeordnete Giousouf: Bei aller Kritik - Ditib hat eine wichtige Funktion

cemile_giousouf
Video: Abgeordnete Cemile Giousouf (türkisches U-Boot): Bei aller Kritik - Ditib hat eine wichtige Funktion (01:17)

Sie lügt ohne Ende.

"Warum gibt die Bundesrepublik in dieser Frage ihre Souveränität auf?"

Ich habe in der Islamkonferenz den damaligen Innenminister Schäuble und auch seine Nachfolger gefragt, warum die Bundesrepublik einem ausländischen Staat erlaubt, mit fast 1000 Beamten in Deutschland Innenpolitik zu betreiben. Ich habe gefragt: „Warum gibt die Bundesrepublik in dieser Frage ihre Souveränität auf?“ Bisher haben die verantwortlichen Politiker mit den Schultern gezuckt und geantwortet, dass sei der Geschichte geschuldet, als man noch davon ausging, dass die Türken das Land irgendwann wieder verlassen würden. Ich habe die Hoffnung, dass jetzt wo die Ditib sich als fünfte Kolonne Erdogans geoutet hat, alle Verbände des organisierten Islam unter die Lupe genommen werden.

Ich halte es für nötig, dass nur Imame in deutschen Moscheen predigen dürfen, die an einer deutschen Universität eine Prüfung abgelegt haben, ebenso wie Universitätsabschlüsse von ausländischen Ärzten überprüft werden. Sie sollten in der Lage sein Predigten auf Deutsch zu halten, und die Inhalte ihrer Reden sollten öffentlich sein. Moscheen, die sich nicht von Gewalt und Märtyreraktionen distanzieren, oder in deren Räumen sich antidemokratische Gruppen treffen, sollten geschlossen werden können. Ich wäre für die sofortige Schließung der salafistischen Moscheen.

Die Moscheevereine müssen ihre Finanzquellen offenlegen und die Finanzierung durch das Ausland, wie die Türkei oder die Ölstaaten, untersagt werden.

Islamverbände stehen nur für zehn Prozent der Muslime in Deutschland

Die Verbände des organisierten Islam sollten als das akzeptiert werden, was sie sind, nämlich die Vertreter der bei ihnen organisierten Mitglieder. Das bedeutet: Zurzeit etwa zehn Prozent der Muslime in Deutschland. Man sollte sie nicht als Vertreter „der“ Muslime akzeptieren, sondern als Vertreter des politischen Islam.

Es sollten keine Staatsverträge oder Vereinbarungen über Religionsunterricht oder Ausbildung von Imamen oder Religionslehrern mit den Verbänden des organisierten Islam geschlossen werden, sondern auf Ort-, Länder- oder Bundesebene eine Art „Sanhedrin“ einberufen werden. Ein Sanhedrin ist eine Versammlung von Gelehrten oder Sprechern, säkularen oder religiösen Vertretern des Glaubens, die jeweils nur für sich sprechen. Der derzeit in Deutschland organisierte Islam ist eine Veranstaltung von ausländischen Kräften wie der Türkei oder Saudi-Arabien. Unser Land muss auch in Glaubensfragen seine Souveränität zurückgewinnen.

Die Anmerkungen in eckigen Klammern sind vom Admin.

Quelle: Kelek: Deutschland gibt Souveränität auf

Necla Kelek: Das ist keine Teilhabe, das ist Landnahme     Top

Wahljahr 2017: Welche migrationspolitischen Weichenstellungen das Impulspapier der Staatsministerin für Integration vorsieht und warum sich keiner in diesen Zug setzen sollte, der möchte, dass die Migranten in diesem Land ankommen

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By G.dallorto - Blaue Moschee in Istanbul - CC BY-SA 2.5 it - Link

Dr. Necla Kelek ist Vorstandsmitglied bei Terre des Femmes – Menschenrechte für die Frau e.V. Sie lebt und arbeitet als Sozialwissenschaftlerin und Publizistin in Berlin. Sie ist Mitglied des Senats der von Helmut Schmidt gegründeten Deutschen Nationalstiftung. 2005 bis 2009 war sie ständiges Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. Für den HAUPTSTADTBRIEF nimmt sie das Impulspapier des 9. Integrationsgipfels unter die Lupe – und sieht den Masterplan für eine andere Republik.

Ich bin in der Türkei geboren, als junges Mädchen nach Deutschland gekommen und lebe seit 50 Jahren in diesem Land. Ob ich damit, wie Angela Merkel es am 20. November 2016 bei „Anne Will“ formulierte, zu „denjenigen“ gehöre, „die schon länger hier leben“ oder zu denen, „die neu dazugekommen sind“, weiß ich nicht. Und ob es auf Dauer noch mein Land ist, auch nicht.

Jedenfalls schwerlich, wenn Wirklichkeit werden sollte, was in dem „Impulspapier der Migrant*innenorganisationen zur Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft“ steht. Dieses Papier wurde von der zuständigen Staatsministerin für Integration Aydan Özoguz vorgelegt und fand auf dem 9. Integrationsgipfel am 16. November 2016 den Segen der Bundeskanzlerin. Was Kanzlerin Merkel in ihrer Rede zu diesem 9. Integrationsgipfel als „ermutigend“ empfand, ist nach meiner Beurteilung eine Kapitulation vor den Migrantenorganisationen.

Die Kopftücher der Frauen sind ein Zeichen der Zugehörigkeit – zur Gemeinschaft der Muslime. Partizipation am Wohlstand der Nation, ja. Integration in die Nation, nein danke. Mit einem „Impulspapier“ versuchen Islamverbände und Migranten­organisationen jetzt, die Parallelgesellschaft auf Staatsebene zu etablieren.

Vorbereitet wurde das Papier von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özoguz, die ich seit vielen Jahren in der sozialdemokratischen Partei als Lobbyistin von Islamvereinen und der türkischen Gemeinde wahrnehme. Aydan Özoguz spricht nicht gern über Probleme und Konflikte in den Einwanderer-„Communities“. Wenn doch, verharmlost sie Unerfreuliches stets. So wandte sie sich anlässlich der Debatte über die Zunahme muslimischer Kinderehen am 3. November 2016 gegen ein „pauschales Verbot von Ehen von Minderjährigen“; denn es könne „junge Frauen ins soziale Abseits drängen“. Aydan Özoguz verhüllt mit diesen Formulierungen den sexuellen Missbrauch von Mädchen im Migrantenmilieu.

So hat es mich auch nicht überrascht, dass sie Minister de Maizière in den Arm fiel, als der am 15. November 2016 den Salafisten-Verein „Die wahre Religion“ verbot, ein islamistisches Netzwerk, das junge Muslime in Deutschland für den Dschihad in Syrien anwirbt. Aydan Özoguz forderte stattdessen „Augenmaß“ bei der Verfolgung von Islamisten.

Die Integrationsbeauftragte hat normalerweise die Rückendeckung der Bundeskanzlerin, der SPD und der Grünen sowieso – doch aus der Union kamen dieses Mal Widerworte: „Gegen Islamisten ist kein Augenmaß gefragt, sondern die volle Härte des Gesetzes“, entgegnete CDU-Generalsekretär Peter Tauber am 16. November 2016 und fuhr fort: „Anstatt unseren Sicherheitsbehörden für ihre hervorragende Arbeit zu danken, tritt ihnen Frau Özoguz vors Schienbein.“

Frau Özoguz kann nicht nur treten, sie kann auch schweigen. Bei dem jetzt vorgelegten „Impulspapier der Migrant*innenorganisationen zur Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft“, das nach ihrer Vorstellung im Wahljahr 2017 umgesetzt werden soll, ist zunächst aufschlussreich, wovon nicht die Rede ist.

Nicht die Rede ist von Problemen und Konflikten bei Flüchtlingen und Migranten, sondern es geht sogleich darum, wie die „Teilhabe am Haben und am Sagen“ der Migrantenorganisationen organisiert werden kann. Migranten sind nach der Definition des Papiers Opfer, „Einzelne, denen ihre Herkunft oftmals nachteilig ausgelegt wird“. Von wem? Der Begriff „Deutscher“ oder „deutsche Gesellschaft“ kommt aber gar nicht vor, das Impulspapier zitiert, um die Bezugsgruppe zu beschreiben, den Bundespräsidenten, der bei anderer Gelegenheit vom „Wir der Verschiedenen“ sprach.

Selbst die Art der Teilhabe an diesem „Wir der Verschiedenen“ bleibt ungesagt. Die Bundeskanzlerin hat dem gewählten US-Präsidenten Donald Trump trotzig die Zusammenarbeit auf Basis von „Demokratie, Freiheit, Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung“ angeboten. Eine derart selbstverständliche Standortbestimmung gegenüber Migranten fehlt im Impulspapier. Ein positives Leitbild wäre aber nötig, sind doch an dem Regierungsprojekt Integration Organisationen wie die Islamverbände beteiligt, die sich mit Werten und Freiheiten des Westens wieder und wieder schwertun.

Auch ein weiterer Grundsatz unserer Verfassung wird in dem Impulspapier grundsätzlich negiert. Das Grundgesetz stellt am Beginn des Grundrechtekatalogs das Individuum, den Einzelnen,  in den Mittelpunkt. Ganz bewusst werden Grundrechte nicht gewährt, sondern umgekehrt, die Grundrechte eines „Jeden“ sind das Fundament für alles andere. Das bedeutet als Staatsziel, dass der Einzelne und nicht sein Kollektiv im Mittelpunkt der Integrationsbemühungen stehen muss.

Die Koalitionsfreiheit, die Vereine oder hier die Migrantenorganisationen sind nur die Folge dieses Prinzips. In dem Impulspapier geht es aber nicht um die Rechte der Migranten, sprich der Bürger, sondern ausschließlich um eine „Teilhabe am Haben und am Sagen“ der Migrantenorganisationen. Die islamischen Verbände als Vormünder der Migranten, die Migranten als Mündel der Migrantenverbände.

Das Ziel des Impulspapiers ist es nicht, den Bürger, die Bürgerin zu integrieren, sondern Gruppenrechte zu institutionalisieren. So wie die Islamverbände immer wieder ihre religiösen Rechte wie auf das öffentliche Beten oder Schächten als Kollektivrecht einfordern, soll nach diesen Vorstellungen das Staatsziel „Teilhabe am Haben und am Sagen“ im Grundgesetz als Kollektivrecht verankert werden. Darüber hinaus will das Impulspapier die institutionelle Teilhabe von Migranten gemäß ihrem Bevölkerungsanteil, ihrer Religion und Ethnizität. Man fordert eine Quote für Migranten in Institutionen und Führungsetagen, analog der Frauenquote.

Sogenannte „Vielfaltsberater*innen“ der Migrantenorganisationen (MO) sollen unter Anleitung einer Art Zensurbehörde mit dem Titel „Nationaler Rat zur interkulturellen Öffnung“ die Standards  zur Interkulturellen Öffnung (IKÖ), die „IKÖ-Checks“ durchsetzen. Man stellt sich wohl so etwas wie ein „Halal“-Zertifikat vor, mit dem das vom islamischen Glauben „Erlaubte“ gekennzeichnet wird. Selbst Gesetze sollen, bevor sie vom Deutschen Bundestag beschlossen werden können, ein IKÖ-Siegel benötigen. Das ist der Versuch, die Parallelgesellschaft auf Staatsebene zu etablieren. Die Migrantenorganisationen wollen ein Veto in Schlüsselstellungen und Entscheidungen in Politik und Gesellschaft. Das ist keine Teilhabe, das ist Landnahme.

Das Impulspapier der Integrationsbeauftragten ist ein sprechendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man Migrantenorganisationen und ihren Helfern in den Parteien die Integrationspolitik überlässt. Sie formulieren ihre Ziele selbst und verteilen die Gelder untereinander. Es ist eine Integrationsindustrie entstanden, die weitgehend politisch unkontrolliert Millionensummen solchen Projekten zuschiebt, die die Parallelgesellschaft verfestigen, statt sie aufzulösen. Es geht den organisierten Migranten und ihren Lobbyisten nicht darum, dass die Zuwanderer sich anstrengen, um hier anzukommen, sie sollen sich nicht fragen, was sie für dieses Land tun können, sondern es geht allein um das „Haben und Sagen“, um Partizipation ohne Gegenleistung: Partizipation ohne Integration.

Dass es so weit gekommen ist, liegt auch an den Parteien und politisch Verantwortlichen, die zwar Geld verteilen, aber sich nicht um die wirklichen Probleme kümmern, sondern sie den Migranten und ihren Organisationen überlassen. Die Folgen zeigten sich beim 9. Integrationsgipfel und seinem Ergebnis, dem Impulspapier. Die Islamverbände und ihre politischen Freunde wollen eine andere Republik, dieses Papier ist ihr Masterplan.

Es gibt ein paar politische Möglichkeiten, dies zu verhindern. Erstens: Die Lobbyistin Aydan Özoguz ist am falschen Platz und von ihrer Aufgabe zu entbinden. Zweitens: Das Impulspapier ist zu entsorgen. Drittens: Die Parteien müssen den offenen Diskurs mit allen Beteiligten und nicht nur den Betroffenen über Werte und Freiheiten in unserer Gesellschaft führen. Ziel ist es, einen nachhaltigen Integrationsplan zu entwickeln. Das Wahljahr 2017 ist für diese Debatte bestens geeignet. Zur Abwahl steht der Masterplan für eine andere Republik; denn wenn die kommt, um mit den Worten der Kanzlerin zu sprechen, dann ist das nicht mein Land.

Unsere Autorin Necla Kelek hat 2012 mit Chaos der Kulturen. Die Debatte um Islam und Integration ein viel beachtetes Statement abgegeben. Ihre Bücher Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland (Köln 2005) und Verlorene Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes (Köln 2006) sind mittlerweile Klassiker.

Quelle: Zur Abstimmung steht der Masterplan für eine andere Republik 

 

 



Artikel über Necla Kelek

Falsche Freiheit
Der türkische Mann
Die wahre Empirie
Pardon, sind sie blutsverwandt?
Warum nur schauen so viele weg?
Sie wissen nicht: Liebe ist erlaubt
Der Islam muss säkular werden
Den Willen zur Integration einfordern

Videos mit Necla Kelek

Necla Kelek - Engagierte Kämpferin gegen Islamismus
Necla Kelek an der Islamkonferenz
Necla Kelek - Die Türkei und wir 1/4
Necla Kelek - Die Türkei und wir 2/4
Necla Kelek - Die Türkei und wir 3/4
Necla Kelek - Die Türkei und wir 4/4