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Oriana Fallaci: „Die Wut und der Stolz.”

Aus Oriana Fallaci's Buch „Die Wut und der Stolz

Oriana Fallaci
Die italienische Journalistin und Schriftstellerin Oriana Fallaci

Auszug aus dem Buch „Die Wut und der Stolz” von Oriana Fallaci

Dieses Buch ist plötzlich entstanden. Ist explodiert wie eine Bombe. Unerwartet wie die Katastrophe, die am Morgen des 11. September 2001 Tausende von Menschen zu Asche und zwei der schönsten Gebäude unserer Epoche zu Staub werden ließ: die Türme des World Trade Center. Am Vorabend der Katastrophe dachte ich an ganz anderes: Ich arbeitete an dem Roman, den ich als mein Kind bezeichne. Ein sehr umfangreicher und anspruchsvoller Roman, den ich in diesen Jahren nie vernachlässigt habe, den ich manchmal höchstens einige Wochen oder Monate ruhen ließ, um mich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen oder um in Archiven und Bibliotheken die Recherchen durchzuführen, auf denen er aufgebaut ist.

Ein sehr schwieriges, sehr forderndes Kind, mit dem ich einen großen Teil meines Lebens als Erwachsene schwanger gegangen bin, dessen Geburt von der Krankheit eingeleitet wurde, die mich töten wird und dessen ersten Schrei man weiß Gott wann hören wird. (Die italienische Journalistin und Schriftstellerin Oriana Fallaci litt an Krebs.) Vielleicht wenn ich tot bin. Warum nicht? Die posthumen Werke haben den unschätzbaren Vorteil, einem die Dummheiten oder Gemeinheiten derjenigen zu ersparen, die sich, ohne einen Roman schreiben oder konzipieren zu können, anmaßen, diejenigen zu beurteilen oder gar zu misshandeln, die diese Arbeit tun.

An jenem 11. September dachte ich daher an mein Kind und sagte mir, als ich den Schock überwunden hatte: „Ich muss vergessen, was geschehen ist und weiter geschieht. Ich muss mich um mein Kind kümmern und basta. Sonst verliere ich es.” Also biss ich die Zähne zusammen und setzte mich an den Schreibtisch. Ich nahm die Seiten des vorigen Tages wieder zur Hand, versuchte, im Geist zu meinen Gestalten zurückzukehren. Geschöpfen aus einer fernen Welt, aus einer Zeit, zu der es wahrhaftig weder Flugzeuge noch Wolkenkratzer gab. Doch es gelang mir nur sehr kurz. Todesgestank wehte durch die Fenster herein, von den menschenleeren Straßen klang der durchdringende Sirenenton der Krankenwagen herauf, über den Fernseher, den ich aus Angst und Verwirrung angelassen hatte, flimmerten immer wieder die Bilder, die ich vergessen wollte. Und plötzlich verließ ich das Haus. Ich suchte ein Taxi, fand keines, ging zu Fuß in Richtung der Türme, die nicht mehr da waren, und...

Danach wusste ich nicht, was ich tun sollte. Wie sollte ich mich nützlich machen, zu etwas gut sein? Und genau während ich mich fragte, was ich tun soll, zeigte mir der Fernseher die Palästinenser, die im Freudentaumel das Blutbad bejubelten. Sieg, Sieg, schrien sie. Dann erzählte mir jemand, dass ihnen in Italien nicht wenige nacheiferten und höhnisch meinten, recht geschieht es ihnen, das geschieht den Amerikanern ganz recht. Und ich stürzte an die Schreibmaschine, so wie ein Soldat, der aus dem Schützengraben auftaucht und dem Feind entgegenstürmt. Ich widmete mich dem Einzigen, wovon ich wirklich etwas verstehe, dem, was ich tun konnte. Schreiben. Hektische, häufig verworrene Notizen, die ich für mich selbst auf's Papier warf, das heißt, an mich selbst richtete. Ideen, Überlegungen, Erinnerungen, Beschimpfungen, die von Amerika nach Italien flatterten. Von Italien in die moslemischen Länder übersprangen, von den moslemischen Ländern nach Amerika zurückprallten.

Gedanken, die ich über Jahre in meinem Herzen und Hirn vergraben hatte, da ich mir sagte, dass die Leute sowieso taub sind, nicht zuhören, nichts hören wollen. Jetzt brachen diese Dinge aus mir heraus wie frisches Quellwasser. Sie strömten wie unaufhaltsames Weinen wie ein Wasserfall auf's Papier. Und lass mich bekennen, was ich immer verborgen gehalten habe. Denn siehst du: Ich vergieße keine Tränen, wenn ich weine. Auch wenn mich ein heftiger physischer Schmerz überfällt, auch wenn mich stechender Kummer quält, meine Tränen sind versiegt. Es handelt sich um eine neurologische Dysfunktion, um eine physiologische Verstümmelung, die ich seit über einem halben Jahrhundert in mit trage. Nämlich seit dem 25. September 1943, einem Samstag, an dem die Alliierten zum ersten Mal Florenz bombadierten und einen Haufen Fehler begingen.

Anstatt ihr anvisiertes Ziel zu treffen, die Eisenbahn, die die Deutschen für die Waffen- und Truppentransporte benutzten, trafen sie das angrenzende Stadtviertel und den alten Friedhof an der Piazza Donatello. Den Cimitero degli Inglesi, auf dem die englische Dichterin Elizabeth Barret Browning begraben liegt. Ich war mit meinem Vater in der Nähe der Kirche Santissima Annunziata, die kaum dreihundert Meter von der Piazza Donatello entfernt ist, als die Bomben zu fallen begannen. Schutz suchend flüchteten wir uns ins Innere der Kirche, und... Ich kannte ihn nicht, den Schrecken eines Bombenangriffs. Es war das erste Mal, dass ich einen Bombenangriff erlebte. Herrgott! Bei jedem Abwurf bebten die fest gefügten Kirchenmauern wie Bäume im Sturmwind, die Fenster zersprangen, der Fußboden zitterte, der Altar wankte und der Priester schrie: „Jesus! Jesus, hilf!”

Plötzlich begann ich zu weinen. Ganz still, wohlgemerkt, ganz zurückhaltend. Kein Wimmern, kein Schluchzen. Doch mein Vater bemerkte es dennoch, und in dem Glauben, mir zu helfen, tat er etwas Verkehrtes, armer Papa. Lieber Papa. Er gab mir eine schallende Ohrfeige. Gott, was für eine Ohrfeige. Noch schlimmer. Dann blickte er mir streng in die Augen und zischte: „Ein Mädchen weint nicht.” Deshalb weine ich seit dem 25. September 1943 nicht mehr. Dem Himmel sei Dank, wenn mir doch einmal die Augen feucht werden und sich mir die Kehle zuschnürt. Innerlich aber weine ich mehr als die, deren Tränen fließen. Manchmal sind die Dinge, die ich schreibe, wirklich Tränen, und was ich in jenen Tagen schrieb, war wahrhaftig ein unaufhaltsames Weinen. Über die Lebenden, über die Toten. Über die Leute, die lebendig zu sein scheinen, aber in Wirklichkeit tot sind, wie die Italiener und die anderen Europäer, die nicht den Mumm haben, sich zu veränden, ein Volk zu werden, das Respekt verdient. Und auch über mich selbst, dass ich, in der letzten Phase meines Lebens angekommen, erklären muß, warum ich in Amerika im Exil lebe und warum ich heimlich nach Italien reise.

Wenn mir Italien fehlt, und es fehlt mir immerzu, dann muss ich nur die Vorbilder meiner frühen Jugend herbeirufen, eine Zigarette mit ihnen rauchen, sie bitten, mich ein wenig zu trösten. Reichen sie mir die Hand, Cianca. Reichen sie mir die Hand, Garosci. Helfen sie mir daran zu glauben, dass ich nicht alleine bin. Oder ich muss die glorreichen Geister von Garribaldi, Maroncelli, Confalonieri etc. beschwören. Mich vor ihnen ehrfürchtig verneigen, ihnen ein Gläschen Cognac anbieten, dann die Platte mit Nabucco auflegen, gespielt vom Philharmonic Orchestra, New York, unter der Leitung von Arturo Toscanini, und sie gemeinsam mit ihnen anzuhören.

Und wenn mir Florenz fehlt oder vielmehr meine Toskana, was noch häufiger vorkommt, dann brauche ich nur in ein Flugzeug zu steigen und hinzureisen. Heimlich allerdings, wie Mazzini es immer machte, wenn er sein Exil in London verließ, um nach Turin zu fahren und seiner Giuditta Sidoli im Verborgenen einen Besuch abzustatten. In Florenz, oder vielleicht in meiner Toskana, lebe ich nämlich mehr, als man glaubt. Oft monatelang oder sogar ein ganzes Jahr. Doch weiß niemand davon, weil ich a la Mazzini reise. Und zwar deshalb, weil es mir vor der Vorstellung graut, den angeblichen Landsleuten zu begegnen, derentwegen mein Vater im Exil auf dem abgelegenen Hügel starb und derentwegen ich mich gezwungen fühle, weiter hier auf der dichtbesiedelten Insel (Manhatten) voller Wolkenkratzer zu wohnen.

Dann, ich weinte seit einer Woche, kam der Herausgeber der Zeitung nach New York. Er kam, weil er mich überreden wollte, das Schweigen zu brechen, dass ich längt gebrochen hatte. Und ich sagte es ihm. Ich zeigte ihm sogar die hektischen, verworrenen Notizen, und er war so entzückt, als hätte er Greta Garbo gesehen, die die dunkle Brille abgenommen hat und auf der Bühne der Scala einen schlüpferigen Striptease vorführt. Oder als sehe er schon das Publikum Schlange stehen, um die Zeitung zu kaufen, Pardon, um das Parkett, die Logen und die Ränge zu stürmen. Entzückt bat er mich weiterzuschreiben, die einzelnen Teile zu verbinden, eine Art Brief an ihn daraus zu machen.

Angestachelt von meiner Bürgerpflicht, von der moralischen Herausforderung, vom kategorischen Imperativ (vom Prinzip der Moral, der Ethik, nach der jeder Mensch sein Handeln richten sollte), nahm ich den Vorschlag an. Erneut vernachlässigte ich mein Kind, dass ohne Milch und Mama unter den hektischen, verworrenen Notitzen schlummerte, und kehrte an die Schreibmaschine zurück, wo sich das unaufhaltsame Weinen in einen Schrei aus Wut und Stolz verwandelte. Eine Jaccuse. Eine Anklage an die Italiener und die anderen Europäer, die mir vom Parkett, den Logen und den Rängen der Zeitung her zuhören und vielleicht ein paar Blumen, gewiss aber etliche faule Eier in meine Richtung werfen würden.

Ich arbeitete zwei weitere Wochen. Ohne Pause. Das heißt, fast ohne zu essen und ohne zu schlafen. Ich spürte weder die Müdigkeit noch den Hunger, nein. Ich hielt mich aufrecht mit Zigaretten und mit Kaffee. Und hier muss ich etwas Grundsätzliches klarstellen, ähnlich wie beim Thema weinen. Schreiben ist eine sehr ernsthafte Sache für mich. Es ist kein Vergnügen, keine Zerstreuung oder eine Erleichterung. Und zwar, weil ich niemals vergesse, dass die geschriebenen Dinge sehr viel Gutes, aber auch sehr viel Böses ausrichten können. Sie können heilen oder töten. Studiere die Geschichte, und du wirst sehen, hinter jeder kollektiven Erfahrung von Gut und Böse steht ein geschriebener Text. Ein Buch, ein Artikel, ein Manifest, ein Gedicht, ein Gebet oder ein Lied. Eine Bibel, eine Thora, ein Koran, das „Kapital” von Karl Marx, ein Yankee Doodle Dandy (Lied des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges), eine Marsaillaise (1795 Lied der französischen Revolution, später französischen Nationalhymne), eine Hymne von Mameli (Autor der italienischen Nationalhymne), ein Vaterunser.

So schreibe ich nie rasch, wie aus einem Guss. Ich bin eine langsame Schriftstellerin. Auch eine, die höchste Ansprüche an sich stellt, die immer unzufrieden ist. Ich habe wahrhaft nichts gemein mit jenen, die sich jedesmal selbstzufrieden ihres Produktes rühmen, als hätten sie ein Ei gelegt, die sich darüber freuen, als hätten sie Ambrosia oder Kölnisch Wasser gepisst. (Ambrosia ist eine krautige Pflanze, von der in der Mythologie gesagt wird, dass sie Unsterblichkeit verleihen soll.) Zudem habe ich viele Manien. Mir ist die Metrik wichtig, der Satzrhytmus, die Melodie der Seite, der Klang der Wörter. Und wehe den Assonanzen (Halbreimen), den Reimen oder den ungewollten Wiederholungen. Die Form liegt mir ebenso am Herzen wie der Inhalt.

Ich meine, die Form ist ein Gefäß, dem sich der Inhalt anpasst, wie der Wein dem Glas. Und diese Symbiose zu gestalten hemmt mich zuweilen. Jetzt dagegen fühlte ich mich kein bisschen gehemmt. Ich schrieb rasch wie aus einem Guss, ohne mich um Assonanzen oder Reime oder Wiederholungen zu kümmern, weil die Metrik, das heißt der Rhythmus sich von selbst einstellte, wobei ich mir, wie nie zuvor der Tatsache bewusst war, dass Geschriebenes heilen oder töten kann. (Kann Leidenschaft so weit gehen?) Das Schlimme ist, als ich innehielt und bereit war, den Text abzuschicken, merkte ich, dass ich anstelle eines Artikels ein kleines Buch verfasst hatte. Um ihn der Zeitung zu geben, musste ich ihn kürzen, auf eine angenehme Länge zusammenstreichen.

Ich kürzte ihn auf fast die Hälfte. Den Rest verschloss ich in einer Schublade und legte ihn beiseite, zu dem schlafenden Kind. Meterweise Papier, auf dem ich mein Herz ausgeschüttet hatte. Die Seiten über die beiden Buddhas, die in  Banyam (Afghanistan) gesprengt worden waren, zum Beispiel und die über meinen Kondun. Den Dalai Lama. Die über die drei Frauen, die in Kabul hingerichtet wurden, weil sie zum Friseur gingen, und die über die Feministinnen, die sich einen Dreck um ihre Schwestern in Burkah und Tschador scheren. Die über Ali Bhuto, der mit noch nicht dreizehn Jahren zur Heirat gezwungen wurde, und die über König Hussein, dem ich erzählte, wie die Palästinenser während eines israelischen Bombenangriffs mit mir umgegangen sind.

Die über die italienischen Kommunisten, die ein halbes Jahrhundert noch schlimmer mit mir umgegangen sind als die Palästinenser, und die über den Cavalliere Silvio Berlusconi, der Italien regiert. Die über die Freiheit, die als Zügellosigkeit gedeutet wird, über die Pflichten, die zugunsten der Rechte vergessen werden. Die über die ignoranten Weichlinge von heute. Das heißt, über die vom Wohlstand, von der Schule, von den Eltern verwöhnte Jugend, von einer Gesellschaft, die nicht funktioniert. Die über die Fähnchen im Wind von gestern, heute und morgen... Ich nahm sogar die Abschnitte über den Feuerwehrmann Jimmy Grillo heraus, der nicht aufgibt, und über Bobby, den New Yorker Jungen, der an das Gute, an die Tapferkeit glaubt.

Und dennoch war der Text entsetzlich lang. Der entzückte Herausgeber versuchte mir zu helfen. Aus den beiden ganzen Seiten, die er für mich reserviert hatte, wurden dann drei, dann vier, dann viereinviertel. Ein, glaube ich, nie dagewesener Raum für einen einzigen Artikel. Vermutlich in der Hoffnung, ich würde ihm den Text komplett geben, bot er mir sogar an, ihn in zwei Teilen zu veröffentlichen. In zwei Ausgaben. Das lehnte ich ab, weil man einen Schrei nicht in zwei Teilen veröffentlichen kann. Mit der Veröffentlichung in zwei Folgen hätte ich nicht das Ziel erreicht, das ich mir gesetzt hatte, nämlich zu versuchen, den Leuten, die nicht sehen und hören wollen, Augen und Ohren zu öffnen, denjenigen, die nicht denken wollen, zum Denken anzuregen. Bevor ich den Artikel abgab, kürzte ich ihn sogar daher noch mehr. Ich strich die heftigsten Teile heraus, vereinfachte die kompliziertesten Passagen. Um sich verständlich zu machen, muss man schon einigermaßen konsequent vorgehen, nicht wahr? In der Schublade bewahrte ich die vielen Meter Papier der intakten Niederschrift auf, den vollständigen Text, das kleine Buch.

Die Seiten, die auf dieses Vorwort folgen, sind das kleine Buch. Der komplette Text, den ich in den zwei Wochen schrieb, als ich weder aß noch schlief, mich mit Kaffee und Zigaretten wachhielt und die Worte wie frisches Quellwasser hervorsprudelten, wie ein Wasserfall, besser, wie ein unaufhaltsames Weinen herauströmten. Korrekturen gibt es wenige. (Im Alter von vierzehn Jahren wurde ich, nur als ein Beispiel, mit 15.670 Lire aus dem italienischen Heer entlassen, während ich die Summe in der Zeitung fälschlicherweise mit 14.540 beziffert hatte.) Kürzungen diesmal gar keine, von einigen überflüssig gewordenen Dingen abgesehen. Zum Beispiel den Namen der Zeitung, die meinen Artikel veröffentlicht hat, und dem ihres Herausgebers, mit dem ich, wie man bald sieht, nicht mehr rede [1]. Sic transit gloria mundi. Ein lateinischer Ausdruck, der besagt: So vergeht die Herrlichkeit der Welt.

[1] Es war übrigens die italienische Zeitung „Corriere della sera”. Dort veröffentlichte Oriana Fallaci am 29. September 2001 den Artikel unter der Bezeichnung „La Rabbia e L'Orgoglio” (Die Wut und der Stolz). Der Herausgeber könnte De Bortuli Ferriccio gewesen sein. Jedenfalls ist sein Name in dem Artikel mit aufgeführt, wenn ich das richtig verstanden habe. Man kann den Artikel dort auf italienisch lesen.

*   *   *

Ich weiß nicht, ob dieses Buch eines Tages wachsen wird. Dieser deutschen Ausgabe habe ich hier und da noch einige Seiten hinzugefügt, noch einige Sätze, einige Ideen. Es ist also schon gewachsen. Ich weiß aber, dass ich mir bei seiner Veröffentlichung, und sei es nur diese Übersetzung, vorkomme wie Geatono Salvemini (1873-1957, italienischer Politiker, Historiker und Antifaschist), der am 7. Mai 1933 in einem Saal des Irving Plaza in New York über Hitler und Mussolini spricht. Vor einem Publikum, das ihn nicht versteht, ihn aber am 7.Dezember 1941 verstehen wird, das heißt an dem Tag, an dem die mit Hitler und Mussolini verbündeten Japaner Pearl Harbor bombardieren werden, redet er sich die Kehle wund und schreit: „Wenn ihr untätig zuschaut, wenn ihr uns nicht helft, dann werden sie (die Faschisten) euch später auch angreifen!”

Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen meinem kleinen Buch und dem antifacist-meeting (dem antifaschistischen Treffen) im Irving Place. Über Hitler und Mussolini wussten die Amerikaner damals wenig. Sie konnten sich den Luxus erlauben, nicht allzu sehr an die Worte dieses Flüchtlings zu glauben, der ihnen von Freiheitsliebe beseelt schreckliches Unglück vorhersagte.

Über den islamischen Fundalismus dagegen wissen wir heute alles. Keine zwei Monate nach der Katastrophe am 11. September 2001 von New York bewies Bin Laden selbst, dass ich nicht zu Unrecht schreie: „Versteht ihr denn nicht, wollt ihr nicht verstehen, dass ein umgekehrter Kreuzzug im Gang ist? Ein Religionskrieg, den sie Jihad, Heiligen Krieg, nennen. Versteht ihr denn nicht, wollt ihr nicht verstehen, dass der Westen für sie eine Welt darstellt, die erobert und zum Islam bekehrt werden muss?” Er bewies es während der Fernsehansprache, bei der er einen schwarzen Ring zur Schau trug, dem Schwarzen Stein ähnlich, der an der Kaaba, der großen Moschee in Mekka verehrt wird.

In dieser Ansprache bedrohte er sogar die UNO und bezeichnete deren Generalsekretär Kofi Annan als Kriminellen. In dieser Ansprache schloß er die Italiener, die Engländer und die Franzosen in die Liste der zu züchtigenden Feinde mit ein. Dieser Ansprache fehlte nur die hysterische Stimme Hitlers oder die ordinäre Stimme Mussolinis, der Balkon am Palazzo Venezia oder die Tribühne auf dem Alexanderplatz in Berlin. „Im Wesemtlichen ist dies ein Religionskrieg, und wer das bersteitet, lügt,” sagte Bin Laden. „Alle Araber und alle Moslems müssen Partei ergreifen. Wenn sie neutral bleiben, verleugnen sie den Islam,” sagte er. „Die arabischen und moslemischen Staatsoberhäupter, die in der UNO sitzen und deren Politik akzeptieren, stellen sich außerhalb des Islam, es sind Ungläubige, die die Botschaft des Propheten nicht achten,” sagte er. „Diejenigen, die sich auf die Rechtmäßigkeit der internationalen Institutionen beziehen, verzichten auf die einzige und authentische Rechtmäßigkeit, die Rechtmäßigkeit, die vom Koran kommt.” Und weiter: „Die große Mehrheit der Moslems auf der Welt war zufrieden mit den Angriffen auf die Zwillingstürme. Das zeigen die Umfragen.”

Waren diese Pünktchen auf dem „i” (gemeint ist der letzte Satz Bin Ladens) überhaupt noch nötig? Von Afghanistan bis zum Sudan, von Indonesien bis Pakistan, von Malaysia bis zum Iran, von Ägypten bis zum Irak, von Algerien bis zum Senegal, von Syrien bis Kenia, von Lybien bis zum Tschad, vom Libanon bis Marokko, von Palästina bis zum Jemen, von Saudi-Arabien bis Somalia wächst zusehends der Hass auf den Westen. Er lodert, wie ein vom Wind entfachtes Feuer und die Anhänger des islamischen Fundamentalismus vermehren sich wie die Protozoen einer Zelle, die sich teilt, damit zwei daraus werden, dann vier, dann acht, dann sechzehn, dann zweiunddreißig. Und so weiter. Wer das im Westen nicht begreift, möge sich die Bilder ansehen, die uns das Fernsehen jeden Tag zeigt.

Die Massen, die die Straßen von Islamabad, die Plätze von Nairobi, die Moscheen von Teheran überschwemmen. Die wütenden Gesichter, die drohenden Fäuste und die Plakate mit dem Bild Bin Ladens. Die Scheiterhaufen, auf denen die amerikanische Fahne brennt.und die Puppe mit den Gesichtszügen von Präsident George Bush. Die Blinden im Westen mögen sich das Jubelgeschrei über den barmherzigen und zornigen Gott anhören oder ihre Allah-akbar-Rufe (Allah ist größer), Jihad-Krieg, Heiliger-Krieg.

Von wegen extremistische Randgruppen! Von wegen fanatische Minderheit! Millionen über Millionen sind sie, die Extremisten. Millionen über Millionen sind sie, die Fanatiker. Millionen über Millionen, für die Usama Bin Laden, lebendig oder tot, eine Ayatollah Khomeini ebenbürtige Legende ist. Millionen über Millionen, die nach Khomeinis Tod in ihm einen neuen Führer, ihren neuen Helden erkannten.

Gestern Abend sah ich Bilder von Moslems in Nairobi (Kenia), einem Ort, von dem nie gesprochen wird. Sie drängten sich auf dem Marktplatz, mehr als in Gaza, Islamabad oder Jakarta und dann interviewte ein Fernsehreporter einen alten Mann. Er fragte ihn: „Who is for you Bin Laden?” (Wer ist Bin Laden für sie?)  „A hero, our hero!” (Ein Held, unser Held!), antwortete der alte Mann glücklich. „And if he dies?” (Und wenn er stirbt?), fragte der Reporter weiter. „We find another one.” (Dann finden wir einen anderen.), erwiderte der Alte ebenso glücklich. Anders gesagt, der Mann, der sie von Mal zu Mal anführt, ist nur die Spitze des Eisbergs, der Teil des Berges, der aus dem Abgrund aufragt.

Der wahre Protagonist (die wahre Hauptfigur) dieses Krieges ist nicht er. Er ist nur der sichtbare Teil, die Spitze des Eisberges. Der Protagonist ist der überflutete, daher unsichtbare Teil des Eisberges. Es ist jener Teil, der sich seit 1.400 Jahren nicht bewegt, nicht aus den Abgründen seiner Blindheit auftaucht, der seine Türen nicht für die Errungenschaften der Zivilisation öffnet, der nichts von Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Fortschritt wissen will. Der Berg, der trotz seines skandalösen Reichtums seines Beherrschers (denkt an Saudi-Arabien) noch im mittelalterlichen Elend lebt, noch im Obskurantismus (im Dunkeln) und Puritanismus (in altertümlichen Moralvorstellungen) einer Religion dahinvegetiert, die nichts als Religion hervorzubringen versteht.

Es ist ein Berg, der im Analphabetismus ertrinkt (In den muslimischen Ländern bewegt sich die Analphabetismusrate zwischen sechzig und achtzig Prozent.), so dass die „Nachrichten” nur in Form von Karikaturen oder den Lügen der Mullahs zugänglich sind. Der unsichtbare Teil des Berges schließlich ist es, der uns die Schuld für seine materielle und intellektuelle Armut, seine Rückständigkeit und seinen (wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen) Verfall in die Schuhe schiebt, da er insgeheim neidisch auf uns ist, sich insgeheim von unserer Lebensart angezogen fühlt.

Der Optimist, der glaubt, der Heilige Krieg sei mit der Zerschlagung des Taliban-Regimes in Afghanistan zu Ende gegangen, der irrt sich. [2] Der Optimist, der sich von den Bildern der Frauen in Kabul, die keine Burka mehr tragen und mit unbedecktem Gesicht das Haus verlassen, die wieder zum Arzt, in die Schule und zum Friseur gehen können, blenden lässt, der irrt sich. Der Optimist, der sich damit zufrieden gibt, dass sich die afghanischen Männer nach der Niederlage der Taliban die Bärte kürzten oder abrasierten, sowie die Italiener nach dem Fall Mussolinis das faschistische Abzeichen ablegten, der irrt sich.

[2] Im November und Dezember 2001 wurden die Taliban durch die „Vereinigte Front”, in den westlichen Medien besser bekannt als Nordallianz, gestürzt. Die Nordallianz war eine gegen die Taliban gerichtete lose Koalition rivalisierender tadschikischer, usbekischer und Hazara-Kriegsherren, die sich mit den amerikanischen Streitkräften verbündeten. Im Dezember 2001 folgte die Einsetzung einer Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai.

Er irrt sich, weil der Bart nachwächst und die Burka wieder getragen werden wird. In den letzten zwanzig Jahren gab es in Afghanistan häufige Wechsel zwischen abrasierten und nachwachsenden Bärten, abgenommenen und wieder angelegten Burkas. (In der Zeit, in der die Taliban regierten, gab es Prügelstrafe oder Inhaftierung von Männern, deren Bärte zu kurz waren.) Er irrt sich, weil die derzeitigen Sieger (die Regierung von Hamid Karzai, seit 2001 Präsident von Afghanistan) genau so zu Allah beten, wie die Besiegten (Taliban), weil sie sich eigentlich nur in der Frage des Bartes von den momentanen Besiegten unterscheiden und in der Tat fürchten die Frauen die einen genauso wie die anderen. Die derzeitigen Sieger verbünden sich mit den Besiegten, befreien sie wieder und lassen sich für eine Handvoll Dollar bestechen. Gleichzeitig bekriegen sie sich wild untereinander, wodurch sie Chaos und Anarchie Vorschub leisten.

Doch vor allem irrt er sich, der Optimist, weil unter den neunzehn Kamikaze von New York und Washington kein einziger Afghane war und es für die zukünftigen Kamikaze andere Orte gibt, wo sie trainieren können, andere Höhlen, in die sie sich flüchten können. (Seit dem 11.09.2001 gab es bis heute (08.September 2010) insgesamt 16.009 tötliche Terroranschläge radikaler Islamisten. siehe: thereligionofpeace.com)

Schau die Landkarte an. Im Süden von Afghanistan liegt Pakistan, im Norden liegen die muslimischen Staaten der ehemaligen UDSSR (Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan). im Westen der Iran. Westlich des Iran liegt der Irak, daneben Syrien und neben Syrien der Libanon, der mittlerweile auch muslimisch ist. Neben dem Libanon liegt das muslemische Jordanien, daneben das ultramuslimische (extrem-muslimische) Saudi-Arabien, und jenseits des Roten Meeres liegt der afrikanische Kontinent mit all seinen muslimischen Ländern. Ägypten, Lybien und Somalia, um nur einige aufzuzählen. Mit seinen jungen und alten Leuten, die dem Heiligen Krieg applaudieren.

Im Übrigen ist der Konflikt zwischen uns und ihnen nicht militärischer Art. Es ist ein kultureller, ein intellektueller, ein religiöser, ein moralischer, ein politischer Konflikt, ein Konflikt, der zwischen demokratischen und tyrannischen Ländern besteht und immer bestehen wird. Unsere militärischen Siege können die Offensive ihres unheilvollen Terrrorismus nicht stoppen. Im Gegenteil, sie fordern sie heraus, verschärfen sie, verstärken sie. Das Schlimmste steht uns noch bevor: die Wahrheit. Und die Wahrheit liegt nicht notwendig in der Mitte. Manchmal ist sie ganz auf einer Seite. Auch Geatono Salvemini sagte das bei seinem antifacist-meeting im Irving Plaza in New York.

*   *   *

Trotz der grundsätzlichen Ähnlichkeit besteht noch ein zweiter Unterschied zwischen diesem kleinen Buch und dem antifacist-meeting im Irving Plaza. Denn die Amerikaner, die am 7. Mai 1933 Salvemini zuhörten und die ihn nicht oder kaum verstanden (genau wie ich heute nicht oder kaum verstanden werde) hatten Hitlers SS und Moussulinis Schwarzhemden nicht direkt vor der Haustür. Ein Ozean aus Wasser und Isolationismus lenkte sie von der Wahrheit ab, rechtfertigte ihre Skepsis. Die (heutigen) Italiener und die anderen Europäer hingegen haben Bin Ladens SS und Schwarzhemden in ihren Städten, Dörfern, Büros und Schulen. In ihrem Alltag, in ihrem Land. Sie sind überall, diese neuen SS-Leute, diese neuen Schwarzhemden.

Beschützt vom Zynismus oder dem Opportunismus, der Berechnung oder der Dummheit derjenigen, die sie uns als Unschuldsengel darstellen. Die Armen, die Armen, schau nur wie leid sie mir tun, wenn sie aus ihren Schlauchbooten steigen. Du Rassistin, du Rassistin, du Böse, du Böse, du kannst sie nur nicht ausstehen. Nun, ja: Wie ich schon in dem in der Zeitung erschienenen Artikel sagte, wimmelt es in den Moscheen, die vor allem in Italien im Schatten unseres vergessenen Laizismus und unseres deplazierten Pazifismus aus dem Boden schießen, bis zum Überdruss von Terroristen oder solchen, die es werden wollen. Nicht zufällig wurden einige davon nach dem Blutbad von New York verhaftet

Mit Hilfe der englischen, französischen, spanischen und deutschen (eigentlich sehr schüchternen) Polizei wurden einige Depots voll Waffen und Sprengstoff ausgehoben, die zu Ehren des Barmherzigen und zornigen Gottes (Allah) zum Einsatz kommen sollten. Außerdem einige Al Quaida-Zellen. Und jetzt weiß man, dass das FBI seit 1989 von einer italienischen Spur oder vielmehr von Italian Militants spricht. Man weiß, dass die Mailänder Moschee schon damals als Hort islamischer Terroristen bekannt war. Man weiß auch, dass der Mailänder Algerier Ahmed Ressan in Seattle mit sechzig Kilo chemischer Substanzen zur Herstellung von Sprengstoff erwischt wurde. Man weiß, dass zwei weitere Mailänder namens Atmani Saif und Fateh Kamel in das Attentat auf die Metro in Paris verwickelt waren.

Man weiß, dass diese Unschuldsengel von Mailand aus häufig nach Kanada fuhren. (Welch ein Zufall: Zwei der neunzehn Flugzeugentführer vom 11. September 2001 waren aus Kanada in die USA eingereist.) Man weiß, dass Mailand und Turin seit je Zentralen der Umverteilung und Rekrutierung islamischer Extremisten waren, Kurden eingeschlossen. (Ein pikantes Detail in dem Skandal um Abdullah Öcalan [3], den kurdischen Superterroristen, der von einem kommunistischen Abgeordneten nach Italien geholt und von der Regierung der Olivenbaum-Koalition (Mitte-links-Bündnis) in einer schönen Villa am Stadtrand von Rom beherbergt wurde.) Man entdeckt, dass Mailand, Turin, Rom, Neapel und Bolgna seit je die Epizentren des internationalen islamischen Terrorismus waren.

[3] Abdullah Öcalan: Führer und ehemaliger Vorsitzender der als Terrororganisation eingestuften kurdischen PKK (PKK = kommunistische Arbeiterpartei Kurdistans) 1999 wurde Öcalan in der Türkei wegen Hochverrats, Bildung einer terroristischen Vereinigung, Sprengstoffanschlägen, Raub und Mord zum Tode verurteilt. 2002 wurde das Urteil nach Aufhebung der Todesstrafe auf lebenslänglich abgeändert.

Aber auch Como, Lodi, Cremona, Reggio Emilia, Modena, Florenz, Perugia, Triest, Ravenna, Rimini, Trani, Bari, Barletta, Catania, Palermo und Messina boten seit je Bin Ladens Leuten Unterschlupf. Die Rede ist von operativen Netzwerken, von logistischen Stützpunkten, von Zellen für Waffenhandel, von der italienischen Struktur als einer Basis für die homogene internationale Strategie. (Irgendjemand sollte mir erzählen, ob dasselbe in Frankreich, in Deutschland, in England, in Spanien, usw. passiert. Ich denke schon: es passiert.) Es stellt sich heraus, dass die schlimmsten Terroristen häufig einen ordnungsgemäß von den europäischen Regierungen verlängerten Pass besitzen, einen Personalausweis, eine Aufenthaltserlaubnis. Lauter Dokumente, die das Innenministerium mit beachtlicher Nonchalance (Lässigkeit)  und Großzügigkeit ausstellte.

Jetzt kennt man auch ihre Treffpunkte. Und in Italien sind es nicht wie im Risorgimento die Salons der patriotischen Gräfinnen: die Paläste, in denen unsere Großväter, immer in der Gefahr, vor einem Erschießungskommando oder am Galgen zu landen, konspirierten (geheim, verschwörerisch), um das Vaterland von der Fremdherrschaft zu befreien. Es sind die Schlachtereien halal, das heißt, die islamischen Schlachtereien, die sie überall in Italien eingerichtet haben, da sie nur Fleisch von Tieren essen, denen (ohne Betäubung) die Kehle durchgeschnitten wurde, wonach man sie ausbluten lässt und entbeint. (Wer Fleisch wie wir, mit Blut und Knochen zubereitet, ist daher ein Ungläubiger, der bestraft werden muss.) Doch man trifft sie auch in den arabischen Garküchen. Man trifft sie in den Cyber-Cafes, die ihren Gästen Computer zur Internetbenutzung zur Verfügung stellen.

Und natürlich trifft man sie in den Moscheen. Was die Imame in den Moscheen angeht, halleluja! Stolz auf das Blutbad in New York, haben sie die Masken fallen gelassen. Und die Liste ist lang. Auf ihr steht z.B. in Italien der marokkanische Schlachter, den die Journalisten mit entmutigender Hochachtung als religiöses Oberhaupt der Islamischen Gemeinde in Turin betiteln. Der fromme Kälberschinder, der 1989 mit einem Touristenvisum nach Turin kam und der mehr als jeder andere dazu beitrug, die Stadt von Cavour und Constanza d'Azeglio in eine kasbah (Zitadelle, Festung) zu verwandeln, indem er dort zwei Halal-Schlachtereien sowie fünf Moscheen eröffnete.

Der fromme Saladin, der heute Bin Ladens Bild hochhaltend, erklärt: „Der Jihad ist ein gerechter und gerechtfertigter Krieg. Nicht ich sage das, es steht im Koran. Viele (meiner muslimischen) Brüder hier aus Turin würden gerne aufbrechen, um sich dem Kampf anzuschließen.” (Herr Innenminister oder vielmehr Herr Außenminister, warum schicken sie ihn nicht zurück nach Marokko, zusammen mit seinen kampfeslustigen Brüdern?)

Die Liste umfasst auch den Imam und Vorsitzenden der Islamischen Gemeinde aus Genua, einer anderen ehrwürdigen Stadt, die geschändet und in eine kasbah verwandelt wurde, sowie seine Kollegen in Neapel, Rom, Bari und Bologna. Lauter schamlose Verehrer Bin Ladens. Der Schamloseste von allen ist der Imam von Bologna, dessen außerordentlicher Intelligenz wir folgendes Urteil verdanken: „Die beiden Türme hat die amerikanische Rechte auf dem Gewissen, die Bin Laden als Strohmann benutzt. Falls es nicht die amerikanische Rechte war, war es Israel. Jedenfalls ist es nicht Bin Ladens Schuld: Es ist Amerikas Schuld, Bin Laden ist unschuldig.”

Hört sich an, als sei er ein Idiot und basta, nicht wahr? Aber nein. Jeder islamische Theologe kann dir erklären, dass der Koran zur Verteidigung des Glaubens auch Lüge, üble Nachrede und Heuchelei erlaubt (Taqiyya). Und am 10. September 2001, also 24 Stunden vor dem New Yorker Blutbad, hat die Polizei in der Moschee von Bologna tatsächlich ein Flugblatt konfisziert (beschlagnahmt), in dem die Attentate verherrlicht und das „Bevorstehen eines außerordentlichen Ereignissen” angekündigt wurden. Sagt das nichts über die Imame aus?

Ihre Sympatisanten und Beschützer in Europa, nicht selten Kinder und Enkel der Kommunisten, die die von Stalin verübten Gräuel bestritten oder guthießen, behaupteten, dass der Imam in der islamischen Hierarchie eine harmlose und unbedeutende Gestalt sei, jemand, der sich darauf beschränke, das Freitagsgebet zu leiten, ein Priester ohne die geringste Macht. Weit gefehlt. Der Imam ist ein Würdenträger, der seine Gemeinde voll verantwortlich anführt und verwaltet. Kälberschinder oder nicht, frommer Saladin oder nicht, er ist ein hoher Priester, der die Gedanken und Taten seiner Gläubigen nach Gutdünken manipuliert oder beeinflusst: ein Agitator, der in seiner Predigt politische Botschaften lanciert (vermittelt), die Gläubigen drängt, das zu tun, was er will.

Alle Revolutionen des Islam haben dank der Imame in den Moscheen begonnen. Die islamische Revolution begann dank der Imame in den Moscheen, nicht an den Universitäten, wie ihre europäischen Sympathisanten und Beschützer von heute glauben machen möchten. Hinter jedem islamischen Terroristen steht notwendigerweise ein Imam. Ich erinnere daran, dass Khomeini ein Imam war. Ich erinnere daran, dass die Revolutionsführer im Iran Imame waren. Ich erinnere daran und behaupte, dass die Imame auf die eine oder andere Art die geistigen Oberhäupter des Terrorismus sind.

Was den in Pearl Harbor vergleichbaren Angriff betrifft [4], der diesmal dem gesamten Westen droht, muss gesagt werden: Daran, dass chemische und biologische Kriegsführung zur Strategie der neuen Nazi-Faschisten (Muslime) gehört, besteht kein Zweifel. Ein zorniger Bin Laden hat sie uns versprochen, während Kabul bombadiert wurde und es ist bekannt, dass (der ehemalige irakische Staatspräsident) Saddam Hussein seit je eine Schwäche für diese Art von Massaker besitzt. Obwohl die Amerikaner 1991 tonnenweise Bomben auf seine Labors und seine Fabriken abwarfen, produziert der Irak weiterhin Keime,  Bakterien und Bazillen, um Beulenpest, Pocken, Lepra und Typhus zu verbreiten.

[4] Luftangriff der japanischen Flotte auf die in Pearl Harbor (Hawaii) vor Anker liegende amerikanische Pazifikflotte am 7. Dezember 1941.

Und vergessen wir nicht die Enthüllungen seines Schwiegersohns (Hussein Karmel), der 1998 sagte, bevor Saddam ihn 1999 ermorden ließ: „Bei Bagdad haben wir riesige Anthraxlager. Und neben den riesigen Anthtraxlagern Unmengen von Nervengas.” (Ein Alptraum, den ich während des Golfkrieges (als Kriegsberichterstatterin) in Saudi Arabien von Nahem kennenlernte und den die Iraner in den Achtzigern mit Tausenden von Toten bezahlten: erinnerst du dich?) Nun, der chemische Krieg ward bis heute nicht gesehen und der biologische hat sich auf den Milzbrand der „Anthtrax Letters” [5] beschränkt, die von Zeit zu Zeit in Amerika kursieren. Dass Saddam Hussein oder Bin Laden die Verantwortung dafür tragen, ist außerdem nicht bewiesen.

[5] Anthrax Letters: Die „Anthrax attacks” von 2001 in den USA wurden im Verlauf mehrerer Wochen nach dem 18. September 2001 (eine Woche nach den Terroranschlägen am 11. September 2001) verübt. Briefe mit Milzbranderregern wurden an mehrere Nachrichtensender und Senatoren verschickt. Fünf Menschen starben.

Doch das Pearl Harbor, von dem ich spreche, bringt noch eine andere Gefahr, die uns hier den Atem verschlägt, seit das FBI sie mit den schrecklichen Worten angekündigt hat: „It is not a matter of It, it is a matter of When.” (Es ist keine Frage des Ob, sondern eine Frage des Wann.) Ein Angriff, den ich viel mehr fürchte als Anthrax, als die Beulenpest, als Lepra oder Nervengas, ist der Angriff auf die antiken Denkmäler, auf die Kunstwerke, auf die Schätze unserer Geschichte und unserer Kultur. Hierbei ist Europa viel mehr bedroht als Amerika.

Wenn die Amerikaner sagen „when - not if”, denken sie natürlich an ihre eigenen Schätze. An die Freiheitsstatue, an das Jefferson Memorial [6], an den Obelisken in Washington, an die Liberty Bell [7], die Glocke von Philadelphia, an die Golden Gate Bridge in San Francisco, die Brooklyn Bridge, etc. Recht haben sie. Auch ich denke daran. Genau so, wie ich an den Big Ben in London und an die Westminster Abbey (Kirche in London, in der traditionell die englischen Könige gekrönt werden) denken würde, wenn ich Engländerin wäre. An Notre Dame, den Louvre, den Eiffelturm, die Schlösser an der Loire, wenn ich Französin wäre.

[6] Das Jefferson Memorial ist ein Denkmal zu Ehren des dritten Präsidenten der USA, Thomas Jefferson. in Washington.

[7] Liberty Bell (Freiheitsglocke) ist der Name der Glocke, die geläutet wurde, als die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia am 8. Juli 1776 zum ersten Mal auf dem Independence Square (Unabhängigkeitsplatz) in der Öffentlichkeit verlesen wurde.

Doch ich bin Italienerin. Daher denke ich vor allem an die Sixtinische Kapelle (Rom) und an die Kuppel des Petersdoms und an das Kolloseum (Amphitheater). Ich denke an die Seufzerbrücke, an den Markusplatz und die Palazzi am Canale grande (Hauptwasserstraße in Venedig). An den Mailänder Dom und die Brera-Pinakothek (Mailänder Gemäldegalerie) und Leonardo da Vincis Codex Atlanticus. Ich stamme aus der Toskana. Daher denke ich vor allem an den schiefen Turm von Pisa und seine Piazza dei Miracoli (Platz der Wunder, Pisa), an den Dom von Sienna und seine Piazza del Campo, an die etruskischen Nekropolen (altertümliche Totenstätte) und die Türme von San Gimignano. Ich bin Florentinerin. Daher denke ich am allermeisten an den Dom Santa Maria del Fiore, an das Baptisterium (Taufbecken), an den Campanile von Giotto (Glockenturm), an den Palazzo della Signoria, an die Uffizien (Gemälde-Gallerien), an den Palazzo Pitti und den Ponte Vecchio, übrigens, die einzig noch erhaltene alte Brücke von Florenz, denn die Brücke Santa Trinita ist eine Rekonstruktion. Bin Ladens Großvater, will sagen Hitler, hat sie 1944 in die Luft gesprengt.

Ich denke auch an die uralten Bibliotheken mit den illuminierten Handschriften aus dem Mittelalter und den Codex Virgilianus. Ich denke zudem an die Galleria dell' Accademia, wo Michelangelos „David” steht. (Empörend nackt, mein Gott. Und daher den Anhängern des Koran ein besonderer Dorn im Auge.) Neben dem David die vier Gefangenen sowie die Kreuzesabnahme, die Michelangelo im greisen Alter schuf.

Und wenn die verfluchten Söhne Allahs mir auch noch diese Schätze zerstörten, würde ich zur Mörderin. Hört mir also gut zu, Gläubige eines Gottes, der ein „Auge um Auge” und „Zahn um Zahn” empfiehlt. Ich bin nicht mehr zwanzig, aber ich bin im Krieg geboren. Im Krieg bin ich aufgewachsen. Im Krieg habe ich den größten Teil meines Lebens verbracht. Auf ihn verstehe ich mich. Und Mumm habe ich mehr als ihr, ihr Heuchler und Feiglinge, die ihr tausende von Menschen, einschließlich vierjähriger kleiner Mädchen ermorden müsst, um den Mut zum Sterben aufzubringen. Hört mir gut zu, trotz all dem, was ich über die kulturelle, intellektuelle, religiöse, moralische, politische, kurz, nicht-militärische Kollision schrieb, sage ich jetzt Folgendes: „Krieg habt ihr gewollt, Krieg wollt ihr? Einverstanden. Was mich betrifft, sollt ihr ihn haben.” Bis zum letzten Atemzug.

*   *   *

Dulcis in fundo. (Das Beste zum Schluß.) Diesmal mit einem Lächeln. Und selbstverständlich verbirgt sich manchmal hinter dem Lächeln, wie auch beim Lachen, etwas ganz anderes... (Eines Tages, von da an war ich erwachsen, entdeckte ich, dass mein Vater, während er von den Nazi-Faschisten gefoltert wurde, lachte. So sagte ich eines Sommermorgens, als wir in den Wäldern im Chiantigebiet auf die Jagd gingen zu ihm: „Papa, ich muss dich etwas fragen, was mir Kopfzerbrechen bereitet. Ist es wahr, dass du bei den Folterungen gelacht hast?” Mein Vater schwieg eine Weile, dann sagte er traurig, mit leiser Stimme: „Mein Kind, in machen Fällen bedeutet Lachen dasselbe wie Weinen. Du wirst sehen.”

Tja, gestern rief mich Professor Howard Gotlieb von der Boston University an, der amerikanischen Universität, die schon seit drei Jahrzehnten meine (schriftstellerischen bzw. journalistischen) Arbeiten sammelt und aufbewahrt. Er rief an und fragte: „How should we define »The Rage und the Pride«? - Wie sollen wir »Die Wut und der Stolz« bezeichnen?” „I don't know. - Ich weiß nicht”, erwiderte ich und erklärte ihm, es handele sich freilich nicht um einen Roman und noch weniger um eine Reportage und auch nicht um einen Essay oder Erinnerungen oder ein Pamphlet. Dann dachte ich noch einmal darüber nach. Ich rief ihn zurück und sagte: „Call it a sermon. - Nennen sie es eine Predigt.” Das ist das richtige Wort, glaube ich, denn in Wirklichkeit ist dieses kleine Buch eine Predigt an die Italiener und alle anderen Europäer. Es sollte ein Brief über den Krieg werden, den die Söhne Allahs dem Westen erklärt haben. Doch während ich schrieb ist es nach und nach eine Predigt an die Italiener und alle Europäer geworden.

Heute früh hat Professor Gotlieb mich erneut angerufen und gefragt: „How do you expect the italiens, the europeans, to take it? - Wie werden es die Italiener, die Europäer, aufnehmen?” „I don't know. - Ich weiß es nicht.”, habe ich geantwortet. Eine Predigt beurteilt man nach dem, was sie bewirkt, nicht nach dem Beifall oder den Pfiffen, die sie hervorruft. Und es wird etwas Zeit brauchen bis man die Resultate sieht: Man kann nicht erwarten, nur mit einem kleinen Buch, dass in zwei oder drei Wochen aus einem herausgebrochen ist, plötzlich ein Land aufzuwecken, das schläft. „Thus I don't know, Professor Gotlieb. - Ich weiß es nicht, I really don't know...”

Immerhin weiß ich, dass sich von der Zeitung, als der Artikel darin erschien, in vier Stunden eine Millionen Exemplare verkauft haben. Ich weiß, dass sich rührende Begebenheiten ereigneten. In Rom z.B. kaufte ein Herr alle Exemplare, die beim Zeitungshändler vorrätig waren (sechsunddreißig Stück) und verteilte sie auf der Straße an die Passanten. In Mailand machte eine Signore Dutzende von Kopien und verteilte sie ebenso. Ich weiß auch, dass Tausende von Italienern an den Herausgeber schrieben, um mir zu danken. Und ich danke ihnen ebenso wie dem Herrn in Rom und der Signora aus Mailand. Ich weiß, dass die Telefonzentrale und der elektronische Briefkasten der Zeitung drei Tage lang überlastet waren. Ich weiß, dass nur eine Minderheit der Leser nicht mit mir übereinstimmte, dass dies aus der Auswahl von Leserbriefen, die die Zeitung unter Überschriften wie „E l'Italia si divise nel segno di Oriana - Italien spaltet sich im Zeichen von Oriana” veröffentlichte, jedoch nicht hervorging.

Tja, wenn das Auszählen der Stimmen keine Meinungsangelegenheit ist und wenn die Gegenstimmen nicht mehr zählen als die Stimmen derer, die mit mir sind, dann scheint es mir ziemlich ungerecht zu behaupten, dass ich Italien gespalten habe. Außerdem braucht Italien bestimmt nicht mich, um sich zu spalten, lieber Erfinder jener Überschrift. Italien ist mindestens seit der Zeit der Guelfen und Ghibellinen [8] gespalten, das steht fest.
[8] Der Name Ghibellinen/Waiblinger ist für das mittelalterliche Italien die Bezeichnung für die Parteigänger des Kaisers, benannt nach der heute württembergischen Stauferstadt Waiblingen und dem Kampfruf der Staufer. Bei der entsprechenden Gegengruppierung handelte es sich um die fränkischen Guelfen/Welfen, die die Politik des Papsttums unterstützten und die sich nach den Rivalen des Stauferhauses, dem Geschlecht der Welfen benannt hatten. Allerdings unterstützten die italienischen Guelfen gegebenenfalls auch die Sache des Kaisers, wenn es in ihrem Interesse war. Daher war die Trennung in Ghibellinen und Guelfen keineswegs immer so ausgeprägt, wie es gelegentlich dargestellt wird.
Ich weiß auch, dass auf Seiten derjenigen, deren Stimmen (anscheinend) so viel mehr zählt als die derjenigen, die gegen mich sind, ein Unglücksrabe geschrieben oder gesagt hat: „Oriana spielt die Mutige, weil sie mit einem Bein im Grab steht.” Ich antworte: „O nein, mein Lieber, keineswegs. Ich spiele nicht die Mutige: Ich bin mutig. Im Frieden, wie im Krieg. Nach rechts, wie nach links. Ich bin es immer gewesen. Ich habe immer einen sehr hohen Preis dafür bezahlt, bis hin zu psychischen und moralischen Drohungen, Neid und Gemeinheiten. Lesen sie meine Texte wieder, dann werden sie schon sehen. Was das Bein-ins-Grab angeht, naja: ich erfreue mich nicht der allerbesten Gesundheit, wohl wahr. Doch vergessen sie nicht, Kranke von meiner Sorte bringen schließlich häufig noch andere unter die Erde. Bedenken sie, und davon spreche ich auch in diesem kleinen Buch, dass ich eines Tages lebendig aus einem Leichenhaus herausgekommen bin, in das man mich geworfen hatte, weil man glaubte, ich sei tot... Falls mich nicht irgendein Unschuldsengel umbrigt, bevor ich ihn umbringe, wetten, dass ich dann noch zu ihrer Beerdigung komme?”

Außerdem weiß ich, dass das hässliche Italien, das kleinmütige Italien, das Italien, dass sich immer ans Ausland verkauft hat, das Italien, dessentwegen ich im Exil lebe, nach der Veröffentlichung meines Artikels ein großes Geschrei zugunsten der Söhne Allahs veranstaltet hat. Daraufhin wurde aus dem entzückten ein eingeschüchterter Herausgeber, ein sehr eingeschüchterter. Zur Besänftigung räumte er den Zikaden (an Pflanzen saugende Insekten), verleumderischen Stimmen gegen meine mühevolle Arbeit, zu der er mich selbst ermutigt hatte, breiten Raum in seiner Zeitung ein. Und was eine gute Gelegenheit hätte sein können, unsere Kultur zu verteidigen, wurde zu einem Jahrmarkt der jämmerlichen Eitelkeiten. Einen Markt der trostlosen Exhibitionismen und der empörenden Opportunismen. Ich-bin-auch-da. Ich-bin-auch-da. Unter den Ich-bin-auch-da ein Unverschämter, der in Kambodscha begeistert über Pol Pot [9] geschrieben hatte.
[9] Pol Pot war ein kommunistisch-kambodschanischer Diktator, unter dessen Herrschaft 1,7 bis 2 Millionen Menschen ums Leben kamen.
Wie Schatten einer Vergangenheit, die niemals vergeht, haben sie die Flagge des vorgetäuschten Pazifismus gehisst, ein schönes Feuer entfacht, auf dem sie die Häretikerin (Verräterin, gemeint ist Oriana Fallaci) verbrannten oder gern verbrannt hätten. Los ging es mit dem Ruf: „Auf den Scheiterhaufen, auf den Scheiterhaufen! Allah Akbar, Allah Akbar!” Und Los ging es mit Beschimpfungen, Anklagen, Verurteilungen, einer Flut von Artikeln, die, zumindest in der Länge dem meinen nachzueifern suchten. Jedenfalls ist mir das berichtet worden von den Ärmsten, die sich die Mühe gemacht haben, sie zu lesen. Ich muss nämlich gestehen, dass ich sie nicht gelesen habe. Und auch nicht lesen werde.

Erstens, weil ich solche Reaktionen erwartet hatte und schon im Voraus wusste, worüber die Ich-bin-auch-da ihre Tiraden anstimmen würden, sodass ich keinerlei Neugier verspürte. Zweitens, weil ich den, zu diesem Zeitpunkt noch begeisterten Herausgeber am Ende meines Artikels schon darauf hingewiesen hatte, dass ich mich an keinerlei lächerlichen Streiterein oder sinnlosen Polemiken beteiligen würde. Drittens, weil die Zikaden unweigerlich Personen ohne Ideen und Eigenschaften sind. Um sich zu produzieren, beißen sich diese frivolen Blutsauger am Schatten dessen fest, der in der Sonne steht, und wenn sie in der Zeitung zirpen sind sie tödlich langweilig.

Der ältere Bruder meines Vaters war Bruno Fallaci. Ein großer Journalist. Er hasste die Journalisten. Als ich für verschiedene Zeitungen arbeitete, machte er mir immer Vorwürfe, weil ich als Journalistin und nicht als Schriftstellerin tätig war, und er verzieh mir erst, als ich als Kriegsberichterstatterin anfing, doch war er ein großer Journalist. Er war auch ein großer Herausgeber von Zeitungen, von dem man wahrhaftig viel lernen konnte, und wenn er die Grundregeln des Journalismus erläuterte, sagte er: „Vor allem niemals den Leser langweilen!” Die Zikaden jedoch langweilen einen zu Tode.

Letzlich auch, weil ich ein sehr strenges und intellektuell reiches Leben führe. Eine solche Lebensweise lässt keinen Platz für bornierte und frivole Botschaften. Um sie mir vom Leibe zu halten, befolge ich den Rat meines berühmten Landsmannes, des Verbannten par excellence (schlechthin), den italienischen Dichter und Philosophen Dante Alighieri (1265-1321): „Non ti curar di lor, ma guarda e passa - Kümmere dich nicht um sie, schau hin und schreite vorüber.” Ich gehe sogar noch weiter: Ich schreite vorüber und schaue nicht einmal hin.

Dennoch möchte ich mir den Spaß erlauben, einer von diesen Zikaden zu antworten, wie dem Unglücksraben, der mich schon mit einem Bein im Grab sieht. Einer Zikade, deren Geschlecht und Identität mir gleichgültig sind, von der mir jedoch hinterbracht wurde, sie habe mich, um mein Urteil über die islamische Kultur zu entkräften, beschuldigt, (die arabische Erzählung) „Tausendundeine Nacht” nicht zu kennen und den Arabern das Verdienst absprechen zu wollen, das Konzept der (Zahl) Null definiert zu haben. O nein, mein Herr oder meine Dame oder mein Weder das Eine Noch das Andere: Ich interessiere mich leidenschaftlich für Mathematik und den Begriff der Null kenne ich gut. In meinem Buch „Inschallah” (So Gott will), übrigens ein Roman, der auf der Formel des österreichischen Philosophen und Physikers Ludwig Boltzmann (1844-1906) aufgebaut ist, lege ich sogar genau dieses Konzept der Null der Szene zugrunde, in welcher der Sergant Passepartout tötet.

Die Formel, die Boltzmann gefunden hatte lautet: Entropie gleich Boltzmann-Konstante, multipliziert mit dem Logarithmus-naturalis der Zerstörungswahrscheinlichkeit: S = kB x ln Ω wobei S = Entropie, kB = Boltzmann-Konstante, ln = der natürliche Logarithmus und Ω  = die mikrokanonische Zustandssumme (ein Gleichgewichtszustand der statistischen Physik) ist.

Besser gesagt, ich lege ihr die teuflischte Aufgabe zugrunde, die den Studenten an der Scuola Normale, der Eliteuniversität von Pisa, je zu diesem Konzept gestellt wurde: „Erklären sie, warum Eins mehr ist als Null.” (So teuflisch, dass man sie ad absurdum führen (widerlegen bzw. Lügen strafen) muss.) Nun mein Herr oder meine Dame oder mein Weder das Eine Noch das Andere, mit der Behauptung, dass der Begriff der Null der arabischen Kultur zu verdanken sei, können sie sich nur auf den arabischen Mathematiker Muhammad ibn Musa al-Khwarizimi beziehen, der um 810 n.Chr. in den Mittelmeerländern das Dezimalsystem unter Einbeziehung der Null einführte. Doch sie irren sich. Muhammad ibn Musa al-Khwarizimi selbst erklärte in seinem Werk, dass das Dezimalsytem unter Bezugnahme auf die Null nicht auf seinem Mist gewachsen ist und dass das Konzept der Null im Jahr 628 n.Chr. von dem indischen Mathematiker Brahmagupta, dem Verfasser des Astronomie-Traktats „Brahma Sphuta Siddhanta” definiert wurde.

Nach Meinung anderer wiederum, das ist wahr, sind die Mayas Brahmagupta zuvorgekommen. Schon 200 Jahre früher, heißt es, bezeichneten die Mayas die Geburt des Universums als das Jahr Null. Den ersten Tag jeden Monats bezeichnen sie mit einer Null und in den Berechnungen, bei denen eine Zahl fehlte, setzen sie eine Null an die Leerstelle. Nun gut, doch um diese Leerstelle zu füllen, benutzten die Mayas [10] keineswegs den Punkt, den die Griechen benutzt hätten. Sie meißelten oder malten ein Männchen mit zurückgeworfenem Kopf. Und dieses Männchen gibt zu vielen Zweifeln Anlass, mein Herr oder meine Dame oder mein Weder das Eine Noch das Andere. Daher muss ich ihnen leider mitteilen, dass in der Mathematikgeschichte 99 von 100 Fachleuten den Inder Brahmagupta die Vaterschaft an der Null zuschreiben. [11]
[10] Um ein Gefühl für das Zahlensystem der Mayas zu bekommen, kann man bei wikipedia.org etwas über die Maya-Ziffern nachlesen.

[11] Wie ich soeben bei wikipedia.org las, scheint auch die Erzählung „Tausendundeine Nacht” nicht von den Arabern geschrieben worden zu sein. Vielmehr scheinen die Inder die ursprünlichen Verfasser der Erzählung zu sein. Die indische Erzählung wurde dann ins Mittelpersische übersetzt. Im 8. Jahrhundert entstand dann eine Übersetzung aus dem Persischen ins Arabische, wobei das Werk gleichzeitig islamisiert wurde, das heißt mit islamischen Formeln und Zitaten angereichert.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen Artikel von Amirkabir hinweisen (siehe: Das goldene Zeitalter des Islam ist ein Mythos), der die Behauptung aufstellt, dass viele Errungenschaften, die man den Arabern zuordnet, keineswegs eigene Leistungen der Araber sind. Amirkabir schreibt: „Die Araber unternahmen (mehr als 400 Jahre lang) Eroberungszüge in Richtung des persischen und römischen Reiches. Dabei verschleppten sie iranische Wissenschaftler und Gelehrte und zwangen sie ihre Bücher ins Arabische zu übersetzen, um sie als arabische und islamische Errungenschaft zu deklarieren.” Dieses taten sie aber sicherlich nicht nur mit den persischen Gelehrten und Wissenschaftlern, sondern ebenso mit den jüdischen und christlichen.
Was „Tausendundeine Nacht” betrifft, so frage ich mich, welche Lästerzunge ihnen hinterbracht hat, dass ich dieses entzückende Werk nicht kenne? Als ich klein war, schlief ich im Bücherzimmer, wissen sie: so nannten meine geliebten und mittellosen Eltern ein Wohnzimmerchen, das von auf Raten erworbenen Büchern überquoll. Auf dem Regal über dem winzigen Sofa, das ich mein Bett nannte, stand ein dickes Buch mit einer schönen verschleierten Dame auf dem Umschlag, die mich ansah. Eines Abends holte ich es mir und... Meine Mutter war dagegen. Kaum hatte sie es bemerkt, nahm sie es mir aus der Hand: „Das ist nichts für Kinder!” [12] Doch dann überlegte sie es sich noch einmal und gab es mir zurück. „Lies nur, lies. Ist schon recht.” So wurden die „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht” zu den Märchen meiner Kindheit und gehören seitdem zu meinem Bücherschatz.
[12] In Europa wird „Tausendundeine Nacht” häufig fälschlich gleichgesetzt mit Märchen für Kinder, was der Rolle des Originals als Geschichtensammlung für Erwachsene mit zum Teil sehr erotischen Geschichten in keiner Weise gerecht wird.

Sie können sie in meinem Haus in Florenz finden, in meinem Landhaus in der Toskana und hier in New York habe ich drei unterschiedliche Ausgaben. Die Dritte auf Französisch. Ich habe sie letzten Sommer bei Ken Gloss, meinem antiquarischem Buchhändler in Bosten, zusammen mit dem „Oeuvres Completes” (dem gesamten Werk)  von Madame de La Fayette, gekauft, welches 1812 in Paris gedruckt wurde. Ebenso habe ich mir den „Oeuvres Completes” von Moliere, gedruckt 1799, ebenfalls in Paris, gekauft. Es handelt sich (bei der französischen Ausgabe von „Tausendundeine Nacht”) um die Ausgabe, die Hiard, der libraire-editeur de La Bibliotheque des Amis des Lettres, 1832 mit einem Vorwort von Galland herausgegeben hat. Eine Ausgabe in sieben Bänden, die ich hüte wie meinen Augapfel.


Doch ehrlich gesagt ist mir nicht danach, diese entzückenden Märchen mit der „Ilias” und der „Odysse” des griechischen Dichters Homer zu vergleichen. Mir ist nicht danach, sie mit den „Dialogen” Platons zu vergleichen, mit der „Äneis” von Vergil, den „Bekenntnissen” des Heiligen Augustinus, der „Göttlichen Kommödie” von Dante Alighieri, den Tragödien und Kommödien von Shakespeare, mit Moliere und Rousseau und Goethe und Darwin und so weiter. Das finde ich nicht seriös. Ende des Lächeln und letzte Richtigstellung.

*   *   *

Ich lebe von meinen Büchern, von dem, was ich schreibe. Ich lebe von meinen Autorenrechten. Und darauf bin ich stolz. Meine Autorenrechte sind mir wichtig, auch wenn die Prozente, die ein Autor für jedes verkaufte Buch bekommt, sehr bescheiden sind. Geradezu lächerlich. Ein Betrag, der besonders bei Taschenbuchausgaben (bei Übersetzungen ist es noch schlimmer) nicht ausreicht, um auch nur einen halben Bleistift bei einem der Söhne Allahs zu erwerben, die beim Anbieten der Bleistifte den Passanten auf den Bürgersteigen Europas auf die Nerven gehen (und die bestimmt noch nie etwas von „Tausendundeine Nacht” gehört haben, wette ich). Meine Autorenrechte will ich haben. Ich bekomme sie  und ohne sie wäre übrigens ich es, die Bleistifte auf den Bürgersteigen Europas feilbieten würde.

Aber ich schreibe nicht für Geld. Ich habe noch nie für Geld geschrieben. Nie! Nicht einmal, als ich noch sehr jung war und dringend Geld brauchte, um meine Familie zu unterstützen und mein Medizinstudium an der Universität zu bezahlen, das damals sehr teuer war. Mit siebzehn wurde ich als Lokalreporterin bei einer Zeitung in Florenz angestellt. Und mit ungefähr neunzehn wurde ich fristlos entlassen, weil ich mich geweigert hatte, nach dem Prinzip des grässlichen Wortes „Lohnschreiber” zu handeln. Tja, man hatte mir empfohlen einen verlogenen Artikel über die Veranstaltung eines berühmten Politikers zu schreiben, dem gegenüber ich, wohlgemerkt, eine tiefe Antipathie, ja sogar Abneigung hegte (der Vorsitzende der kommunistischen Partei, Palmiro Togliatti). Ein Text, den ich wohlgemerkt nicht einmal hätte unterschreiben müssen.

Empört sagte ich, daß ich keine Lüge schreiben würde. Und der Herausgeber, ein fetter, aufgeblasener Christdemokrat, erwiderte, Journalisten seien Lohnschreiber, die gehalten seien, die Sachen zu schreiben, für die sie bezahlt würden. „Man spuckt nicht auf den Teller, von dem man isst.” Vor Empörung zitternd antwortete ich, daß er von dem Teller essen möge und daß ich lieber verhungern würde, als eine Lohnschreiberin zu werden. Daraufhin entließ er mich fristlos.. Meinen Doktor in Medizin konnte ich deshalb auch nicht machen, denn plötzlich stand ich ohne Geld da, das ich brauchte, um das Studium zu bezahlen. Nein, niemand hat mich je dazu gebracht, eine Zeile wegen des Geldes zu schreiben. Alles, was ich in meinem Leben geschrieben habe, hat nie etwas mit Geld zu tun gehabt, denn mir ist immer klar gewesen, daß man mit dem Schreiben die Gedanken und Taten der Leser mehr beeinflußt als mit Bomben.

Die Verantwortung, die diesem Bewußtsein entspringt, kann man nicht gegen Geld übernehmen. Daher habe ich den Artikel für die Zeitung (über die terroristischen islamischen Anschläge am 11.09.2001 in Amerika) gewiss nicht wegen des Geldes geschrieben. Die qualvolle Anstrengung, die in jenen Wochen meinen schon kranken Körper noch weiter zerstörte, habe ich gewiss nicht für Geld auf mich genommen. Noch viel weniger habe ich mein Kind, das heißt, meinen schwierigen, mich stark in Anspruch nehmenden Roman (Brief an ein nie geborenes Kind), schlafen gelegt, um mehr als das bisschen zu verdienen, was durch meine Autorenrechte hereinkommt. Und nun die Schlußfolgerung dieses Vorworts, eine Schlußfolgerung, die ich besonders hervorheben möchte, weil sie mit einer heutzutage ziemlich unmodernen Problematik verbunden ist, nämlich der Problematik der Würde und der Ethik.

Als der entzückte Herausgeber nach New York kam und mich drängte, das schon gebrochene Schweigen zu brechen, sprach er nicht von Geld. Und ich war ihm dankbar dafür. Ich fand es geradezu elegant, dass er diese Themen nicht berührte, da es sich ja um eine Arbeit handelte, die nicht nur durch den Tod tausender verbrannter Menschen entstanden, sondern meinerseits auch mit der Absicht verbunden war, den Tauben die Ohren, den Blinden die Augen zu öffnen, die Leute zum Denken anzuregen, et cetere. Einige Tage nach der Veröffentlichung wurde mir jedoch plötzlich mitgeteilt, dass mich eine Entlohnung erwartete. Eins sehr-sehr-sehr-großzügige-Entlohnung. So großzügig (die Höhe des Betrages kennen ich nicht, und ich will sie auch gar nicht wissen), daß es überflüssig wäre, mir die teuren Telefongebühren für die Überseegespräche zu erstatten.

Nun: Obgleich ich begriff, daß es nach den Gesetzen der Ökonomie richtig war, mich zu bezahlen, obgleich ich begriff, daß die von meinen Widersachern für diese Zeitung geschriebenen Artikel ordnungsgemäß und teuer bezahlt wurden, lehnte ich die sehr-sehr-sehr-großzügige-Entlohnung ab. Toutcourt. Mit Verachung Und damit nicht genug. Denn trotz der Ablehnung empfand ich das gleiche Unbehagen wie an dem Tag, als ich mit vierzehn erfuhr, daß die italienische Armee beabsichtigte, mir den Entlassungssold eines einfachen Soldaten zu bezahlen, weil ich im Corps der Voluntari della Liberta (Freiwillige für die Freiheit) gegen die Nazi-Faschisten gekämpft hatte. (Die Episode, die ich in dem kleinen Buch erzähle und die von den 15.670 Lire handelt, die ich schließlich annahm, um Schuhe zu kaufen, da weder ich noch meine jüngeren Schwestern welche besaßen.)

Nun gut: Ich weiß, daß der Herausgeber sprachlos war, als er meine verächtliche Antwort erhielt. Zur Salzsäure erstarrt wie Lots Weib. Doch sowohl ihm, wie dem Leser sagt die Häretikerin: Schuhe besitze ich heute genug. Und wenn ich keine hätte, würde ich lieber barfuß im Schnee gehen, als dieses Geld in die eigene Tasche zu stecken. Hätte ich auch nur eine Lira angenommen, so hätte ich meine Seele beschmutzt.

Oriana Fallaci - New York, November 2001 und Mai 2002.

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Der islamische Terroranschlag am 11. September 2001 im Amerika

Du verlangst von mir, diesmal solle ich sprechen. Du verlangst, wenigstens diesmal solle ich das Schweigen brechen, das ich gewählt habe. Das Schweigen, das ich mir seit Jahren auferlegte, um mich nicht unter die Zikaden (Blutsauger) zu mischen. Und ich tue es. Weil ich erfahren habe, daß in Italien einige Leute das Geschehene bejubeln, wie vor ein paar Abenden im Fernsehen die Palästinenser von Gaza. „Sieg, Sieg!” Männer, Frauen und Kinder. (Falls jemand, der so etwas tut, als Mann, Frau oder Kind bezeichnet werden kann.) Ich habe erfahren, daß manche Luxuszikaden, Politiker oder angeblich Politiker, Intellektuelle oder angebliche Intellektuelle, sowie andere Individuen, die es nicht verdienen, Bürger genannt zu werden, sich im Wesentlichen genauso verhalten.

Sie sagen: „Wunderbar. Recht geschieht es ihnen, den Amerikanern.” Und ich bin wütend, sehr wütend. Ich spüre eine kalte, hellsichtige, rationale Wut. Eine Wut, die jeden Abstand, jede Nachsicht ausschließt, die mir befiehlt zu antworten und vor allem, auf diese Leute zu spucken. Ich spucke auf sie. Genauso wütend wie ich, hat die afroamerikanische Dichterin Maya Angelou gestern gebrüllt: „Be angry. It's good to be angry. It's healthy.” (Seid wütend. Es tut gut, wütend zu sein. Es ist gesund.) Ob es mir gut tut oder nicht, weiß ich nicht. Ich weiß jedoch, daß es ihnen nicht gut tun wird. Ich meine denen, die die Usama Bin Ladens bewundern, die Verständnis, Sympathie oder Solidarität für sie zum Ausdruck bringen. Indem ich mein Schweigen breche, zünde ich eine Bombe, die seit zu langer Zeit gerne explodieren möchte. Du wirst schon sehen.

Du willst auch, daß ich erzähle, wie ich diese Apolalyse erlebt habe. Kurz, daß ich Zeugnis ablege. Ich beginne also damit. Ich war zu Hause. Meine Wohnung liegt im Zentrum von Manhatten. Gegen neun Uhr hatte ich das Gefühl einer Gefahr, in der ich mich vielleicht nicht unmittelbar befand, die mich aber ganz gewiß etwas anging. Das Gefühl, daß man im Krieg, in einer Schlacht hat, wenn man mit jeder Pore seiner Haut die Kugel oder Rakete kommen spürt und die Ohren spitzt und seinen Nachbarn zuruft: „Down! Get down!” (Runter! Runter auf den Boden!) Ich habe es verdrängt. Ich bin doch nicht in Vietnam, habe ich zu mir gesagt. Ich bin doch in keinem der verfluchten Kriege, die seit dem Zweiten Weltkrieg mein Leben gequält haben. Ich bin in New York, an einem wunderbaren Septembermorgen. Dem 11. September 2001.

Doch unerklärlicherweise wollte das Gefühl nicht weichen. Da tat ich etwas, was ich morgens sonst nie tue. Ich schaltete den Fernseher ein. Der Ton war ausgefallen. Aber das Bild war da. Und auf allen Kanälen, davon gibt es hier etwa hundert, sah man einen Turm des World-Trade-Centers, der etwa vom achtzigsten Stock aufwärts brannte wie ein riesiger Streichholz. Ein Kurzschluß, ein vom Kurs abgekommenes kleines Flugzeug? Oder ein gezielter Terrorakt? Wie gelähmt saß ich da und schaute auf das Bild. Und während ich noch starrte und mir diese drei Fragen stellte, erschien ein Flugzeug auf dem Bildschirm. Weiß, groß. Ein Linienflugzeug. Es flog sehr tief. Und es flog direkt auf den zweiten Turm zu, wie ein Bomber, der sein Ziel ansteuert, sich auf sein Ziel stürzt.

Da habe ich begriffen. Ich meine, ich habe begriffen, dass es sich um ein Kamikazeflugzeug handelt und daß mit dem ersten Turm das Gleiche passiert sein mußte. Und während mir das klar wurde, kam der Ton wieder. Man hörte einen Chor aus Schreckensschreien. Immer wieder, wie rasend. „God, Oh, God! Oh, God, God, God! Gooooooood!” (Gott, Oh, Gott! Oh, Gott, Gott, Gott! Goooooooott!) Und das weiße Flugzeug drang in den zweiten Turm ein wie eine Rasierklinge in ein Stück Butter.

Es war drei Minuten nach neun. Und frag mich nicht, was ich in jenem Moment und danach empfunden habe. Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht. Ich war wie versteinert. Auch mein Gehirn war wie versteinert. Ich kann im Nachhinein nicht einmal mehr die Bilder dem ersten oder zweiten Turm zuordnen. Menschen stürzten sich aus den Fenstern des achtzigsten, neunzigsten oder hundersten Stock, um nicht bei lebendigem Leib zu verbrennen. Sie schlugen die Scheiben ein, kletterten hinaus und sprangen, wie man mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug springt. Zu Dutzenden. Und sie schwebten so langsam hinunter. So langsam... Sie bewegten Arme und Beine. Sie schwammen in der Luft. Ja, sie schienen in der Luft zu schwimmen. Ungefähr in der Höhe des dreißigsten Stocks wurden sie schneller. Sie begannen, verzweifelt zu gestikulieren, vermutlich bereuten sie ihre Tat. Es war als schrien sie: „Help-Hilfe-help!” Und vielleicht schrien sie das wirklich. Zuletzt fielen sie wie ein Stein und peng!

Heiliger Gott, ich dachte, ich hätte alles im Krieg gesehen. Ich dachte, ich sei durch den Krieg immun geworden. Und im Wesentlichen bin ich es auch. Nichts überrascht mich mehr. Nicht einmal, wenn ich wütend werde, nicht einmal, wenn ich mich empöre. Doch im Krieg habe ich immer Leute von fremder Hand sterben sehen. Nie habe ich Leute sich umbringen sehen, indem sie ohne Fallschirm aus Fenstern im achtzigsten, neunzigsten oder hundersten Stock sprangen. Immer weiter sprangen welche in die Leere, bis gegen zehn der eine und gegen halb elf der andere Turm einstürzte und... Mein Gott, bei den Leuten, die starben, weil sie im Krieg umgebracht wurden, habe ich immer Sachen gesehen, die explodierten, die zusammenbrachen, weil sie in die Luft flogen.

Die beiden Türme dagegen sind nicht aus diesem Grund eingestürzt. Der erste Turm brach zusammen, weil er implodiert ist. Er hat sich selbst verschluckt. Der zweite, weil er geschmolzen ist. Er ist zerflossen, als wäre er tatsächlich ein Stück Butter. Und das alles geschah, zumindest erschien es mir so, in einer Grabesstille. Ist das möglich? Herrschte wirklich diese Stille? Vielleicht war sie in mir.

Umgeben von dieser Stille hörte ich dann die Nachricht vom dritten Flugzeug, das auf das Pentagon niedergegangen war, und die von dem vierten Flugzeug, das über einen Wald in Pennsylvania abgestürzt ist. Umgeben von dieser Stille fing ich an, die Zahl der Toten auszurechnen und mir stockte der Atem. Denn bei der blutigsten Schlacht, die ich in Vietnam erlebt hatte, einer der Schlachten bei Dak To, gab es vierhundert Tote. Bei dem Blutbad in Mexiko, wo ich selbst drei Kugeln abbekam, eine davon in die Wirbelsäule, war die offizielle Zahl achthundert. Und als mich die angeblichen Retter in dem Glauben, ich sei tot, ins Leichenhaus warfen, schien es mir, als seien die Leichen, die bald auf mich fielen, noch viel mehr.

Pass auf. In den Türmen arbeiteten gut 50.000 Menschen. Um neun Uhr war schon rund die Hälfte von ihnen da und viele von ihnen konnten nicht rechtzeitig evakuiert werden. Eine erste Schätzung spricht von 7.000 missing. Allerdings besteht ein Unterschied zwischen dem zweideutigen Wort missing, vermisst, und dem Wort dead, tot. Wie dem auch sei! Ich bin überzeugt, daß wir die wahre Zahl der Toten nie erfahren werden, um das gewaltige Ausmaß dieser Apokalypse nicht zu unterstreichen, verstehst du, um nicht zu weiteren Anschlägen zu ermutigen.

Und außerdem sind die beiden Krater, die Tausende von Opfern verschlungen haben, zu tief, zu sehr mit Trümmern verschüttet. Höchstens auf einzelne Körperteile stoßen die Arbeiter beim täglichen Graben. Eine Nase hier, ein Finger dort. Oder auf eine Art Schlamm, der Kaffeepulver zu sein scheint, aber organische Materie ist. Die Reste der Körper, die sich blitzartig auflösten, sind zu Asche verbrannt. Gestern hat Bürgermeister Giuliani 10.000 Plastiksäcke für die Leichen geschickt. Sie wurden aber noch nicht gebraucht.

*   *   *
Je demokratischer und offener eine Gesellschaft ist, um so verwundbarer ist sie.

Was ich über die Unverwundbarkeit denke, die viele Amerika zuschrieben, was ich für die Kamikaze empfinde, die das getan haben? Für die Kamikaze, nicht den geringsten Respekt. Nicht das geringste Mitleid. Nein, nicht einmal Mitleid. Obwohl ich doch sonst letztlich immer dem Mitleid nachgebe, Mitleid mit allen habe. Die Kamikaze, das heißt die Kerle, die sich umbringen, um andere zu töten, waren mir seit je unsympathisch. Angefangen bei den japanischen Selbstmordattentätern im Zweiten Weltkrieg. Ich habe sie nie mit Pietro Micca verglichen, jenem piemontischen Soldaten, der am 29. August 1706 das Pulver anzündete, um den Einmarsch der französischen Truppen zu verhindern, und der mit der Zitadelle von Turin in die Luft flog. Ich meine, ich habe sie nie als Soldaten gesehen. Und noch viel weniger sehe ich sie als Märtyrer oder Helden, wie Arafat sie mir gegenüber zeternd und spuckend nannte, als ich ihn 1972 in Amman (Hauptstadt von Jordanien) interviewte (an dem Ort, wo seine Leute auch die Baader-Meinhof-Terroristen ausbildeten).

Ich finde sie eitel und basta. Exhibitionisten, die nicht durch Film, Politik und Sport berühmt werden wollen, sondern vielmehr durch ihren eigenen Tod und den der anderen. Dieser Tod wird ihnen anstelle eines Oscars, eines Meistersessels oder eines Pokals die Bewunderung der ganzen (islamischen) Welt und einen Platz im Djanna (Himmel, Paradies) einbringen (glauben sie). Im Jenseits, von dem der Koran spricht, im Paradies, wo die Helden mit Uri-Jungfrauen vögeln. Ich wette, daß sie auch, was ihr Ansehen angeht, eitel sind. Ich habe das Foto der beiden vor Augen, die in meinem Roman „Inschallah” vorkommen, der mit der Zerstörung der US-Militärbasis und der französischen Militärbasis in Beirut (circa vierhundert Tote) beginnt.

Mohammed AttaBevor sie zum Sterben aufbrachen, hatten sie, die Stutzer, sich knipsen lassen. Und vor dem Fototermin waren sie zum Friseur gegangen. Schau nur, welch bildhübscher Haarschnitt, welche gepflegten Koteletten, welch schöne pomadisierten Schnurrbärte, welch gelecktes Bärtchen. Was die betrifft, die in die beiden Türme (des World-Trade-Centers in New York) und das Pentagon (in Washington) gerast sind, so finde ich sie besonders hassenswert. Man hat nämlich entdeckt, daß ihr Anführer, Mohammed Attah (Bild links), zwei Testamente hinterlassen hat. Eines besagt: „Ich will auf meiner Beerdigung keine unreinen Wesen, das heißt, Tiere und Frauen.” Das andere besagt: „Auch an meinem Grab will ich keine unreinen Wesen. Vor allem nicht die unreinsten von allen: schwangere Frauen.” Ach, welch ein Trost für mich zu wissen, daß er weder eine Beerdigung, noch ein Grab haben wird und daß auch von ihm kein Haar übrig geblieben ist.

Ein Trost, ja, und liebend gerne würde ich das Gesicht von Arafat sehen, wenn ich es ihm sagte, denn wir haben nicht die besten Beziehungen, Arafat und ich. Er hat mir nämlich nie die glühenden Meinungsverschiedenheiten verziehen, die wir bei unserer Begegnung in Amman hatten, und auch ich habe ihm nie etwas verziehen. Auch nicht die Tatsache, daß einem italienischen Journalisten, der sich ihm unvorsichtigerweise als mein Freund vorgestellt hat, zum Empfang die Pistole auf die Brust gesetzt wurde. Daher sprechen wir nicht mehr miteinander und wünschen uns gegenseitig alles Schlechte. Doch wenn ich ihm erneut begegnete, oder, besser gesagt, ihm eine Audienz gewährte, würde ich ihm ins Gesicht sagen: Wissen sie, Herr Arafat, wer die Märtyrer sind? Die Passagiere der vier entführten und in menschliche Bomben verwandelten Flugzeuge, zu denen auch das vierjährige Mädchen gehörte, das im zweiten Turm umkam.

Die Angestellten, die in den beiden Türmen und im Pentagon arbeiteten. Die 343 Feuerwehrmänner und die 66 Polizisten, die bei den Rettungsversuchen umgekommen sind. Beinahe die Hälfte von ihnen hatte italienische Nachnamen, war also italienischer Abstammung. Darunter ein Vater und sein Sohn: Joseph Angelini senior und Joseph Angelin junior. Und wissen sie, wer die Helden sind? Die Passagiere des Flugzeuges, daß auf das Weiße Haus stürzen sollte und das stattdessen in einem Wald in Pennsylvania zerschellt ist, weil sich alle an Bord aufgelehnt haben! [13]
[13] Wieso fällt mir gerade jetzt das Zitat des französischen Literaten Gustave Flaubert (1878) ein: „Im Namen der Menschheit fordere ich, daß der schwarze Stein (in der Kaaba in Mekka) zermahlen, sein Staub in den Wind gestreut, daß Mekka verwüstet und das Grab von Mohammed entehrt wird. Das ist der Weg, um gegen den Fanatismus anzugehen.” Wie würden Muslime es finden, wenn man mittels Flugzeugen oder mittels Waffen genau so verfahren würde, wie die Attentäter des 11.09.2001 es in den USA taten?
Die hätten das Paradies wirklich verdient. Das Schlimmste ist, daß sie (Arafat) jetzt ad perpetuum (für immer) den Staatschef spielen, den Monarchen, sie Tyrann. Sie besuchen den Pabst, gehen im Weißen Haus aus und ein, sie unterstützen heimlich den Terrorismus, bekunden Bush ihr Mitleid. Und bei ihrer chamäleonartigen Fähigkeit, sich geschickt zu widersprechen, würden sie es auch noch fertigbringen, mir Recht zu geben. Aber reden wir von etwas anderem. Ich möchte lieber auf die Unverwundbarkeit zu sprechen kommen, die alle Amerika zugeschreiben haben.

Unverwundbarkeit? Welche Unverwundbarkeit?!? Je demokratischer und offener eine Gesellschaft ist, umso mehr ist sie dem Terrorismus ausgesetzt. Je freier ein Land ist, daß nicht von einem Polizeiregime regiert wird, um so anfälliger ist es für Entführungen oder Massaker, wie sie jahrelang in Italien, in Deutschland und in anderen Regionen Europas stattgefunden haben. Das hat sich jetzt am 11. September 2001 in einem riesigen Ausmaß in den Vereinigten Staaten gezeigt. Nicht ohne Grund haben die undemokratischen, von Polizeiregimen regierten Länder immer Terroristen aufgenommen, finanziert und unterstützt. Die Sowjetunion samt ihren Satelitenstaaten und die Volksrepublik China zum Beispiel. Libyen, Irak, Iran, Syrien, Arafats Libanon. Ägypten, wo die islamischen Terroristen (Muslimbrüder) sogar Sadat getötet haben. Selbst Saudi-Arabien, dessen offiziell verfemter (geächteter), wenn auch heimlich geliebter Untertan Usama Bin Laden ist.

Pakistan, natürlich Afghanistan, der ganze oder fast ganze Kontinent Afrika. Hör mir gut zu: Auf den Flughäfen und in den Flugzeugen dieser Länder habe ich mich immer völlig sicher und so geboregn gefühlt, wie ein schlafender Säugling. Das Einzige, was ich dort fürchtete, war, verhaftet zu werden, weil ich die Terroristen beschimpfte. Auf europäischen Flughäfen und in europäischen Flugzeugen dagegen war ich immer nervös. Auf amerikanischen Flughäfen und in amerikanischen Flugzeugen, doppelt so nervös. Und in New York dreimal so nervös. (In Washington nicht. Ich muß zugeben, den Flugzeuganschlag auf das Pentagon hatte ich wirklich nicht erwartet.)

Warum glaubst du, hat mein Unterbewußtsein am Dienstagmorgen diese unerklärliche Angst registriert, dieses Gefühl von Gefahr? Warum glaubst du, habe ich gegen meine Gewohnheit den Fernseher eingeschaltet? Warun glaubst du, war unter den drei Fragen, die ich mir stellte, während der erste Turm brannte, auch die nach einem Attentat? Und warum glaubst du, habe ich sofort gewußt, was los war, als das zweite Flugzeug auftauchte? Da die Vereinigten Staaten das stärkste Land der Welt sind, das reichste, mächtigste, kapitalistischte, sind alle auf die Idee einer vermeintlichen Unverwundbarkeit hereingefallen. Alle, sogar die Amerikaner selbst. Doch die Verwundbarkeit Amerikas erwächst gerade aus seiner Kraft, seinem Reichtum, seiner Macht, seiner Modernität. Die bekannte Geschichte von der Katze, die sich in den Schwanz beißt.

Sie erwächst auch aus dem multiethnischen Charakter Amerikas, aus seiner Liberalität, aus seinem Respekt für die Bürger und Gäste. Ein Beispiel: Etwa vierundzwanzig Millionen Amerikaner sind arabisch-moslimischer Herkunft. Und wenn ein Mustafa oder ein Muhammad aus, sagen wir, Riad oder Kabul oder Algier anreist, um seinen Onkel zu besuchen, verbietet ihm niemand, auf eine Flugschule zu gehen, für nur 160 Doller pro Unterrichtsstunde, um zu lernen, eine 757 zu fliegen. Niemend verbietet es ihm, sich an einer Universität einzuschreiben und Chemie und Biologie zu studieren, die beiden Wissenschaften, die man braucht, um einen bakteriologischen Krieg zu entfesseln. Niemand. Auch dann nicht, wenn die Regierung fürchtet, daß diese Söhne Allahs die 757 entführen oder mit Bakterien ein Massaker anrichten.

Kehren wir nun nach diesem Einschub zur anfänglichen Überlegung zurück. Welches sind die Symbole der Kraft, des Reichtums, der Macht, des amerikanischen Kapitalismus? Bestimmt nicht Jazz und Rock'n Roll, Kaugummi und Hamburger, Broadway und Hollywood, das wirst du wohl zugeben. Es sind die Wolkenkratzer, das Pentagon, die Wissenschaft, die Technologie. Diese beeindruckenden Wolkenkratzer, so hoch, so schön, daß du beinahe die Pyramiden und die göttlichen Paläste unserer Vergangenheit vergisst, wenn du an ihnen hinaufschaust. Diese gigantischen, titanischen, übertriebenen Flugzeuge, die unterdessen Lastwagen und Eisenbahnen ersetzen, weil hier alles mit dem Flugzeug bewegt wird: der fangfrische Fisch, die Fertighäuser, die Panzer, das frisch gepflückte Obst, wir selbst. Und vergiß nicht, daß die Amerikaner den Luftkrieg erfunden oder jedenfalls bis zur Hysterie entwickelt haben.

Dieses furchterregende, riesige Pentagon. Diese finstere Festung, die sogar Dschingis Khan und Napoleon Angst eingeflößt hätte. Diese unvergleichliche, unschlagbare Wissenschaft, die uns fremde Galaxien und die Ewigkeit verspricht. Diese allgegenwärtige, alles beherrschende Technologie, die in kürzester Zeit unseren Alltag umgekrempelt hat, unsere jahrhundertealte Art zu denken, zu kommunizieren, zu reisen, zu arbeiten, zu leben. Und wo hat Usama Bin Laden zugeschlagen? Bei den Wolkenkratzern, beim Pentagon. Wie? Mit Flugzeugen, mit Hilfe der Wissenschaft, der Technologie. Apropos: Weißt du, was mich am meisten beeindruckt an diesem Multimilliardär (Usama Bin Laden), diesem Playboy, der heute nicht mehr mit blonden Prinzessinnen flirtet und in Nachtclubs angibt, wie er es mit zwanzig in Beirut und in den Emiraten machte, sondern sich damit amüsiert, im Namen Allahs die Leute umzubringen?

Die Tatsache, daß sein unermeßliches Vermögen vor allem aus den Einnahmen einer Abbruchfirma stammt und das er selbst ein Abbruchexperte ist. Abbruch ist eine amerikanische Spezialität. Hätte ich die Möglichkeit ihn zu interviewen, würde eine meiner Fragen genau darauf zielen. Eine weitere auf seinen verstorbenen ultrapolygamen (Vielehe) Vater, der insgesamt, Söhne und Töchter zusammengenommen, 54 Kinder in die Welt gesetzt hat und der von ihm (dem siebzehnten) gerne sagt: „Er war immer so lieb. Der Sanfteste, der Gutmütigste.” Eine dritte Frage auf seine durchtriebenen Schwestern, die sich in London und an der Cote d'Azur mit unbedeckten Gesicht und Kopf fotografieren lassen, in hautengen T-Shirts und Hosen, die ihre üppigen Busen und ausladenden Hintern gut sichtbar zur Geltung bringen.

Eine andere auf seine zahllosen Ehefrauen und Konkubinen (Geliebten), die niemals enthüllt wurden. Schließlich käme ich auf die Beziehung zu sprechen, die er bis heute zu seinem Land unterhält. Saudi-Arabien, das von einem Familienclan grober mittelalterlicher Feudalherren beherrscht wird (sechtausend Prinzen, mein Gott, 6000!). Die Schatzkammer des mittleren Ostens, die Büchse der Pandorra [14], von der wir wegen des verfluchten Erdöls wie Sklaven abhängig sind. „Herr Bin Laden”, würde ich ihn fragen, „wieviel Geld erhalten sie, nicht aus ihrem Privatvermögen, sondern von der königlichen Familie Saudi-Arabiens?” Doch vielleicht sollte ich ihm keine Fragen stellen, sondern ihn vielleicht darüber aufklären, daß er New York nicht in die Knie gezwungen hat. Zu diesem Zweck müßte ich ihm erzählen, was Bobby, ein achtjähriger Junge aus New York, gesagt hat, als er heute zufällig von einem Fernsehjournalisten interviewt wurde. Hier seine Geschichte. Wort für Wort.
[14] Das „Öffnen der Büchse der Pandora” ist der Inbegriff für das Stiften nicht wiedergutzumachenden Unheils.
„My mom always used to say: „Bobby, if you get lost on the way home, have no fear. Look at the Towers and remember that we live ten blocks away from the Hudson River.” Well, now the towers ara gone. Evil people wiped them out with those who were inside. So, for a week I asked myself: Bobby, how do you get home if you get lost now? Yes, I thought a lot about this, but then I said to myself: Bobby, in this world there a good people, too. If you get lost now, some good person will help you instead of the Towers. The important thing is to have no fear.”

Ich übersetze: „Meine Mama sagte immer: „Bobby, wenn du dich auf dem Heimweg verläufst, hab keine Angst. Schau zu den Türmen und denk daran, daß wir zehn Blocks weiter am Hudson River wohnen.” Nun, jetzt sind die Türme weg. Böse Leute haben sie mit allen, die drin waren, ausradiert. So habe ich mich eine Woche lang gefragt: Bobby, wie findest du jetzt heim, wenn du dich verläufst? Ja, ich habe viel darüber nachgedacht, aber dann habe ich mir gesagt: Bobby, es gibt auch gute Menschen auf dieser Welt. Wenn du dich jetzt verläufst, wird dir schon ein freundlicher Mensch weiterhelfen, anstelle der Türme. Das wichtigste ist, keine Angst zu haben.”

Doch dieser Geschichte möchte ich noch etwas hinzufügen.

Die Amerikaner eint ihr Patriotismus

Als wir uns getroffen haben, habe ich dich staunen sehen angesichts des heroischen Mutes und der bewundernswerten Einigkeit, mit der die Amerikaner dieser Apokalypse entgegengetreten sind. O ja. Trotz der Fehler, die man ihnen immer wieder vorhält, die selbst ich ihnen zum Vorwurf mache (allerdings hat Europa und insbesondere Italien noch viel gravierende Fehler), sind die Vereinigten Staaten ein Land, von dem wir viel lernen können. Beim Stichwort heroischer Mut will ich ein Loblied auf den Bürgermeister von New York singen.  Auf Rudolph Giuliani, dem wir Italiener tausendmal danken sollten, weil er einen italienischen Namen trägt, italienischer Herkunft ist und uns vor der ganzen Welt gut darstehen läßt. Ja, er ist ein großartiger Bürgermeister, Rudolph Giuliani. Ein Bürgermeister, der des Vergleichs mit einem anderen großartigen Bürgermeister italienischen Namens würdig ist, Fiorello La Guardia, ein großartiger Bürgermeister, ein erstklassiger: das sagt eine (ich), die mit nichts und niemand je zufrieden ist, auch nicht mit sich selbst...

Viele europäische und vor allem italienische Bürgermeister müßten bei ihm in die Schule gehen. Mit Asche auf dem Haupt vor ihn hintreten und fragen: „Herr Giuliani, wären sie so freundlich, uns zu sagen, wie das geht?” Er wälzt seine Pflichten nicht auf Mitmenschen ab. Nein. Er vergeudet keine Zeit mit Dummheiten und Habgier. Er teilt sich nicht auf zwischen seinem Bürgermeisteramt und dem als Minister oder Abgeordneter. (Hört mich etwa jemand in den drei Städten Stendhals, also Neapel, Florenz und Rom? Wo die Bürgermeister sich nicht damit begnügen, ihr Amt auszufüllen, sondern gleichzeitig Abgeordnete oder Minister oder vielleicht auch Führungskräfte sein wollen. Da er sofort gekommen und sofort in den zweiten Turm hineingegangen ist, wäre er um ein Haar mit den anderen zu Asche geworden. Durch Zufall konnte er sich gerade noch retten.

Innerhalb von vier Tagen hat er New York wieder auf die Beine gestellt. Eine Stadt mit neuneinhalb Millionen Einwohnern, wohlgemerkt, allein zwei Millionen davon allein in Manhatten. Wie er das gemacht hat, weiß ich nicht. Er ist ebenso krank wie ich (Oriana Fallaci hatte Krebs), der arme Mann. Der Krebs, der immer wieder hochkommt, hat auch ihn erwischt. Und wie ich tut er so, als wäre er kerngesund. Er arbeitet rastlos. Doch ich arbeite am Schreibtisch, Donnerwetter noch mal, im Sitzen. Er dagegen... Er gleicht einem General, der persönlich an der Schlacht teilnimmt, einem Krieger aus guten alten Zeiten. „Los, Leute, los! Krempeln wir die Ärmel auf, schnell!” Und gestern hat er gesagt: „The first of the human rights is freedom from fear. Do not have fear.” (Das erste Menschenrecht ist die Freiheit, keine Angst zu haben. Habt keine Angst.)

Aber er kann sich so verhalten, weil die Leute um ihn herum genauso sind wie er. Keine faulen Angeber, sondern tapfere Kerle. Zu ihnen gehört auch der einzige Feuerwehrmann, der den Einsturz des zweiten Turms überlebt hat. Er heißt Jimmy Grillo, ist 24 Jahre alt, weizenblond, mit Augen, die so blau sind wie das Meer. Heute Morgen habe ich ihn im Fernsehen gesehen, und er glich einem Ecce Homo („Seht ihn euch an, diesen Menschen!” (Bewunderung)). Verletzungen, Verbrennungen, Schnitte, Verbände. Er wurde gefragt, ob er den Beruf wechseln wird. Er hat geantwortet: „I am a fireman, and all my life i shall be a fireman. Always here, always in New York. To protect my city and my people and my friends.” (Ich bin Feuerwehrmann und werde mein ganzes Leben lang Feuerwehrmann bleiben. Immer hier, immer in New York. Um meine Stadt, meine Leute und meine Freunde zu schützen.)

Was die bewunderswerte Fähigkeit Zusammenzuhalten betrifft, die beinahe martiale (kriegerische) Geschlossenheit, mit der die Amerikaner auf Unglücke und Feinde reagieren, nun: Ich muß zugeben, daß ich auch zuerst darüber gestaunt habe. Ich wußte zwar, daß diese Tugend sich schon zur Zeit von Pearl Harbor bewiesen hatte, als das Volk sich um Roosevelt scharte und Roosevelt in den Krieg gegen Hitlers Deutschland, Mussolinis Italien und Hirishitos Japan eintrat. Ich hatte sie gespürt, ja, nach dem Mord an Kennedy. Doch nach dem Attentat auf Kennedy kam der Vietnamkrieg, die tiefe Spaltung, die der Vietnamkrieg auslöste, und sie hatte mich im gewissen Sinne an der Bürgerkrieg von vor 150 Jahren erinnert. Als ich sah, wie Weiße und Schwarze sich plötzlich weinend umarmten, ich sage: umarmten, als ich sah, wie Demokraten und Republikaner Arm in Arm „God bless America.” (Gott segne Amerika) sangen, ich sage Arm in Arm, als ich sie alle Unterschiede überwinden sah, war ich verblüfft.

Ebenso als ich hörte, wie Bill Clinton (mit dem ich nie sehr zimperlich umgegangen bin) erklärte: „Stehen wir zu Bush, haben wir Vertrauen in unseren Präsidenten.” Ebenso, als die gleichen Worte von seiner Frau Hillary wiederholt wurden: der jetzigen Senatorin des Staates New York. Ebenso, als sie von Liebermann, dem ehemaligen demokratischen Kanditaten für die Vizepräsidentenschaft, aufgegriffen wurden.. (Nur der unterlegene Al Gore hat schäbigerweise geschwiegen.) Ebenso, als der Kongress einstimmig für den (Afghanistan-)Krieg gestimmt hat, dafür, die Schuldigen zu bestrafen. Ebenso, als ich entdeckt habe, daß der gegenwärtige Wahlspruch der Amerikaner ein lateinisches Motto ist, das besagt: „Ex pluribus unum.” (Aus allen einer.) Kurzum, einer für alle. Und als ich erfuhr, daß die Kinder diesen Spruch in der Schule lernen und ihn aufsagen, wie wir das Vaterunser (Gebet)... Oh, wenn Italien den Mumm hätte und diese Lektion lernen könnte!

Italien ist ein so geteiltes Land. In so viele Fraktionen gespalten, so vergiftet von selbstsüchtiger Kleinkrämerei! Sogar innerhalb der politischen Parteien hassen sie sich in Italien. Es gelingt ihnen nicht einmal zusammenzuhalten, wenn sie das gleiche Emblem, das gleiche politische Abzeichen tragen. Neidisch, gallenbitter, eitel denken die Italiener nur an ihren persönlichen Vorteil. Sie sorgen sich einzig um ihre eigene kleine Karriere, ihren eigenen kleinen Ruhm, ihre eigene randständige Popularität. Um das alles zu wahren, legen sie sich gegenseitig herein, betrügen einander, klagen einander an, mehr noch als die Ganoven der Französischen Revolution... Ich bin absolut sicher, wenn Usama Bin Laden den Glockenturm von Giotto oder den schiefen Turm von Pisa in die Luft sprengen würde, dann würde die Opposition der Regierung die Schuld geben und umgekehrt. Die Regierungschefs und ihre Oppositionsführer würden ihre Genossen und Kameraden beschuldigen. Doch lass mich nun erklären, woher die Fähigkeit der Amerikaner kommt, einig zu sein, geschlossen wie ein Mann auf das Unglück und den Feind zu reagieren kommt, die sie auszeichnet.

Sie kommt von ihrem Patriotismus. Ich weiß nicht, ob ihr in Europa gesehen und verstanden habt, was in New York passiert ist, als Bush anreiste, um den Arbeitern (und Arbeiterinnen) zu danken, die in diesem Kaffeepulver suchten, gruben, pflügten, in der Hoffnung, jemanden zu bergen, aber nichts als hier eine Nase oder da einen Finger fanden. Ohne sich jedoch entmutigen zu lassen, ohne aufzugeben. Wenn du sie fragst, woher sie die Kraft dazu nahmen, antworteten sie: „I can allow myself to be exhausted, not to be defeated.” (Ich kann es mir erlauben erschöpft zu sein, aber nicht, mich geschlagen zu geben.) Alle sagen das, alle. Weiße, Schwarze, Gelbe, Braune, Rote... Habt ihr sie gesehen oder nicht? Während Bush ihnen dankte, schwenkten sie einmütig amerikanische Fähnchen, hoben die Fäuste und donnerten: „Ju-es-e! Ju-es-e! Ju-es-e!” (USA! USA! USA!)

In einem totalitären Staat hätte ich gedacht: „Schau, wie gut das Regime es organisiert hat!” In Amerika nicht. In Amerika organisiert man solche Sachen nicht. Man ordnet sie nicht an, befiehlt sie nicht. Schon gar nicht in einer so ernüchterten Metropole wie New York, mit Arbeitern wie denen von New York. Das sind eigenwillige Kerle, die Arbeiter von New York. Mürrisch, anarchisch, freier als der Wind. Die gehorchen niemanden, nicht einmal ihren Gewerkschaften. Doch wenn du ihre Fahne anrührst... Auf Englisch gibt es das (lateinische) Wort „Patria” (Vaterland) nicht. Um Patria zu sagen, muß man zwei (drei) Wörter zusammenfügen: Father Land (Vaterland); Mother Land (Mutterland); Native Land (Geburtsland). Oder man sagt einfach: My Country (Mein Land). Aber das Substantiv „Patriotism” (Patriotismus) gibt es.

Abgesehen von Frankreich vielleicht, kann ich mir kein patriotischeres Land vorstellen als die Vereingten Staaten. Ah! Ich habe eine Art Demütigung empfunden, als ich diese Arbeiter sah, die mit geballten Fäusten und Fähnchen schwingend röhrten: „Ju-es-e! Ju-es-e! Ju-es-e!”, ohne daß irgendjemand es ihnen befohlen hätte, denn italienische Arbeiter, die die Trikolore (italienische Fahne) und donnernd Italia-Italia rufen, kann ich mir kaum vorstellen. Bei Demonstrationen und Kundgebungen habe ich immer viele italienische Arbeiter mit roten Fahnen gesehen. Ströme von roten Fahnen, Meere von roten Fahnen. Aber italienische Fahnen habe ich recht wenige gesehen. Eigentlich fast keine. Fehlgeleitet oder tyrannisiert von einer der Sowjetunion peinlich hörigen Linken, haben sie die Trikolore immer den Gegnern überlassen. Und man kann nicht sagen, daß die Gegner einen guten Gebrauch davon gemacht haben. Sie haben sie auch nicht überstrapaziert, Gott sei Dank. Und die, die zur Messe gehen, ebenso wenig.

Was den Grobian mit dem grünen Hemd und der grünen Krawatte angeht, ja, den Separatisten, der weiß ja nicht einmal, welches die Farben der Trikolore sind. Ich-bin-Lombarde, Ich-bin-Lombarde. Er hätte gern, daß wir zu den Kriegen zwischen Florenz und Siena zurückkehren, und als Ergebnis sieht man die italienische Fahne heute nur noch bei der Olympiade, wenn Italien zufällig eine Medaille gewinnt. Oder auch in den Stadien bei internationalen Fußballspielen. Das ist übrigens auch die einzige Gelegenheit, bei der man den Ruf Italia-Italia hören kann. O ja: es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Land, in dem die Fahne nur von Rowdies in den Stadien oder von Medaillengewinnern geschwenkt wird, und einem Land, in dem sie vom ganzen Volk hochgehalten wird. Einschließlich der rebellischen Arbeiter, die im Kaffeepulver der von den Söhnen Allahs massakrierten Menschen suchen, graben und pflügen. (73)

*   *   *

Amerika war der Begründer der Demokrate

Tatsache ist, daß Amerika wirklich ein besonderes Land ist, mein Lieber. Ein Land, das man lieben und eifersüchtig hüten muß, und zwar wegen Dingen, die nichts mit Reichtum et cetera zu tun haben. Weißt du auch warum? Weil es aus einem Herzenswunsch heraus entstanden ist, dem Wunsch, ein Vaterland zu haben und aus der erhabensten Idee, die sich der Mensch je ausgedacht hat: der Idee der Freiheit, oder besser gesagt, der Freiheit und Gleichheit. Es ist ein beneidenswertes Land, weil damals, als das geschah, die Idee der Freiheit nicht in Mode war. Die Idee der Gleichheit ebenso wenig. Von diesen Dingen sprachen höchstens ein paar Denker, die Philosophen, die man Aufkläerer nannte und ihre Begriffe fanden sich nur in einigen Büchern und in den Heften eines Vielbändigen und sehr kostspieligen Werks mit dem Titel „Encyklopedie”.

Und wer wußte schon etwas über die Aufklärung, abgesehen von den Fürsten und Herren, die das Geld hatten, um das große und sehr kostspielige Werk zu erwerben, abgesehen von den Intellektuellen, die solch neumodische Ideen vertreten wollten? Die Armen machte sie ja schließlich nicht satt, die Aufklärung! Nicht einmal die französischen Revolutionäre redeten davon, da die Französische Revolution erst 1789 beginnen sollte. Das heißt, fünfzehn Jahre nach der Amerikanischen Revolution, die 1776 ausbrach aber schon 1774 keimte. Ein kleines Detail, daß die Anti-Amerikaner des recht-geschieht-es-ihnen und des das-geschieht-den-Amerikanern-ganz-recht nicht kennen oder nicht zu kennen vorgeben.

Außerdem ist es ein besonderes Land, weil diese Idee der Freiheit und Gleichheit sofort von Bauern begriffen wurde, die häufig Analphabeten oder jedenfalls ungebildet waren: den Bauern der dreizehn von den Engländern errichteten Kolonien. Und weil diese Idee von einer Gruppe außergewöhnlicher Politiker umgesetzt wurde, von sehr gebildeten Männern mit großartigen Qualitäten. The Founding Fathers, den Gründungsvätern. Hast du eine Vorstellung davon, wer diese Gründungsväter waren? Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, Thomas Paine, John Adams, George Washington und wie sie alle hießen?!? Sie hatten nichts gemeinsam mit den Protagonisten der bevorstehenden Französischen Revolution, mein Lieber. Nicht gemein(sam) mit den „avvocaticci”, den Wikeladvokaten, wie Vittorio Alfieri sie zu recht genannt hat! Nichts gemein, möchte ich sagen, mit den hochberühmten, finsteren [französischen] Henkern des Terrors, Männer wie Marat, Danton, Saint-Just und Robespierre!

Die Gründerväter waren Männer, die so gut Griechisch und Latein konnten, wie die italienischen Griechisch- und Lateinlehrer es nie können werden. Männer, die Aristoteles und Platon auf Griechisch gelesen hatten, Seneca und Cicero auf Latein und die die Prinzipien der griechischen Demokratie so gründlich studiert hatten wie nicht einmal die Marxisten meiner Zeit die Mehrwerttheorie. Falls sie sie überhaupt studiert haben. Jefferson konnte auch Italienisch. Er sagte „Toskanisch”. Er sprach und las fließend Italienisch. Zuammen mit den zweitausend Rebenpflänzchen und den tausend Olivenbäumchen und dem Notenpapier, das in Virginia knapp war, hatte der florentinische Arzt Filippo Mazei ihm 1774 nämlich mehrere Exemplare eines Buches mit dem Titel „Dei Delitti e delle Pene” [Auf Verbrechen und Strafen] mitgebracht, geschrieben von einem gewissen Cesare Beccaria.

Und der Autodidakt Benjamin Franklin war ein Genie. Erinnerst du dich? Drucker, Verleger, Schriftsteller, Journalist, Wissenschaftler, Erfinder... [15] Im Jahre 1752 hatte er die elektrische Natur des Blitzes entdeckt und den Blitzableiter erfunden. Wenn das nichts ist! Und unter der Führung dieser außergewöhnlichen Menschen, dieser überaus gebildeten Männer von großem Format lehnten sich die Bauern, die häufig Analphabeten oder jedenfalls ungebildet waren, 1776 oder vielmehr 1774 gegen England auf. Sie begannen den Unabhängigkeitskrieg, die Amerikanische Revolution.
[15] Benjamin Franklin über die Keuschheit: „Übe geschlechtlichen Umgang selten, nur um der Gesundheit oder der Nachkommenschaft willen, niemals bis zur Stumpfheit, Schwäche oder zur Schädigung deines eigenen oder fremden Seelenfriedens oder guten Rufes.”
Trotz der Gewehre und der Kanonen und der Toten, die jeder Krieg kostet, machten sie ihre Revolution ohne die Ströme von Blut der späteren Französischen Revolution. Sie machten sie ohne die Guillotine, ohne die Massaker in der Vendee [16] und in Lyon und in Toulon und in Bordeaux. Sie machten sie letzten Endes mit einem Papier. Dem Papier, das neben dem Herzenswunsch, dem Wunsch, ein Vaterland zu haben, die erhabene Idee der Freiheit verbunden mit der Idee der Gleichheit postulierte: die Unabhängigkeitserklärung. „We hold these thruth to be self-evident.” [Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich]: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichten Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; daß zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt werden.
[16] Die Bauern von Vendee [Westfrankreich] kämpften gegen die Zwangsrekrutierungen des Pariser Revolutionsparlamentes. Die in ihren Augen ungeheuerliche Hinrichtung des Königs am 21. Januar 1793 verstärkte die Ablehnung gegenüber der Revolution. Zum bewaffneten Aufstand kam es, als der Konvent aufgrund der prekären Kriegslage gegen die absolutistischen Fürsten Europas eine Massenaushebung [Einberufungen] von Rekruten verfügte. Diese Maßnahme traf die Bauern angesichts der Ernte- und Feldarbeiten besonders hart. Gegen diese Aushebungen bildete sich eine zunächst siegreiche „Katholische und Königliche Armee” unter der Führung von jungen Adeligen. Erst als die kampferprobten Truppen aus dem Osten Frankreichs in die Kämpfe eingriffen, konnte die katholisch-königliche Armee besiegt werden. Die Tatsache, dass die Regierungstruppen noch nach diesem Sieg einen brutalen Rachefeldzug durchführten, ganze Dörfer niederbrannten und deren Bewohner ermordeten, ist eine bis heute schmerzliche Erinnerung in der Vendée.
Und dieses Papier, daß wir seit der Französischen Revolution alle mehr oder weniger von ihnen abgeschrieben haben, das Papier, von dem wir uns alle inspirieren ließen, bildet noch heute das Rückgrat Amerikas. Den Lebenssaft dieser Nation. Weißt du, warum? Weil es die Untertanen in Bürger verwandelt. Weil es den Plebs [die rechtlosen Bauern und Handwerker] in ein Volk verwandelt. Weil es ihn auffordert, ja ihm befiehlt, sich gegen die Tyrannei aufzulehnen, sich selbst zu regieren, seine Individualität auszudrücken, sein Glück zu suchen, was für die Armen, bzw. für die Plebejer vor allem bedeutete, ihre materielle Not zu überwinden. Genau das Gegenteil von dem, was der Kommunismus machte, der seine Mäjestät, den Staat, an die Stelle der ehemaligen Könige setzte und den Leuten verbot, sich aufzulehnen, sich selbst zu regieren, sich auszudrücken, reich zu werden.

„Der Kommunismus ist ein monarchisches Regime, eine Monarchie vom alten Schlag. Als solcher kastriert er die Männer. Und wenn du einem Mann die Eier abschneidest, ist er kein Mann mehr,” sagte mein Vater. Er sagt auch, daß der Kommunismus, anstatt den Plebs zu befreien, alle in Plebejer verwandelt. Alle zu Hungerleidern macht.

Nun, meiner Ansicht nach befreite Amerika den Plebs. In Amerika sind alle Plebejer. Weiße, Schwarze, Gelbe, Braune, Grüne, Rote, Regenbogenfarbene. Dumme, Gescheite, Gebildete, Unerfahrene, Arme, Reiche... Tatsächlich sind die Reichen sogar die plebejischten. In den meisten Fällen richtige Trampel! Ungehobelte, ungezogene Leute... Man sieht sofort, daß sie nie den Knigge gelesen haben, daß sie nie mit Raffinesse in Berührung gekommen sind, mit gutem Geschmack und sophistication [Kultiviertheit]. Sie kennen den Unterschied zwischen Gänseleberpastete und Leberwurst nicht, zwischen Kaviar und Kaviarersatz. Und trotz des vielen Geldes, daß sie für Kleidung verschwenden, sind sie so wenig elegant, daß die Königin von England im Vergleich schick wirkt. Aber sie sind befreit, Herrgott.

Und es gibt auf dieser Welt nichts Stärkeres, Mächtigeres, Unaufhaltsameres, als den befreiten Plebs. Daran beißt man sich immer die Zähne aus, am befreiten Plebs. Und auf die eine oder andere Weise haben sie sich immer alle an Amerika die Zähne ausgebissen. Engländer, Deutsche, Mexikaner, Russen, Nationalsozialisten, Faschisten, Kommunisten... Zuletzt sogar die Vietnamesen. Denn nach ihrem Sieg mußten die Nordvietnamesen mit den Amerikanern verhandeln. Und als Expräsident Clinton ihnen einen Kurzbesuch abstattete, haben sie sich im siebten Himmel gefühlt. „Bienvenu, Monsieur le President, bienvenu! Machen wir business [Geschäfte] mit Amerika, oui? Boku money, oui?” Das Problem ist, daß die Söhne Allahs keine Vietnamesen sind. Und der Kampf des befreiten Plebs mit ihnen wird hart werden. Sehr lang, sehr schwierig, sehr hart. Außer, der übrige Westen hört endlich auf, sich in die Hose zu machen oder es mit seinen Feinden zu treiben. Und kommt ein bißchen zur Räson, wird wieder wach. Einschließlich des Papstes.

Gestatten sie mir eine Frage, Heiligkeit: Ist es wahr, daß sie die Söhne Allahs vor einiger Zeit für die Kreuzzüge um Verzeihung gebeten haben, die ihre Vorgänger unternahmen, um das Heilige Grab zurückzuerobern? [nachdem die Muslime 460 Jahre lang christliche, hinduistische und buddhistische Länder überfallen haben] Ja, ist das wahr? Haben die Söhne Allahs sich denn je bei ihnen dafür entschuldigt, daß sie es sich genommen hatten? Haben sie sich je bei ihnen dafür entschuldigt, daß sie fast achthundert Jahre lang die erzkatholische Iberische Halbinsel unterjocht hatten, ganz Portugal und drei Viertel von Spanien, so daß man, wenn Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon sie 1490 nicht verjagd hätten, in Spanien und Portugal noch heute Arabisch spräche.

Eine Kleinigkeit, die mich neugierig macht, denn mich haben sie nie um Entschuldigung gebeten wegen der Verbrechen, die sie bis zum Anbruch des 19. Jahrhundert an den toskanischen Küsten und im Tyrrhenischen Meer verübten, wo sie meine Größväter entführten, sie an den Füßen und Handgelenken und am Hals aneinander ketteten, sie nach Algerien, Tunis oder in die Türkei als Sklaven brachten, um sie auf dem Basar zu verkaufen und ihnen nach Fluchtversuchen die Kehle durchschnitten. Teufel auch, ich verstehe sie nicht, Heiligkeit!

Sie haben so tatkräftig daran mitgewirkt, daß die Sowjetunion zusammenbricht. Meine Generation, eine Generation, die ihr ganzes Leben in der Erwartung und in der Angst vor dem Dritten Weltkrieg gelebt hat, muß sich auch bei ihnen für das Wunder bedanken, von dem niemand von uns glaubte, es jemals mit eigenen Augen zu sehen: ein vom Alptraum des Kommunismus befreites Europa, ein Russland, das um Aufnahme in die Nato bittet, ein Leningrad, das wieder St. Petersburg heißt, ein Putin, der Bush's bester Freund ist. Sein engster Verbündeter. Und nachdem sie zu all dem beigetragen haben, sympatisieren sie mit den Invasoren, die tausendmal gemeiner sind als Stalin, entschuldigen sich bei denen, die ihnen das Heilige Grab gestohlen haben und ihnen womöglich auch den Vatikan wegnehmen möchten?!?

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Selbstverständlich wende ich mich nicht an die Geier, die angesichts der Bilder von den Trümmern jubeln und dabei kichern recht-geschieht-es-ihnen -.  das-geschieht-den-Amerikanern-recht. Ich wende mich an die Menschen, die sich, obwohl sie weder dumm noh böse sind, weiter von Vorsicht und Zweifel einlullen lassen. Ihnen sage ich: Aufstehen, Leute, aufstehen! Wacht auf! Gelähmt, wie ihr seid, da ihr befürchtet, gegen den Strom zu schwimmen oder für Rassisten gehalten zu werden. Übrigens ganz unpassend das Wort, weil es sich hier nicht um eine Rasse, sondern um eine Religion handelt. Begreift ihr nicht oder wollt ihr nicht begreifen, daß wir es mit einem umgekehrten Kreuzzug zu tun haben.

An ein doppeltes Spiel gewöhnt, mit Kurzsichtigkeit geschlagen, begreift ihr nicht oder wollt ihr nicht begreifen, daß gerade ein Religionskrieg stattfindet. Gewollt und erklärt von einer Randgruppe innerhalb dieser Religion, vielleicht. (Vielleicht?) Jedenfalls ein Krieg. Ein Religionskrieg, den sie Jihad nennen: Heiliger Krieg. Ein Krieg, der vielleicht (vielleicht?) auf die Eroberung unseres Territoriums abzielt, der es aber ganz bestimmt auf die Eroberung unserer Seelen abgesehen hat. Auf die Abschaffung unserer Freiheit und Zivilisation, auf die Vernichtung unserer Art zu leben und zu sterben, unserer Art zu beten oder nicht zu beten, unserer Art zu lernen oder nicht zu lernen, zu trinken oder nicht zu trinken, uns zu kleiden oder nicht zu kleiden, uns zu amüsieren, zu informieren...

Ihr begreift nicht oder wollt nicht begreifen, dass der Jihad gewinnen wird, wenn wir uns dem nicht entgegenstellen, wenn wir uns nicht verteidigen, wenn wir nicht kämpfen. Und er wird die Welt zerstören, die wir gut oder schlecht aufgebaut, verändert, verbessert, ein wenig intelligenter, das heißt weniger bigott (heuchlerisch, scheinheilig, fromm) oder überhaupt nicht bigott gestaltet haben. Er wird unsere Kultur zerstören, unsere Kunst, unsere Wissenschaft, unsere Moral, unsere Werte, unsere Freuden...

Macht ihr euch nicht klar, daß Leute wie Usama Bin Laden sich für berechtigt halten, euch und eure Kinder zu töten, weil ihr Wein oder Bier trinkt, weil ihr keine langen Bärte oder keinen Tschador bzw. keine Burka tragt, weil ihr ins Theater oder Kino geht, weil ihr Musik hört und Schlager singt, weil ihr in Diskotheken oder zu Hause tanzt, weil ihr fernseht, weil ihr Miniröcke oder Shorts tragt, weil ihr am Meer oder im Schwimmbad nackt oder fast nackt herumlauft, weil ihr vögelt, wenn ihr Lust habt, wo ihr Lust habt und mit wem ihr Lust habt? Und schließlich, weil ihr an Jesus Christus glaubt oder vielmehr Atheisten seid? Ist euch nicht einmal das wichtig, ihr Dummköpfe?

Ich bin Atheistin, Gott sei Dank. Eine unverbesserliche, stolze Atheistin. Und ich hege nicht die geringste Absicht, mich dafür bestrafen zu lassen von den Söhnen Allahs, das heißt, von denen, die, anstatt zur Verbesserung der Menschheit beizutragen, ihre Zeit damit verbringen, mit dem Hintern in der Lust fünfmal am Tag zu beten.

Seit zwanzig Jahren sage ich das. Seit zwanzig Jahren. Mit einer gewissen Milde, nicht mit dieser Wut und dieser Leidenschaft, schrieb ich vor zwanzig Jahren über all das einen Leitartikel. Es war der Artikel eines Menschen, der es gewohnt war, mit allen Rassen und allen Glaubensrichtungen zurechtzukommen, einer Bürgerin, die es gewohnt war, gegen jeden Faschismus und jede Intoleranz zu kämpfen, einer den Laizismus [Trennung von Politik und Religion] Verpflichteten ohne Tabu. Doch es war auch der Artikel eines Menschen, der sich empört über die westlichen Länder, die den Gestank des kommenden Heiligen Kriegs nicht riechen wollten und den Söhnen Allahs ein bischen zu viel verziehen.. So ungefähr lautete meine Argumentation vor zwanzig Jahren.

Welchen Sinn hat es Leute zu respektieren, die uns nicht respektieren? Welchen Sinn hat es, ihre Kultur oder angebliche Kultur zu verteidigen, wenn sie die unsere verachten? Ich will unsere Kultur verteidigen, verdammt, und ihr sollt wissen, daß mir Dante Alighieri [italienischer Philosoph, 1265-1321] besser gefällt als Omar Khayyam [persischer Mathematiker, Astronom, Dichter und Philosoph, 1048-1131]. Heiliger Himmel! Sie kreuzigten mich. „Rassistin, Rassistin!” Es waren die Luxuszikaden bzw. die sogenannten Progressiven, damals hießen sie Kommunisten [Abschreiber: heute heißen sie Linksfaschisten - oder hießen sie damals auch schon so?] und die Katholiken, die mich kreuzigten.

Übrigens wurde ich auch als Rassistin beschimpft, als die Sowjets in Afghanistan einmarschierten. Erinnerst du dich an die bärtigen Männer in Rock und Turban, die bevor sie mit dem Mörser schossen oder sogar bei jedem Mörserschuss zum Lob des Herrn „Allah Akbar”, Gott ist groß, „Allah Akbar” grölten? Ich erinnere mich daran. Jedesmal wenn ich sie das Wort Gott mit einem Mörserschuß paaren sah, lief es mir kalt über den Rücken. Ich fühlte mich ins Mittelalter zurückversetzt und sagte mir: „Die Sowjets sind, was sie sind. Aber man muß zugeben, daß sie mit diesem Krieg auch uns beschützen. Und ich danke ihnen.” Heiliger Himmel. „Rassistin, Rassistin!”, tönte es wieder.

In ihrer Blindheit wollten die Zikaden nichts von meinen Berichten über die Gräuel wissen, die die Söhne Allahs an den gefangen genommenen sowjetischen Soldaten verübten. Sie sägten den sowjetischen Soldaten die Beine und die Arme ab, weißt du noch? Ein kleines Laster, dem sie schon im Libanon gefrönt hatten, damals mit christlichen und jüdischen Gefangenen. Darüber darfst du dich nicht wundern, mein Lieber. Im 19. Jahrhundert ließen sie den Diplomaten und vor allen den englischen Botschaftern die gleiche Behandlung angedeihen. Ich kann dir Namen und Daten liefern und in der Zwischenzeit kannst du ein paar Bücher zum Thema lesen. Sie schnitten ihnen sogar den Kopf ab, den Diplomaten, den englischen Botschaftern und spielten damit Polo. Die Arme und Beine dagegen stellten sie aus oder verkauften sie auf dem Basar.

Aber was scherte die Luxuszikaden, die sogenannten Progressiven, ein armer kleiner Soldat aus der Ukraine, der mit abgesägten Armen und Beinen im Hospital lag? Damals applaudierten sie höchstens den Amerikanern, die verblödet vor der Angst der Sowjetunion das heroisch-afghanische Volk mit Waffen versorgten. [Heute (2012) wiederholen die USA dasselbe in Syrien.] Sie drillten die Bartträger und darunter, Gott vergebe ihnen, ich nicht, einen mit besonders langem Bart namens Osama Bin Laden. „Russen raus aus Afghanistan! Die Russen müssen Afghanistan verlassen!”

Nun, ja. Die Russen sind gegangen. Zufrieden? Und die Bartträger vom langbärtigen Osama Bin Laden sind aus Afghanistan nach New York gekommen, zusammen mit den bartlosen Syrern, Ägyptern, Irakern, Libanesen, Palästinensern, Saudi-Arabern, Tunesiern und Algeriern, die die Gruppe der neunzehn vom FBI identifizierten Kamikaze bildeten. Zufrieden? Es kommt noch schlimmer, denn jetzt erwartet man hier den nächsten Angriff, den der islamische Terrorismus mit bakteriologischen Waffen starten will, Das heißt, mit Krankheitserregern, die ein viel schlimmeres Massensterben auslösen können als das vom 11. Septmber 2001. [17]
[17] Mir ist zwar nicht bekannt, ob die Islamisten chemische oder biologische Attentate in den USA durchführten. Mir scheint aber, daß sie neben den über 19.479 Terrorattentaten, die sie seit dem 11.09.2001 bis heute verübten, nicht nur in Europa im Hochsommer ganz gezielt Waldbrände entfachen, die eine ebenso verheerende Wirkung auf Mensch und Natur haben. Zumindest befürchte ich, daß hinter vielen Waldbränden Islamisten stehen, denn Al Quaida hat gezielt dazu aufgerufen.

Mir scheint, es hat noch nie so viele Waldbrände gegeben, wie in diesem Jahr. In Spanien hat man nicht nur die Feuerwehren ausgeschickt, um die Brände zu löschen, sondern auch eine paramilitärische Polizeitruppe der Guardia Civil, weil man Brandstifter hinter diesen Waldbränden vermutete. Es wurde allerdings nicht gesagt, wer diese Brandstifter sind. Mir ist natürlich klar, daß es auch Grundstücksspekulanten gibt, die ein Interesse an Waldbränden haben, um dort neue Häuser zu bauen, die sie teuer verkaufen können.
Jeden Abend und jeden Morgen ist im Fernsehen von Milzbrand und Pocken die Rede. [18] Den Krankheiten, die am meisten gefürchtet werden, da sie sich am leichtesten verbreiten lassen. Ein Wissenschaftler, der vor Jahren aus der Sowjetunion nach Amerika geflüchtet ist, hat alles noch dramatischer formuliert. Im CNN-Programm erscheint er auf dem Bildschirm und sagt: „Don't take it easy. Nehmt es nicht auf die leichte Schulter. Auch wenn bisher keine Epedemie ausgebrochen ist, ist diese Drohung das realistischte von allen. Sie kann sich morgen bewahrheiten, sie kann sich in einem Jahr bewahrheiten oder in zwei oder in drei oder noch mehr Jahren. Bereitet euch vor.” Ergo, trotz der Worte von Bobby [19], trotz der Worte von Bürgermeister Giuliani, haben die Leute Angst. Zufrieden?
[18] Ich stelle mir gerade die Frage, wieviel Angst von der Regierung über die Medien bewußt verbreitet wurde, um den Krieg in Afghanistan, zu Recht oder zu Unrecht, zu rechtfertigen?

[19] Bobby ist ein achtjähriger Junge aus New York, der zufällig nach dem Einsturz der Zwillingstürme von New York von einem Fernsehjournalisten interviewt wurde. Seine Botschaft war, trotz der Vorfälle keine Angst zu haben.
Manche sind weder zufrieden noch unzufrieden. Es ist ihnen alles egal. Amerika ist ja weit weg, sagen sie. Zwischen Europa und Amerika liegt ein Ozean. Oh nein, meine Lieben, ihr irrt euch: Es ist nur ein Tropfen. Denn wenn das Schicksal des Westens auf dem Spiel steht, dann ist das Überleben unserer Zivilisation in Gefahr. Amerika sind wir. Die Vereinigten Staaten sind wir. Wir Italiener, Franzosen, Engländer, Deutsche, Schweitzer, Österreicher, Holländer, Ungarn, Slowaken, Polen, Skandinavier, Belgier, Spanier Griechen, Portugiesen. Und auch wir Russen haben, dank der Moslems aus Tschetschenien, in Moskau unseren Teil des Blutbades abbekommen. Wenn Amerika zusammenbricht, bricht Europa zusammen. Bricht der Westen zusammen, brechen wir zusammen. Und nicht nur in finanzieller Hinsicht, das heißt in der Hinsicht, die den Europäern am meisten Kopfzerbrechen bereitet.

Einmal, als ich noch jung und ahnungslos war, sagte ich zu Arthur Miller [amerikanischer Schriftsteller, 1915-2005]: „Die Amerikaner messen alles in Geld, sie sorgen sich nur noch um Geld.” Arthur Miller antwortete: „Ihr nicht?” In jeder Hinsicht brechen wir zusammen, meine Lieben. Und anstelle der Kirchenglocken ruft dann der Muezzin, anstelle der Miniröcke tragen wir den Tschador oder vielleicht die Burkah, anstelle eines kleinen Cognacs trinken wir Kamelmilch (oder Kamel-Urin) [20]. Nicht einmal das versteht ihr, nicht einmal das wollt ihr verstehen, ihr Idioten?!?
[20] Bukhary Volume 1, Buch 4, Nummer 234: Abu Qilaba berichtete: Eine Gruppe von Ureyneh und Uqayleh Stämmen besuchte Medina und konvertierte zum Islam. Das Klima in Medina kam der Gesundheit der Leuten nicht gut. Sie fragten den Gesandten um Rat, welcher vorschlug Kamel-Milch sowie Kamel-Urin zu trinken. Später, als sie den Hirten des Propheten umgebracht hatten, griff der Prophet sie an, meisselte ihre Augen aus, schnitt ihre Hände und Beine und liess sie durstig in der Wüste."  [Quelle: meine-islam-reform.de]
Blair hat es kapiert [21]. Gleich nach der Tragödie ist er hier her gekommen und hat Präsident George Bush die Solidarität der Engländer erklärt oder vielmehr diese Erklärung erneuert. Keine Solidarität, die sich in Geschwätz und Gejammer erschöpft: eine Solidarität, die auf der Jagd nach Terroristen und einem militärischem Bündnis basiert. [Der französische Präsident] Chirac nicht. Wie du weißt, ist er nach der Katastrophe hierher gekommen. Ein seit längerem vorgesehener Besuch, kein spontaner. Er hat die Trümmer der beiden Türme gesehen, er hat erfahren, daß es eine unermessliche bzw. eine unnennbare Zahl von Toten gegeben hat, aber er hat nicht mit der Wimper gezuckt.
[21] Da hat Oriana sich täuschen lassen. Aber das war damals noch nicht absehbar, denn Blair hat überhaupt nichts kapiert. Im Gegenteil, er gehört zu den sozialistischen Oberidioten und hat Millionen von Moslems nach Großbritannien geholt, um den Sozialisten die Macht in Großbritannien zu sichern. [siehe: Fjordman: Warum die Linken und nicht der Islam unser Hauptfeind ist]
Während eines Interviews auf CNN hat Christiane Amanpour ihn wohl viermal gefragt, auf welche Art und in welchem Maße er sich am Kampf gegen den Jihad zu beteiligen beabsichtige. Und vielmal ist er die Antwort schuldig geblieben, hat sich wie ein Aal gewunden. Ich hätte schreien mögen: „Monsieur le President! Erinnern sie sich an die Landung in der Normandie? Erinnern sie sich an die Amerikaner, die in der Normandie umgekommen sind, um die Nazis aus Frankreich zu vertreiben?”

Auch unter seinen ehemaligen französischen Kollegen sehe ich übrigens keinen Richard Löwenherz. Und noch viel weniger in Italien, wo zwei Wochen nach der Katastrophe noch kein einziger Komplize oder mutmaßlicher Komplize Usama Bin Ladens identifiziert und verhaftet wurde. Herrgott, Signor Cavaliere, Herrgott! [22]  In jedem Land Europas sind einige Komplizen oder mutmaßliche Komplizen identifiziert und verhaftet worden. In Frankreich, in Deutschland, in England, in Spanien... Aber in Italien, wo die Moscheen von Mailand, Turin und Rom überquellen von Halunken, die Usama Bin Laden zujubeln, von Terroristen oderTterroristenanwärtern, die nur zu gern die Kuppel des Petersdoms in die Luft jagen würden, kein Einziger. Nichts. Nicht einer. Erklären sie sich mir, Signor Cavaliere. Sind ihre Polizisten und Carabinieri so unfähig? Sind ihre Geheimdienste so schlecht informiert? Schlafen ihre Beamten alle?
[22] Cavaliere ist die italienische Wort für Ritter und ist eine Auszeichnung. In diesem Fall ist Silvio Berlusconi gemeint, der u.a. von 2001 bis 2006 italinischer Ministerpräsident war.
Und sind die Söhne Allahs, die wir in unserem Land beherbergen, alle Unschuldslämmer? Sind sie alle unbeteiligt an dem, was geschehen ist und geschieht? Oder wenn sie die richtigen Untersuchungen anstellen, wenn sie diejenigen identifizieren und festnehmen lassen, die bis heute noch auf freiem Fuß sind, fürchten sie etwa um ihre eigene Sicherheit? Ich, sehen sie, fürchte nichts. Herrgott! Ich spreche niemandem das Recht ab, Angst zu haben. Tausendmal habe ich zum Beispiel schon geschrieben, daß diejenigen, die keine Angst vor einem Krieg haben, Idioten sind, und jene, die vorgeben keine Angst vor einem Krieg zu haben, Idioten und Lügner dazu. Doch gibt es im Leben und in der Geschichte Momente, in denen es nicht erlaubt ist, sich zu fürchten. Momente, in denen es unmoralisch und barbarisch ist, Angst zu haben. Und diejenigen, die sich aus Schwäche oder mangelnder Tapferkeit oder aus der Gewohnheit heraus, es sich mit niemandem verderben zu wollen, dieser Tragödie entziehen, finde ich nicht nur feige. Für mich sind sie auch dumm und masochistisch. (89)

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